Antisemitismus nach Auschwitz: Aufstand gegen die Moderne

Mit der Niederlage Deutschlands im 2. Weltkrieg endete zwar die Shoa, aber nicht der Antisemitismus. Dieser hat sich abseits der extremen Rechten seit 1945 langsam in der Form gewandelt, blieb in seinem Kern aber immer das, was er seit seinem Entstehen schon immer war: Ein Aufstand gegen die Probleme der Moderne. Und ein Mordanschlag auf Juden. 

Von Andreas Strippel

Die Mordpolitik des Deutschen Reiches unter der Herrschaft der Nationalsozialisten legte für jedermann sichtbar den mörderischen Kern des Antisemitismus zu Tage. Die Ermordung der europäischen Juden bediente sich zwar vieler Elemente, die es in der Gewaltgeschichte der europäischen Moderne bereits gab, bleibt aber ein präzendenzloses Verbrechen, weil sich die Shoa von Genoziden in der Natur des Verbrechens unterscheidet.

Jews from Subcarpathian Russia (then part of Hungary) undergo a "Selektion" on the ramp at the Auschwitz-Birkenau extermination camp, May 1944. The officer in front holding a riding crop is either SS Unterscharfuehrer Wilhelm Emmerich or SS Haupsturmfuehrer Georg Hoecker; inmates in striped uniforms—to be killed at a later date—assigned to the "Kanada" section collect the property. Note the physician in the white coat between the columns, Gyorgy Havas, selecting who is sent immediately to death and who will wait. (Diese Datei wurde unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation veröffentlicht.)
Jews from Subcarpathian Russia (then part of Hungary) undergo a „Selektion“ on the ramp at the Auschwitz-Birkenau extermination camp, May 1944. The officer in front holding a riding crop is either SS Unterscharfuehrer Wilhelm Emmerich or SS Haupsturmfuehrer Georg Hoecker; inmates in striped uniforms—to be killed at a later date—assigned to the „Kanada“ section collect the property. Note the physician in the white coat between the columns, Gyorgy Havas, selecting who is sent immediately to death and who will wait. (Diese Datei wurde unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation veröffentlicht.)

Folgt man der Definition von Raphael Lemkin, das ein Genozid

„… ein koordinierter Plan verschiedener Aktionen, der auf die Zerstörung essentieller Grundlagen des Lebens einer Bevölkerungsgruppe gerichtet ist mit dem Ziel, die Gruppe zu vernichten“

ist, kann man die Besonderheit der Shoa erfassen. Die Vernichtung der Gruppe setzt nicht zwingend die umfassende physische Ermordung einer Gruppe voraus. Auch Zwangsassimilierung – wie sie teilweise gegen Polen und Slowenen von den Nazis praktiziert wurde – kann Teil eines genozidalen Verbrechens sein. Gewaltpolitik dient dann der Aufgabe, eine Gruppe sozio-kulturell zu zerstören. Aber die absolute, umfassende Ermordung aller als Juden definierten Menschen war das Ziel der nationalsozialistischen Mordpolitik an den Juden. Die umfassende und sich selbst entgrenzende mörderische Logik des Antisemitismus macht die Shoa präzedenzlos.

Juden für den Schwarzmarkt verantwortlich?

Mit der Niederlage Deutschlands endete zwar die Shoa, aber nicht der Antisemitismus. Umfragen der US-Amerikaner zeigen, dass antisemitische Einstellungen von 1946 bis 1952 sogar leicht anstiegen. Insbesondere jüdische „Displaced Persons“ waren Ziel antisemitischer Ausfälle. Sie wurden für den Schwarzmarkt verantwortlich gemacht. Die Alliierten sorgten jedoch dafür, dass sich dies nicht in der Politik sowie dem öffentlichen Leben zeigte. Dies gelang jedoch nicht immer. Displaced Person wurden von der deutschen Polizei drangsaliert und auch in der Presse kam es zu Ausfällen wie 1950 eine Serie im Spiegel mit dem Titel „Am Caffeehandel beteiligt“, die von zwei ehemaligen SS-Offizieren verfasst wurde, belegt.

Auch kam es immer wieder zu Schändungen von jüdischen Friedhöfen. Ebenso brach sich der Antisemitismus bei Prozessen gegen ehemalige Nazis Bahn. Im Januar 1951 geriet eine Demonstration in Landsberg für die Freilassung der verurteilten Kriegsverbrecher zu einer antisemitischen Kundgebung. Ende der fünfziger Jahre gab es eine Welle von Hakenkreuzschmierereien in westdeutschen Städten.

Testfall für die Demokratie

Das stand im Gegensatz zu den zunächst zaghaften, seit Beginn der fünfziger Jahre immer intensiveren Bemühungen der Politik um Aussöhnung. Dies ist auch darauf zurückzuführen, dass der Hohe Kommissar der USA für Deutschland das Verhältnis zu den Juden zum Testfall für die Demokratie erklärte. Die Politik gegenüber Israel war darüber hinaus auch ein wichtiger Faktor für die West-Integration der Bundesrepublik. Gleichzeitig gab es aber auch die Reintegration von belasteten Nazis durch die Beendigung der Entnazifizierung, die Begnadigung von Kriegsverbrechern und die Wiedereingliederung von belastetem NS-Personal in den Staatsdienst.

Die Deutschen lehnten in den 50er Jahren die Annäherung an Israel im starken Maße ab. Insbesondere die Wiedergutmachung und Reparationszahlungen stießen auf wenig Gegenliebe und wurden mit den klassischen antisemitischen Stereotypen der Geldgier und der Rachsucht von vielen Menschen abgelehnt. Der Wille eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen gegen die Menschheit zu führen, existierte nur unterhalb einer gesellschaftlichen Relevanz. Dies änderte sich erst und dann nur sehr langsam seit den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren, vor allem durch große Prozesse (Ulmer Einsatzgruppen Prozess, Eichmann und der Frankfurter Auschwitzprozess) sowie die Debatte um die Verjährung von Mord, die in Verbindung mit der Verfolgung von NS-Verbrechern stand.

Antisemitische Argumentationen im Gewand des Antizionismus

Die deutsche Linke öffnete sich in den sechziger Jahren, insbesondere nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967, antisemitischen Argumentationen im Gewand des Antizionismus. Insbesondere die falsche Zuschreibung von Nazi-Methoden gegenüber der israelischen Politik steht hierbei im Zentrum der Argumentation. Verknüpft wurde er mit einem rabiaten Antiamerikanismus (der u. a. in der Parole „USA – SA – SS“ äußerte).

Antisemitische Propaganda - dieses Flugblatt lag auf den Seiten der Linkspartei Duisburg
Antisemitische Propaganda – dieses Flugblatt lag auf den Seiten der Linkspartei Duisburg

Die Täter-Opfer-Umkehr innerhalb der deutschen Linken führte sogar dazu, dass sich Teile der radikalen Linken durch ihre gesellschaftliche Marginalisierung und staatlicher Verfolgung als die neuen Juden imaginierten. Es handelt sich hierbei um einen Antisemitismus der nicht trotz, sondern wegen Auschwitz existiert. Sehr treffen fasst dies der Satz „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen“, der dem israelischen Autor Zvi Rix zugeschrieben wird, zusammen.

Im Zuge des Kalten Krieges solidarisierten sich große Teile der Linken mit den arabischen Angriffen auf Israel, die als antiimperialistischer Kampf gedeutete wurden. Die in großen Teilen berechtigte Kritik an den deutschen Zuständen, den Kämpfen um die Dekolonialisierung und der offenen Unterstützung des Westens von brutalen Diktaturen, entwickelte sich ein Freund-Feind-Denken, in dem Israel eine zentrale Rolle als protypischer imperialistischer Staat einnimmt. Der jüdische Staat wurde so für viele Linke zum Symbol des Schlechten in der Welt.

Die blinde Solidarisierung mit sich als antikolonial verstehenden Bewegungen führte für Teile der radikalen Linken zu einer antisemitischen Selbstermächtigung, die neben verbalen antisemitischen Ausfällen, wie die Rechtfertigung der RAF des PLO-Terrors und der Ermordung der israelischen Olympiateilnehmer 1972, auch in versuchten antisemitischen Anschlägen mündete. Wie der gescheiterte Anschlag auf das jüdische Gemeindehaus in West-Berlin, am 9. November 1969, wobei ein V-Mann des Verfassungsschutzes die Bombe lieferte. Als 1976 ein deutsch-arabisches Terrorkommando eine Air France Maschine von Tel Aviv nach Paris entführte, waren es die deutschen Täter, die, nachdem die Maschine in Entebbbe gelandet war, die jüdischen von den nicht-jüdischen Geiseln trennte und die Nicht-Juden frei ließ.

Der Antisemitismus beschränkte sich jedoch nicht auf die politische Linke. Die Studie „Sind wir Antisemiten?“ von Alphons Silbermann und Herbert Sallen belegt zwar für die 70er Jahre einen Rückgang antisemitischer Einstellungen in der Bevölkerung, zeigte aber auch, dass 20 Prozent der Westdeutschen stark antisemitisch dachten. Bei gut der Hälfte der Deutschen waren noch Reste antisemitischen Denkens vorzufinden.

Der Rückgang lag jedoch nicht daran, dass die alten Nazis weniger antisemitisch dachten, sondern dass sie einfach weniger wurden. Vor allem bei der Jugend schwand der Antisemitismus. Für die Linke und die so genannten 68er bleibt somit einerseits das Verdienst, den alten Antisemitismus ihre Väter und Mütter angeprangert zu haben, andererseits jedoch gleichzeitig über die Figur des Antizionismus andere Formen des Antisemitismus wieder in die Gesellschaft getragen zu haben.

Rechtsextremer Terror

Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre zeigte sich auch der rechte Antisemitismus in Deutschland. Angestoßen durch die TV-Serie Holocaust kam es wieder zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Rechtsextreme Terroristen versuchten deren Ausstrahlung durch die Sprengung von Sendemasten zu verhindern. 1980 wurde der Verleger und Rabbiner Shlomo Lewin in Erlangen ermordet. Der mutmaßliche Täter war ein Mitglied der rechtsradikalen Wehrsportgruppe Hoffmann und entzog sich durch Selbstmord einem Prozess.

In den achtziger Jahren war eine Zeit vergangenheitspolitischer Auseinandersetzung über den Umgang mit der Shoa und der NS-Zeit – Bundeskanzler Helmut Kohls Diktum auf einer Israel-Reise von der „Gnade der späten Geburt“ über die Weizsäcker Rede 1985 und die Kontroverse um Philip Jenningers Rede am 9. November 1988, in der es jedoch nur wenige offene antisemitische Ausfälle gab. Untersuchungen zeigten, dass sich in der Bundesrepublik der Trend fortsetzte, dass jünger Menschen weniger antisemitisch dachten als ältere. Jedoch hatten, so Untersuchungen des Emnid-Instituts, immer noch rund 15% der Westdeutsch ein antisemitisch geprägtes Weltbild.

Antisemitismus nach dem Beitritt der DDR

Nach der Vereinigung wurden die antisemitischen Einstellungen in Ost- und Westdeutschland demoskopisch untersucht. Eine Umfrage des American Jewish Committee vom 1. bis 15. Oktober 1990 zeigte, dass der Antisemitismus im Westen sehr viel weiter verbreitet war als in Ostdeutschland. Im Laufe der neunziger Jahre kam es aber zu einer Angleichung, da im Westen ein Rückgang im Osten ein Anstieg zu verzeichnen war. Legt man die demoskopischen Untersuchungen zugrunde, so ist im Osten ein Anstieg insbesondere bei jungen Menschen der Fall (was auch für nationalistische und rassistische Einstellungen gilt) während bei Erwachsenen die Zustimmung zu antisemitischen Einstellungen abnimmt. Im Westen ist hingegen weiterhin ein tendenzielles Absinken antisemitischer Einstellungen in Umfragen zu beobachten.

Ein Sinken antisemitischer Einstellungen in Umfragen täuscht jedoch darüber hinweg, dass 1991 die Zahl antisemitischer und rechtsextremer Taten drastisch anstieg. Zwar gab es nach zahlreichen Verboten rechtsextremer Gruppen eine kleine Delle, aber seit ca. 1996/97 steigen die Zahlen rassistischer und antisemitischer Straftaten tendenziell an. Direkte Angriffe auf Juden sind dabei jedoch die Ausnahme.

Geschändeter jüdischer Friedhof in Heiligenstatt
Geschändeter jüdischer Friedhof in Heiligenstatt

Die Zahl der Schändungen jüdischer Friedhöfe oder Schmierereien an jüdischen Einrichtung ist nicht vollständig erfasst worden. Offiziell wird bis 1990 von 1000 solcher Fälle ausgegangen. Es dürften aber bedeutend mehr gewesen sein. Nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten stieg die Zahl deutlich an. Zwischen 1990 und 2000 sind nach offizieller Zählung 409 Fälle registriert. Da bei beließen es die Täter nicht immer bei Graffiti oder Vandalismus. 1998 wurde zweimal das Grab des ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland gesprengt.

„Jüdischer Nicht-Historiker“

Aber auch abseits dieses offenen Antisemitismus kam es aus der Mitte der Gesellschaft immer wieder zu antisemitischen Äußerungen. So genügte es Rudolf Augstein nicht die Thesen Daniel Goldhagens über die zentrale Rolle des Antisemitismus der Deutschen für die Shoa argumentativ zurückzuweisen, sondern er fügte auch noch an, dass Goldhagen ein jüdischer Nicht-Historiker sei. Das tat zwar nichts zur Sache, sollte aber wohl unterstreichen, dass Goldhagens Argumente nicht stimmig seien.

Die damalige Herausgeberin der Zeit, Marion Dönhoff, verstieg sich zu der antisemitischen Figur, Juden die Schuld am Antisemitismus zu geben. Sie schrieb in der Zeit, dass Goldhagens Buch „ (…) den mehr oder weniger verstummten Antisemitismus wieder neu beleben könnte“.

1998 konnte Martin Walser nicht an sich halten. Der Schriftsteller verkündete bei seiner Friedenspreisrede am 11. Oktober 1998 in der Frankfurter Paulskirche er wolle nicht mehr mit der Shoa belästigt werden und warf relativ unverhohlen den Juden vor, die Deutschen mit Ausschwitz zu erpressen. Außer Ignaz Bubis und seiner Frau stand das Publikum auf und applaudierte Walser. Derselbe Walser macht dann 2002 mit antisemitischen Stereotypen in seinem Roman „Tod eines Kritiker“ wieder auf sich aufmerksam, in dem er nur notdürftig kaschiert den Kritiker Marcel Reich-Ranicki schmähte. Darauf setzten sich einige Kritiker Walsers intensiver mit seinem Werk auseinander und fanden dort in älteren Werken mehrere Hinweise auf Schuldumkehr und Relativierung, wie der Vergleich der Bombardierung Dresdens mit Auschwitz.

MAF

Walser gab damit auch den Ton in der vergangenheitspolitischen Diskussionen vor, die nun das deutsche Leiden in den Mittelpunkt stellte. Dabei wurde vor allem der Bombenkrieg mit der Shoa sprachlich kurzgeschlossen.

In diesen Kontext gehört auch die Rede des damaligen CDU-Bundestagsabgeordneten und heutigen AFD-Politikers Martin Hohmann, der in einer Rede in seinem Fuldaer Wahlkreis zum Tag der deutschen Einheit 2003 vom jüdischen Tätervolk sprach. In einer Analyse der Rede kam der Historiker Ulrich Herbert zu dem Befund, dass Hohmann sowohl den Schuldabwehr-Antisemitismus als auch das klassische Klischee des Nazis und anderen Rechtsextremer vom jüdischen Bolschewismus bediene.

Konstruktion der Nation

Gemein ist diesen Fällen, dass sie zeigen wie sehr antisemitische Stereotypen in der Mitte der Gesellschaft angesiedelt sind. Allen vier Beispielen ist gemein, dass beim versucht eine positives Deutschland zu konstruieren auf antisemitische Bilder zurückgegriffen wird. Die Konstruktion der Nation gegen die Juden setzte sich bei diesen Protagonisten auch heute noch fort.

Ebenfalls lebt der Antisemitismus im Umgang mit Israel fort. Der verstorbene Günther Grass trieb die Sorge um den Weltfrieden dazu, in Israel das Problem ausgemacht zu haben, dass die Welt gefährde. Eine Unsitte, die er mit Teilen der deutschen Friedensbewegung teilt. Zunächst errichtete Grass, wie es sehr oft bei antisemitischen Äußerungen über Israel der Fall ist, das vermeintliche Tabu, nämlich Israel nicht kritisieren zu können, um es dann mit seinen antisemitischen Äußerungen einzureißen:

„Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muß,
was schon morgen zu spät sein könnte“

Ein weiterer Protagonist ist Jakob Augstein, der es 2012 in die Top-Ten der antisemitischen Äußerungen schaffte, welches das Simon-Wiesenthal-Center dokumentiert. Augstein schafft es immer wieder, seine Kritik an der deutschen Politik oder am Weltgeschehen in seinen Kolumnen ins antisemitische zu wenden. Sei es seine Behauptung, die deutsche Regierung tue was Israel wolle oder mit seinen absurden Verknüpfungen, wie dem Schicksal der von Arbeitslosigkeit bedrohten Arbeiterinnen der pleitegegangenen Kette Schlecker und den Rüstungsexporten nach Israel. Auch kann Augstein wie Teile linker Gruppen nichts Anstößiges an antisemitischen Ausfällen islamistischer Art finden.

"Fuck Israel" und "Opfer von gestern - Täter von heute"-Parolen in Frankfurt am Main (Foto Sacha Stawski)
„Fuck Israel“ und „Opfer von gestern – Täter von heute“-Parolen in Frankfurt am Main (Foto Sacha Stawski)

Auch hier gibt es gerade friedensbewegte Gruppen, die sich mit Islamisten in- und außerhalb Deutschlands verbünden. Darunter fallen beispielsweise auch Bundestagsabgeordnete der Partei „Die Linke“, die Antisemitismus mit Aufklärung verwechseln und im „Frauen-Deck“ (!!!) der antisemitischen Gaza-Flottillen-Aktion ihre Solidarität mit islamistischen Antisemiten ausdrückten.

In einigen friedensbewegten Zirkeln und anti-imperialistischen Kreisen der radikalen Linken ist der Antisemitismus in Form des Euphemismus „Israel-Kritik“ zu einem kulturellen Code geworden, der Zugehörigkeit zu bestimmten politischen Zielen signalisiert. Dies speist auch heute wieder Querfrontideologen wie Jürgen Elsässer, die unverhohlen antisemitische, rassistische homophobe und nationalistische Versatzstücke benutzen, und versuchen sowohl über die Gegnerschaft zum Westen und als auch mit Versatzstücken aller Spielarten des Antisemitismus ein Bündnis gegen das „System“ zu schließen.

"Plutokratie der Zionisten" - antisemitische Parolen vor dem Kanzleramt in Berlin im Jahr 2014 (Foto: Oliver Feldhaus)
„Plutokratie der Zionisten“ – antisemitische Parolen vor dem Kanzleramt in Berlin im Jahr 2014 (Foto: Oliver Feldhaus)

Aber im Gegensatz zum kulturellen Code des wilhelminischen Bürgertums, wähnen sich diese Antisemiten auf der Seite von Emanzipation, Aufklärung und Demokratie. Dabei sind sie nur ein schlechter Treppenwitz der Geschichte, was ihre Ziele aber nicht weniger gefährlich macht.

Aufstand gegen die Probleme der Moderne

Der Antisemitismus hat sich abseits der extremen Rechten seit 1945 langsam in der Form gewandelt. Er nimmt zwar stetig in weiten Teilen der Bevölkerung ab, hält sich jedoch hartnäckig und bricht sich in unterschiedlichen Kontexten immer wieder Bahn. Er blieb in seinem Kern immer das, was er seit seinem Entstehen schon immer war: Ein Aufstand gegen die Probleme der Moderne. Und ein Mordanschlag auf Juden.

Teil 1: Antisemitismus bis 1933

4 thoughts on “Antisemitismus nach Auschwitz: Aufstand gegen die Moderne

  1. Sie haben sich die ganze schöne Mühe des Artikels doch sicher dafür gemacht, dass Sie am Schluss die Friedensbewegung in einen Querfront-Zusammenhang stellen (der natürlich in Wirklichkeit nicht gegeben ist), Linke als Rechtsextreme und Antisemiten bezeichnen und so letztlich den (linken) Widerstand gegen den neuen Rechtsextremismus/Faschismus der Atlantiker brechen können, welcher momentan wesentlich mord- und wirkmächtiger als der der „normalen“ Nazis ist.

    Das ist ja momentan in Mode. Freiwilliger Aktivismus gegen Regimekritiker.

  2. Antisemitismus ist Antisemitismus. Und so wie wichtig die Kritik daran ist, so deutlich abzulehnen ist der immer wieder auftauchende Versuch unter dem Deckmantel der Antisemitismuskritik unliebsame antikapitalistische und antiimperialistische Positionen zu diffamieren.
    Das westdeutsche Bürgertum, dass sich in solche Scheindiskurse versteigt, schert sich wenig um Israel und die Juden und viel um die Sicherung der herrschenden Ordnung und der eigenen Besitzstände, die es nur durch eine strikte Westbindung und dauerhafte Integration in die neoliberale Globalökonomie unter dem Schutzmantel der USA gesichert sieht.

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