Erfurt: Kritik an Luthers Judenfeindlichkeit unerwünscht

500 Jahre Reformation – ein großes Jubiläum wirft seine Schatten voraus. Viele Worte Luthers sind für evangelische Christen bis heute prägend. An andere Worte will man aber nicht unbedingt erinnert werden – und so wurde in Erfurt eine Aktion, mit der die Judenfeindlichkeit des Reformators thematisiert werden sollte, untersagt.

Von Patrick Gensing

„Luthers antijüdische Ausfälle werden mittlerweile auch in der Forschung als unbestritten antisemitisch gesehen.“ Timo Reinfrank von der Amadeu Antonio Stiftung ist fassungslos. Die Stadtverwaltung in Erfurt hat eine Aktion verboten, die im Rahmen einer Woche gegen Antisemitismus am 10. November durchgeführt werden sollte. Geplant war, das Standbild Luthers für einige Stunden eine Augenbinde zu versehen. Die goldene Schärpe sollte an Luthers 532. Geburtstag auf dessen „Blindheit“ gegenüber den Juden hinweisen.

„Es ist unverständlich, wie wenig Bereitschaft die Stadtverwaltung Erfurts zur kritischen Auseinandersetzung mit dem antisemitischen Erbe Luthers zeigt“, sagte Reinfrank gegenüber publikative.org. Die Stadt hatte das Verbot ausgesprochen, weil angeblich die Würde Luthers verletzt werde. „Die Verletzung der Würde Luthers steht in keinem Verhältnis zur Judenfeindschaft in seiner theologischen Arbeit“, meint hingegen Reinfrank. „Selbst die Evangelische Kirche Deutschland fordert mittlerweile eine schonungslose Bestandsaufnahme Luthers. Daran sollte sich Erfurt angesichts des anstehenden Lutherjahres ein Beispiel nehmen.“

„Von den Juden und ihren Lügen“

Tatsächlich hatte der Beauftragte für christlich-jüdischen Dialog in der mitteldeutschen Kirche, Pfarrer Teja Begrich, erst vor wenigen Tagen deutliche Defizite bei der Auseinandersetzung mit Martin Luthers Judenfeindschaft kritisiert. Wer heute froh sei über die Erfindung des evangelischen Pfarrhauses und das Gottesgnadentum, „der muss sich auch der dunklen Seite Luthers stellen“, sagte Begrich in einem Interview mit der „Zeit“.

Schlimm ist in der Schrift Von den Juden und ihren Lügen aus dem Jahr 1543 der Punktekatalog, was man gegen Juden tun solle: ihre Synagogen anzünden und Rabbinern bei Todesstrafe verbieten zu lehren. Der Thüringer Bischof Martin Sasse gab 1938 zum Geburtstag Luthers eine Extraauflage dieser Hassschrift heraus und triumphierte: »Am 10. November brennen in Deutschland die Synagogen. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der der Warner seines Volkes wider die Juden geworden ist.« (Begrich im Interview mit der „Zeit“)

Und die AG Kirche und Judentum schreibt auf ihrer Internet-Seite:

Umso erschreckender ist es, zu erfahren, wie sich der Reformator selbst gegenüber Juden verhalten und artikuliert hat. So lesen sich seine sieben „Empfehlungen“ zum Umgang mit ihnen, die er in seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ abgibt, wie eine Anstiftung zum Pogrom.

Auch die Nationalsozialisten hätten sich auf Luther berufen, betont der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Kirche und Judentum, Pfarrer Ricklef Münnich, dem Evangelischen Pressedienst.

„Obsessesive Angst“

Es gebe von Luther eine ganze Reihe von Aussagen, in denen er den Juden eine besondere Wesensnatur zuschreibe, erläutert der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann in einem Interview. Der Reformator habe den Juden magische Praktiken, schrankenlosen Wucher und Christenhass unterstellt. Seit 1525 habe er sogar obsessive Angst gehabt, von Juden vergiftet zu werden. „Das speist sich aus einem trüben Rinnsal vormoderner antisemitischer Vorstellungen.“ Allerdings teile Luther diese Vorstellungen mit vielen seiner Zeitgenossen.

Plakat zur Ausstellung "Luther und die Juden"
Plakat zur Ausstellung „Luther und die Juden“

Derzeit wird in der Erfurter Michaeliskirche die Ausstellung zu „Martin Luther und die Juden“ gezeigt, sie ist dort noch bis zum 10. November zu sehen.

Link: Aktionswochen gegen Antisemitismus der Amadeu Antonio Stiftung

PS: Übrigens demonstrierten am Mittwoch Tausende Menschen in Erfurt erneut gegen Flüchtlinge. Was lernen wir daraus? Rassistische und nationalistische Hetze scheint nicht gegen die Würde der Stadt zu verstoßen.

10 thoughts on “Erfurt: Kritik an Luthers Judenfeindlichkeit unerwünscht

  1. In einer Hausarbeit habe ich mich 1994 in meinem Studium selbst mit Luthers Antijudaismus näher beschäftigt. – Auch damals haben das Kundige gewusst, aber unter dem Deckel gehalten. – Zur Verteidigung Luthers kann jedoch immerhin vorgebracht werden, dass in seiner Frühschrift „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ noch ein anderer Luther zu Wort kommt. – Hier geht er auf die Juden seiner Zeit zu und wendet sich gegen alte Vorurteile. – Tatsächlich ist Luther dann für kurze Zeit nach den epochemachenden Zäsuren – 1492 und 1497 – die Vertreibung der spanischen und portugiesischen Juden – Hoffnungsträger.- Aber die persönlichen Begegnungen verlaufen enttäuschend, wohl auch, weil Luther mit seiner Idee, die Juden auf den rechten, christlichen Pfad zu bringen, scheitert. – Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, eines Julius Streichers, der sich bewusst auf Luthers Anweisungen und Ratschläge berief, einer den Nazis Gehorsam leistende Gruppierung Deutsche Christen, die gerade in Thüringen sehr erfolgreich waren, lesen sich Luthers Schriften von 1543 selbstverständlich als das, was es von der Begrifflichkeit erst sei 1879, gibt als antisemitisch oder judenfeindlich. – Wobei es leider auch eine Tatsache darstellt, dass Personen wie Reuchlin im 16. Jahrhundert oder Lessing im 18., die eine neutrale bis positive Einstellung zu Juden ihrer Zeit, bzw. die befreundet waren mit deutschen oder europäischen Juden, eine allzu grosse Ausnahme darstellte. – Ich selbst beschäftige mich seit längerem mit einem aus der Reformatoren-Kreis in Luthers Zeit, die immun waren gegen die natjüdischgenb Vorurteile.- Thomas Hauzenberger, (tomhauzenberger@hotmail.com)

  2. Ich muss sagen, ich finde das ganze relativ schwierig. Unzweifelhaft ist, dass Luther Antisemit war. Nur: Man kann schwerlich heutige Maßstäbe an einen Mann legen, der vor über 500 Jahren lebte und sozialisiert wurde. Er wusste es nicht besser, konnte es nicht besser wissen – zu kritisieren, dass Luther nicht ein Moralsystem hat, wie die (meisten) Menschen heute es besitzen, ignoriert schlicht 500 Jahre gesellschaftliche und moralische Evolution.

    Oder anders gefragt: War es denn erwartbar, dass Luther ein im gesellschaftlichen Sinne aufgeklärter und moderner Mensch war? Guckt euch doch mal heutige Würdenträger in der (katholischen) Kirche an, die sind heute immer noch nicht weiter als Luthers Generation in gewissen Punkten – das finde ich wesentlich entsetzlicher, denn von denen erwarte ich tatsächlich, dass sie klüger sind.

    Insofern weiß ich nicht genau, was diese Diskussion heute für einen gesellschaftlichen Nutzen haben soll. Historisch sicher interessant, aber darüber hinaus finde ich das wenig hilfreich. Aus dem selben Grunde verstehe ich allerdings auch nicht, warum die Stadt Erfurt da nun versuchen sollte, den Mantel des Schweigens drüber auszubreiten – das nun unter den Teppich kehren zu wollen ist aus heutiger Sicht doch viel verwerflicher. Man könnte viel mehr den Zuständigen vorwerfen, nichts aus der Geschichte gelernt zu haben, als einem Luther, dass er Antisemit war. Zumal das ja nicht mal neue Erkenntnisse sind, die da aufgetragen werden. Warum man sich also bei der Stadt Erfurt in so zweifelhafte Gesellschaft begibt, ist mir schleierhaft.

  3. Und als Nachtrag: Luther war übrigens auch Behindertenfeindlich, forderte die Todesstrafe für religiöse Abweichler und glaubte an die Notwendigkeit von Hexenverfolgung. Das mal nur so als Eichung für Luthers Weltbild.

    1. Wie hat sich deine Wenigkeit denn hierhin verlaufen? Die Diskussion ist doch weit über deinem geistigen Horizont …

  4. Kritik unerwünscht? Mich wundert das nicht, sind doch allen voran gerade viele Kirchengemeinden Gastgeber von Israelhetzveranstaltungen wie „Palästinaabende“ und dergleichen Neu-Antisemitismus predigende „Informationsveranstaltungen“ mehr! Luther tat es – und die heutige Kirche, auch die Evangelische, reiht sich in zunehmendem Maße ein in die Reihe derjenigen, die in das Israel-Pfui-Horn blasen, welches Pallywood durch „Friedensengel“ wie z.B. Frau Farhat-Nasers und anderen mehr hier direkt unter uns darreicht. Im Übrigen habe ich den Eindruck, dass je größer ein Gottesmann, desto größer auch der Schatten den er wirft … was seiner sonst erreichten Reformen und Freiheit des Glaubens keinen Abbruch tut, darum nur Mut zur Wahrheit, schließlich ruht die Freiheit eines Christenmenschen nicht auf Luther, sondern auf dem Erlösungswerk durch Gottes Gnade, schon vergessen?

    1. Das ist mir schlicht zu platt. Natürlich ist es mehr als heikel wenn aus D heraus Israel kritisiert wird – andererseits ist die Siedlungspolitik Israels ein klarer Verstoß gegen sämtliche Abmachungen und zumindest das zu erwähnen sowie die Anfrage nach der Verhältnismäßigkeit der Mittel muss – auch in D – möglich sein. Selbstverständlich ohne das Existenzrecht Israels zu relativieren – aber eben im Einklang beispielsweise mit Stellungnahmen von vor Ort lebenden Christen oder im Einklang mit der israelischen Friedensbewegung.

  5. In der Diskussion werden zwei Themen durcheinandergeschmissen.
    Der eine Fragenkomplex ist: Ist es historisch lauter Luther eine Wirkungsgschichte vorzuwerfen, die er so nicht kennen konnte? Ist es lauter ihn mit heutigen Maßstäben zu messen? In dieser Frage glaube ich, dass die Initiative der Amadeu Antonio Stiftung zumindest in der Gefahr ist, unhistorisch an Luther heranzugehen. Grundsätzlich muss man da (mit Sebastian Klein) kritisch anmerken, dass das so nicht geht.
    Die andere Frage ist, wie gehen wir heute mit unserem historischen Luthererbe um. In dieser Frage halte ich die Reaktion Erfurts für schlicht dämlich. Der Eindruck, der so erweckt wird – und da stehe ich ganz auf der Seite der Amadeu Antonio Stiftung – ist fatal. Gerade wenn man – angeblich – rechte Demonstrationen nicht verhindern / verbieten kann, muss man sich nicht an dieser Stelle hervortun und Luther vor dieser Kritik „schützen“. Luther hält so etwas aus. Wer Luther auch nur ansatzweise kennengelernt hat, muss sich da keine Sorgen machen.
    Faktisch ist der Sinneswandel, den Luther selbst durchgemacht hat (vom 15. Jahrhundert in dem er Sätze schreibt, die klar machen, dass man angesichts der plumpen Bekehrungsversuche der katholischen Kirche nie hätte erwarten können, dass auch nur ein Jude „umkehrt“ – bis hin zum „Judenhasser“ / vermutlich wohl eher zu einem Menschen der enttäuscht war, dass seine eigenen Bekehrungsversuche, die zwar weniger plump gewesen sein mögen, aber eben trotzdem niemanden dazu bringen, seinen bisherigen Glauben abzulegen – warum auch) trotz allem ein Problem. Die Enttäuschung hätte – auch damals – nie zu einem derartigen Umschlagen der Stimmung führen dürfen. Doch das sagt sich mit 500 Jahren Abstand natürlich leicht.
    Fazit: Ich denke Luther hielte es aus, dass man seine Ansichten zum Aufhänger macht, um heutige (berechtigte) Kritik anzubringen und müsste davor nicht geschützt werden, selbst wenn diese Aktion aus wissenschaftlicher Sicht unausgegoren wirken mag.

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