Männerfantasien: Die antigenderistische Ideologie des Ulrich Kutschera

Der Kasseler Biologie-Professor Ulrich Kutschera tut sich in den letzten Monaten immer wieder durch Traktate gegen „die Gender Ideologie“ hervor. Dabei nähert er sich nach und nach einem geschlossen rechtsextremen Weltbild an und erhält dementsprechend auch Applaus vom rechten Rand. Grund genug für eine ideologiekritische Skizze seines Antigenderismus.

von Floris Biskamp und Fabian Bärig

Der C4-Tiger brüllt wieder!

Seit Juli tritt der Kasseler Biologe Ulrich Kutschera in regelmäßigen Abständen an die Öffentlichkeit, um die „normalen“ Teile der Bevölkerung vor einer ernsthaften Gefahr zu warnen: Gender!

A cat pawing at goldfish in a bowl. Reproduction of a pen an

Hat seine „Berufung zum Biologen“ nach eigenen Angaben bei der „Kultivierung von Goldfischen etc.“ entdeckt: Der C4-Tiger (Bildquelle: http://wellcomeimages.org/indexplus/image/V0021522.html Lizenz: Creative Commons 4.0)       

Den Anfang machte ein ausführliches Interview beim rbb-Inforadio, in dem er seine Thesen in großer Ausführlichkeit darlegen durfte. Nachdem ihm dies mit einigen Wochen Verzögerung einen Rüffel von Seiten der Kasseler Universitätsleitung einbrachte, legte Kutschera noch einmal in schriftlicher Form nach. Dabei warf er sich in eine Opfer-Pose und kündigte zugleich recht großspurig eine Buchveröffentlichung zum Thema an, einige Scharmützel folgten.

Nun scheint ihm die Zeit reif für eine dritte Runde: Auf der Website des „Deutschen Arbeitgeber Verbandes“ – hierbei handelt es sich wohlgemerkt nicht um einen der im BDA organisierten Verbände zur Vertretung von Unternehmensinteressen, sondern um eine rechte Propaganda-Plattform, die kein einziges relevantes Unternehmen vertritt – spitzt er seine Thesen noch einmal zu und ergänzt den Antigenderismus nun auch durch Rassismus. Der C4-Tiger brüllt wieder!

Warum ein Professor für Pflanzenphysiologie und Evolutionsbiologie so große Teile seiner wertvollen Zeit für öffentliche Kommentare über sozial- und kulturwissenschaftliche Themen aufwendet? Ganz einfach: Weil er die Welt oder zumindest die deutsche Gesellschaft retten will. „Die Gender Ideologie“ ist für Kutschera eine Gefahr, die abgewendet werden muss – in der Not auch durch professorale Interventionen.

Diese gefährliche Ideologie sieht Kutschera insbesondere in Form der sozialwissenschaftlichen Disziplin der Geschlechterforschung sowie der unter anderem von der EU befürworteten und umgesetzten Politik des Gender Mainstreaming auf dem Vormarsch. Bei der Geschlechterforschung handele es sich um eine „quasi-religiöse Weltanschauung“, ja eine „fundamentalistische, feministische Mann-gleich-Frau-Ideologie“, die entgegen aller Vernunft und entgegen aller wissenschaftlichen Erkenntnis behaupte, Männer und Frauen seien biologisch nicht verschieden. Ausgehend von diesem quasireligiösen Bekenntnis, setze die Politik des Gender Mainstreaming dazu an, die Geschlechterdifferenz wegzuerziehen.

Das hält Kutschera nicht nur für unwissenschaftlich, sondern auch für gefährlich. Auch wenn die Ideologie fehlgeleitet und das Umerziehungsprogramm zum Scheitern verurteilt sei, werde damit die Gesundheit und Reproduktivität der deutschen Bevölkerung gefährdet – mit verheerenden Konsequenzen für Psyche und Volksgesundheit.

Mit diesen Thesen setzen wir uns im Folgenden in drei Schritten auseinander. Im ersten prüfen wir den Wahrheitsgehalt von Kutscheras Traktaten und kommen zu dem Schluss, dass dieser gegen null tendiert. Im zweiten Schritt spekulieren wir darüber, warum ein mutmaßlich zu rationalem Denken befähigter Professor in einigen Gebieten nicht in der Lage zu sein scheint, Sachverhalte zu prüfen. Im abschließenden dritten Schritt diskutieren wir die Frage, warum er diese Unwahrheiten immer wieder in aller Öffentlichkeit von sich geben kann.

1 Was Kutschera sagt, ist hasserfüllter Unsinn.

Kutscheras Thesen über „die Gender Ideologie“ sind, kurz gesagt, ziemlich großer Unsinn (wer uns dies ohnehin glaubt, möge direkt zu Punkt 2 weiterspringen). Dies wird schon anhand der dabei ein ums andere Mal vollzogenen Ineinssetzung von Queer Theory, Gender Studies und Gender Mainstreaming mehr als deutlich. Diese Zusammenziehung ist für Kutscheras „Argumentation“ von zentraler Bedeutung, weil es ihm nur so gelingt, ein bedrohliches Szenario zu konstruieren.

Bei den Inhalten, die Kutschera „der Gender-Ideologie“ zuschreibt, handelt es sich um eine karikaturistische Überzeichnung der Queer Theory. Unter diesem Namen werden Ansätze zusammengefasst, die davon ausgehen, dass die binäre Geschlechterordnung, in der alle Menschen ein eindeutig biologisch determiniertes Geschlecht haben, nicht als fraglos gegeben unterstellt werden kann. Vielmehr sei die Zweigeschlechtlichkeit selbst eine soziale Konstruktion. Damit diese – weiter unten noch etwas genauer erläuterten – Thesen der Queer Theory als Ausgangspunkt eines Schreckensszenarios taugen, muss Kutschera sie freilich noch deutlich überzeichnen, indem er ihnen unterstellt, sie leugneten jegliche Relevanz von Biologie und forderten eine Abschaffung von Geschlecht durch Umerziehung – keines von beidem ist der Fall.

Was Kutschera über die Gender Studies sagt, ist Unsinn.

Kutscheras Narrativ geht so weiter, dass er diesen theoretischen Ansatz mit dem sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschungsfeld der Geschlechterforschung bzw. Gender Studie insgesamt identifiziert. Auch hierbei handelt es sich wieder um eine grobe Fehldarstellung. Tatsächlich ist die Queer Theory nur einer unter vielen theoretischen Ansätzen innerhalb der Gender Studies – und zwar einer, der innerhalb dieser Disziplin Gegenstand teils heftiger Kritik ist.

Um es noch einmal deutlich zu sagen: Niemand, wirklich niemand innerhalb der Geschlechterforschung bestreitet, dass Menschen Gene haben. Auch bestreitet niemand, dass diese Gene den menschlichen Hormonhaushalt erheblich beeinflussen und dass es unter den menschlichen Hormonen auch solche gibt, die darüber bestimmen, wem welche Genitalien wachsen. Schon auf dieser Ebene biologischer Sachverhalte erweist sich jedoch die verbreitete Vorstellung einer starren, strikt binären Zweigeschlechtlichkeit als eine Illusion – als eine Illusion, die von Medizin und Biologie durch ständige brutale Gewalt gegen diejenigen aufrechterhalten wird, die sie (zer)stören könnten, weil sie nicht ins Bild passen. Diese biologischen Sachverhalte sind es, die in der Geschlechterforschung als sex oder biologisches Geschlecht bezeichnet werden.

Im Mittelpunkt des Interesses der Geschlechterforschung stehen aber nicht biologische, sondern soziale Prozesse; in erster Linie geht es den Forscher_innen auf diesem Feld um gender, also um das soziale Geschlecht oder die Geschlechtsidentität. Damit sind diejenigen alltäglichen Handlungen und Einstellungen gemeint, die wir als männlich oder weiblich verstehen, obwohl sie zum größten Teil nicht mit den Genitalien vollzogen werden, also nicht unmittelbar mit sex zusammenhängen. Eine der zentralen Fragen der Geschlechterforschung zielt auf das Verhältnis, in dem sex und gender, also biologisches und soziales Geschlecht zueinander stehen.

Auf diese Frage gibt es innerhalb Geschlechterforschung ein erhebliches Spektrum von Antworten. Keine Rolle spielt dabei die von Kutschera vertretene These, „die Geschlechteridentität“ sei „hormonell-chromosomal“ bestimmt. Ob er es wirklich so meint, wie er es schreibt, oder ob er es nur aufgrund seines mangelnden Begriffsverständnisses tut: Kutschera behauptet mit diesem Satz tatsächlich, dass das, was sozial als männlich oder weiblich gilt, genetisch vorbestimmt sei. Er sagt also – um Klischees zu bemühen –, das Tragen von Röcken, Nagellack und langen Haaren sowie ein ‚weiblicher Gang‘ seien durch ein Doppel-X-Chromosom unabänderlich festgelegt. Wie unsinnig dies ist, zeigt sich schon, wenn man einmal mit offenen Augen durch eine beliebige Fußgängerzone geht – und in Kassel gibt es doch die älteste Fußgängerzone Deutschlands! Angesichts von historisch und interkulturell vergleichenden Studien erweist sich die These als gänzlich haltlos.

Aufgrund seiner wissenschaftlichen Haltlosigkeit ist derartiger biologistischer Determinismus aus der seriösen Geschlechterforschung seit langem verschwunden. Die gesamte aktuelle Forschungsliteratur ist sich darin einig, dass gender nicht durch sex determiniert ist. Es ist ein wohlbegründeter fachwissenschaftlicher Konsens, dass gender, verstanden als die Summe aller Praktiken, Haltungen und Einstellungen, die Menschen zu sozial voll anerkannten Männern oder Frauen machen (oder eben nicht machen), in der jeweils vorliegenden Form sozial geworden ist und unter in verschiedenen Gesellschaften oder Milieus verschiedene Formen annimmt.

Dies heißt auch, dass es für ein sozial anerkanntes Mann-Sein oder Frau-Sein eben nicht ausreicht, bestimmte Gene, Hormone oder Genitalien zu haben – obwohl es sicherlich hilft. Vielmehr müssen wir alle täglich darum kämpfen, die sozialen Normen, die für „unser“ Geschlecht gelten, zu erfüllen – zumindest müssen wir die Geschlechternormen erfüllen, wenn wir mit diesem Geschlecht identifiziert werden wollen. Wer aber nicht „richtig“ geschlechtlich identifiziert wird, muss in aller Regel mit sozialer Stigmatisierung rechnen. Wissenschaftlich umstritten bleibt, wie genau sich sex und gender zueinander verhalten, wenn letzteres nicht durch ersteres determiniert ist.

Das Spektrum der fachwissenschaftlich vertretbaren Positionen wird auf der einen Seite durch Positionen begrenzt, die es für eine unbestreitbare Naturtatsache halten, dass Menschen aller Gesellschaften, Kulturen, Zeiten und Milieus im Großen und Ganzen männlich oder weiblich sind. Diese Ansätze gehen weiterhin davon aus, dass diese Geschlechterdifferenz notwendigerweise eine sozial bedeutsame Differenz ist – damit unterscheide sich die Geschlechterdifferenz etwa von der ebenfalls biologisch gegebenen Differenz zwischen denjenigen, die die Zunge rollen können, und denjenigen, die es nicht können.

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Die Entdeckung einer biologischen Berufung (Bildquelle: http://www.crawfordartgallery.ie/ImagesCrawford/PaintingImages/85-P-W-Osbourne-The-Goldfish-Bowl.jpg Lizenz: Public Domain)

Mit welchen Bedeutungen die Geschlechterdifferenz aber aufgeladen, mit welchen Symbolen sie dargestellt wird, gilt in diesen Ansätzen als gesellschaftlich kontingent. Um es wieder banal zu machen: In der einen Gesellschaft mag der Zusammenhalt eines Familienverbandes eine weibliche, in anderen eine männliche Aufgabe sein; in der einen Gesellschaft mögen lange Haare als Zeichen der Männlichkeit, in der anderen eines der Weiblichkeit gelten. Auch wenn die konkreten Formen variabel seien, müsse jede Gesellschaft definieren, was männlich und weiblich ist. Diesen Ansätzen zufolge gilt gender also als sozial kontingente Erscheinungsform oder Interpretation eines biologisch fraglos gegeben Wesens sex.

Am anderen Ende stehen Ansätze, die in einem radikaleren Sinne konstruktivistisch sind – hierzu zählen auch die oben erwähnten Ansätze der Queer Theory. Für sie ist das soziale Geschlecht keine bloße soziale Überformung oder Interpretation eines als Naturtatsache fraglos gegebenen biologischen Geschlechts, gender also gerade keine Erscheinung eines Wesen namens sex. Vielmehr wird soziale Konstruiertheit hier noch radikaler gedacht: Auch wenn biologische Unterschiede eine Naturtatsache sein mögen, könne diese Tatsache nicht von Natur aus bedeutsam sein. Die Tatsache, dass bestimmte Merkmale von Menschen überhaupt als männlich oder weiblich verstanden würden und die Geschlechterdifferenz Bedeutung erlange, könne selbst nur eine soziale Tatsache, ja eine soziale Handlung sein.

Demnach müsse es gewissermaßen zuerst die soziale Geschlechtsidentität geben, die erst danach an einer biologischen Größe festgemacht werden könne. Das heißt nun nicht, dass das etwa das Tragen von Rock oder Hose dazu führen könnte, dass in der darunter befindlichen Unterhose ein bestimmtes Organ wachsen würde. Das glaubt in der Geschlechterforschung niemand, aber Kutschera scheint zu glauben, dass die Geschlechterforschung es glaube. Vielmehr heißt es, dass die Gesellschaft die Geschlechterdifferenz erst auf der symbolischen Ebene als bedeutsame konstruieren muss – eine symbolische Unterscheidung, die sich dann zum Beispiel durch differente Beinkleider ausdrücken kann –, bevor bestimmte Organe überhaupt als Basis dieser Differenz gelten können.

Auf den Punkt gebracht wurde dies mit einer These des Pop-Stars der Queer Theory, Judith Butler: sex war immer schon gender. Dementsprechend wird in diesen Ansätzen auch das Potenzial einer sozialen Veränderung weitaus radikaler gedacht als in den zuvor dargestellten. Insbesondere gebe es keinen Grund mehr davon auszugehen, dass es immer genau zwei Geschlechtsidentitäten geben müsse. Wiederum werden diese Möglichkeiten von Veränderung diskutiert, ohne dass irgendjemand die staatlichen Geschlechteraberziehungsprogramme fordern würde, vor denen Kutschera sich zu fürchten scheint.

Somit erweist sich die Geschlechterforschung in den von Kutschera angesprochenen Fragen als sehr vielfältig. Die Ausblendung all dieser Differenzen und die dadurch ermöglichte Identifikation von Gender Studies und der ohnehin schon karikierten Queer Theory zu einer Fiktion namens „die Gender-Theorie“, hat für Kutscheras alarmistische Erzählung eine entscheidende Funktion: Nun scheint man es plötzlich mit einem gefährlichen Gegner zu tun zu haben. Gibt es nicht an immer mehr Universitäten Professuren für Gender Studies? Heißt das dann nicht, dass „die Gender-Ideologie“ auf dem Vormarsch ist und die offiziellen Bildungsinstitutionen übernimmt? Werden damit dann nicht auch die zukünftigen Lehrkräfte an deutschen Schulen durch dieses Denken vergiftet?

Aus einem relativ marginalen Theorieansatz wird so eine veritable Gefahr.

Was Kutschera über Gender-Mainstreaming sagt, ist Unsinn

Doch scheint das noch nicht zu reichen. Denn die Kette wilder Assoziationen und Identifikationen endet an dieser Stelle nicht, sondern geht noch weiter: Auch Gender Mainstreaming gilt Kutschera als Teil der Unheilsgeschichte. Durch diese „über Intrigen und radikale Mafia-Methoden durchgeboxte Agenda“ werde die auf Umerziehung aller Menschen zu geschlechtsneutralen Wesen zielende Gender-Ideologie zur Leitlinie staatlicher Politik! Das Schreckensbild ist perfekt: Es kann nicht mehr lange dauern, bis die Gender-Gestapo Haustüren eintritt und kleine Buben in rosa Strampler mit Regenbogenflagge zwingt, wahrscheinlich sogar kastriert!

Hiermit ist freilich der Gipfel des Unsinns erreicht. Denn tatsächlich haben Gender Mainstreaming, Gender Studies und Queer Theory kaum mehr miteinander zu tun, als dass in allen dreien das englische Wort gender eine wichtige Rolle spielt. Das ist nicht nichts, aber doch auch nicht mehr, als würde man Soziologie, Sozialismus, Sozialdemokratie, Soziopathie und Soziemlichjedenanderenmist für identische Objekte halten, weil alle mit denselben Buchstaben beginnen. Wehret den (Wort-)Anfängen!

In Wirklichkeit ist Gender Mainstreaming eine politische Leitlinie, der zufolge Fragen der Geschlechtergerechtigkeit bei allen Gesetzgebungs- und Entscheidungsprozessen von Anfang an mitgedacht werden sollen. Dies soll vermeiden, dass Geschlechterfragen – wie es allzu oft der Fall ist – erst im Nachhinein durch feministische Kritik moniert und dann in Form nachträglicher Ausbesserungen berücksichtigt werden. Tatsächlich handelt es sich bei Gender Mainstreaming also um kaum mehr als um eine selbstverständliche Forderung jeder auf Gleichberechtigung zielenden Politik und somit um eine ganz und gar unspektakuläre Angelegenheit. Um eine Dekonstruktion oder gar Aberziehung von Zweigeschlechtlichkeit geht es hier schlichtweg nicht.

Nur indem Kutschera diese dreifache Überzeichnung und Verschiebung vornimmt, entsteht das Szenario, das seiner Kritik den Anschein von Dringlichkeit verleiht: Der Staat wird kommen, um Euch und Euren Kinder das Geschlecht zu nehmen!

Dabei sei angemerkt, dass man keine Sekunde lang in einem sozialwissenschaftlichen Seminar verbracht oder in ein sozialwissenschaftliches Fachbuch geschaut haben muss, um Kutscheras Thesen als Unsinn zu erkennen. Ein ruhiger Abend mit einer Kanne Tee, Internetzugang und einem Mindestmaß an Urteilsvermögen in Bezug auf die Seriosität von Quellen würde völlig ausreichen, zur Not täte es auch die Lektüre der drei entsprechenden Wikipedia-Einträge.

Kutscheras Unsinn ist hasserfüllt, hetzerisch und politisch

Wenn wir Kutscheras Thesen als Unsinn deklarieren, mag das zunächst klingen, als handele es sich um harmlose Spinnerei. Die Welt ist voller Unsinn und seit der Einführung des Internets ist es unendlich viel leichter geworden, Unsinn jeglicher Couleur zu finden oder zu verbreiten. Jedoch handelt es sich bei dem von Kutschera verzapften Unsinn um eine ganz besondere Art, nämlich um hasserfüllten Unsinn. So macht schon seine Metaphorik deutlich, dass er „die Gender-Ideologie“ und „die Gender Studies“ nicht nur für gefährlich hält, sondern zu Feinden erklärt, die bekämpft und vernichtet werden müssen.

Gleich im ersten Interview zum Thema bezeichnet er die Gender-Studies als ein Krebsgeschwür – und Krebsgeschwüre müssen bekanntlich durch Chirurgie und Bestrahlung ausgemerzt werden, um die gesunden Teile des Körpers zu retten. Sein für nächstes Jahr geplantes Buch zum Thema kündigt er mit den Worten an, er werde damit „die letzten Nägel in den Sarg der Gender-Ideologie schlagen“ – ob er die Kolleg_innen nun lebendig einsargen oder erst ermordet wissen will, bleibt offen.

Im jüngsten Text nun bezeichnet er „Gender“ – das Wort alleine steht vertretend für die wahnhafte Einheit von Queer Theory, Gender Studies und Gender Mainstreaming – als eine „geistige Vergewaltigung des Menschen“ oder genauer als „geistige[…] Vergewaltigung normal denkender Männer und Frauen“. Damit lässt er keinen Zweifel daran, dass sich seine Kritik nicht etwa gegen ein zu widerlegendes Gegenüber, sondern gegen zu bekämpfende Gewaltverbrecher_innen richtet. Es geht gegen die unnormal Denkenden, die uns Normale vergewaltigen wollen!

Über diese Hasserfülltheit hinaus zeichnen sich Kutscheras Tiraden auch durch eine im engen Sinne politische Ausrichtung aus. Er hetzt nicht nur gegen Kolleg_innen, er stellt auch Forderungen an den Staat. So meint er im rbb-Interview, die Politik solle Gleichstellungsmaßnahmen in der Wissenschaft überdenken, weil diese die sexuelle Reproduktivität der sozialen Eliten gefährdeten.

Auch die hetzerische Sprache und die abstrus begründeten politischen Forderungen könnte man gegebenenfalls noch als harmlose Spinnerei abtun. Wer in einer beliebigen deutschen Stadt einen Vormittag lang den öffentlichen Nahverkehr nutzt, wird dabei aller Wahrscheinlichkeit nach zwei bis drei Mal Menschen begegnen, die in unkontrollierter Weise mehr oder weniger laute Tiraden über dieses und jenes vor sich hin brabbeln, manchmal ganz allgemein, manchmal gegen bestimmte Gruppen oder Fahrgäste gerichtet. Nicht selten vernimmt man dabei auch Forderungen an die Bundeskanzlerin oder den Präsidenten der USA. Diese Art von hasserfülltem Unsinn wird zumeist mit der einzig angemessenen Reaktion bedacht, nämlich einem mitleidigen Lächeln oder einem verschämten Kopfschütteln – so reagieren in der Regel sogar diejenigen, gegen die sich die Tiraden explizit richten.

Auch Kutscheras Tiraden wirken auf uns teilweise mitleiderregend, jedoch muss man sie leider ernst nehmen – nicht, weil sie inhaltlich gehaltvoll wären, sondern weil sie Teil einer breiteren gesellschaftlichen Stimmung sind. Es handelt sich bei Kutscheras Unsinn im strengen Sinne um Ideologie.

Two goldfish (small reddish-golden chinese carp). Coloured e

Wer könnte ihrem Ruf zur Biologie widerstehen? (Bildquelle: http://wellcomeimages.org/indexplus/image/V0021323.html Lizenz: Creative Commons 4.0)

2 Warum schreibt Kutschera Unsinn?

Ideologie kann man zunächst als eine Form falschen Bewusstseins bestimmen, dessen Falschheit aber anders als bloße Irrtümer oder willkürliche Spinnerei eine systematisch verzerrte Form annimmt und eine gesellschaftliche Funktion erfüllt.

Um dies zu erläutern, müssen wir an dieser Stelle eine womöglich kontraintuitiv erscheinende Unterstellung machen: Wir können es nicht nach wissenschaftlichen Maßstäben belegen, gehen aber for the sake of the argument davon aus, dass Ulrich Kutschera nicht einfach nur dumm oder verrückt, sondern eine zu rationalem Denken fähige Person ist. Wir gehen davon aus, dass er in der Lage ist, auf einem grundlegenden Niveau Sachverhalte zu recherchieren, Texte zu lesen und zu verstehen, Annahmen kritisch-rational zu überprüfen sowie seine Überlegungen in verständlicher Weise zu kommunizieren.

Wenn wir diese grundsätzliche Rationalität unterstellen, müssen wir uns fragen: Warum setzen diese Kompetenzen in Fragen der Geschlechtlichkeit und Sexualität so gründlich aus, dass Kutschera immer und immer wieder denselben einfach widerlegbaren und mehrfach öffentlich widerlegten Unsinn von sich gibt? Warum bleiben gerade diese Annahmen gegen jede rationale Infragestellung abgeschirmt?

Die beständige Immunisierung bestimmter Annahmen gegen ihre Infragestellung ist nur dadurch zu erklären, dass diese Annahmen ein nicht-bewusstes Bedürfnis befriedigen; ein Bedürfnis, das stärker ist als alle Routinen prüfender (Selbst-)Kritik, die der Wissenschaftler Kutschera irgendwann einmal erlernt haben müsste. Daher muss die Ideologiekritik spekulieren: Welche Bedürfnisse sind es die mit der antigenderistischen Ideologie befriedigt werden?

Somit müssen wir als Ideologiekritiker_innen an dieser Stelle gegen eine Benimmregel öffentlicher Auseinandersetzungen verstoßen und über die unbewussten und irrationalen Motivationen unseres Gegenübers spekulieren. Dies gilt aus guten Gründen als ungehörig, weil man den Anderen damit nicht mehr als Gesprächspartner ernstnimmt, sondern zum Gegenstand der Konversation macht. Kutscheras hasserfüllte und unsinnige Tiraden lassen aber kaum noch eine andere Herangehensweise zu. Durch seine beständige Hetze hat er sich selbst an einen Ort jenseits aller Konventionen der öffentlichen Debatte gestellt.

Die antigenderistische Angst ums eigene Geschlecht

Es liegt nahe, mit den Spekulation über die unbewussten Motive bei den Punkten anzusetzen, in denen Kutschera sich am leidenschaftlichsten zeigt, in denen sein Unsinn am größten ist. Seine intensivste und am stärksten verzerrende Polemik richtet sich gegen das Theorem, Geschlechtlichkeit entstehe durch Prozesse gesellschaftlicher Konstruktion. Man kann also vermuten, dass seinen Texten ein ideologisches Bedürfnis zugrunde liegt, genau diese Infragestellung der natürlichen Basis von Geschlechtlichkeit abzuwehren. Die Infragestellung scheint regelrechte Angst auszulösen.

Diese Angst ist leicht zu erklären, wenn man annimmt, dass Kutschera auf einer unbewussten Ebene sehr wohl ahnt, wie viel Energie, Kraft und Kampf es kostet, ein Mann zu werden, und wie prekär diese Männlichkeit immer bleibt, egal wie viel man zuvor investiert hat; wenn man annimmt, dass er spürt, wie schwer es ist, sich jeden Tag wieder als hartes, rationales, selbstbewusstes männliches Subjekt im Kampf mit vielen anderen männlichen Subjekten zu behaupten, wie schmerzhaft es ist, dabei eine eindeutige Distinktion gegenüber dem weiblichen Geschlecht zu bewahren, wie groß die Gefahr ist, dass noch der kleinste Fehltritt als scheiternde Männlichkeit und Anzeichen von Verweiblichung gesehen werden kann.

Wie beruhigend muss sich angesichts dieses harten Kampfes und dieser Gefahren doch die biologistische Gewissheit anfühlen, dass die Geschlechtsidentität gar nicht auf all diese Selbst-Techniken, all diesen schmerzlichen Verzicht, all diese männlichen Performanzen angewiesen ist, weil sie bereits im Augenblick der Befruchtung feststeht und ein einzelnes Chromosom das eigene Geschlecht von der Empfängnis bis zur Bahre bestimmt. Die Biologisierung der eigenen Geschlechtlichkeit hilft, den alltäglichen Kampf um die eigene Geschlechtsidentität vergessen zu machen.

Unterstellt man ein solches Bedürfnis, überrascht es nicht, dass jeder Zweifel an diesem biologistischen Determinismus zu einer affektiven Abwehrreaktion führen muss. Diese Reaktion dürfte umso stärker ausfallen, wenn die Zweifel nicht nur vereinzelt geäußert, sondern in Form professioneller wissenschaftlicher Forschung formuliert und systematisch unterfüttert werden, in Form einer Forschung, die den verdrängten alltäglichen Kampf ums eigene Geschlecht allzu sichtbar macht. Dann überrascht es auch nicht mehr, dass die Abwehr dieser Gefahr für die eigene geschlechtliche Selbstsicherheit die Rationalität selektiv aussetzen lässt und dass ein Professor immer wieder deklamiert: Fünfe sind grade!

Die heteronormative Angst um die eigene „Heteronormalität“

Eine ähnliche Abwehrreaktion zeigt sich in Kutscheras Beharren, Homosexualität sei biologisch determiniert. Auch hier grenzt er sich gegen eine Position ab, die niemand ernstlich vertritt, nämlich gegen die These, man könne das eigene sexuelle Begehren jederzeit frei wählen. Dem gegenüber stellt er wiederum einen biologistischen Determinismus: Zumindest bei Männern sei es genetisch vorherbestimmt, ob man „heteronormal“ – eine selbst schon interessante Wortschöpfung – oder eben homosexuell sei. Tertium non datur. Auch in diesem Bereich fürchtet Kutschera staatliche Umerziehungsprogramme – dieses Mal nicht zur Entmännlichung, sondern zur Entheterosexualisierung der Jugend. Kutschera „wehrt“ sich wiederum gegen Theorien und Politiken, die nur in seiner eigenen Fantasie existieren.

Wieder ist diese Abwehr gegen etwas nicht Existentes rational kaum zu erklären, so dass man ein nicht-rationales Bedürfnis als Grundlage vermuten muss. Wiederum kann man spekulieren, dass hinter dieser Abwehrreaktion die unbewusste Ahnung steckt, dass die eigene, vermeintlich eindeutige Heterosexualität tagtäglicher Arbeit und tagtäglichen Verzichts bedarf; die Befürchtung, dass jeder Fehltritt die Gefahr mit sich bringt, als nicht „heteronormal“ entlarvt zu werden. Wieder muss es wohl als sehr beruhigend empfunden werden, all diese Zweifel mit einer einzigen biologistischen Geste wegschieben zu können.

Die antifeministische Angst um männliche Privilegien

Diese spezifisch antigenderistischen Abwehrreaktionen gegen die Infragestellung der natürlichen Determiniertheit von Zweigeschlechtlichkeit und „Heteronormalität“ werden durch ältere ideologische Bestände ergänzt. Dies sind zunächst klassisch antifeministische Ideologeme, in denen der Feminismus schon lange als eine verschwörerische Bewegung gesehen wird, in der eine besonders bösartige Art von Frauen das männliche Geschlecht angreifen möchte. Dies geschieht oftmals in Form einer sexualisierten männlichen Fantasie, in der die Feministinnen den Männern ihre Frauen lesbisch ausspannen wollen. Auch diese seit Jahrzehnten zirkulierenden Motive scheinen in Kutscheras Tiraden immer wieder auf. Insbesondere in seinem rbb-Interview gibt er sich ausführlich seinen Fantasien über lesbische Zirkel hin, die Männer nur zeitweise für die biologische Reproduktion benötigen und benutzen. Am Ende formuliert er noch die Warnung vor feministischen Gleichstellungspolitiken, die Männern die universitären Posten streitig machen und ihnen somit die Möglichkeit rauben, überhaupt noch Sexualpartnerinnen zu finden.

Vermutet man, dass auch hinter diesen von der Realität weitestgehend losgelösten Tiraden ein Bedürfnis steht, liegt es nahe, die Ursache darin zu suchen, dass die zweigeschlechtliche Ordnung keine der Geschlechtergleichheit, sondern eine männlicher Privilegien ist. Männer und Frauen müssen gleichermaßen um ihre eindeutige Geschlechteridentität kämpfen und haben dabei auch einiges zu verlieren. Daher wundert es nicht, dass antigenderistische Propaganda nicht selten von Frauen verfasst wird – man denke an die entsprechenden Einlassungen Beatrix von Storch oder Birgit Kelle. Jedoch haben Männer sehr viel mehr zu verlieren als Frauen, nämlich eine Position, in der sie dem anderen Geschlecht übergeordnet sind und zumindest in der Fantasie über Frauen verfügen können.

Wenn Kutschera mit wahnwitzigen Argumenten gegen Gleichstellungspolitik an den Universitäten hetzt, dann wohl, weil er durch diese Politik männlichen Privilegien bedroht sieht – auch diese Bedrohung muss abgewendet werden!

Die rassistische Angst vor den Anderen Männern

Diese spezifisch auf Gender Studies und Feminismus zielenden Ideologeme öffnet Kutschera in seinem jüngsten Traktat für weitere Feinderklärungen und deutet damit an, wohin die Reise gehen soll: nach ganz rechts außen.

So endet er mit einem Absatz zum Thema Flucht und Migration. Darin beschwört er ein Bild herauf, in dem Deutschland überrannt wird – und das nicht etwa von Menschen auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung, sondern von zehntausenden „Muslime[n], 80 % davon Männer im Kampfes-Alter (fighting-age males)“. Daher hält er es für angemessen, nicht von Flucht, sondern von einer „Invasion“ zu sprechen. Diese Einschätzung der Lage baut Kutschera als Zitat einer namenlosen amerikanischen Journalistin in seinen Text ein, das er „nicht weiter kommentier[en]“ will. Daran, dass er das Zitat für bare Münze nimmt und sich seinen Gehalt zueigen macht, lässt er aber keinen Zweifel.

Bedroht wird die deutsche männliche Dominanz also nicht nur durch die Geschlechterforschung, welche die sichere Zweigeschlechtlichkeit in Gefahr bringt, und den Feminismus, welcher die männliche Herrschaft zu unterminieren trachtet, sondern auch durch Andere Männer, deren Männlichkeit die der eingeborenen Männer zu übertrumpfen droht. Wer auf diese Gefahr verweise, werde von den gendersensibel Verweichlichten „als ‚rechtsradikal-ausländerfeindlich‘ diffamier[t]“. Der Prophet wird nicht erhört, sondern geschmäht! Man wird ja wohl noch sagen dürfen, ohne gleich…

Die Angst vor der überlegenen Männlichkeit der Anderen Männer ist ein in der Geschichte des Rassismus immer wieder auftauchendes Motiv. Seine Quelle dürfte wiederum in der Angst um die eigene Männlichkeit zu suchen sein: Schlägt man sich im eigenen Kampf darum, ein guter Mann zu sein, denn gut genug? Könnte es da draußen nicht Männer geben, denen die Männlichkeit natürlich zufliegt, die viriler und stärker sind? Was, wenn die hierher kommen? Können wir uns gegen die durchsetzen? Kriegen wir dann noch Frauen? Müssen wir uns nicht gegen die schützen?

Dass auch mit diesen Feinderklärungen Privilegien geschützt werden, ist offensichtlich. Nähme man diejenigen, die derzeit den Weg nach Deutschland suchen, als Menschen wahr, die sich in einer Notsituation befinden und unserer Solidarität bedürfen, müsste man am Ende noch etwas vom eigenen Besitzstand aufgeben. Wenn es aber Feinde sind, die eine Invasion vollführen, dann müssen wir nicht mit ihnen teilen, sondern können sie mit gutem Gewissen an den Grenzen sterben lassen.

Auf diese Art nähert sich Kutschera sukzessive einem geschlossen rechtsextremen Weltbild an, in dem die Welt in Völker gegliedert ist, die als Männer-Gemeinschaften im Kampf gegeneinander bestehen müssen und dementsprechend darauf zu achten haben, ihre männliche Kampfeskraft zu bewahren und alle Gefahren der Verweiblichung und Überfremdung abzuwehren. Mit anderen Worten qualifiziert sich Kutschera durch sein jüngstes Traktat dafür, Akif Pirinçci als Pegida-Einpeitscher zu beerben. Da passt es nur zu gut, dass er nun auch von der AfD-Studierendengruppe an der Uni Kassel gefeiert wird.

JA

Fans (Bildquelle: Screenshot von der Seite der Jungen Alternative Hessen)

3 Warum kann Kutschera diesen Unsinn publizieren?

Diese ideologiekritischen Spekulationen können plausibel erklären, warum Kutscheras Rationalität bei bestimmten Themen so massiv aussetzt, warum er dieselben Unwahrheiten ein ums andere Mal in die Welt schreit: Die Angst um die eigene Identität und die eigenen Privilegien führt zu einem systematisch verzerrten Rationalität, die ein systematisch verzerrte Weltbild erzeugt. Wenn sich dieses Weltbild aber so klar als ideologischer Unsinn erkennen lässt, stellt sich umso mehr die Frage, warum dieser Unsinn ein ums andere Mal publiziert wird. Warum bieten nicht nur stramm rechte Propaganda-Truppen wie der „Deutsche Arbeitgeber Verband“ und die „Jungen Alternative“, sondern auch Medien wie Spiegel Online und die Hessisch-Niedersächsische Allgemeine Kutschera eine Plattform? Warum inszeniert die FAZ ihn gerne als Opfer einer Zensur durch finstere Gender-Mächte?

Freilich muss man sich hüten, Kutschera und den seinen eine absolute öffentliche Vorherrschaft zuzuschreiben. Auch Gegenstimmen, die ihre Thesen in der Tat sachlich und wissenschaftlich begründen können, kommen in der öffentlichen Debatte immer wieder zu Wort. Dass ein Kutschera für seinem hetzerisch-ideologischen Unsinn aber überhaupt massenmediale Plattformen findet, ist bereits erklärungsbedürftig. Drei Erklärungen liegen nahe.

Erstens kann Kutschera diesen Unsinn publizieren, weil er mit seinen Ängsten und projektiven Bedürfnissen keinesfalls allein, sondern in großer Gesellschaft ist. Der Antigenderismus hat seit einigen Jahren Konjunktur. Dabei formiert sich eine seltsame Allianz, die von plump-atheistischen Naturalist_innen wie Kutschera bis hin zu fundamentalistischen Christ_innen reicht und dazwischen diverse konservative Milieus und Strömungen in einer gemeinsamen Feinderklärung vereint. Dank der „Besorgten Eltern“ fand diese Ideologie insbesondere in Baden-Württemberg eine Manifestation auf der Straße und auch bei Pegida wird das Thema immer wieder aufgegriffen. Kutscheras systematisch verzerrtes Weltbild fügt sich bestens mit den ebenso verzerrten Weltbildern anderer zusammen, die seine projektive Bedürfnisse teilen und seine Traktate dankbar aufnehmen. Dies lässt sich in den Kommentarbereichen unter den entsprechenden Artikeln immer wieder beobachten.

Zweitens ist Ulrich Kutschera eben nicht irgendwer, sondern ein C4-Tiger. Er kann ungestraft und ungeprüft Unsinn verzapfen, weil er aus einer Position spricht, die aus sich selbst heraus für Seriosität und Wahrheit zu verbürgen scheint. Ein erfahrener männlicher Professor, der zudem noch die Sprache des Volkes spricht und nicht davor zurückschreckt, sich Feind_innen zu machen – so einen lässt man gerne zu Wort kommen.

Diese Rolle pflegt Kutschera wohlweißlich bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Immer wieder betont er seine Position, er distinguiert sich explizit als echter C4-Professor gegen die nicht wirklich professoralen W2-Kolleg_innen, verweist auf seine „ca. 10 Buchveröffentlichungen“ – ca. 10! Wer kann bei solch astronomischen Dimensionen noch genau zählen? – und spricht gerne seine sekundäre Anbindung an die Stanford University an – die Universität Kassel macht im Vergleich doch recht wenig her. Um sich von seinen Kolleg_innen noch deutlicher abzuheben, behauptet er – von jeder wissenschaftstheoretischen Kenntnis unbeleckt –, dass nur die Naturwissenschaften, die er zu vertreten beansprucht, die wirkliche Wahrheit untersuchten, während die Geistes- und Sozialwissenschaften sich einfach irgendwelche Theorien zurechtspännen.

Und diese Strategie zieht. Der C4-Tiger darf ein ums andere Mal brüllen! Systematisch verzerrt sind somit nicht nur die Weltbilder, sondern auch die Kommunikationsverhältnisse unter denen sie verbreitet werden. Diese systematisch verzerrten Kommunikationsverhältnisse erlauben es einem Ideologen, als zuverlässige Autorität aufzutreten.

Drittens schließlich hat sich eine gewisse Post-Truth-Debattenkultur etabliert, die es Unsinns-Ideologen wie Kutschera besonders einfach macht und systematische Verzerrungen verstärkt. Dies lässt sich beispielsweise anhand eines Artikels bei Spiegel Online darlegen, der angesichts von Kutscheras Tiraden bedeutungsschwanger fragt: „Darf man das sagen?“

Durch dieses Framing wird die Frage, ob das, was Kutschera sagt, nun in der Sache annähernd vertretbar oder grober Unfug ist, völlig ausgeblendet. Stattdessen soll es um gesellschaftliche Sagbarkeiten gehen. Anstatt mit der langweiligen Überprüfung von Fakten konfrontiert zu werden, dürfen Leser_innen über die reizvolle Frage vermeintlicher Tabus lesen. Damit kommt Kutschera nicht etwa die Rolle des menschenfeindlichen Ideologen ohne Sachkenntnis zu, sondern die des mutigen Tabubrechers, dessen Agieren auslotet, was man heute noch „sagen darf“.

Konsequenterweise verzichtet Spiegel Online nicht nur darauf, Kutscheras Thesen zu prüfen oder kritisch zu kommentieren, sondern auch darauf, irgendwelche Gegenstimmen zu Wort kommen zu lassen. Kutschera dagegen wird ausführlich zitiert und darf seine Thesen mit Scheinargumenten stützen. Damit hat man die eingangs mit viel Pathos gestellte Frage nach der Sagbarkeit implizit gleich beantwortet: Bei Spiegel Online darf man gerne sagen, dass es sich bei der Geschlechterforschung um eine Sekte handelt und dass Frauen an den Herd gehören.

Unsinn, hin oder her: Als Tabubrecher ist ein brüllender C4-Tiger immer gern gesehen!

Floris Biskamp ist Politikwissenschaftler und Soziologe in Kassel und Köln.

Fabian Bärig ist passionierter Tierliebhaber und Großwildjäger aus Hamburg sowie Betreiber des Blogs ueberdenzaungebrochen.tumblr.com.

 

84 thoughts on “Männerfantasien: Die antigenderistische Ideologie des Ulrich Kutschera

  1. @ Stylommatophora – 4) Ob die SPD-Führung finanziell nun so attraktiv ist, sei dahingestellt. – Ich denke, bei der Polit-Kaste ist es wie bei den Kellnern. Es gibt ein Grundgehalt und ein eingepreistes Quantum an Trinkgeldern – abhängig vom Grad der Servilität. (Upsi.)

  2. @ Schnitzel und alle, die sich für DeKo interessieren:
    „Dekonstruktion hat konsequenterweise wenig mit einer wissenschaftlichen Methode gemein.“
    Zumindest nicht, was mensch bis dato für eine wissenschaftliche Methode hielt. (Was mit „konsequenterweise“ gemeint ist, bleibt hier übrigens unklar.)
    „Wie könnte sie klassisch wissenschaftlich sein, wenn sie den Rahmen der traditionellen Wissenschaft in Zweifel zieht?“
    Kann sie nicht und will sie nicht, das ist ja das Neue daran. Der Clou, sozusagen. Das Faszinierende. Sie kritisiert die Idee von wissenschatlicher Wahrheitsproduktion.
    „Sie reißt ihre Fundamente mit sich in den Taumel reiner Signifikanten, reiner Differenzbeziehungen.“
    Nun ja, die Diffenrenzbeziehungen finden im Kontext von Herrschaftproduktion statt, das sollte hier schon der vollständigkeit halber erwähnt werden. Und die Dekonstruktivist_innen sind ja auf den Barrikaden Ende der 60er gewesen, und ahben gesehen, dass sich so leicht nichts ändert, die finden Herrschaft halt blöd.
    „Konkret: Auch den überlieferten, gebräuchlichen wissenschaftlichen Werkzeugen wie Hypothese, Prämisse oder Schlussfolgerung, Logik, Stringenz oder Kausalität mangelt es an Stabilität. Selbst die Gegenüberstellung von Subjekt (der Wissenschaftler, die Wissenschaftlerin) und Objekt (der Untersuchungsgegenstand) wird seiner Selbstverständlichkeit beraubt.“
    Angefahren, oder? Da wird einfach mal alles in Frage gestellt! Da werden heute einfach klare Gegebenheiten (Zweigeschlechtlichkeit ist weder logisch noch eindeutig beweisbar) in Frage gestellt. In den 80ern wagte eine WissenschaftlerIn zu sagen, dass die Werkzeuge des Herrn niemals das Haus des Herrn zerlegen können.(Audre Lorde) Da wird versucht, darüber hinaus zu denken, was möglich ist (siehe z.B. Derrida: Die unmögliche Universität. @Wolf-Dieter: Unbedingt einen Bibliotheksausweis besorgen! Lohnt sich!)
    „Jeweils sind die wissenschaftlichen Werkzeuge, die Fundamente einer langen Tradition, nicht privilegiert und »nur« Ausdruck eines historisch (und vielleicht zufällig) gewachsenen Denkens.“
    Hm. Nur weil etwas lange gewachsen ist, muss es ja nicht gut oder richtig sein. Das gilt für das Krebsgeschwür wie für die Gender Studies, um mal eine Analogie zu wagen. Vorteil der Gender Studies ist, dass sie hinterfragbar und überprüfbar sind, was sich vom Krebsgeschwür eher nicht sagen lässt. Das ist irgendwie eher destruktiv und nicht kommunikationsbereit. Wisssenschaft ist im Westen doch immer was privilegiertes gewesen, vielleicht nicht ihre Werkzeuge per se, aber wenn Dinge im wissenschaftlichen, methodisch hergeleiteten Duktus daherkommen, werden sie ernster genommen, als gewisse Blogeinträge, die ja auch von schlauen Menschen sein können. Leute, die an Eindeutigkeiten glauben möchten – und das sag ich jetzt mal ganz persönlich aus Zwitterperspektive – haben von der Komplexität der Realität wenig verstande. Endlich gibt es mal Methoden, die Wahrheits- und Eindeutigkeitprodution hinterfragen, wie die Dekonstrution, und dann gibt es hier so Undankbarkeitsäußerungen. Leute, das bereichert uns doch! Und an „zufällig“ glaub ich bei der Wissensprodution nicht, aber an historisch gewachsen durchaus. Jungen wurden früher mal rot und rose gekleidet, Mädchen blau (Marienfarbe). Die Dinge ändern sich. Heute sind die Leute trans und Sternchen und queer und was weiß ich. Ja und? Warum macht Euch das eigentlich so fertig?

  3. @Stylommatophora

    ‚Hm. Nur weil etwas lange gewachsen ist, muss es ja nicht gut oder richtig sein‘

    Ist das so? Wahrsagerei und Astrologie haben sich aber als weniger Gute Instrumente zur Wissensgewinnung erwießen.
    Es gibt also tatsächlich Methoden die besser sind als andere – warum haben Sie so ein Problem das anzuerkennen?

    Ich habe das Buch gelesen. Es ist von einem Politikwissenschaftler geschrieben, der eine Menge fragwürdige bis unsinnige philosophische Thesen anführt.
    Darüber kann man natürlich streiten. Im besten Falle wird einem dadurch die eigene Position klarer.
    Für mich kann ich sagen, das ich den Dekonstruktivismus sehr skeptisch betrachte. Besonders weil ich auch die Gegenpositionen zum Konstruktivismus, der Behauptung es gäbe keine absolute Wahrheit, Wissenschaft hat lediglich etwas mit Macht zu etc etc. kenne und diese mich eben mehr überzeugen.

    Mit seinem Tonfall und seinen etwas pauschalen Argumenten bin ich nicht einverstanden – aber es ist gut das Leute wie Ulrich Kutschera, Alan Sokal, Richard Dawkins etc. diese linke irrationale Wissenschaftsfeindlichkeit kritisieren.

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