Ein Jahr Pegida: Eine Bewegung gefällt sich selbst

Ein Jahr Pegida in Dresden, Foto: Felix M. Steiner
Ein Jahr Pegida in Dresden, Foto: Felix M. Steiner

Seit einem Jahr existiert nun die Protest-Bewegung Pegida mit zahlreichen Ablegern in ganz Deutschland. So erfolgreich wie in Dresden konnte sie jedoch nirgendwo werden. Zum „Geburtstag“ kamen tausende Menschen. Vor allem um sich selbst zu gefallen.

Von Katharina Trittel und Christopher Schmitz*, mit freundlicher Genehmigung des Göttinger Instituts für Demokratieforschung

Seit einem Jahr bestimmen sie Montag für Montag die Berichterstattung über Dresden. Heute ist der Jahrestag der Pegida: Am 20. Oktober 2014 gingen die Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes zum ersten Mal auf die Straße. Gestern, am 19. Oktober 2015, sammelten sich auf dem Dresdner Theaterplatz, vor historisch-barocker Kulisse zwischen Zwinger und Semperoper, die Demonstranten, um den ersten Jahrestag der Bewegung zu begehen. Was vor einem Jahr begonnen hat mit vielleicht 300 Menschen, die hauptsächlich gegen „Glaubenskriege auf deutschem Boden“ ein Zeichen setzen wollten, ist zu einer verstetigten Bewegung geworden, die im Sommer schon als gescheitert galt und im Verlauf des vergangenen Jahres mit so ziemlich allen Zuschreibungen belegt worden ist, die Politik, Wissenschaft und Medien parat hatten: Rechtspopulisten, Nazis in Nadelstreifen, besorgte Bürger, natürliche Verbündete, Islamhasser, knallharte Rechtsextreme – die Liste der Zuschreibungen ist lang.

Schließlich versammelten sich nun zwischen 20.000 und 40.000 Menschen auf dem Theaterplatz im Schatten der ehrwürdigen Semperoper, die mittels Anzeigentafel ihre Distanzierung auswies: „Wir sind kein Bühnenbild für Fremdenhass. Ihre Semperoper“ strahlte es weithin sichtbar über den Platz. Die differierenden Schätzungen über die Zahl der angeblich Anwesenden basieren auf verschiedenen Angaben: Die studentische Gruppe Durchgezählt, die regelmäßig die Teilnehmerzahlen der „Spaziergänger“ schätzt, ermittelte mittels Flächenschätzung 15–20.000 Menschen. Lutz Bachmann wiederum proklamierte, laut Ordnungsamt passten 39.000 Menschen auf den Theaterplatz – und der Platz sei zweifellos voll. Somit seien es knapp 40.000 anwesende Patrioten.

Voll war der Platz tatsächlich. Und ungeachtet, wessen Angaben letztlich stimmten: Die Teilnehmerzahl hatte sich im Vergleich zur letzten Woche nochmals mindestens verdoppelt. Noch wichtiger sind solche Zahlenspiele freilich für die Gegenproteste: Ob man mit 15–19.000 Menschen – endlich einmal, werden viele Pegida-Gegner an dieser Stelle gedacht haben – einen Gegenprotest auf Augenhöhe organisieren konnte oder ob man wieder um das Doppelte in der Unterzahl war, ist für das Selbstwertgefühl des Gegenprotests durchaus von Belang. Für Pegida nicht. Bachmann sprach von vielleicht 4.000 Gegendemonstranten.[1]

Zwischen 15.000 und 20.000 Gegendemonstranten waren in Dresden unterwegs, Foto: Felix M. Steiner
Zwischen 15.000 und 20.000 Gegendemonstranten waren in Dresden unterwegs, Foto: Felix M. Steiner

Dem ersten Eindruck nach war das Publikum deutlich durchmischter als bei vorangegangenen Veranstaltungen.[2] Waren kurz vor Demonstrationsbeginn die Männer eindeutig in der Überzahl und musste man Anwesende unter dreißig Jahren anfangs noch mit der Lupe suchen, änderte sich das Bild, je näher der Veranstaltungsbeginn rückte.

Auf dem Theaterplatz angekommen, hieß die Pegida-Gemeinschaft einen freundlich willkommen: „Es ist wichtig, dass gerade die jungen Menschen kommen.“ Und so begann der Abend bei Pegida, an dem sich ein subjektiver Eindruck besonders stark einprägte. Die Redner ließen kein schon von anderen „Spaziergängen“ bekanntes Versatzstück aus: Die Deutungen des „grünversifften Feuilletons“, die „grünen Kinderficker“, der drohende „Vergewaltigungsfrühling durch Mohamed und Mustafa“: Vom Pegida-Anhänger ausgebuht. Die „Wilden“, die angeblich keine Toilette benutzen können: Vom Pegida-Anhänger höhnisch ausgelacht. Die krude Behauptung, die „deutsche Volksgemeinschaft“ hätte die Vernichtung „unwerten Lebens“, die sogenannte Euthanasie, durch ihren tapferen Einsatz für die Schwächeren ihrer Gemeinschaft gestoppt; die bedauernde Feststellung, dass heute „leider keine KZ’s mehr in Betrieb“ seien: Vom Pegida-Anhänger beklatscht. Auf Gemeinschaft und Zusammenhalt ist man hier stolz.

Dieser eine Pegida-Anhänger, der nicht erfunden oder ein rhetorischer Trick ist: Er ist höchstens elf Jahre alt. Die anfängliche Vergewisserung, dass seine Mutti auch klatscht, braucht er hier längst nicht mehr. Es klatschen ja schließlich alle.

Alle – das ist an diesem Abend ein Schlüsselwort. In der eigenen Wahrnehmung steht man für „das Volk“, auch für die, die es erst verstehen werden, wenn es längst zu spät ist. Für dieses „alle“ ist wichtig, sich zu vergewissern, dass der Platz voll ist, dass immer mehr kommen, dass man die vom Orgateam extra für diesen Anlass gebackenen Kekse miteinander teilt, dass man Teil einer „identitären Front“ ist, die sich, so der Wunsch der zahlreichen Gastredner aus ganz Europa, länderübergreifend formiere.

In erster Linie ist man heute Abend gekommen, um sich selbst zu feiern. Man ist beeindruckt von dem, was man im letzten Jahr auf die Beine gestellt hat. Dieser Zusammenhalt wird auch von den Veranstaltern beschworen: Per Video werden Jahresrückblicke eingespielt – „Pegidas schönste Momente“ – eine extra komponierte Hymne wird vorgestellt, Bachmanns emotionalster Moment des Abends. Alle Register, um eine Gemeinschaft zu formen und ihr Rituale und Symbole zur Selbstvergewisserung an die Hand zu geben, werden gezogen, als habe man sie eigens erfunden: „Wir sind die erste Bewegung mit einer eigenen Hymne.“

Der Kitt dieser Gemeinschaft ist in erster Linie Trotz. „Wir sind gekommen, um zu bleiben, und wir bleiben, um zu siegen, und wir werden siegen.“ Und das kolportierte Gefühl, alle und im Recht zu sein. Die Legitimationsgrundlage versucht in erster Linie das Orgateam zu legen mit den internationalen Rednern – Pegida ist überall, „die Welt schaut heute auf Dresden“, mit dem Verweis auf wissenschaftliche Analysen – Pegida ist wichtig –, mit dem Verweis auf die Gemeinschaft und die therapeutische Wirkung der montäglichen Zusammenkünfte als Ausbruch aus dem Irrenhaus Deutschland – Pegida als Katharsis – und mit den Videobotschaften – der Patriotismus gegen die Islamisierung des Abendlandes als milieubildende Maßnahme und Gruppentherapie gegen die psychotischen Zustände in der „Plagiatsdemokratie“. Pegida wirkt. Und wie. Der Tagesspiegel schrieb anlässlich des Attentates auf die Kölner Oberbürgermeisterkandidatin, Pegida habe mitgestochen. Es wird gebuht und gepfiffen, aber ein bisschen Stolz ist auch dabei, dass man eine solche Wirkung attestiert bekommt. Einer sagt: „Gut für uns, dass das nicht in Heidenau passiert ist.“

Als weitere Legitimationsressource entdeckt Pegida zunehmend die Rekurrenz auf den Nationalsozialismus. Bisher fest im Repertoire der Gegenproteste verankert, betont nun auf einmal Lutz Bachmann, die deutschen Politiker würden sich eines Vokabulars wie in den 1930er Jahren bedienen, wenn sie von „Rattenfängern“ sprächen – als Ratten hätte man auch schon die Juden bezeichnet. Merkel betreibe „Rassismus am eigenen Volk“, weil „die Deutschen“ heute weniger wert wären als „die Flüchtlinge“ – die Politiker als „Nazis in Nadelstreifen“. Die Gegendemonstranten werden zwischenzeitlich gar mit „Nazis raus“-Rufen bedacht, das Narrativ des linken Faschismus in Vergleichen, die stets hinken, wird aufgegriffen.

Bemerkenswert an der Veranstaltung ist am Ende vielleicht v.a. eines: Von der viel beschworenen Radikalisierung der letzten Wochen war an diesem Jubiläumstag zunächst beim Orgateam nicht sonderlich viel zu spüren. Der „rhetorische Sonntagsanzug“[3], den sich Bachmann übergeworfen habe, ist eine treffende Einschätzung. Die härteren Töne kamen in erster Linie von den geladenen Rednern – Inhalte wurden quasi ausgelagert an Vertreter rechtspopulistischer Parteien aus Tschechien und Italien.

Die zukünftige Perspektive indes, der Blick nach vorn, fehlte quasi komplett bzw. kam nicht über lose Ankündigungen der europäischen Bewegung und der Ansage, in der nächsten Woche selbstverständlich wieder zu demonstrieren, hinaus. Über die vor einigen Wochen angekündigte Parteigründung verloren die Veranstalter indes kein Wort.

Was bleibt also von diesem Abend „1 Jahr Pegida“? Vor allem der Eindruck, dass Pegida sich selbst gefällt. In ihrer Antihaltung, ihrer Verehrung der Veranstalter und des Orgateams in Person von Bachmann und Festerling. Die Hörigkeit, die Begeisterung über die Argumente von der Bühne sind quasi bedingungslos, ringsum wird jede Äußerung, jede Pointe mit einem „Genau so isses!“ und frenetischem Applaus quittiert – von vielen auch, als Akif Pirinçci spricht.

Überhaupt Pirinçci: Von Festerling als eine Art Helden- und Identifikationsfigur angekündigt, ließ dieser statt der angekündigten Lesung von Buchauszügen im Rahmen einer Rede „extra für den Anlass“ eine derartige Kette von Obszönitäten und rassistischen Verunglimpfungen – inklusive krudester NS-Vergleiche – los, dass es nach einer knappen halben Stunde selbst der sonst so hartgesottenen Pegida-Menge zu viel wurde. Da wurde „Buh“ gerufen und „Aufhören“ skandiert. Schließlich verwies ein zum Einschreiten genötigter Bachmann mit Berufung auf den engen Zeitplan Pirinçci der Bühne. Dieser zog beleidigt ab. Was als Höhepunkt des Abends geplant war, geriet so zum Stimmungstief der ganzen Veranstaltung, die beschlossen wurde, indem Bachmann nicht nur ankündigte, den Innenminister de Maizière wegen Volksverhetzung anzuzeigen (sein eigenes Verfahren läuft freilich noch), sondern obendrein die Menge dazu aufrief, den Rücktritt des Zuständigen beim Ordnungsamt zu erwirken, der zugelassen habe, dass der Sternmarsch der Gegenproteste, „wie in den Dreißigern“, erlaubt worden sei, was dazu geführt habe, dass kurzfristig die Abgänge vom Pegida-Kundgebungsplatz blockiert gewesen seien.

Er buchstabierte dessen Namen, zweimal. Nachdem gegen den Staatsanwalt, der wegen eines bei einer Pegida-Demo gezeigten Galgens ermittelt, Morddrohungen ausgesprochen worden sind, wird auch hier die Wirkung nicht auf sich warten lassen.

Indes: Auch Pirinçci sieht sich nunmehr einer solchen Anzeige ausgesetzt.


 

*Katharina Trittel und Christopher Schmitz arbeiten am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Weitere Analysen der Pegida-Bewegung finden sich hier

[1] Die es am Ende dann geschafft hätten, alle Zugänge zum Theaterplatz derart zu blockieren, dass die Polizei mit 2.000 anwesenden Einsatzkräften zwei Stunden benötigt habe, um diese Blockaden aufzulösen.

[2] Vgl. Geiges, Lars/Marg, Stine/Walter, Franz: Pegida. Die schmutzige Seite der Zivilgesellschaft?, Bielefeld 2015, S. 66.

[3] Bangel, Christian: Zum Geburtstag viel Hass, in: Zeit Online, 20.10.2015, URL: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-10/pegida-dresden-hass/seite-2 [eingesehen am 20.10.2015].