„Flüchtlingskrise“: Von Demut und Optimismus

Flüchtlinge willkommen!
Flüchtlinge willkommen!

Deutschland diskutiert über die Flüchtlingskrise, in Talkshows, im Feuilleton und sonst wo. Große Sorgen machen sich breit. Mit der Entscheidung Merkels die Grenzen zu öffnen habe der deutsche Staat seine Souveränität aufgegeben (woraufhin Patrick Bahners in der FAZ dankenswerterweise darauf hinwies, dass diese Entscheidung gerade ein Akt der Souveränität war); durch die Einreise zahlreicher muslimischer Flüchtlinge seien die westlichen Werte und die deutsche Kultur bedroht; jedenfalls müssten sich Flüchtlinge diese westlichen Werte schleunigst aneignen.

Von Joachim Häberlen

Verglichen mit dem Sommer, als sich Deutschland selbst für seine Willkommenskultur lobte, scheint die Stimmung gekippt zu sein. Es wird an den Kommentaren in der FAZ deutlich. Patrick Bahners Kritik am Affekt gegen den Affekt war jedenfalls ein Einzelstück. Mittlerweile, so heißt es, sei das Band am Reißen, alle seien am Ende ihrer Kräfte, Einsatzkräfte wie auch freiwillig Helferinnen und Helfer (von den Flüchtlingen und deren Kräften ist da ja eher selten die Rede).

In all diesen Debatten fehlt merkwürdigerweise oft die Stimme jener, die oft tagtäglich viele Stunden lang als ehrenamtliche Helferinnen und Helfer dort aushelfen, wo der Staat versagt, wie zum Beispiel vor dem berüchtigten Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) in Berlin. Auch ich stand dort drei Wochen lang jede Nacht und half dabei, Flüchtlinge mit Decken, Wasser und Tee zu versorgen, habe versucht, Flüchtlingen, die oft spät nachts mit Weiterleitungen aus Bayern in Berlin ankamen, noch einen privaten Schlafplatz zu vermitteln, da offizielle Notunterkünfte voll waren und sonst Kleinkinder auf der Straße hätten übernachten müssen.

Die Arbeit dort war und ist anstrengend und fordernd, physisch und emotional. Aber ich habe selten den Eindruck, dass all die Helferinnen und Helfer am Ende ihrer Kräfte sind; wenn, dann sind sie am Ende ihrer Nerven ob der Unfähigkeit der Berliner Behörden. Aus dieser Perspektive eines Helfers möchte ich ein paar Bemerkungen zur gegenwärtigen Diskussion machen.

Ich will mit einer Beobachtung, mit einer kleinen Geschichte beginnen, die sich beim Helfen vor dem LaGeSo zugetragen hat. Es geht um eine Frau, vielleicht um die vierzig Jahre alt, die aus Libyen vor dem dortigen Terror geflohen war. Eine freundliche, lachende und lächelnde Frau. Jedenfalls kam sie zu uns, um mitzuhelfen. Sie half den ganzen Tag, sortierte Spenden. Am nächsten Tag kam sie wieder, wollte wieder helfen, und erklärte in gebrochenem Englisch, ihr „Baby“ wolle auch mithelfen. Nach einiger Verwirrung stellte sich heraus, dass sie von ihrem etwa 17-jährigen Sohn redete, der neben ihr stand, der kein Wort Englisch sprach, und der nun von der Mutter angewiesen Sachen herumtrug und half.

Sie waren beide noch keine zehn Tage in Deutschland und halfen. Am Abend kam sie dann zu uns (wir waren an dem Tag mit anderen Aufgaben beschäftigt), und erzählte von sich und ihrer Familie. Zunächst verstanden wir es kaum, aber zum Glück war ein Übersetzer in der Nähe: Ihr Mann, so berichtete die Frau, war von ISIS enthauptet worden. Mehr muss eigentlich nicht erzählt werden. Wie ihre Aussage wirkte, lässt sich nur schwer im Text wiedergeben. Von einem Augenblick auf den anderen herrschte Stille, inmitten eines allgemeinen Trubels, eine Stille, die nur kurz herrschen konnte. Zumindest ich musste mich schnell wieder einem anderen Gespräch zuwenden, sonst wären mir wohl die Tränen gekommen. Ich glaube, die meisten freiwilligen Helfer haben solche Momente erlebt.

Es soll hier nicht um Seelenstriptease gehen, aber es lohnt sich, bei den emotionalen Reaktionen zu bleiben. Die Tränen kamen später, im Moment der Ruhe. Aber warum? Sicherlich, es war eine grauenvolle Geschichte. Aber grauenvolle Geschichten gibt es zuhauf, man hört sie, man liest sie, man sieht schreckliche Bilder. Es war etwas anderes, was berührte und beeindruckte: die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Frau, trotz all dem, was sie durchgemacht hatte. Es brauchte eine Zeit, bis sich ein Wort für dieses Gefühl fand, und es ist ein Wort, das mir sonst selten in den Sinn kommt: Demut. Übrigens ein zutiefst christliches Gefühl, wenn ich mich nicht irre.

Es war keinesfalls der einzige Moment, in dem ich solches erlebte, aber vielleicht der eindrücklichste. Ein Gefühl von Demut stellte sich auch ein, als wir im Gebäude des LaGeSos, wo Menschen stundenlang warten müssen, Babynahrung verteilten, aber kein Wasser hatten, um das uns eine junge syrische Mutter bat, woraufhin ein Mann aus Schwarzafrika aus der Reihe gegenüber der Frau sein Tetrapack Wasser gab; es stellte sich auch ein, als ein junger Flüchtling aus Afghanistan, der neben Farsi, Dari und Urdu auch exzellentes Englisch spricht, am Tag nach seiner nächtlichen Ankunft sofort bereit stand, um uns als Übersetzer zu helfen; es stellte sich auch ein als ich sah, wie sehr die allabendliche Verteilung der Flüchtlinge auf die Busse, die sie in Notunterkünfte bringen, von einem geflüchteten Syrer abhing, der gerade mal drei Monate in Deutschland ist und nun mit Megaphon der Polizei versuchte, ein wenig Ordnung in das unglaubliche Chaos zu bringen. Allerorten sah ich Flüchtlinge, die kaum in Deutschland angekommen Aufgaben und Verantwortung übernahmen.

Warum ist das alles wichtig? Weil es auf etwas verweist, was in all den Reden zur Flüchtlingskrise fehlt. Oft liest man, in kritischer Absicht, Deutschland habe ein großes Herz, aber es brauche auch politische Ratio. Gemeint ist, dass Deutschland die Grenzen seiner Möglichkeiten erkennen müsse, dass es mit kühlem Kopf handeln müsse, und nicht blind dem guten Gefühl des Helfens folgen könne. Aber diese Gegenüberstellung von Herz und Ratio funktioniert nicht. Sie blendet aus, welche Wirkungen, welche positiven Wirkungen das offene „Herz“ haben kann, jenseits vom ökonomischen Nutzen, den Flüchtlinge vielleicht einmal bringen werden.

Es geht um weniger greifbare Werte. Wird zurzeit von Werten gesprochen, dann werden damit gerne „westliche“ Werte gemeint, Toleranz gegenüber anderen Meinungen und Glauben, Gleichberechtigung von Mann und Frau, von Schwulen, Lesben und Heterosexuellen, demokratische Werte – man kann das bei Winkler nachlesen, oder neuerdings in den Benimmregeln eines Dorfes im Odenwald. Diese Werte, so heißt es, müssten Flüchtlinge, die doch aus einem ganz anderen Kulturkreis kommen, ganz schnell erlernen, sie müssten ihre patriarchalischen Einstellungen dringend hinter sich lassen.

Die Deutschen, andererseits, werden im Moment gerne (und auch zurecht) für ihre Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit gepriesen. Auch mich beeindruckt diese. Aber noch viel mehr beeindruckt mich, wie hilfsbereit Flüchtlinge sind. Ich kann abends in ein warmes Bett, ich kann in ein teures Restaurant, wenn ich keine Zeit zum Kochen habe. Flüchtlinge können das nicht. Ich weiß nicht, ob man Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit auch zu westlichen Werten zählt; aber es gehört zur politischen Ratio, diese Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit zu erkennen und zu benennen.

Um nicht missverstanden zu werden, ich möchte hier kein Bild stets wunderbar hilfsbereiter Flüchtlinge zeichnen. Es gibt auch viele negative Erfahrungen, viel Wut und Frust, an allererster Stelle mit Berliner Behörden, deren Handeln in keiner Weise dazu geeignet ist, Vertrauen in staatliches Handeln zu stiften (denn dazu braucht es Transparenz und Verlässlichkeit, und die gibt es nicht), mit Helfern, denen es eher darum geht, den Kleiderschrank leerzuräumen oder etwas fürs eigene Gefühl zu tun, ohne nachzudenken, und auch mit Flüchtlingen, die aggressiv werden, die uns Helferinnen und Helfer als Juden beschimpfen, die rücksichtslos Kinder bei der Essensausgabe überrennen. So zu tun, als gäbe es diese Probleme nicht, wäre schlichtweg absurd; und es wird ja auch immer wieder über diese Probleme geschrieben. Aber es ist eine kleine Minderheit, mit der es Schwierigkeiten gibt, und es ist kaum verwunderlich, dass nicht immer alles harmonisch abläuft in Anbetracht der Zahlen und der Lage, in der Flüchtlinge leben müssen.

Patrick Bahners stellte sich kürzlich die Frage, wie wohl ein Gedicht beginnen müsste, das ein Flüchtlingskind einem Polizisten schenken könnte. „Ich habe Menschen getroffen“, antwortet er. Wir sollten diese imaginierte Situation auch umdrehen: wie würde das Gedicht aussehen, das der Polizist dem Flüchtlingskind schenken könnte? Oder das die zahlreichen Helferinnen und Helfer den Flüchtlingen schenken könnten? Genauso. „Ich habe Menschen getroffen.“ Das gilt im Schlechten, aber es gilt noch viel mehr im Guten. Ich habe noch nie so viele gute Menschen getroffen, helfende Deutsche, und noch viel mehr Flüchtlinge. Dafür bin ich dankbar; dafür sollten wir dankbar sein.

Ich möchte keine Dankesworte für Helferinnen und Helfer (und damit auch für mich) mehr aus dem Munde von Politikern hören. Ein Wort des Dankes an Flüchtlinge wäre angebracht, in aller Demut. Deutschland wird sich ändern, lese ich in letzter Zeit oft. Selbst bei eigentlich wohlwollenden Menschen, die sich niemals den Parolen von Pegida anschließen würden, hörte ich Sorgen ob der Herausforderungen, die auf Deutschland zukommen. Ich war merkwürdig optimistisch; ich bin es, noch. Ich hoffe, ich glaube, es werden Menschen wie jene libysche Frau, wie jener junge Mann aus Afghanistan, wie der unermüdliche Übersetzer aus Syrien sein, die Deutschland zu einem besseren Land, zu einem freundlicheren Land machen. Es wäre eigentlich ein Grund zur Freude.

3 thoughts on “„Flüchtlingskrise“: Von Demut und Optimismus

  1. „Deutschland wird sich ändern“
    – da stimme ich zu, doch in welche Richtung das geschehen wird, entscheiden wir jetzt. Werden wir Menschlichkeit wählen oder Angst und Neid? Jede Entscheidung hat ihre Konsequenzen ganz direkt auch auf uns. Wählen wir Angst und Neid, dann werden wir genau das am eigenen Leib erfahren, wenn wir alt und krank oder arbeitslos sind und jede Hilfe unseres Sozialstaates durch die Geiz-ist-geil-Mentalität verweigert wird, weil es sich vielleicht nicht mehr „lohnt“, teure Therapien für nutzlose Wesen zu verschwenden, die wir dann sein werden. Wählen wir aber Menschlichkeit, werden wir genau diese Menschlichkeit auch für uns selbst einklagen können.

    „So zu tun, als gäbe es diese Probleme nicht, wäre schlichtweg absurd; und es wird ja auch immer wieder über diese Probleme geschrieben “
    – stimmt – aber so zu tun, als würden die Millionen verzweifelter Menschen sich einfach in Luft auflösen, wenn wir de Grenzen schließen, nach dem Motto „aus den Augen, aus dem Sinn“, wird das Problem auch nicht lösen. Wir benehmen uns wie die Krebskranke, die die Chemotherapie ablehnt, weil ihr die Haare ausfallen werden und dafür die Gefahr auf sich nimmt, an Metastasen zu sterben. Was werden diese Verzweifelten denn tun und was werden die Länder tun, in denen wir diese Menschen zu „parken“ gedenken wie unnützen Ballast?
    Nein, Merkels Entscheidung war zwar menschlich, aber deshalb absolut nicht unvernünftig. Ganz im Gegenteil: Wenn wir nicht so tun, als könnten wir die Erde untertan machen mit Gewalt, wenn wir daran denken, dass das amerikanische Camp Bucca die Terroristen keineswegs bekämpft hat, sondern gerade wegen der dortigen Unmenschlichkeit die Geburtsstätte des Islamischen Staates war, dann wird es uns vielleicht dämmern, dass die einzige Strategie für uns sein kann, die Verzweiflung als Mutter des Hasses zu reduzieren.

    „In all diesen Debatten fehlt merkwürdigerweise oft die Stimme jener, die oft tagtäglich viele Stunden lang als ehrenamtliche Helferinnen und Helfer dort aushelfen “
    – leider scheint der Hass überall stärker als die Menschlichkeit zu sein, so wie Gewalt überall stärker als die Vernunft zu sein scheint. Auf Change.org haben sich Tausende Unterschriften für Merkel-muss-weg-Tiraden gefunden – und keine einzige dafür, sich dafür zu bedanken, dass die deutsche Politik etwas richtig gemacht hat:
    https://www.change.org/p/deutschland-zeigen-wir-solidarit%C3%A4t-mit-merkels-historischer-entscheidung

  2. Nachdem etliche Flüchtlinge mehr oder weniger die EU-Außengrenzen überrannt und sowieso kaum noch aufzuhalten waren, haben Merkel und Co. daraus das Beste für sich, d.h. eine PR-Show, gemacht.

    Während inzwischen das Asylrecht weiter veschärft, d.h. die meisten auch weiterhin in „nützliche“ bzw. „unnütze“ (für die kapitalistische Ausbeutung) sortiert bzw. relativ schnell wieder abgeschoben werden.
    Und die verbliebenen männlichen Flüchtlinge oftmals als Billigstarbeiter z.B. in Schlachthöfen, auf Baustellen usw. landen bzw. einige Frauen in Bordellen enden.

    Jedenfalls haben Ihre idylischen Beschreibungen Deutschlands mit der Wirklichkeit wenig zu tun.

    Mit freundlichen Grüßen
    Flash

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