Von Brüdern und Kameraden: Ist der Salafismus ein Fall für die Antifa?

Die antifaschistische Linke sollte den Salafismus als Gegner ernstnehmen. Sie muss jedoch überlegen, gegen welche salafistischen Strömungen sich ihr Engagement zu richten hat – dabei kann sie von ihrem Wissen über Rechtsextremismus profitieren.

Von Floris Biskamp

Wuppertal im Sommer 2014: Eine Gruppe bärtiger Männer zieht in einheitlich orangenen Warn-Westen mit dem Aufdruck „Scharia-Polizei“ durch die Straßen und filmt sich dabei, wie sie Passantinnen [1] zu „gottgefälligem“ Verhalten ermahnt. Der eigenen Darstellung nach will man nur daran „erinnern“, welche Form der Lebensführung für die Angesprochenen selbst gut ist und sie ins Paradies führt. Dortmund im Sommer 2015: Eine Gruppe deutlich eingehender rasierter Männer zieht in einheitlich gelben T-Shirts mit dem Aufdruck „Die Rechte – Stadtschutz Dortmund“ zu einem Cruising-Parkplatz und filmt sich dabei, wie sie Männer belästigt, die sie verdächtigt, Sex mit Männern zu suchen. Der eigenen Darstellung nach will man unsittliches Verhalten verhindern, um Kinder vor einem schockierenden Anblick zu bewahren.

So groß wie die geographische Nähe des bergischen Wuppertal zum westfälischen Dortmund ist auch die Ähnlichkeit der Ereignisse. Sowohl die Form des Auftretens als quasi-uniformierte Sittenwacht an der Grenze zur Bürgerwehr als auch die Ideologie einer sittlich reinen Gemeinschaft, die gegen Abweichler verteidigt werden muss, als auch die Strategie einer wohl inszenierten, auf Video gebannten und in sozialen Medien verbreiteten Provokation ähneln sich so sehr, dass man getrost davon ausgehen kann, dass die Dortmunder „Kameraden“ sich von den Wuppertaler „Brüdern“ haben inspirieren lassen.

Screenshot aus einem Video der "Sharia-Police"
„Brüder“ nachts in der Stadt (Screenshot aus einem Video der „Sharia-Police“)

Diese Parallelen sind alles andere als akzidentiell und gehen weit über das bloße Kopieren einer Propagandataktik hinaus. Über die ideologische Nähe von Islamismus und Rechtsextremismus wurde schon viel geschrieben. Auch die Ähnlichkeit der Faktoren, die junge Menschen dazu motivieren, sich der einen oder anderen Gruppe anzuschließen, ist unübersehbar: Es ist gut vorstellbar, dass dieselben jungen Männer, die diesen Sommer den deutschen Volkskörper von schwulen Gefahren reinhalten wollen, die muslimische Gemeinschaft gegen alles verteidigen würden, was ‚haram‘ ist, wenn sie nur in den entsprechenden Momenten ihres Lebens an einen Koranverteilungstisch statt an einen rechten Kader geraten wären – und andersherum. [2]

Daher ist Patricia Pielage und Sebastian Weiermann unbedingt in ihrer vor einem Monat in der Jungle World erhobenen Forderung an die antifaschistische Linke zuzustimmen: Wenn es sich bei Salafismus und Neonazismus um in hohem Maße ähnliche Phänomene handelt, sollte die Linke ihre Aufmerksamkeit nicht einseitig verteilen. Sie sollte aufhören, sich auf die altbekannten Neonazis zu konzentrieren und den Salafismus als Gegner ernst nehmen.

Freilich muss die Linke sich dabei einiger Gefahren bewusst sein, auf die auch Pielage und Weiermann verweisen: Wer sich gegen Salafismus engagiert, muss sich davor hüten, in falschen Bündnissen zu enden und der Propaganda von Versicherheitlichung oder antimuslimischem Rassismus [3] das Wort zu reden. Diese Fallstricke sind ernst zu nehmen und es wird noch darüber zu reflektieren sein, wie man sie vermeiden kann. [4]

Im Folgenden möchte ich jedoch zunächst eine andere drängende Frage diskutieren, nämlich die, gegen welche salafistischen Strömungen sich das antifaschistische Engagement spezifisch richten müsste. Wenn man die Frage, ob der Salafismus ein Fall für die Antifa ist, bejaht, muss man als nächstes fragen welcher Salafismus im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen sollte. Um einen ersten Überblick über die verschiedenen Ausprägungen des Salafismus in Deutschland zu erhalten, müssen engagierte Antifaschistinnen glücklicherweise gar nicht alles neu lernen. Im Gegenteil können sie weite Teile ihres Wissens über Organisationsstruktur und Handlungslogiken im Rechtsextremismus auf die salafistische Szene übertragen.

Stadtschutz Dortmund

„Kameraden“ tags im Wald (Screenshot aus einem Video des „Stadtschutzes Dortmund“)

Unpolitische Skinheads mit Bart und ohne Alkohol: Der puristische Salafismus

Zunächst ist es entscheidend zu verstehen, dass Salafismus nicht gleich Salafismus und Salafistin nicht gleich Salafistin ist. Auch wenn manche nun stöhnen mögen: Sogar wenn es um Salafismus geht, ist Differenzierung geboten. Das ist deshalb so wichtig, weil es relativ breite salafistische Strömungen gibt, gegen die antifaschistisches Engagement schlicht fehl am Platze wäre. Ebenso falsch wie die insbesondere in den 90er-Jahren verbreitete Vorstellung, es bestehe eine Identität zwischen „den Skinheads“ und „den Rechtsextremen“, ist die Idee, alle, die sich zum Salafismus bekennen und ein entsprechendes Outfit wählen, seien besonders radikale Islamistinnen.

Insbesondere trifft es nicht für diejenigen Strömungen zu, die in der wissenschaftlichen Debatte als puristischer Salafismus bezeichnet werden. Bei diesem Begriff handelt es sich wohlgemerkt um eine Fremdzuschreibung. Die meisten Salafistinnen ordnen sich selbst keiner spezifischen Strömung zu, sondern verstehen sich vielmehr einfach als Musliminnen sans phrase. Anstatt durch die explizite Identifikation mit einer bestimmten Form des Salafismus werden die inneren Differenzen unter Salafistinnen zumeist durch inhaltliche Positionierungen oder durch den positiven oder ablehnenden Bezug auf bestimmte Prediger und Gelehrte ausgetragen.

Als puristisch-salafistisch sind insbesondere die Anhängerinnen von Predigern wie al-Albani und al-Madkhali zu bezeichnen, die beide in der Entwicklung des Salafismus in Saudi-Arabien entscheidende Rollen spielten. Deren Denken prägt in Deutschland eine Reihe von Moscheegemeinden insbesondere in größeren Städten. Diese Gemeinden sind zwar theologisch radikal, ihnen kann jedoch keine im engen Sinne politisch radikale Gesinnung unterstellt werden. Zwar wird auch hier der Anspruch auf eine wortwörtliche Interpretation der religiösen Quellen erhoben, womit wie bei allen Salafistinnen eine Idealisierung der islamischen Frühzeit einhergeht. Dies hat beispielsweise zur Konsequenz, dass ein stark patriarchalisches Verständnis von Geschlechtlichkeit und Familienleben propagiert wird, in dem Frauen immer nur als Mündel eines männlichen Vormunds existieren – zunächst der Blutsverwandten, dann der Ehemänner. Diese repressiven Normen gelten nicht nur als Leitlinie für das Leben innerhalb der eigenen Gemeinschaft, es wird auch angestrebt, „Da’wa-Arbeit“ zu leisten, also die eigene Moral missionarisch nach außen zu tragen.

Bezogen auf im engeren Sinne politische Fragen zeichnen sich die puristischen Strömungen jedoch durch einen weitgehenden Quietismus aus. Sie rufen dazu auf, sich mit weltlichen Regierungen und Rechtsordnungen zu arrangieren, solange es diese ermöglichen, ein in ihrem Sinne islamisches Leben zu leben und zu propagieren. Und selbst wenn dies nicht der Fall ist, fordern sie eher die Emigration als den Kampf. Dies gilt nicht nur in Bezug auf die Regierungen mehrheitlich islamisch geprägter Länder oder westlicher Einwanderungsgesellschaften, sondern auch in Bezug auf Israel. Hier findet man innerhalb des puristischen Salafismus verhältnismäßig selten Feinderklärungen – weitaus seltener als bei anderen Islamistinnen oder in den diversen säkularen, linken und nationalistischen Bewegungen nicht nur der arabischen Welt.

Dieser Quietismus dürfte zugleich ein Hauptgrund dafür sein, dass der puristische Salafismus in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird. Wer in der Nähe einer entsprechenden Moschee wohnt, wird angesichts von Kaftan, Bart und Verschleierung zwar zu Recht vermuten, dass es sich bei den Nachbarinnen um Salafistinnen handelt, deren unpolitische Lehren dürften dabei jedoch wohl kaum wahrgenommen werden, weil sie relativ unspektakulär sind.

Und obwohl die entsprechenden Strömungen ebenfalls bei youtube und in sozialen Netzwerken vertreten sind, bleiben ihre Aufrufzahlen dort weit hinter denen politisch-radikaler Salafistinnen zurück. Dieser relative Misserfolg ist wenig überraschend, denn der puristische Salafismus hat jungen Menschen vergleichsweise wenig anzubieten: Strenge Regeln für das tägliche Leben mögen zwar einen Teil der Attraktivität des Islamismus ausmachen, aber ohne die politischen Feinderklärungen sind sie doch nicht besonders attraktiv für junge Menschen auf der Suche nach autoritären Welterklärungen und Feinbildern.

In Analogie zum Rechtsextremismus wären die puristischen Salafistinnen entweder wie angedeutet mit unpolitischen Skinheads zu vergleichen – die sehen so aus, wie sich der Alltagsverstand sich Neonazis vorstellt, stehen ihnen politisch aber kaum nahe – oder eben mit apolitischen kulturell-konservativen Milieus der deutschen Mehrheitsgesellschaft – die teilen einige Moralvorstellung der extremen Rechten, machen daraus aber keine im engeren Sinne politische Position.

Aus einer emanzipatorischen Perspektive ist sicherlich zu wünschen, dass der gesellschaftliche Einfluss dieser Konservativen – seien sie ‚islamisch‘ oder einfach nur ‚rechts‘ – möglichst gering ausfällt. Andererseits betrachten einige der Akteurinnen der Anti-Radikalisierungsarbeit den puristischen Salafismus sogar als einen wichtigen taktischen Verbündeten, wenn es darum geht, junge Menschen, die sich bereits innerhalb des Salafismus bewegen, davon abzuhalten, in den Djihad zu ziehen. Diese seien für säkulare oder nichtsalafistisch-islamische Argumente kaum noch zugänglich, sehr wohl aber für die antidjihadistischen Argumente des puristischen Salafismus, die in der ihnen gewohnten Diktion formuliert seien.

Es gibt keinen ersichtlichen Grund, aus dem antifaschistische Gruppen ein solches Bündnis mit Ultra-Konservativen suchen sollten. Ebenso wenig handelt es sich hier jedoch um ein relevantes Aktionsfeld antifaschistischen Engagements. Antifa-Kundgebungen gegen Informationsveranstaltungen oder Grillfeste puristisch-salafistischer Moscheen wären im besten Falle verschwendete Zeit.

 

Freie Kameradschaften mit internationalen Ambitionen: Der djihadistische Salafismus

Auch der am entgegengesetzten Ende des salafistischen Spektrums angesiedelte djihadistische Salafismus kann allenfalls eingeschränkt Gegenstand antifaschistischer Arbeit sein. Die Referenz-„Gelehrten“ dieser politisch-religiöse Gewaltanwendung offensiv befürwortenden Strömungen reichen von Sayiid Qutb bis Usama bin-Laden. Die wohl beste Kennerin der salafistischen Szene in Deutschland Claudia Dantschke hat vorgeschlagen, dieses Spektrum analog zur freien Kameradschaftsszene der extremen Rechten zu betrachten. Es ist davon auszugehen, dass zumindest einige hundert Personen in Deutschland vor allem damit beschäftigt sind, den Islamischen Staat, al-Qaida und vergleichbare Gruppierungen mit Nachwuchs und anderer Unterstützung zu versorgen.

Dies verweist auf einen entscheidenden Unterschied in der Form der Gewaltausübung. Während rechtsextreme Gewalt sich zumeist auf Ziele in Deutschland konzentriert und oftmals in Form von Straßengewalt gegen diejenigen auftritt, die im rechtsextremen Weltbild unerwünscht sind, richtet sich djihadistische Gewalt bislang in erster Linie gegen Ziele außerhalb Deutschlands. Ausbrüche von salafistischer Gewalt auf deutschen Straßen sind bislang nur wenige bekannt: 2012 kam es anlässlich von Pro-NRW-Demonstrationen zu Angriffen auf Polizistinnen in Bonn und Solingen, 2014 zu Übergriffen auf Jesidinnen in Herford sowie auf eine kurdische Demonstration in Hamburg. Es ist gut möglich, dass das Fehlen dieser spontanen Straßengewalt etwas damit zu tun hat, dass Alkohol anders als in weiten Teilen der extremen Rechten keine Rolle spielt und auch andere Männlichkeitsideale vorherrschen.

Seitdem der damalige Bundesinnenminister Friedrich den in Solingen ansässigen Verein Millatu Ibrahim um den Wiener Mohamed Mahmoud und den Berliner Denis Cuspert 2012 verboten hatte, gibt es in Deutschland keine offen agierenden, sich zum Djihadismus bekennenden salafistischen Organisationen mehr. Zahlreiche Mitglieder von Millatu Ibrahim kämpfen heute in Syrien und im Irak für den Islamischen Staat. Nach wie vor spielen Mahmoud und Cuspert dabei wichtige Rollen – wenn ihre Bedeutung auch eher propagandistisch denn militärisch sein dürfte. Die von deutschen Salafistinnen in Syrien und im Irak verübte Gewalt ist verheerend. Insbesondere aufgrund ihrer Sebstmordattentate mussten viele hundert Irakerinnen und Syrerinnen das Leben lassen.

Nimmt man die jüngsten Drohvideos aus Syrien ernst, ist auch davon auszugehen, dass es neben den Aktivitäten zur Unterstützung des Kampfes in Syrien und im Irak auch terroristische Zellen gibt, die Anschläge in Deutschland planen. Ähnlich wie in Bezug auf organisierte rechtsterroristische Gruppen in Deutschland kann hier jedoch wohl nur spekuliert werden, bis es zu spät ist.

Die Bekämpfung dieses offen djihadistischen Salafismus ist zweifellos besonders wichtig und wünschenswert. Bedenkt man jedoch, dass diese Gruppen anders als rechtsextreme Kameradschaften unter hohem Druck von nationalen und internationalen Ermittlungsbehörden klandestin an der Unterstützung international operierender djihadistischer Organisationen arbeiten, wird klar, dass antifaschistische Gruppen hier kaum etwas ausrichten können und sich die Terroristinnenjagd dementsprechend sparen sollten.

 

Aufmerksamkeitsunternehmer als Partei-Ersatz: Der politische Salafismus

Wenn die antifaschistische Linke sich dem Salafismus widmen möchte, dann sollte sie sich auf den zwischen dem puristischen und dem djihadistischen Pol stehenden politischen Salafismus konzentrieren, zu dem in Deutschland mehrere tausend Aktivisten insbesondere in Nordrhein-Westfalen, Frankfurt, Berlin und Hamburg gezählt werden. Der politische Salafismus ist weder bereit, sich quietistisch auf den Aufruf zu einer islamisch-korrekten Lebensführung im Privaten zu beschränken, noch propagiert er offen Gewalt gegen die staatliche Ordnung. Stattdessen verdammt er zahlreiche Staaten und Regierungen – zumindest die säkularen, oft aber auch die nicht-hinreichend-islamischen – als unislamisch und gottlos, ohne explizit zum Kampf aufzurufen. Ob dies aus der Überzeugung geschieht, dass die göttliche Ordnung ohne Gewalt herbeigeführt werden sollte oder ob es sich nur um eine taktische Zurückhaltung handelt, ist in den meisten Fällen nicht festzustellen – was Teil des Kalküls sein dürfte.

Dantschke vergleicht dieses Spektrum mit dem parteipolitische organisierten Rechtsextremismus. Tatsächlich stecken beide in einem ähnlichen Dilemma: Sie müssen sich radikal geben, um Aufmerksamkeit zu erlangen und attraktiv zu sein; gleichzeitig dürfen sie dabei nie so explizit sein, dass sie die Grenzen des Legalen überschreiten würden. Denn ähnlich wie die rechten Parteien, haben viele Akteurinnen des politischen Salafismus etwas zu verlieren.

Ein grundsätzlicher Unterschied zu rechten Parteien besteht jedoch in der Organisationsform. Denn auch wenn zahlreiche Salafistinnen insbesondere in Ägypten und Tunesien ihre traditionelle Abneigung gegen Parteipolitik aufgegeben haben, gibt es in Deutschland keine salafistische Partei und auch keine Anzeichen, dass sich in absehbarer Zeit eine formieren wird. Stattdessen sind die Salafistinnen in mehr oder weniger formalisierten Netzwerken organisiert. Die entscheidenden Repräsentationen dieser Netzwerke und damit die entscheidenden „Marken“ auf dem salafistischen Markt sind nicht Parteilogos, sondern die Gesichter von Prediger – das gilt, obwohl Vereine wie Die Wahre Religion selbst einigen Marken-Wert haben.

Der Kult um eine Reihe hochgradig narzisstischer Führungspersönlichkeiten, die eine intime Kenntnis religiöser Quellen für sich beanspruchen, spielt im Salafismus eine wichtige Rolle. Um die eigene Marke auf dem Markt gut zu positionieren, arbeiten die einzelnen Prediger stets an publicityträchtigen Aktionen. Die „Scharia-Polizei“ war ein Clou des Predigers Sven Lau a.k.a. Abu Adam, die immer neuen Konflikte rund um die „Lies!“-Kampagne zur Verteilung von Koranen werten die Marke von Ibrahim Abu-Nagie auf. Pierre Vogel a.k.a Abu Hamza hat derartig kreative Markenpflege heute kaum mehr nötig, weil die Medien ihn auch ganz ohne sein Zutun im Fokus der Aufmerksamkeit halten.

Dabei stehen die einzelnen Prediger in einer Mischung aus Konkurrenz und Kooperation zueinander. In der Vergangenheit kam es auch unter den prominentesten Predigern immer wieder zu Konflikten, die bis hin zur wechselseitigen Exkommunikation gingen – ein jeder muss sich als der Vertreter des eigentlichen Islam aufspielen, was kaum besser geht als in Abgrenzung von anderen. In den letzten Jahren wurden diese Konflikte jedoch weitgehend beigelegt, so dass die Einzelnen zwar immer noch um Aufmerksamkeit wetteifern, sich aber nicht mehr offen bekämpfen. Das dürfte daran liegen, dass der Markt für salafistische Prediger so groß geworden ist, dass er genug Raum für mehrere Platzhirsche bietet, die sich nun auf die gemeinsame Sache konzentrieren.

Die Tatsache, dass die Erzeugung medialer Aufmerksamkeit zu den wichtigsten Strategien der salafistischen Prediger zählt, muss auch bei Gegenstrategien berücksichtigt werden. Antifaschistisches Engagement sollte möglichst nicht dazu führen, dass diese Leute stärker ins Rampenlicht der Öffentlichkeit rücken und sich dort im schlimmsten Falle noch als Opfer inszenieren können.

 

Der Islamische Staat als Nationalsozialismus des Salafismus

Abu-Nagie, Lau und Vogel stehen für den Rand des politisch-salafistischen Spektrums, dessen Sympathien für den Djihadismus relativ deutlich greifbar sind. Dies wird insbesondere im Verhältnis zum Islamischen Staat deutlich.

Es wäre in vielerlei Hinsicht verfehlt, den Islamischen Staat mit dem Nationalsozialismus auf eine Stufe zu stellen. In der Rolle, die diese beiden totalitären Herrschaftsprojekte für heutige Rechtsextreme bzw. für Salafistinnen spielen, besteht jedoch eine deutliche Analogie. Der historische Nationalsozialismus ist das politische Projekt, in dem die Ideologie der extremen Rechten voll ausgeprägt auftrat, so dass er im Rechtsextremismus weithin bewundert wird. Zugleich ist der NS aber gesamtgesellschaftlich fast völlig verpönt und seine Verherrlichung verboten, so dass Rechtsextreme vor einem Dilemma stehen. Einerseits müssen sie den Nationalsozialismus gutheißen, andererseits müssen sie damit zumindest in der Öffentlichkeit vorsichtig sei.

Die historisch idealisierte Epoche des Salafismus ist – daher stammt der Name – die Zeit der Salaf, der Weggefährten des Propheten Mohammeds und der ersten Generationen nach seinem Tod. Die konkretere historische Bezugsgröße radikalerer salafistischer Strömungen stellt jedoch heute nicht das historische Kalifat dar, sondern das jüngst wiedergegründete, also der Islamische Staat. Wie beim Nationalsozialismus handelt es sich hier um eine moderne Realisierung einer modernen politischen Ideologie. Und ganz ähnlich wie der Nationalsozialismus ist auch der Islamische Staat gesellschaftlich weitgehend verpönt und seine Verherrlichung seit letztem Sommer ebenfalls verboten.

So ergibt sich für den politischen Salafismus ein ähnliches Dilemma wie für den Rechtsextremismus. Es ist davon auszugehen, dass die genannten Prediger den Islamischen Staat zumindest grundsätzlich gutheißen – nicht zufällig ließ Vogel sich mit einem Sweatshirt im IS-Design ablichten, als das genozidale Morden an Jesidinnen in Shingal gerade seinen Höhepunkt erreichte und ein Verbot in Deutschland unmittelbar bevorstand, nicht zufällig stellte er sich fröhlich grinsend mit einer Flasche Bio-Brause der Marke „isis“ vor eine Kamera. Auf die Verbrechen des IS angesprochen, reagieren die Prediger immer wieder ausweichend oder beschränken sich wie Abu-Nagie vor kurzem darauf, diejenigen zu verurteilen, die sich von „den Mujahid“ distanzieren – was auch eine Aussage ist.

Selbst diese Ambivalenz kann freilich schon dazu führen, radikaler gesinnte „Brüder“ zu verprellen, die sich eine offenere Positionierung wünschen. Die um einige Nuancen offener sprechende Konkurrenz steht jederzeit bereit, den nächsten Radikalisierungsschritt zu begleiten.

 

 

Die Grenzgänger als die größte Gefahr

Genau hierin besteht die größte Gefahr, die von den Aufmerksamkeits-Unternehmern des politischen Salafismus ausgeht. Sie sind in der Lage via Facebook, Youtube und Twitter jederzeit hunderttausende vor allem junger Menschen zu erreichen. Und vielen, die sich auf die eine oder andere Art und Weise für den Islam interessieren oder sich selbst als Muslime verstehen, erscheinen diese Prediger als Autoritäten, von denen man erfahren kann, was der eigentliche Islam ist.

Der größte Teil dieser jungen Menschen wird dabei nur eine Weile mit dem Verbotenen spielen, ohne daraus weitere Konsequenzen für die eigene Lebensführung zu ziehen – ganz ähnlich wie viele derjenigen, die sich kurz von rechtsextremer Musik faszinieren lassen. Jedoch finden sich immer und immer wieder auch solche, bei denen die Faszination nachhaltig ist. Die meisten wären wohl kaum bereit, direkt zu Gruppen zu stoßen, die explizit zur Gewalt aufrufen. Die großen Aufmerksamkeitsunternehmer mit ihren relativ offen interpretierbaren Aussagen wirken dagegen auf viele zunächst eher anziehend als abschreckend. Einigen reicht diese Ambivalenz nicht lange, so dass sie sich dann dem Djihadismus zuwenden. Ob die prominentesten Prediger dies nur billigend in Kauf nehmen oder ob sie es – wie mit guten Gründen immer wieder gemutmaßt wird – aktiv unterstützen, kann nicht bewiesen werden. Sicher ist, dass der salafistische Weg nach Syrien und in den Irak seinen Anfang immer wieder im Umfeld politisch-salafistische Prediger nimmt.

 

Antifa, recherchieren Sie!

Wenn die antifaschistische Linke die salafistische Herausforderung annehmen will, sollte sie ihre Aufmerksamkeit dementsprechend auf diesen djihadismusaffinen Rand des politisch-salafistischen Spektrums fokussieren. Hier könnte sie die Arbeit fortsetzen, die gegen den Rechtsextremismus ihre wertvollste ist: Strukturen, Akteurinnen und Orte sichtbar machen und gegen Propagandaveranstaltungen mobilisieren. Zu wenig zu tun gibt es nicht – denn auch die nicht-salafistischen Islamistinnen etwa aus dem Umfeld der AKP verdienen dieser Tage erhöhte Aufmerksamkeit.

All dies ist zu wichtig, um es den Verfassungsschutzbehörden zu überlassen.

Edit:
Weil dieser Begriff zu einigen Missverständnissen geführt hat, sei noch einmal erläutert, was im Artikel mit „im engen Sinne politisch“ gemeint ist.
Im weiten Sinne des Wortes kann jegliche Aushandlung von Machtrelationen als politisch bezeichnet werden, auch wenn sie in dem herkömmlich als privat bezeichneten Bereich stattfindet. In diesem Sinne ist es immer politisch, wenn jemand den religiös oder säkular-moralisch begründeten Anspruch erhebt, Frauen sollten dies tun, Männer jenes lassen.
Dem traditionelleren, engen Politikbegriff zufolge ist dagegen nur dasjenige Handeln als politisch zu bezeichnen, das auf die allgemeinverbindliche Durchsetzung bestimmter Normen durch Zwangsmittel zielt – im obigen Beispiel also ein Handeln, das durch private oder staatliche Gewalt Frauen zwingen will, dies zu tun, und Männer, jenes zu lassen.
Die Einführung des weiteren Politikbegriffes ist eine entscheidende Errungenschaft, die insbesondere feministischen und poststrukturalistischen Interventionen zu verdanken ist. Gäbe man den engen Begriff deshalb aber ganz auf, verlöre man ein wichtiges begriffliches Mittel der Gesellschaftsanalyse. Daher empfiehlt es sich Politik im engen und im weiten Sinne in ihrem wechselseitigen Verhältnis zu denken.
Ein Beispiel: Wenn christliche Gruppen Abtreibung oder gleichgeschlechtlichen Sex als Sünde bezeichnet, ist das in einem Weiten Sinne ohne Zweifel politisch, weil dabei die Macht von Männern über weibliche Körper sowie heterosexuelle Privilegien gefestigt werden. Deshalb sollte es – ebenso wie die Geschlechterpolitik des puristischen Salafismus – Gegenstand der Kritik sein. Im engeren Sinne politisch würde das Handeln der entsprechenden christlichen Gruppierungen jedoch erst, wenn sie darauf zielen, diese Machtansprüche mit Gewalt durchzusetzen, sei es durch eine private Sittenwacht, sei es durch revolutionäre Bestrebungen, sei es durch Lobbying und parlamentarische Initiativen.
Herrschaftskritik sollte sich der Verbindung beider Politiken bewusst sein. Wenn aber die christliche Gruppe A betont, gleichgeschlechtlicher Sex und Abtreibung seien Sünde, was aber jede einzelne selbst mit Gott ausmachen müsse, während die christliche Gruppe B vom Staat das Verbot der Praktiken fordert, sollte klar sein, wo die Intervention gegen diese Politiken dringender ist. Dies gilt umso mehr, wenn Gruppe A fast keinen, Gruppe B dagegen beachtlichen Einfluss hat.

 

 

[1]     Der Einfachheit halber verwende ich in diesem Beitrag das generische Femininum. Wenn es der Kontext nicht anders impliziert, schließen weibliche Formen alle ein, unabhängig davon, ob sie sich als weiblich identifizieren. Männer sind immer mitgemeint.

[2] Hier gilt freilich die Einschränkung, dass viele Anhängerinnen des Salafismus im deutschen Rechtsextremismus keinen Platz hätten, weil sie in dessen rassistischer Ideologie als minderwertig gelten.

[3] Bedenkt man all diese Ähnlichkeiten von Salafismus und Rechtsextremismus, ist es auffällig, wie ungleich beide Seiten in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Paradigmatisch ist, wie aufgeregt die Reaktionen auf die „Scharia-Polizei“ waren und wie gering sie gemessen daran in Bezug auf den „Stadtschutz Dortmund“ ausfallen. Man könnte freilich hoffen, dass es sich um einen Lernprozess handelt und man heute nicht ganz so leicht auf die Propaganda-Aktion in Dortmund hereinfällt wie letztes Jahr auf die in Wuppertal. Jedoch ist wohl auch davon auszugehen, dass die Asymmetrie weniger rationale Ursachen hat, nämlich den antimuslimischen Rassismus, der die öffentliche Debatte auch über den Salafismus verzerrt. Eine antifaschistische Linke sollte bemüht sein, diese Verzerrung nicht weiter verstärken.

[4] In Bezug auf die Gefahr des antimuslimischen Rassismus sei auf meine Reflexionen nach den Massakern von Paris im Januar 2015 verwiesen.

10 thoughts on “Von Brüdern und Kameraden: Ist der Salafismus ein Fall für die Antifa?

  1. Hmm… Der Text ist eine Qual, auch wenn er inhaltlich sehr interessant ist. Muss die zwanghafte Verwendung von pseudo-intellektuell klingenden Begriffen wie ‚ak­zi­den­ti­ell‘ anstatt ‚zufällig‘ sein? Und wenn man schon Feminisierung benutzen will (ist zwar grausam zu lesen, aber was solls…), sollte man es konsequent machen… (Prediger, Gelehrte, Nachbarn aber auch Salafisten taucht mehrfach auf…)

    1. Danke für den Hinweis. Die männlichen Formen bei Gelehrte und Prediger sind Absicht, die gibt in den genannten Bezügen es nur in männlich.

  2. „Über die ideologische Nähe von Islamismus und Rechtsextremismus wurde schon viel geschrieben.“
    Was das Geschreibsel nicht unbedingt richtiger macht. Allein schon eine historische Betrachtung belehrt hier jeden eines Besseren. Ein paar Schnittmengen reichen halt nicht. Rechtsextremismus und speziell der dt. Nationalsozialismus setzt im Grunde immer auf Exklusion. Der Salafismus betreibt eher eine inklusive Strategie, weswegen die unterstellte Nähe völliger Blödsinn ist.

    Ferner gibt es einen erheblichen Unterschied zwischen der „Sharia-Police“ und dem „Stadtschutz Dortmund“. Die Schariapolizei nimmt die Mehrheit der dt. Gesellschaft nicht ernst oder begegnet ihr gar feindlich. Allerdings ging in BaWü z.B. die bürgerliche Mitte sehr wohl gegen die Vorstellung homosexueller Lebenskonzepte im dortigen Schulunterricht auf die Straße. Rechte Rassismen und Diskriminierungen sind immer noch bis weit in die Mitte der Gesellschaft verbreitet; „Homo“ und „Schwule Sau“ sind immer noch Schimpfwörter. Auch stellt die Bemerkung, dass der Nationalsozialismus weitgehend verpönt sei, ein Understatement dar. Der Nazi-Begriff stellt lediglich ein Tabu dar, weswegen hier versucht wird, seine Definition zu modifizieren. Allerdings darf es für Antifa keine Rolle spielen, ob sich der Nazi noch Nazi nennt oder auch nicht. Wirklich verpönt sind allenfalls rechte Prolls mit Glatzen, Springerstiefeln und Bomberjacken.

    Mit extremen Randgruppen muss unsere Gesellschaft lernen zu leben. Die stellen kaum ein wirkliches Problem für die Gesamtheit dar. Der Rechtsruck in der MITTE der Gesellschaft ist die eigentliche Gefahr. Weswegen sich nun Antifa die Minderheit in einer Minderheit zum Feindbild aussuchen sollte, wird mir daher nicht klar.

  3. Ein Hinweis: Gelegentlich kommt es auch zu räumlichen Überschneidungen zwischen offen agierenden Salafisten und Rechtsextremisten wie den Autonomen Nationalisten: Im beschaulichen Köln-Esch/Pesch wohn(t)en sowohl der radikale Prediger und Koranverschenker Abu-Nagie (in einem schicken Reihenhaus; er erhielt sehr lange Sozialhilfe) wie auch eine ca. 15 Personen umfassende Gruppe Autonomer Nationalisten (die mehrheitlich aus bürgerlich-wohlhabenden Familien stammen; lange gehörten einige von ihnen z.B. der örtlichen Feuerwehr angehörten, bis sie dort durch Aufklärungsarbeit hinausgeworfen wurden. Erwähnung verdient auch der Umstand, dass die Mitglieder dieser Gruppe(n) ausschließlich Männer waren. Von Übergriffen zwischen diesen scheinbar so unterschiedlichen, nahezu Tür an Tür wohnenden, Extremisten ist nichts bekannt geworden. Einige Links: http://www.ksta.de/koeln/salafisten-razzia-bei-ibrahim-abou-nagie,15187530,16383672.html

    http://www.ksta.de/chorweiler/islamismus-razzia-bei-koelner-salafisten,15187566,16711550.html

    http://www.ksta.de/chorweiler/rechtsextremismus-aus-gutem-hause-und-gewaltbereit,15187566,22676626.html

    https://linksunten.indymedia.org/node/45575

    http://www.report-k.de/Politik/Koelnpolitik/Esch-gegen-rechts-Interview-mit-Hendrik-Puls-zu-rechten-Aktivitaeten-im-Veedel-6423

  4. Natürlich sollte man grundsätzlich alles differenziert betrachten, egal worum es sich handelt… Doch ich möchte auch anmerken, das mir als Frau relativ wurscht ist, ob es sich um politischen, theologischen oder puristischen Salafismus handelt – eben weil, wie sie oben schreiben, das Patriachat vorherrscht und die Frau an sich in beiden Gruppierungen recht wenig bis garnichts ‚zu melden‘ hat. Aus diesem Grund stört mich auch das im Artikel verwendete generische Femininum. Natürlich gibt es auch Frauen, die diesen Gruppierungen angehören und die jeweilige Meinung vertreten…aber die, die öffentlich auftreten und zB Korane verteilen oder als ‚Scharia-Polizei‘ auftreten, sind zu 100% männlich. (Davon abgesehen laufen auch bei den so genannten Bürgerwehren zum grössten Teil Männer mit…)
    Ich bin wahrlich keine ‚Vollblutfeministin‘ und in vielen Fällen geht mir die ganze Genderdiskussion etwas übers Ziel hinaus. Aber gerade in diesem Artikel stösst mir, ob des Themas, die durchgängig feminine Schreibweise säuerlich auf. Davon ab bin ich grundsätzlich der Auffassung, dass jeder glauben soll was er will, solange er niemanden sonst damit belästigt – egal ob Salafist, Christ, Zeuge Jehovas oder sonstwas. Zu ’nicht belästigen‘ gehört aber, meiner Meinung nach, auch, das man andere Leben lässt wie sie möchten…eben auch die Frauen, Homosexuellen oder Andersgläubigen. (Davon kann sich allerdings keine mir bekannte Religion völlig freisprechen)… Ob das ‚ein Fall für die Antifa‘ ist? Das muss denke ich jede Gruppe für sich entscheiden – aber ich denke als Antifa muss man nicht zwinged nur dann agieren, wenn der ‚Gegner‘ sich politisch engagiert – man kann auch gerne allgemein eingreifen, wenn eine Gruppierung unterdrückt wird. Und wenn eine theologische Unterdrückung stattfindet, dann bitte schön.

  5. Definiere bitte „ein Fall für die Antifa“. Wie darf man sich den „Zuständigkeitsanspruch oder -Bereich“ denn so vorstellen?
    Was wäre im Falle des Falles?

    Wie wäre es, mal für etwas, anstatt immer gegen etwas zu „kämpfen“?

    Lustig wirds in dem Moment, wenn irgendwer dann qua gemeinsamem „Feindbild“ ganz neue „Querfronten“ unterstellt.
    Ich sehe schon die Schlagzeilen: „Antifa handinhand mit Pegida und Hogesa gegen Salafisten.“

    Mein Verständnis von Antifa ist jedenfalls ein gänzlich anderes.

  6. Was versteht der Autor unter Antifa? Ein linksradikales SEK? Salafismus ist eine reaktionäre Ideologie und gehört in all seinen Formen bekämpft, aktiv auf der Straße oder ideologisch in den Köpfen, egal wo, ob in der „Mitte“ oder am „Rand“ der Gesellschaft, so wie auch die Rechten und der Kapitalismus…zumindest wenn man Antifa als emanzipatorisches Projekt begreift.und der Vergleich der Salafistenszene mit den Rechtsextremen wirkt schon sehr bemüht…

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