Ausflug in die DDR

 

Thälmannpark3

Martin Jander, Mitarbeiter in einem Projekt zur Geschichte des linken deutschen Terrorismus und seinen internationalen Verbindungen am Hamburger Institut für Sozialforschung, hat vor wenigen Wochen einen historischen Reiseführer mit dem Titel „Berlin (Ost) – 1945 – 1990“ publiziert. Jander hat in seinem früheren wissenschaftlichen Leben die Geschichte von Oppositionellen in der DDR erforscht. Er arbeitete längere Zeit im „Forschungsverbund SED-Staat“ an der Freien Universität Berlin. Als jedoch sein Forschungsverbundskollege Bernd Rabehl 1998 rechtsradikale Pamphlete veröffentlichte, trennte sich Jander von der Gruppe. Für publikative.org schrieb er vor allem über die RAF und über revisionistische Formen der DDR-Aufarbeitung. Ein Interview zu seinem aktuellen DDR-Reiseführer.

Warum beschäftigst Du dich mit dem Thema?

Martin Jander: Während meines Studiums in West-Berlin habe ich mich am Ende der 70er Jahre in eine Frau aus Ost-Berlin verliebt, die, wie ich, Songs von Wolf Biermann mochte. Sie hat mich mit vielen DDR-Bürgerrechtlern bekannt gemacht. Mit ihr fuhr ich im Frühjahr 1981 zu Freunden nach Warschau. Wir besuchten Solidarnosc. Eine ganz neue Welt für mich. Seit dieser Zeit haben mich die Themen DDR und Osteuropa nicht mehr losgelassen. Die Stasi schrieb über mich: „Person dekadentes äußeres (sic!), aber höfliches Auftreten.“ Bis heute schäme ich mich, dass ich da offenbar höflich war! Die Liebe endete, das politische und intellektuelle Interesse aber blieb. Wir hatten ein kleines Netzwerk von Freunden aus Ost- und West-Berlin. Ab 1984 hat mich die DDR nicht mehr einreisen lassen. Aber dann fiel ja die Mauer. Ich habe dann sogar meine Doktorarbeit zum Thema DDR-Opposition geschrieben, die von linken DDR-Bürgerrechtlern sehr heftig kritisiert wurde.

Warum wurdest Du kritisiert?

Jander: Ich habe eine kleine Gruppe von DDR-Dissidenten beschrieben, die im Herbst 1989 eine „Initiative zur Gründung unabhängiger Gewerkschaften“ (IfUG) gründeten. Als sie sich vor zustimmenden Anfragen nicht retten konnten, versuchten die Initiatoren die Gründung aber mit allen Mitteln zu verhindern, denn die Menschen, die zu ihnen kamen, hatten das westdeutsche Gewerkschafts- und Betriebsratsmodell im Kopf. Ich habe das absurde Verhalten der Initiatoren der IfUG vor dem Hintergrund der DDR-Oppositionsgeschichte interpretiert, die, anders als in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei, in den 70er und 80er Jahren keine wirkliche Hinwendung zum Modell der westlichen Demokratie kannte. Als die DDR zusammenbrach, hielten viele DDR-Oppositionelle an einem „dritten Weg“ fest und orientierten sich nicht entschlossen am Aufbau einer demokratischen Gesellschaft. Mein schärfster Kritiker aus der linken Bürgerrechtler-Szene nannte mich „NATO-Philosoph“. Aber auch viele andere nahmen mir übel, dass ich in der Arbeit gezeigt habe, wie nahe die Konzepte der kleinen linken DDR-Opposition den Vorstellungen der SED waren.

Was kann man mit Deinem Buch anfangen und für wen ist es nützlich?

Jander: Verreisen, anschauen, lesen und nachdenken sind Grundbedürfnisse moderner Menschen. Wer sich für die DDR interessiert und in Berlin weilt, der kann mit meinem Buch viele ihrer wichtigen Spuren mehr oder minder chronologisch von der militärischen Niederlage des Nationalsozialismus bis zum Herbst 1989 erwandern und anschauen. Ein bildungshungriger Mensch findet außerdem Hinweise dazu, wie er sich die Dinge und Personen, die schlecht musealisiert sind, erlesen kann. Außerdem isst und trinkt der moderne Mensch gerne beim Nachdenken, manche hören auch gerne Musik dabei. Auch dazu gibt es Tipps und Hinweise. Das Buch lässt sich auch gut in der politischen Bildung und im Unterricht zur Vorbereitung von Unterrichtsstunden und Bildungsreisen gebrauchen. Wer mag, kann auch mit mir in Kontakt treten und Stadtspaziergänge, Begegnungen mit Zeitzeugen oder ganze Seminare buchen. Ich betreibe seit einiger Zeit die Stadtführungsagentur „Unwrapping History“.

Was hast Du bei der Recherche für den DDR-Reiseführer gelernt?

Jander: Je intensiver und länger ich mich mit der DDR beschäftige, umso klarer wird, wie ähnlich die DDR den anderen beiden Nazi-Nachfolgegesellschaften gewesen ist. Ähnlich aber doch anders als die Bundesrepublik und Österreich musste die DDR mit der Nazi-Vergangenheit umgehen, hat sie teilweise angenommen, aber auch abgewehrt und unter den Teppich gekehrt. Die rabiate Feindschaft gegenüber Juden und der Antizionismus der DDR, bis hin zur Unterstützung und Bewaffnung der Feinde Israels und der gesundheitlichen Pflege palästinensischer Terroristen wie z. B. Wadi Haddad, ist ein bis heute nicht wirklich gut wahrgenommener Skandal. Leider folgt der große Strom der DDR-Forschung nicht dem Ansatz des Vergleichs dreier verschiedener nach-nationalsozialistischer Gesellschaften, der von Werner Bergmann, Rainer Erb und Albert Lichtblau in einem Band mit dem Titel „Schwieriges Erbe“ (1995) entwickelt und so ähnlich vom Historiker Jeffrey Herf in seinem Buch „Zweierlei Erinnerung“ 1998 weiterentwickelt wurde. Ich forsche in dieser Richtung aber weiter.

Warum sollte man die DDR überhaupt in Erinnerung behalten?

Jander: Als ich mich in Ost-Berlin verliebte, war ich ziemlich links und liebte die Lieder und Texte von Wolf Biermann. Heute bin ich nicht mehr so links wie damals, liebe sie aber immer noch. Wolf Biermann und viele andere in der DDR – zum Beispiel Paul Merker, Helmut Eschwege, Stefan Heym, Victor Klemperer, Robert Havemann, Rudolf Schottlaender, Anetta Kahane – stritten schon damals für etwas, das wir heute mit Udo Lindenberg eine „Bunte Republik Deutschland“ nennen würden. Ich glaube es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass die DDR das ganze Gegenteil einer solchen bunten und demokratischen Republik war. Und so sehr wie der Islamismus etwas mit dem Islam zu tun hat, so sehr hatte die DDR natürlich auch etwas mit den politisch linken deutschen Traditionen zu tun. Das bleibt neben der Erinnerung an die Opfer dieser „Diktatur sowjetischen Typs“, so der tschechische Politiker und Politologe Zdenek Mlynar, bis heute eine wichtige Denkaufgabe.

Martin Jander, Berlin (Ost) 1945 – 1990, Halle 2015, 192 S., 12.95 €uro, ISBN 978-3-95462-445-4

Stadtspaziergänge Unwrapping History

Siehe auch:  Vereint gegen Israel? Die DDR und der Linksterrorismus