Antirassismus gegen Israel? Über den frustrierenden Gegensatz zwischen Rassismuskritik und Antisemitismuskritik

Das Kreuzberger Festival gegen Rassismus bietet keinen Vortrag gegen Antisemitismus, aber gleich zwei gegen Israel. Damit reproduziert es einen für die deutsche Linke typischen Gegensatz zwischen Rassismus- und Antisemitismuskritik.

Von Floris Biskamp

Man kennt das: Es gibt in Deutschland keine Hetze mehr, sondern nur noch „Kritik“. Wer mit Fackeln vor Flüchtlingsunterkünften aufmarschiert, ist ein „Asylkritiker“, wer alle hasst, die nicht in den eigenen heterosexistischen Kram passen, ist ein „Genderkritiker“, wer gegen Muslime hetzt, ein „Islamkritiker“ und wer die Grundübel der Welt immer zuerst unter Juden sucht, nur ein „Israelkritiker“.

So weit, so schlimm, so altbekannt. Ebenso bekannt ist leider, dass es sich bei „Islamkritik“ und „Israelkritik“ auch um feste Größen in je unterschiedlichen linken Strömungen handelt. Auch das wäre ohne weiteres zu verkraften – schließlich muss man sich ja nicht mit allen abgeben, die Teil dieser Linken sind.

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Wirklich frustrierend und schwer zu verkraften ist aber, dass sich dabei ein Gegensatz zwischen einer für Rassismus blinden, aber dafür selbst „islamkritischen“ Antisemitismuskritik auf der einen Seite und einer für Antisemitismus blinden, aber dafür selbst „israelkritischen“ Rassismuskritik auf der anderen herausgebildet hat. Zwischen diesen Polen gibt es nur allzu wenig Raum für kritische Positionen, die sich gegen jeden Rassismus – auch den antimuslimischen – und gegen jeden Antisemitismus – auch den israelbezogenen – richten.

In der jüngeren Vergangenheit hatte ich immer wieder mit rassistischen Eskapaden von Teilen der antisemitismuskritischen Szene zu tun, nun begegnete mir wieder einmal sein Gegenstück: antirassistisch daherkommende „Israelkritik“, nämlich in Form des heute beginnenden Festivals gegen Rassismus in Kreuzberg. Der erste Blick auf das Programm lässt einen ernsthaft zweifeln, dass es hier wirklich um Rassismus geht.

Als erster inhaltlicher Punkt wird eine Doppelveranstaltung beworben, bei der zunächst Ruth Fruchtmann von der Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost über „Geschichte und Entwicklung des Zionismus“ referiert und anschließend Renen Raz von der Gruppe Boycott from Within Informationen zu „Rassismus, Militarismus, Homophobie in Israel und die Boykott Bewegung“ liefert. Kurzum: Man hat sich Jüd_innen bzw. Israelis gesucht, um sich mit gutem Gewissen erklären zu lassen, wie schlimm Israel ist und dass man es boykottieren sollte.

Sowohl die Jüdische Stimme als auch Boycott from Within liefern den Freund_innen des israelbezogenen Antisemitismus seit einigen Jahren mit großer Regelmäßigkeit die dringend benötigten jüdischen Feigenblätter – denn wenn man jüdische oder gar israelische Redner_innen einlädt, kann die eigene „Israelkritik“ ja gar nicht antisemitisch sein. Einige meiner besten Freunde sind…

Das führt zwar manchmal dazu, dass ein antisemitisches Publikum, das von den umsichtigen Organisator_innen eingeladene Feigenblatt von der Bühne scheucht, aber es ist dennoch eine bewährte Strategie. Genauso bewährt ist sie natürlich auch bei den Freund_innen des antimuslimischen Rassismus, die sich die „Islamkritik“ am liebsten von (Ex-)Muslim_innen wie Hamed Abdel-Samad oder Ayaan Hirsi-Ali erklären lassen – aber das Problem der Alibi-Figur sieht man nur auf der jeweils anderen Seite.

Nachdem ich es beim dritten Blick in das Programm geschafft habe, über den ersten Punkt hinauszukommen, fallen mir freilich auch zahlreiche Veranstaltungen auf, die den Kurzbeschreibungen nach zu urteilen absolut unterstützenswert sind. Hier geht es um antirassistische Praxis im besten Sinne, um Selbstorganisation, Empowerment, Geschichtspolitik und vieles mehr.

Ein Thema fällt jedoch bezeichnenderweise auch beim vierten und fünften Blick nur durch seine Abwesenheit auf. Die Veranstaltung gegen Israel, ist in der Tat die einzige mit einem ersichtlichen Bezug zu Antisemitismus. Dabei gäbe es dieser Tage genug Gründe, auf einem Festival gegen Rassismus auch Antisemitismus zu thematisieren.

So kam es in Europa in den letzten Jahren zu einem antisemitischen Massaker nach dem anderen – erinnert sei an die Morde von Toulouse, Burgas, Brüssel, Paris und Kopenhagen. Im Sommer 2014 zogen zahlreiche Demonstrationen mit Parolen wie „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“, „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein“ oder „Khaibar, Khaibar ya yahud! Jaisyu muhammad saufa ya’du!“ (“Khaibar, Khaibar, oh Ihr Juden, Mohammeds Heer wird bald wieder kommen!“) durch deutsche Städte– am lautesten natürlich durch Berlin. Im selben Zeitraum liefen die sozialen Netzwerke vor antisemitischer Hetze über und es kam zu zahlreichen Anschlägen auf als jüdisch identifizierte Einrichtungen und Personen. Eine detaillierte Chronik antisemitischer Vorfälle erstellt die Amadeu-Antonio-Stiftung.

Da sollte man meinen, ein Kreuzberger Festival gegen Rassismus würde das Thema aufnehmen. Aber nicht in der deutschen Linken im Jahr 2015. Hier muss man sich allzu oft entscheiden: Entweder ist man gegen Rassismus und gegen Israel oder man ist gegen Antisemitismus und gegen den Islam. An einem dritten Weg scheinen die Organisator_innen des Festivals ebenso wenig interessiert zu sein wie die „islamkritischen“ Kritiker_innen des Antisemitismus auf der anderen Seite.

14 thoughts on “Antirassismus gegen Israel? Über den frustrierenden Gegensatz zwischen Rassismuskritik und Antisemitismuskritik

  1. Das Problem wäre schnell keins mehr, wenn Israel seine Besatzung endlich aufgäbe und sämtliche Gebiete räumte, die ihm nicht gehören. Da es sich als selbsternannter weltliche Arm Einrichtung aller Juden der Welt versteht, ist nur natürlich, dass sich Juden, die mit der Besatzung nichts zu tun haben wollen, klar und deutlich davon distanzieren. Ihnen kann man gar nicht genug Platz zur Darstellung ihrer Meinung einräumen, will man Antisemitismus entgegen treten.

    1. In Anbetracht dessen, was aktuell in der arabisch-islamischen Welt passiert – glauben Sie wirklich, dass „Das Problem wäre schnell keins mehr, wenn Israel seine Besatzung endlich aufgäbe und sämtliche Gebiete räumte, die ihm nicht gehören“??

    2. Na klar, Peter Wild, Judenreine Gegenden in der Welt zu verlangen ist kein Antisemitismus.
      Und na, klar, der Bau von Häusern und Infrastruktur ist VIEL gefährlicher für einen Frieden als der Abwurf von Bomben oder das Entsenden von Selbstmordattentätern.
      Und, klar- das hat es noch nie gegeben, dass Menschen in einem Land eingeschlafen sind und in einem anderen Land aufwachten. Wenn also das Westjordanland (Eigentlich: „Judäa“, sicherlich, weil dort Juden nie waren) endlich Israel akzeptiert und Frieden hält, ergo auch einen eigenen Staat bekommt, (wie Netanyahu wieder mal angeboten hat) dann leben diese Siedler eben in einem anderen Land – hat’s in der Welt schon häufiger gegeben, in Ungarn, in Kroatien, in Österreich, in Italien und und und.
      Aber natürlich, ich verstehe: 20% Juden sind echt zu viel für die arme Gegend. (Komisch nur, dass es sowohl im Westjordanland als auch in Gaza NUR dann Menschenwürdiges Leben gibt und gab, wenn da Juden mit dabei waren. Ohne Juden steigen Tod im Kindbett , steigt die Arbeitslosigkeit, sinkt die Lebenserwartung und die Gesundheitszahlen, ohne Juden sinkt der Wasserverbrauch, sinkt alles – ausser einem: das Geld in den Taschen der Hamasführer. )

      Was für eine peinliche, dumme Ausrede für Antisemitismus: Die Siedler sind Schuld, nicht die Bombenwerfer. Na, klar.

    3. Bullshit, this is cloud coocooland thinking. There was Antisemitism/Judenhass long before there was an Israel or an Israeli occupation

    4. Sippenhaft – oder was, wie kann man so nen Bullshit von sich geben.

      Das nennt sich separatistischer Antisemitismus.

      Zum Artikel: ich finde es ja immer wieder verblüffend, was Biskamp so alles sieht oder wahrnimmt. Und auch, wie pauschalisierend er zum einen vorgeht, wo er zum anderen Differnzierung erwartet.

  2. Schon der Ausgangspunkt ist falsch: „Es gibt in Deutschland keine Hetze mehr, sondern nur noch „Kritik“.“ Was ist denn mit den vielen „Diagnosen“ von „Phobien“ wie Xenophobie, Homophobie und Islamophobie, mit der alles von Kritik bis Hetze – die intelligente Menschen durchaus unterscheiden können – zum Fall für die Psychiatrie gemacht werden soll? Dann kann ja gar nichts daran richtig sein.

    „Jüdische Stimme“ und „Boycott from Within“ mögen „jüdische Feigenblätter“ liefern, aber wer „sich die „Islamkritik“ am liebsten von (Ex-)Muslim_innen wie Hamed Abdel-Samad oder Ayaan Hirsi-Ali erklären“ lässt, handelt genau anders, nämlich mit Argumenten von außen, die zeigen, dass niemand drin bleiben muss. Würde man mit dieser Versagerin, der als Lehrerin in Dinslaken die DjihadistInnen weggelaufen sind, den Islam kritisieren, dann wäre das Kritik von innen.

    Kritik von innen zu beobachten, ist attraktiv und unterhaltsam. Auch Außenstehende haben selbstverständlich das Recht, sich daran zu bedienen. Um zu begründen, warum es besser ist, außen zu stehen, taugt aber nur das Zeugnissen von Leuten, die ein Milieu verlassen haben – z.B. von Ex-ScientologInnen, die man ja auch gern heranzieht, wenn sie überlebt haben. Wen sollten denn, Floris Biskamp, IslamkritierInnen als ZeugInnen heranziehen?

    Was die Kritik an dem Kreuzberger Festival gegen Rassismus angeht, steckt darin viel Wahres, es ist schade, dass es mit einem so blinden Rundumschlag verbunden wurde.

  3. Es muss alles auf den Tisch, meine Meinung.
    Lasst mal jemanden mit Kippa auf dem Kopf durch das nächte Flüchtlingsheim spazieren, Freiwillige vor. Dann werdet ihr sehen, was passiert.

  4. Sehr interessanter Beitrag; ich stimme mit fast allem überein, habe jedoch ehrlich gesagt ein Problem damit, Anhänger von Hamed Abdel-Samad als Freunde des antimuslimischen Rassismus zu bezeichnen. Sein letztes Buch zum islamischen Faschismus fand ich ziemlich überzogen, sein Werk aus dem Jahr 2010 „Untergang der islamischen Welt“ hingegen ist sehr lesenswert. Es gibt auch auf YouTube viele längere Einzelinterviews mit ihm (damit meine ich keine Talkshowauftritte).

    Hälst du das, was er sagt, tatsächlich für antimuslimischen Rassismus bzw. Hetze gegen Muslime? Lass mich anders fragen (das zielt auch auf den ersten Abschnitt deines Textes): Was ist für dich legitime Kritik an bestimmten Ausprägungen bzw. Interpretationen des Islam und was ist für dich Islamhetze?

  5. Der Artikel basiert auf einigen Denkfehlern, die in den üblichen Unterstellungen münden.
    Nur kurz: das Äquivalent zur „Islamkritik“ ist nicht „Israelkritik“, es wäre „Judentumkritik“.

  6. Es gibt antisemitische Juden und islamophobe Moslime. Eine alte Erkenntnis, die aber – gemessen an einigen Kommentaren – scheinbar gerne vergessen wird.

    Es ist traurig das die Strategien der Linken und Rechten in den Punkt identisch sind.

    Danke für den Artikel, der darauf hinweist.

  7. Es ist meine traurigste Erfahrung, dass die linken Antisemiten und geistigen Brandstifter von Grass über Walser zu Augstein meine deutsche Identität untergraben haben. Diese Herren und ihre einäugigen Gefolgsleute degradieren mich vom Bürger zum Juden und vom Juden zum Zionisten und Kindermörder. Für mich ist ein großer Teil der deutschen Linken zum verlängerte Arm der Nationalsozialisten verkommen. Während in den meisten muslimischen Ländern routinemäßig gefoltert, vergewaltigt und gemordet wird, fokussiert man sich auf den Staat Israel, der sich seit seinem Bestehen mit Krieg und Bombenattentaten konfrontiert sieht. Steckt es vielleicht doch in den Genen des christlichen Abendlandes, dass Juden sich gefälligst nicht zu wehren haben? Das ewige Tarieren mit Zahlen und der idiotische Vergleich von zivilen Opfern – muss ich etwa sterben, weil ich technisch überlegen bin?
    Wer schon einmal Israel besucht hat, wird sehr schnell feststellen, dass es sich um ein friedliebendes zivilisiertes Land handelt, in dem alle Bürger die gleichen Rechte genießen. Nirgendwo haben Araber eine höhere Lebensqualität als in Israel – aber das möchte man nicht hören in den linken Kreisen, in denen sich die Idee des Besatzers und Kindermörders Israel schon als Synonym für das Böse festgesetzt hat. Nichts schweißt das Gruppengefühl so stark zusammen, wie das vermeintliche Übertreten moralischer Grenzen – man wird doch wohl noch sagen dürfen…(kommt einem doch irgendwie bekannt vor).
    Der sozialistische Geist hat Israel von Beginn an geprägt und zu einem modernen, humanen und wehrhaften Staat gemacht. Im Geiste packe ich schon wieder meinen Koffer …

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