Gefängnisaufzeichnungen

Ein Vierteljahrhundert lagen die Aufzeichnungen von Edith Jacobson bei Judith Kessler in der Schublade. Dann endlich fanden die Tagebuchnotizen, Gedichte und Analysen der jüdischen Psychoanalytikerin den Weg in die Öffentlichkeit. Sie erzählen von der Angst, von Mut und der Hoffnung  auf Freiheit.

Von Ramona Ambs

1988 zum ersten, 1995 zum zweiten und 2005 zum dritten Mal hielt Judith Kessler ein schwarzes Heft  aus dem Nachlass ihrer Mutter in den Händen und legte es wieder beiseite, ohne zu ahnen, dass die darin enthaltenen Aufzeichnungen von Edith Jacobson, so bedeutsam waren. Texte und Gedichte aus dem Gefängnis, in das Jacobson nach ihrer Verhaftung 1935 durch die Gestapo, wegen ihrer Mitarbeit in der sozialistischen Widerstandsgruppe „Neu Beginnen“, gekommen war. Dreimal also hat Judith Kessler diese Aufzeichnungen wieder beiseite gelegt und nicht bemerkt, dass das Leben dieser Frau auch anderweitig mit ihrem verknüpft war. Erst 2014, nach einem Gespräch mit Roland Kaufhold, nachdem sie „Gott und die Welt“ und dann eben auch Edith Jacobson, durch hatten, fiel Kessler das Heft wieder ein. Und diesmal sieht sie es durch: Es hat „64 Innenseiten, enthält Gedichte mit vielen Korrekturen und Streichungen sowie einen kleinen Text und ist mit mindestens zwei verschiedenen Tinten und Stiften beschrieben. Zwischen den Seiten finden sich noch drei lose Blätter und eine Art Aufsatz“. In den tagebuchähnlichen Aufzeichnungen geht es in den ersten Tagen der Haft vor allem um ein Gefühl: Angst. Angst um sich und um die nahestehenden Menschen. Aber auch um den Erhalt der Widerstandskraft. Trotzige Tapferkeit spricht aus den Zeilen der Inhaftierten: „nun grade laß ich mich nicht unterkriegen. Innerer Schwur durchzuhalten um jeden Preis.“ Später finden sich auch wissenschaftliche Analysen der eigenen Situation, Gedichte, Beschreibungen des Alltags, Kontakte mit der Zellengenossin Ilschen.

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„Dass Schreiben eine rettende Kulturtechnik sein kann, ist gewiss nicht neu. Dennoch berührt es mich, Wort für Wort zu entziffern, wie Edith Jacobson in ihren Notizen und Versen immer wieder quasi das eigene Ich des gestrigen Tages liest, mit ihm »spricht« und sich selbst und ihre Position dabei auch neu bestimmt.“ schreibt Judith Kessler dazu. Und dann forscht sie auch anderweitig zu Edith Jacobson, deren Nachlass sich andernorts ebenfalls aufzudrängen scheint, denn weitere Gedichte aus dem Gefängnis und lose Tagebuchnotizen, liegen seit 1980 in der Washingtoner Congress Bibliothek. Und keiner weiß, wie sie dahin gekommen sind. Auch von weiteren schwarzen Heften liest sie… und wie in einem spannenden Krimi erfährt man nach und nach, was es mit diesen auf sich hat.

Im zweiten Teil des Buches gibt Roland Kaufhold einen biographischen Überblick und ordnet die Blätter und Schriften in das Gesamtwerk von Edith Jacobson ein: „Als sich die kleine Gruppe der Psychoanalytischen Linken in Berlin ab 1932 zu einer »Fraktion« zusammenschließt, mit regelmäßigen thematischen Treffen, beteiligt Edith Jacobson sich daran aktiv. Ihr politisches Bewusstsein als Jüdin und Demokratin wird angesichts der realen Bedrohung geweckt. Sie schließt sich der »illegalen« politischen Widerstandsgruppe »Neu Beginnen« an …“ Nach ihrer Verhaftung durch die Gestapo gibt es zahlreiche Reaktionen. Einige ihrer Kollegen sind besorgt und erschreckt, andere wiederum „insbesondere sofern sie keine Juden und insofern sie nicht persönlich bedroht waren, fühlten sich offenkundig nicht durch die Entrechtung und Gefährdung Jacobsons in ihrem Seelenleben gestört. Sie fürchteten vielmehr, hierdurch nun selbst Gegenstand von direkten Verfolgungsmaßnahmen zu werden.“

Im dritten Teil schließlich sind die Abschriften des schwarzen Hefts zu lesen, kommt also Edith Jacobson auch selbst zu Wort. „Seele, Seele, warum senkst Du/ deine Flügel traurig nieder/ nicht ein Traumgedicht noch schenkst du/ u. verstummt sind deine Lieder.“ lautet etwa die erste Strophe des Gedichts Traurig. Und die anschließenden Faksimiles zeigen die Aufzeichnungen aus dem schwarzen Heft und machen deutlich, wie viel Arbeit es gewesen sein muss, diese handschriftlichen Notizen zu entziffern und abzuschreiben. Aber es hat sich gelohnt. Denn die Texte vervollständigen einerseits das Bild von Edith Jacobson, und stehen andererseits so eingebettet auch für sich alleine, als Zeugnis einer wunderbaren willensstarken Frau.

AVIVA-Tipp:  Auf rund 250 Seiten findet man in den „Gefängnisaufzeichnungen , herausgegeben von Judith Kessler und Roland Kaufhold, das Portrait und die authentische Stimme der jüdischen Psychoanalytikerin Edith Jacobson. Mit Gedichten, Analysen und Tagebucheinträgen von Edith Jacobson einerseits und den Erzählungen rund ums schwarze Heft von Judith Kessler andererseits wird ein Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart geschlagen.

die Herausgeber: 

Judith Kessler, Sozialwissenschaftlerin, Redakteurin und Autorin. Studien und Publikationen zur jüdischen Gegenwartskultur, sowjetisch-jüdischen und israelischen Migration sowie Biografieforschung. Daneben Übersetzungen aus dem Polnischen und Jiddischen.

Roland Kaufhold, Dr. phil., Publikationen zur psychoanalytischen Emigrationsforschung und zur jüdischen Identität nach der Schoa, u.a. Ernst Federn: Versuche zur Psychologie des nationalsozialistischen Terrors (Hg. 2014); Jüdische Identitäten in Deutschland nach dem Holocaust (Mithg. 2012); Bettelheim, Ekstein, Federn (2001); Deutsch-israelische Begegnungen (Mithg. 2001)

Edith Jacobson

Gefängnisaufzeichnungen

Buchreihe: Bibliothek der Psychoanalyse

Verlag: Psychosozial-Verlag

247 Seiten, Broschur, 148 x 210 mm

Erschienen im Juni 2015

Mit einem Vorwort von Hermann Simon, herausgegeben von Judith Kessler und Roland Kaufhold

ISBN-13: 978-3-8379-2513-5

EUR: 29,90