Fanal in Jamel

Wenn in Jamel die Scheune eines Ehepaars brennt, das sich gegen Neonazis engagiert, liegt der Verdacht nicht fern, dass es sich um einen rechten Anschlag handelt. Ein Augenzeugenbericht stützt diese Vermutung.

Von Andrea Röpke, zuerst veröffentlicht beim blick nach rechts

Ein Feriengast saß entspannt im idyllischen Garten des Forsthauses in Jamel. Er schaute kurz nach Mitternacht in den Sternenhimmel, es sollte Sternschnuppen regnen. Stattdessen sah er eine dunkle Gestalt eilig die Einfahrt in Richtung Dorfstraße hinunter rennen. Zeitgleich prasselten die ersten Flammen aus der alten Scheune seiner Vermieter. Das reetgedeckte Gebäude stand schnell in Flammen. Der anrückenden Feuerwehr gelang es, ein Übergreifen auf das Wohnhaus zu verhindern.

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Kein normaler Brand, auch keine „normale“ Brandstiftung. Denn im kleinen mecklenburgisches Dorf Jamel lernen bereits die Kinder wer ihr Feind ist: Forsthaus-Besitzer Birgit und Horst Lohmeyer, Zugezogene aus St. Pauli.  Das Ehepaar stellt sich seit Jahren mutig den Neonazis entgegen und bezahlt einen hohen Preis dafür. Einen normalen Alltag gibt es nicht. Jede Fahrt von Gressow kommend ins Sackgassendorf ist alles andere als alltäglich. Auch ein Spaziergang zur nur wenige Kilometer entfernten Ostsee ist nicht einfach. Denn von den rund zehn Häusern des kleinen Ortes sind etwa zwei Drittel mit Anhängern des berüchtigten Neonazis Sven Krüger besetzt. Krüger wurde 2014 aus der Haft entlassen, er hatte unter anderem eine Maschinenpistole gehortet. Seine Kinder und deren Freunde spielen seit Jahren bei Festen auch schon mal mit Plastikwaffen. Jeder kann sehen, wohin schon die Kleinen zielen. Ein Wegweiser im Dorf weist auf die Entfernung in Hitlers Geburtsort Braunau hin und am Wendehammer ist ein selbstgemaltes Bildnis einer Familie zu sehen, Idealvorstellung deutscher Neonazis.

Jamel als Vorbild für national befreite Zonen

Lohmeyers müssen damit leben, dass ihre Nachbarn zur „Kameradschaft Wismar“, zur militanten „Hammerskin Nation“ oder zum „Ring Nationaler Frauen“ gehören. Sie erlebten Brauchtumsfeiern und nationale Hochzeitsfeiern, wenn sie einen Blick aus ihrer Scheune oder über den Gartenzaun warfen. Sie kennen die uralten Geschichten, die um Familie Krüger wabern, sie handeln von aufgespießten Hühnern und unzähligen Drohungen gegen andere unliebsame Bewohner – Menschen aus Jamel, die inzwischen fortgezogen sind.

Sven Krüger und seine männliche und weibliche Anhängerschaft breiten sich seither ungehindert aus. In Grevesmühlen betreibt der bullige Glatzkopf mit Spitzbart gemeinsam mit der NPD das „Thinghaus“ als Treffpunkt. Er leitet ein Abbruchunternehmen in dem Kameraden arbeiten. Strategen der Szene propagieren Jamel als Vorbild für national befreite Zonen, nach dem Motto: „Wir brauchen viele kleine Jamel“.

Ein Leben zwischen Neonazis führen

Im Juni feierten fast 200 Neonazis mit ihren Familien ein „Nationales Kinderfest“ und die Sonnenwende in Jamel. Die Polizei blieb außerhalb kontrollierte etwa drei Kilometer weit entfernt die Zufahrtswege. Im Ort selbst wurden Einsatzfahrzeuge nicht gesehen. Der „blick nach rechts“ (bnr.de) wollte berichten und bekam einzig Hilfe von den Lohmeyers. Fotos belegen: die  Nazis zelebrierten mit dem Nachwuchs ihre Brauchtumsrituale, Fanfaren erklangen, Kinder steckten den Feuerscheid an und alle gemeinsam sangen ein Lied von der Hitlerjugend. Alltag in Jamel.

Dass die Neonazi-Szene der Region gefährlich ist, ist lange bekannt. Waffen werden gehortet, um irgendwann benutzt zu werden. Es gab Einschüchterungsversuche und Angriffe. Meistens stand das Ehepaar Lohmeyer dem alleine entgegen. Niemand kann sich vorstellen, wie es ist, zwischen all den Neonazis ein annähernd normales Leben zu führen. Trotz allem trauten sich Feriengäste ins Dorf. In zwei Wochen findet erneut ein Festival gegen Rechts auf ihrem Gelände statt. Die couragierte Zivilgesellschaft darf nicht ganz aus Jamel verschwinden.

5 thoughts on “Fanal in Jamel

  1. Es hat was von einem Psychothriller, den ich mal gelesen habe. Als Realität sollte es undenkbar sein. Meine Hochachtung vor den Lohmeyers, die damit leben müssen. Respekt.

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