Nazifreie Zone: Verfahren gegen Audiolith-Rapper eingestellt

Demonstranten und Polizei in Wandsbek (Foto: Publikative.org)
Demonstranten und Polizei in Wandsbek im Juni 2012 (Foto: Publikative.org)

„Ich mach die Stadt zu ’ner nazifreien Zone – Wir habens satt, Digga, nazifreie Zone – Muck besser nicht in der nazifreien Zone – Kein Platz für dich in der nazifreien Zone“ – so lauten die ersten Verse im Refrain des Songs „Nazifreie Zone“. Die Rapper Captain Gips und Johnny Mauser hatten den Track im Mai 2012 veröffentlicht – und gerieten deswegen ins Visier der Hamburger Polizei. Die wollte sogar das Label Audiolith durchsuchen – doch nun wurde das Ermittlungsverfahren eingestellt.

Von Patrick Gensing

Mehr als zwei Jahre lang störte sich offenkundig niemand an dem Song „Nazifreie Zone„: Veröffentlicht hatten ihn Captain Gips und Johnny Mauser im Mai 2012 – doch erst im November 2014, also mehr als zwei Jahre danach, erstattete das Hamburger Landeskriminalamt, Abteilung 7 – besser bekannt als „Staatsschutz“, Anzeige gegen die Rapper. Der Vorwurf: öffentliche Aufforderung zu Straftaten bzw. Volksverhetzung.

Johnny Mauser
Johnny Mauser

Doch die Polizei hatte bei ihren Ermittlungen offenkundig ein Problem: Unter dem Namen Johnny Mauser gibt es keinen Eintrag im Hamburger Melderegister, denn es handelt sich – Überraschung! – um einen Künstlernamen. Nun hätte man mit einer Google-Recherche innerhalb weniger Minuten herausfinden können, wie der Klarname von Mauser lautet, denn weder agiert er verdeckt, noch gab er sich sonderlich große Mühe, seine Identität zu verschleiern. Sogar unter einem YouTube-Video von Johnny Mauser stand der Klarname des Rappers.

„Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?“ scheint ein Leitspruch der Hamburger Polizei zu sein, man denke nur an das Gefahrengebiet – und so beantragten die Ermittler tatsächlich, das Hamburger Musik-Label „Audiolith„, bekannt aus Funk und Fernsehen, zu durchsuchen, um dort die Identität Mausers zweifelsfrei feststellen zu können. Rund 40 Künstler arbeiten mit dem Label zusammen, veröffentlichen dort ihre Musik – eine Razzia hätte also wohl auch zwangsläufig reichlich „Beifang“ gegeben, wie wir Fischköppe sagen.

Und so sollten die Geschäftsräume von Audiolith durchsucht werden – wegen eines Lieds, das zu diesem Zeitpunkt bereits fast drei Jahre alt war und anlässlich einer Demonstration im Jahr 2012 veröffentlicht worden war. Zu der Durchsuchung kam es dann aber nicht: Die zuständigen Richter wiesen den Antrag zurück, da die Maßnahme nicht erforderlich bzw. unverhältnismäßig sei, da Mauser in der Öffentlichkeit auftritt und sich nicht verborgen halte. In der Tat: Mittlerweile war Mauser mit seiner Hiphop-Band Neonschwarz auf diversen Festivals sowie sogar in der Pro7-Show „Circus Halligalli“ aufgetreten.

Johnny Mauser und Captain Gips mit ihrer Band Neonschwarz bei Circus Halligalli.
Johnny Mauser und Captain Gips mit ihrer Band Neonschwarz bei Circus Halligalli.

Das LKA legte dennoch Widerspruch gegen die Entscheidung ein, doch auch dieser wurde verworfen. Schließlich gelang es dann aber offenkundig doch noch, durch einen Abgleich von Fotos die bürgerliche Identität Mausers herauszufinden, denn er erhielt eine polizeiliche Vorladung für den April 2015. Nachdem Mauser dort nicht erschienen war, so wie es sein Recht ist, wurde das Verfahren am 6. Juli 2015 wegen nicht hinreichenden Tatverdachts eingestellt.

Nach dem Nazi-Aufmarsch ist vor dem Nazi-Aufmarsch

Der Song „Nazifreie Zone“ bezog sich auf die Demonstration von Rechtsextremen am 2. Juni 2012 in der Hansestadt. Zehntausende Menschen demonstrierten gegen den braunen Aufmarsch von einigen Hundert Neonazis. Damals hatte ich berichtet:

In Hamburg haben Tausende Menschen die geplante Route von Neonazis durch den Stadtteil Wandsbek blockiert. Die Polizei ging mit Wasserwerfen, Pfefferspray und Reiterstaffel gegen die Demonstranten vor, militante Antifaschisten versuchten, Polizeiketten zu durchbrechen und Straßen durch brennende Barrikaden zu versperren. Die rund 400 Neonazis konnten schließlich auf einer anderen Strecke noch marschieren. […] „Die Polizei hat die Ersatzroute der Nazis durchgeknüppelt, statt rechtliche Möglichkeiten für ein Verbot der Nazi-Demo zu nutzen. Nazis konnten andere Menschen angreifen und für ihre menschenverachtende Politik werben“, sagte Olaf Harms vom Hamburger Bündnis gegen Rechts.

Zu dem Aufmarsch hatten NPD, Kameradschaften und Personen der „Weiße Wölfe Terrorcrew“ aufgerufen. Nach den Erfahrungen vom 1. Mai 2008, als in Hamburg rund 1000 gewaltbereite Neonazis durch Hamburg-Barmbek marschieren und zahlreiche Menschen angreifen konnten, mobilisierten Dutzende Initiativen und Organisationen in Hamburg gegen den Aufmarsch im Juni 2012. Johnny Mauser und Captain Gips sagen rückblickend zu ihrem Song und dem Nazi-Aufmarsch in Wandsbek:

Wir haben es als unsere Pflicht angesehen, mit unseren Mitteln der Musik dazu beizutragen, dass sich viele Menschen an diesem Tag den Faschisten in den Weg stellen. Wir zeigen uns solidarisch mit unterschiedlichen Aktionsformen, dies haben wir in dem Song deutlich gemacht und wir haben uns gefreut, dass es den Nazis an dem Tag so schwer gemacht wurde, durch Hamburg zu marschieren.

Captain Gips
Captain Gips

Nun steht die nächste rechtsextreme Demonstration bevor: Am 12. September will HoGeSa durch Hamburg marschieren. Und diese Demonstration fällt in eine Zeit, in der es einen drastischen Anstieg der Gewalttaten gegen Flüchtlinge in Deutschland bei gleichzeitiger Verschärfung des Asylrechts gebe, so Captain Gips und Johnny Mauser. „Wir haben das Gefühl, dass sich die rechten Täter durch Politik und die „Volksmassen“ ermutigt fühlen, Brandanschläge zu verüben und Flüchtlinge zu überfallen.“ Es sei also umso wichtiger, seinen Mund aufzumachen, Geflüchtete zu unterstützen und genau dahin zu gehen, wo es besonders weh tut: In die Provinz, da wo es die Nazis leicht haben, mit den Bürgern gegen Flüchtlinge zu hetzen, meinen die Rapper.

Und: „In Städten wie Hamburg gibt es vergleichsweise viele solidarische Initiativen, doch auch hier wollen die Nazis versuchen, Fuß zu fassen, deshalb sagen wir: Am 12. September 2015 Hamburg City Nazifreie Zone!“

Das Hamburger Bündnis gegen Rechts ruft  dazu auf, am 12. September gemeinsam gegen den Aufmarsch der Nazi-Hooligans auf die Straße zu gehen: Der Bundesgerichtshof bestätigte im Januar 2015 ein Urteil des Landgerichts Dresden, nachdem Hooligans als kriminelle Vereinigung eingestuft werden können. Wir verlassen uns jedoch nicht auf staatliche Verbote oder Auflagen. Wir werden flexibel sein und dort protestieren, wo die RassistInnen ihre menschenverachtende Propaganda verbreiten wollen. Und wir sind solidarisch mit allen, die mit uns das Ziel teilen, den Aufmarsch zu verhindern.

Siehe auch: Hamburger Polizeispitze: Born to be wild?Tausende demonstrieren, 400 Neonazis marschierenNeonschwarz: „Der Song 2014 hat eine große Bedeutung“,  10 Jahre Audiolith: Gegen Nazis und RockstarscheißeKomplett im Visier des Verfassungsschutzes

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