Historisch: Altona 93 holt “Pa”-Wilson-Memorial-Trophäe

Das Finale um die Pa Wilson Memorial Trophy am 11. Juli 2015 in London (Foto: PG)
Das Finale um die Pa Wilson Memorial Trophy am 11. Juli 2015 in London (Foto: PG)

Stolze 90 Jahren ist es her, dass sich Altona 93 und der Dulwich Hamlet FC in einem Freundschaftsspiel gegenüberstanden. Am Wochenende trafen die Clubs wieder aufeinander, Hamlet und der AFC kämpften in London um die “Pa”-Wilson-Memorial-Trophäe.

Von Patrick Gensing

Im Londoner Stadtteil Dulwich pulsiert nicht unbedingt das Leben: Schmucke Einfamilienhäuschen zieren die Straßen, ein klassischer englischer Gasthof heißt insbesondere Familien im Biergarten willkommen – rund 30 Autominuten südlich der City wohnen die Londoner idyllisch.

Mehrere bekannte Politiker ließen sich hier gerne nieder: Margaret Thatcher,Ian McColl, Baron McColl of Dulwich, Michael Boyce, Baron Boyce und Albert Booth lebten bzw. leben hier, dazu gesellten sich der Sänger Carl Barât sowie die Korrespondentin Dharshini David – und auch Sacha Baron Cohen wohnte hier – bevor er als Borat zum Weltstar wurde.

Eingang zum Stadion in Dulwich (Foto: Patrick Gensing)
Eingang zum Stadion in Dulwich (Foto: Patrick Gensing)

Etwas weniger glamourös geht es beim Dulwich Hamlet FC zu. Der lokale Fußballverein hat seine besten Tage wohl schon erlebt. Den Rekordbesuch im Champions Hill Stadion soll es während der Olympischen Sommerspiele 1948 gegeben haben – mit 23.485 Zuschauern, schrieb das AFC-Fanzine “All to Nah”; der Ground wurde allerdings 1991 abgerissen. Die alte Geschichte: Der Verein brauchte Geld, verkaufte das Grundstück an eine Supermarktkette.

English Pub

In das neue Stadion passen 3000 Zuschauer. Blickfang: die kleine Sitzplatztribüne, die unter dem Dach das Vereinsheim inklusive einer wundervollen Bar beherbergt. Das erste Team von Dulwich Hamlet kickt derzeit in der Ryman Isthmian Football League, eine von drei 7. Ligen in England.

Da der Ligabetrieb dort bis zur sechst-höchsten Spielklasse eingleisig organisiert ist, lässt sich die Liga wohl mit den Oberligen in Deutschland vergleichen – in deren Hamburger Ableger eben auch Altona 93 spielt.

Tribüne und Bar bei Dulwich Hamlet (Foto: Patrick Gensing)
Tribüne und Bar bei Dulwich Hamlet (Foto: Patrick Gensing)

IMG_2364

Das Champions Hill Stadium war erst vor Kurzem ausverkauft, als Dulwich Hamlet um den Aufstieg spielte, aber knapp scheiterte. Die Enttäuschung darüber war am Wochenende bei einigen Fans noch zu spüren.

Das “Hinspiel” vor 90 Jahren

Im Jahr 1925 ging Dulwich Hamlet sogar auf eine Rundreise über den Kontinent – und trat auch bei Altona 93 an, wo Hamlet mit 4:1 siegte. Im AFC-Stadionheft “93. Minute” heißt es, den Kontakt zwischen den Vereinen habe Hamlet-Fan Mishi wieder angeschoben, als er 2010 ein AFC-Heimspiel besuchte. Es folgten gegenseitige Besuche von Fans beider Vereine und schließlich die Pläne, ein Freundschaftsspiel zu organisieren.

Ich bin ja nun seit mehr als 30 Jahren überzeugter St. Paulianer, sympathisiere aber wie viele andere dänophile Hamburger auch mit Altona 93. Erstmals besuchte ich die Adolf-Jäger-Kampfbahn in den 1980er Jahren, als der FC St. Pauli dort in der damaligen Oberliga Nord kickte, danach waren Heimspiele des AFC zumeist ein Quell der Freude; die Mischung aus Bauwagenpunks, Mecker-Rentnern und Nachwuchs-Ultras sowie Alt-Hools bleibt einfach unschlagbar charmant.

Höhepunkt war das Pokalspiel am 13. August 1994 gegen Borussia Dortmund, als die Kampfbahn an der Griegstraße aus allen Nähten platzte und der BVB gehörig Mühe hatte, den AFC mit 2:0 zu besiegen.

screenshot5Auch wenn ich also eher Sympathisant als Fan bin, wollte ich mir das Spiel des AFC in London nicht entgehen lassen. Und der Trip in die britische Hauptstadt mit einem Hauch von Europapokal sollte sich lohnen: Mit 5:0 führte Altona 93 zur Halbzeit, bevor Dulwich Hamlet komplett durchtauschte und besser ins Spiel kam, sodass die Crowd hinter dem AFC-Tor – zusammengesetzt aus einigen Dutzend Altona-Fans sowie gesangsfreudigen Hamlet-Supportern – noch drei Tore zum 3:5 Endstand bejubelte.

Altona 93- und Dulwich-Hamlet-Fans feiern gemeinsam. (Foto: Patrick Gensing)
Altona 93- und Dulwich-Hamlet-Fans feiern gemeinsam. (Foto: Patrick Gensing)

Danach erhielten die AFC-Spieler die “Pa” Wilson Memorial-Trophäe, die von Hamlet-Fan Jack McInroy gestiftet worden war – benannt ist sie nach Mr. Lorraine ‘Pa’ Wilson, der Dulwich Hamlet 1893 gegründet hatte.

“I designed it personally, and I commissioned another of our fans, my good friend James Virgo, to make it, as he is an artist by trade, including founding & casting. It’s made from carved oak and cast in solid bronze. Standing on a granite base, it has been patinated and is actually quite heavy, weighing just under 20 lbs, which must be over nine kilos, if any of our guests are confused by imperial measurements. (Jack McInroy)

 In drei Jahren feiern beide Clubs ihr 125-jähriges Bestehen. Dann soll es das nächste Freundschaftsspiel geben, diesmal in Altona – vielleicht noch in der altehrwürdigen Adolf-Jäger-Kampfbahn (AJK), die aber bald abgerissen werden soll. Der AFC will dann an einem anderen Standort ein Stadion für 2.999 Zuschauer bauen. Es sei denn, die AFC-Mitglieder stimmen dem Plan,den AFC-Präsident Barthel als “letzte Chance” für den Verein bewirbt, nicht zu.

Eigentlich sollten die AFCler bereits vor der Sommerpause zunächst umfassend informiert werden – und dann noch über den Umzug entscheiden. Mittlerweile teilten der Vorstand sowie die Arbeitsgruppe Sportstätten aber mit, dass dem Verein erst seit dem 5. Juni konkrete Zahlen und damit einhergehend ein erster Entwurf einer Absichtserklärung zur Überlassung des Stadiongeländes an der Memellandallee vorlägen. Die zuständigen AFC-Gremien müssten zunächst den Entwurf genau prüfen.

Ein bisschen Träumerei…

In einer besseren Welt wäre das 125-jährige Bestehen des Vereins im Jahr 2018 aber nicht nur ein Anlass, um mit Dulwich Hamlet gemeinsam zu feiern, sondern auch eine glänzende Chance, eine Rettet-die-AJK-Kampagne anzugehen – mit großem Musik-Festival, bei dem möglicherweise Fettes Brot, Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen und vielleicht auch Kettcar sowie sicherlich diverse Punk-Bands dabei sein würden. Auch im Hinblick auf die Olympia-Bewerbung Hamburgs wäre es zumindest denkbar, Geld für den Erhalt der AJK organisieren zu können. Denn was würde dem von Hamburg angestrebten Image der Nachhaltigkeit mehr entsprechen, als eine der ältesten Sportstätten Deutschlands renoviert zu präsentieren?

Zudem erscheint es aus Sicht einer sinnvollen Stadtplanung zumindest fragwürdig, an der Memellandallee ein neues Stadion für die Anforderungen der Regionalliga zu bauen, wenn direkt nebenan auch das Stadion von Union 03 entsprechend modernisiert werden kann bzw. soll. Auch der FC St. Pauli zeigt sich angesichts der etwas unübersichtlichen Situation zurückhaltend: In der kommenden Saison wird die U23 des Zweitligisten an der Hohenluft, dem Stadion von Victoria, kicken, sagte mir Pressesprecher Christoph Pieper. Es gebe aber weiter einen Informationsaustausch mit Altona 93 und Union 03, der FC St. Pauli sei allerdings kein aktiver Player in diesem Konstrukt, sondern wolle erst einmal abwarten, was im Laufe des Jahres passieren werde.

Damit bleibt folgendes Szenario wahrscheinlich: Man reißt die einmalige Adolf-Jäger-Kampfbahn ab, um dort in einem ohnehin dicht bebauten Quartier Raum für Wohnungen zu schaffen – und errichtet wenige Kilometer entfernt dann zwei kleine Fußballstadien nebeneinander. Ein großer Londoner Detektiv würde so einen Plan vielleicht folgendermaßen kommentieren: “Ich habe Zweifel, Watson.”

…und die Realität

Somit sieht die Realität auch in diesem Fall etwas anders aus, als ich es oben in meiner Wunschwelt skizziert habe. Altona 93 hat bereits einen Vertrag über den Verkauf der AJK unterzeichnet – und einen Teil der Verkaufssumme erhalten sowie ausgegeben. Nicht nur dieses Geld müsste man erstatten, sondern es würde wohl auch eine Vertragsstrafe fällig, wenn man es sich plötzlich anders überlegt. Außer, der Vertrag wäre aus juristischen Gründen anfechtbar.

Andreas Bernau, Vorsitzender des Sportausschusses im Bezirk Altona, hält es vor diesem Hintergrund für die beste Idee, wie nun geplant ein kleines Stadion an der Memellandallee zu bauen, in dem Teile der alten AJK, wie beispielsweise das Eingangstor, integriert würden. Die einfachste Lösung wäre es allerdings gewesen, wenn sich der AFC mit Union 03 geeinigt hätte, was aber vor allem an dem “sehr selbstbewussten” Auftreten von Altona 93 gescheitert sei, sagte mir der Sozialdemokrat. Derzeit hänge alles davon ab, dass der Verein seine Mitglieder informiere und abstimmen lasse.

Dulwich Hamlet vs Altona 93 in London: vor dem Champion-Hill-Stadium (Foto: Patrick Gensing)
Dulwich Hamlet vs Altona 93 in London: vor dem Champion-Hill-Stadium (Foto: Patrick Gensing)
Nach dem Spiel Dulwich Hamlet vs Altona 93 (Foto: PG)
Nach dem Spiel Dulwich Hamlet vs Altona 93 (Foto: PG)

IMG_2384

Ob nun Griegstraße oder Memellandallee – immerhin hat Altona 93 die “Pa”-Wilson-Memorial-Trophäe in London gewonnen – und was noch wichtiger ist: Die Herzen der anwesenden Fans. Dulwich Hamlet-Fan Terry sagte mir nach dem Spiel, als Kinder aus London und Hamburg gemeinsam kickten, dies sei “Football at it`s best.” Recht hat er: Für Fußball-Nostalgiker war es ein Feiertag.