Farins Frei.Brief

„Konservative Antifaschisten“: Der Jugendforscher Klaus Farin hat ein geradezu anbiederndes Buch über die Band Frei.Wild veröffentlicht – und den Südtiroler Deutschrockern eine umfassende Verteidigungsschrift geliefert.

Von Nico Werner, zuerst in längerer Version erschienen beim Zeit Online Störungsmelder

„Wenn es gegen ‚rechts‘ geht, sind viele schnell dabei“, kritisiert Farin gleich zu Beginn seines Buchs. Zwei Sorten Menschen seien beim Kampf gegen Rechts laut Farin besonders engagiert: „moralisch-emotional motivierte“ Gutmenschen, die immer alarmiert sind, vom Thema aber leider keine Ahnung haben. Und dann gibt es die „Profiteure“, „Geschäftsleute“, für die ihre Kampagnen eine „Gelddruckmaschine“ seien, denen es um Macht und die „Selbsterhaltung ihrer aufgeblähten Strukturen“ gehe.

Frei.Wild nach Echo Ausladung, Foto: Jesko Wrede.
Frei.Wild nach Echo Ausladung, Foto: Jesko Wrede.

Die in düsteren Farben gemalte Anti-Rechts-Industrie mit ihren naiven Fußtruppen sei schuld, so legt es Farin nahe, dass eine durch und durch anständige und obendrein „antifaschistische“ Musikgruppe Verfolgungen ausgesetzt ist. Farin geriert sich als Meinungsrebell und biedert sich mit solchen Passagen dem Anti-Gutmenschen-Lamento und „Lügenpresse“-Gerufe der entsprechenden Milieus an.

Das Ergebnis seiner Frei.Wild-Forschung präsentiert Farin am Ende des Buches: „Frei.Wild distanzieren sich eindeutig und glaubwürdig von Faschismus jeglicher Art und sind auch als Personen nicht Teil der rechten Szene.“ Ihr „Patriotismus“ sei „konservativ, aber nicht ausgrenzend und nicht nationalistisch“. Der schale „Kern“ der Frei.Wild-Kritik sei, „dass sie keine ‚linke‘ Band sind“. Sänger „Philipp Burger geht mit seiner Vergangenheit als rechter Skin (…) vor rund 15 Jahren offensiv und geradezu vorbildhaft um und verschweigt nichts.“

FreiWild-Fan auf Neonazi-Aufmarsch (Foto: J. Wrede)
Mittendrin statt nur dabei: Neonazi mit FreiWild-Schal bei einem rechtsextremen Aufmarsch in Magdeburg im Januar 2013. (Foto: J. Wrede)

Tatsächlich war Philipp Burger bis 2001 Sänger der Neonazi-Band „Kaiserjäger“. Es gibt Fotos von ihm (die auch im Buch abgedruckt sind), auf denen er den Hitlergruß zeigt. Burger räumt ein, dass er mal Skinhead war, sich „rechts“ fühlte, mit der Südtirol-Liebe etwas übertrieb und dass dies ein Fehler gewesen sei. Genauso bestreitet Burger in Interviews allerdings immer wieder, dass er damals überhaupt ein Neonazi war. Hitlergrüße im Booklet der Demo-CD? Haben nichts zu bedeuten! Kaiserjäger „war keine Naziband, sondern eine Band von drei Jugendlichen“, sagte Burger beispielsweise 2012 den „Ruhr Nachrichten“. Auch gegenüber Farin gab er die gleiche Auskunft: „Philipp sieht seine Zugehörigkeit zur rechte Skinhead-Szene heute noch als ‚unpolitische‘ Phase.“ Burger selbst: „Man hat sich die Hörner abgestoßen, nicht mehr und nicht weniger.“ Kann man solche Äußerungen wirklich als „offensive und geradezu vorbildhafte“ Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit adeln?

Frei.Wild hat den Song „Wir reiten in den Untergang“ im Programm, in dem sie sich als Opfer ihrer Kritiker hinstellt. Die Band würde verfolgt werden so wie damals die Nazis die Juden verfolgt hätten. Unterschied zu damals: „Heut gibt es den Stempel, keinen Stern mehr“. Gitarrist Jonas Notdurfter entschuldigt im Buch, die Provokation sei nicht beabsichtigt gewesen: „Wenn wir das im vornherein geahnt hätten, hätten wir es anders formuliert.“ Philipp Burger wird die gleiche Frage gestellt. Seine Antwort: „Ich habe mir natürlich schon gedacht, dass es ein paar Leute stören könnte, aber damit kann ich leben.“ Überhaupt ärgern ihn die ständigen Sprechverbote: „Selbst das Wort Jude darfst du in Deutschland nirgendwo mehr nennen, dabei ist es doch eine der Weltreligionen überhaupt und ein ganz normales Wort.“ War der Song also nicht als Provokation gedacht, wie Jonas Notdurfter sagt, oder eben doch, wie es Philipp Burger beschreibt? Farin fragt lieber nicht nach.

Farin arbeitet zudem mit Suggestivfragen. „Gibt es für dich einen Unterschied zwischen Patriotismus und Nationalismus – abgesehen davon, dass ihr als Südtiroler eigentlich gar keine Nationalisten sein könnt – ihr seid ja nicht mal eine…“, fragt Farin Burger. Der Sänger greift diese Vorlage dankbar auf: „Nein, Südtirol ist kein Staat, uns wegen unseren Texten über dieses Land Nationalismus vorzuwerfen, grenzt schon an politisch-geschichtliche Missbildung.“ Seit wann braucht es einen eigenen Staat, um Nationalist zu sein? Noch suggestiver ist eine spätere Frage an Burger. Der ehemalige Neonazi, Rechtsrockbandleader, regionale Nazi-Skin-Anführer wird von Farin gefragt: „Warum bist du kein Neonazi geworden?“ Burger antwortet: „Allein schon von meinem Herzen aus könnte ich das nicht vereinbaren.“

Genauso gehört zu Frei.Wild ein Bekenntnis, irgendwie „unpolitisch“ zu sein sowie eine aggressive Abwehr jeder Kritik. Die Leute, die Frei.Wild kritisieren sind „die größten Kokser, die zu Kinderstrichern gehen“, geifert es im Lied „Gutmenschen und Moralapostel“. Der Frei.Wild-Erfolg in Deutschland beruht auch darauf, dass sich die Fans mit ihrer Band endlich einmal als eine „Minderheit“ fühlen dürfen. „Heimatliebe“ ist in Deutschland angeblich verpönt und da nimmt man den unverdächtigen „Patriotismus“ der Südtiroler gern für sich selbst in Anspruch. Im Lied „Südtirol“ heißt es: „Ich dulde keine Kritik an diesem heiligen Land, das unsere Heimat ist“. Ein Land „heilig“ zu erklären und keine Kritik daran zu dulden, das ist radikaler Nationalismus. Farin hingegen umschreibt das Lied mit der Nullvokabel „umstritten“ und findet im Text lediglich einen „religiös-patriotischen Pathos“.

Im „Frei.Wild“-Video zum Lied „Wahre Werte“ werden wiederum die politischen Aufmärsche der Südtiroler Schützen gezeigt und gefeiert. Ein Gedenkstein für den „Befreiungsausschuss Südtirol“ (BAS) wird eingeblendet. Das Video entstand, so ist bei Farin zu lesen, in enger Zusammenarbeit mit dem „Schützenbund“, der die „patriotischen Texte“ von Frei.Wild mag und die BAS-„Freiheitskämpfer“ für „Vorbilder für die Jugend“ hält. Der BAS war eine militante Nationalistengruppe in den 1950er und 1960er Jahren in Südtirol, eine Terrororganisation, durch deren Aktionen 21 Menschen zu Tode kamen. Was genau soll der „Extremismus“ sein, von dem Frei.Wild sich distanzieren, wenn nationalistischer Terrorismus offenkundig damit nicht gemeint ist? Farin stellt auch solche Fragen nicht.

Ein Argument von Frei.Wild-Verteidigern ist die Erklärung, dass Südtirol eine andere Geschichte als Deutschland habe. Die deutschsprachige Bevölkerung Südtirols habe unter dem Faschismus gelitten und sei darum mehr oder minder immun gegen jede Sorte von Totalitarismus. Eines der besseren Kapitel im Buch ist der Geschichte Südtirols gewidmet. Die Mehrheit der deutschsprachigen Bevölkerung in Südtirol hoffte in den 1930er Jahren, dass die von vielen verehrte Lichtgestalt Adolf Hitler Südtirol „heim ins Reich“ holen würde, ist dort zu erfahren. Am Mussolini-Faschismus störte weniger dessen faschistischer Charakter, sondern der Fakt, dass er italienisch war und die deutsche Minderheit mit Repressionen belegte. Als die Wehrmacht 1943 Südtirol besetzte, wurde sie als Befreier begrüßt. Kurzum: Der Antifaschismus in Südtirol ist ein Mythos. Farin schreibt: „Südtirols antifaschistische Haltung ist zu erheblichen Teilen zugleich eine pro-nationalsozialistische. So werden bezeichnenderweise zum Zeichen des Widerstandes gegen die Faschisten Hauswände mit Hakenkreuzen verziert.“ Diese historischen Einordnungen sind hilfreich und verdeutlichen den Kontext der leeren Frei.Wild-Abgrenzungen gegen „Faschismus“. Warum nur trägt das Buch trotzdem den Titel „Südtirols konservative Antifaschisten“?

Eine mögliche Erklärung für diesen Wirrwarr wäre übrigens, dass Farin gar nicht der alleinige Autor des Buches ist. Selbst der Sprachstil weicht in den unterschiedlichen Kapiteln des Buches auffallend stark voneinander ab. Dementsprechend zieht sich das begriffliche Chaos durch das ganze Buch. So lässt Farin kaum eine Gelegenheit aus, den Begriff der „Grauzone“ als Bezeichnung für das Lavieren von Bands wie Frei.Wild als ungeeignet zu denunzieren. Das Wort diene Linken nur dazu, alle Nicht-Linken als „irgendwie doch rechts“ abzuqualifizieren. Andererseits wird der der Begriff im Farinbuch selbst genutzt: Der SPD-Sachbuchmillionär Thilo Sarrazin wird als ein „Grauzone-Autor“ kritisiert.

Dafür wird Frei.Wild-Musiker Jochen „Zegga“ Gargitter gefragt, wo für ihn „rechts“ anfange. Der fabuliert daraufhin darüber, wie arme Südtiroler Familien am „Lebensminimum leben“ würden, während „eine Familie aus Gott weiß woher zugewandert hier ankommt und sofort eine Wohnung sowie Sozialleistungen für drei Jahre gestellt bekommt, auch in den Krankenhäusern eine kostenlose Behandlung erhält und sich gleichzeitig eine einheimische Familie trotz Arbeit (…) dasselbe vielleicht nicht oder nur schwer leisten kann.“ So würde man das sehen in Südtirol und diese Ansicht sei natürlich keine „rechte Haltung“. Gleich schiebt der Bassist nach, dass er selbstverständlich „überhaupt nichts gegen Migranten“ habe. Den schnellen Reflex, bei einer solchen Frage einen Kontrast von kinderreichen Migrantenfamilien in der sozialen Hängematte und dazu hungernden Einheimischen aufzumachen – den kann man sehr wohl rassistisch nennen.

Farin unterlässt systematisch jede Einordnung von solchen Zitaten, im Zweifel segelt alles unter Labeln wie „Patriotismus“ und „Konservatismus“. Fängt Rassismus denn erst beim Ku-Klux-Klan an und Nationalismus erst bei Hakenkreuzen? Natürlich sind Frei.Wild keine Neonazi-Band. Und, ja, die Band sagt von sich, dass sie „gegen Faschismus“, „gegen Extremismus und Rassismus“ ist. Aber was hilft es? All diese Punkte treffen beispielsweise auch auf Pegida zu. Und dennoch darf man Pegida zurecht als ein Sammelbecken für rassistische Deutsche bezeichnen, in dem regelmäßig die Grenze zum Rechtsextremismus überschritten wird. Frei.Wild sind politischer Kommerzrock und keine politische Bewegung, doch beide Phänomene sind Ausdruck der gleichen gesellschaftlichen Entwicklung. Und genau hierfür bieten Frei.Wild einen kulturellen Ausdruck und manchmal sogar Vorlagen. Auf der 2013er Frei.Wild-DVD skandierten die Fans „Lügenpresse auf die Fresse“. Ein Jahr später wurde der Spruch zum Schlachtruf der Pegida-Märsche.

Farin wirft mit seinem unkritischen Buch die Auseinandersetzung mit Jugendkulturen, der extremen Rechten und mit Rassismus zurück. Es ist zweifelhaft und fahrlässig, dass eine verdienstvolle Organisation wie „Schule ohne Rassismus“ den Band bewirbt und ihn zum Vorzugspreis Schulen und Jugendeinrichtungen anbietet. Zur Selbstbestätigung der Frei.Wild-Fans mag es taugen, als Bildungsmaterial ist es völlig ungeeignet. Das Werk beschönigt. Dass auch ein paar Frei.Wild-Kritiker zu Wort kommen, ändert nichts an dieser Grundkonstellation. Farin wählte als Titel „Südtirols konservative Antifaschisten“ und das ist programmatisch gemeint.

Frei.Wild hat nun eine Verteidigungsschrift auf dem Markt. Es gab sogar eine gemeinsame Buchpräsentation mit Autogrammstunde. Farin selbst dürfte mit dem Buch nun einen Kassenschlager haben. Frei.Wild bewirbt das Buch großzügig, wer es gelesen hat, weiß warum.

Klaus Farin: Frei.Wild. Südtirols konservative Antifaschisten. 400 Seiten, 36 Euro. Archiv der Jugendkulturen Verlag, Berlin 2015. Bald auch als E-Book mit zusätzlichem Material.

5 thoughts on “Farins Frei.Brief

  1. Was für ein unglaublicher Versuch weiss zu waschen. Wirklich erbärmlich. Da mag wohl jemand mit der widerlichen ‚Patriotismus“-Welle Geld machen. Die Freiwildfans werden den Erguss gerne kaufen.

    Danke für diesen interessanten Artikel. Solch ein Versuch, ein Buch zur Parallelwelt zu machen, ist wirklich erbärmlich.

    Seien wir auf den zweiten Teil gespannt, in welchem dann die Fans in der Gesamtheit zu völlig unpolitischen Leuten geschrieben werden.

  2. Es ist schade zu hören, dass Farin nun den Anspruch kritischer Wissenschaft abgegeben zu haben scheint und nun wie so viele deutsche Medienleute vor ihm in Freiwilds Marketing-Team anheuert.

    Lustig ist allerdings, dass er zur Verteidigung der Band gegen den Nationalismus-Vorwurf ausgerechnet die Nicht-Existenz eines Südtiroler Staats vorbringt.
    Immerhin haben viele Nationen den Großteil der letzten zwei Jahrhunderte ohne eigene Staaten verbracht, ohne dass das ihren Nationalismus Abbruch getan hätte, während Patriotismus ohne Staat schwer vorstellbar sein dürfte.

    Mehr dazu hier: https://propagandatheorie.wordpress.com/2015/06/06/der-unterschied-zwischen-nationalismus-und-patriotismus/

  3. Da muß man ja nicht weiter als den ersten Absatz lesen: Kampf gegen Rechts findet entweder statt, weil die Leute keine Ahnung haben, oder weil sich damit Geld verdienen lässt. Da sind die Gräben ja schon gezogen, die bekannten Feindbilder aufgestellt, der Rest des Buches erwartbar.

  4. Wie wird man „Jugendforscher“? In Wikipedia ist er noch „Schriftsteller“, der Farin.

  5. Ich verstehe die Empörung über Klaus Farin, aber die nicht die Überraschung.
    Klaus Farin hat schon vor gut 10 Jahren die Böhsen Onkelz auf Teufel komm raus verteidigt und verharmlost. Wenn er jetzt mit deren legitimen Nachfolgern von Frei.Wild dasselbe macht, so ist dies nur konsequente Fortführung seines unheilvollen Wirkens.

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