Eisenman und das Mahnmal: Von der Schwierigkeit, loszulassen

Peter Eisenman in Berlin (Foto: Patrick Gensing)

Peter Eisenman in Berlin (Foto: Patrick Gensing)

Am 5. Mai 2015 hat der Architekt Peter Eisenman in Berlin über das Holocaust-Mahnmal referiert. Eisenman hatte verschiedene Entwürfe für das Projekt entwickelt; nach jahrelangen Diskussionen wurde das Konzept „Eisenman II“ realisiert. Zehn Jahre nach der Eröffnung sprach Eisenman über die Bedeutung des Mahnmals – und über die Schwierigkeit, loszulassen.

Von Patrick Gensing

Peter Eisenman gehört zu der Art von beeindruckenden Persönlichkeiten, die genau wissen, welchen Charme und Witz sie versprühen – und dabei aber charmant und witzig bleiben. Und so eröffnete der amerikanische Architekt seinen Vortrag im Max-Liebermann-Haus direkt neben dem Brandenburger Tor mit dem Hinweis, er müsse sich setzen: Er könne nicht eine Stunde stehen, das halte er nicht aus – vor allem, wenn er sich dabei selbst zuhören müsste.

Der 83-Jährige erinnerte an die Konflikte, die die Planung und den Bau des Mahnmals über Jahre begleitet hatten. Einen Termin mit dem damaligen Kanzler Kohl habe er bekommen, berichtet Eisenman – und mit rund zehn Minuten Gesprächszeit gerechnet; es wurden drei Stunden. Fußballfan Eisenman bot dem Kanzler eine Wette an: Sollte Deutschland die WM 1998 gewinnen, werde auch das Mahnmal gebaut. Unglücklicherweise, so Eisenman, sei Deutschland nicht Weltmeister geworden – und Kohl wurde auch nicht noch einmal Kanzler, sondern verlor die Wahl gegen Gerhard Schröder. Der Regierungswechsel brachte neue Unsicherheit über das Projekt, denn es war nicht klar, ob die neue Regierung die Entwürfe unterstütze.

Massive Ablehnung

Die Skepsis war groß in Deutschland: Auch sämtliche großen Zeitungen seien gegen das Projekt gewesen, erinnert sich der Architekt an diese Zeit – doch nach der Bundestagswahl änderte sich die politische Atmosphäre. „Es war faszinierend zu beobachten, wie sich die öffentliche Meinung drehte“, so Eisenman.

Für ihn sei es überwältigend, wenn er an die politischen Diskussionen und Konflikte zurückdenke – denn heute sei das Mahnmal unumstritten. „Es scheint ein politischer Erfolg zu sein. Das Mahnmal liegt direkt neben dem Brandenburger Tor – im Herzen der deutschen Hauptstadt.“ Die Lage sei „sehr wichtig.“

„So – why trying it?“

Aber wie baut man etwas, was den Holocaust erklären soll? Das sei gar nicht möglich, meint Eisenman. Das Mahnmal sollte auch nicht ganz speziell oder außergewöhnlich werden, sondern es sollte einfach anders sein. Eisenman wollte auf Nachfragen nicht darüber urteilen, ob es verwerflich sei, wenn Menschen nach einem Fußballspiel auf Stelen stehen und singen.

Er habe ein Problem damit, seine Bauwerke zu repräsentieren und zu erklären. „Was der Holocaust war, lässt sich in der unterirdischen Gedenkausstellung erfahren. Architektur kann das gar nicht leisten, also warum sollte man es versuchen?“ Das Mahnmal habe keine eindeutige Bedeutung und Botschaft, die andere Interpretationen ausschließe. Die Menschen sollten es selbst entdecken, sagt Eisenman, das Stelenfeld biete verschiedene Möglichkeiten und Interpretationen an.

Was soll mir das Holocaust-Mahnmal sagen? Peter Eisenman möchte, dass die Besucher selbst darüber nachdenken, statt eine Deutung geliefert zu bekommen. (Foto: Patrick Gensing)

Was soll mir das Holocaust-Mahnmal sagen? Peter Eisenman möchte, dass die Besucher selbst darüber nachdenken, statt eine Deutung geliefert zu bekommen. (Foto: Patrick Gensing)

So verwies Eisenman darauf, dass das Mahnmal als Ort der Stille die laute Gegenwart brechen könnte. Eine Gegenwart, in der es Informationen im Überfluss gebe. Die Bedeutung des Holocausts lasse sich nicht einfach durch das Anhäufen von Informationen erklären, betonte Eisenman. „Wir leben im Informationszeitalter, wir werden mit Informationen überschüttet. So funktioniert beispielsweise auch das Holocaust-Museum in Washington – die Besucher können sich kaum bewegen, ohne dass gleich die nächste Geschichte erzählt wird. Die Besucher schauen sich auch nicht selbst um, sondern sie tragen Kopfhörer, durch die ihnen gesagt wird, was sie sehen sollen.“ Konzepte, mit denen Eisenman brechen wollte.

„Damit habe ich nichts mehr zu tun“

Eisenman machte keinen Hehl daraus: Für ihn persönlich sei es sehr wichtig, in einer großen europäischen Hauptstadt, im Herzen dieser Hauptstadt, etwas Bedeutenes gebaut zu haben. Aber was ihm noch wichtiger sei, ist die Frage, was das Mahnmal für die Menschen bedeute. Kein anderes seiner Projekte habe so eine große Bedeutung – seien es Museen oder Fußballstadion: Die Menschen gingen eben dorthin – und wieder nach Hause. Aber von dem Mahnmal nehmen sie etwas mit. In diesem Sinne sei das Projekt wichtig, weil die Menschen es angenommen hätten und sich darauf einließen.

Abschließend gestand der Architekt ein, wie schwer er sich von dem Projekt lösen könne. „Doch das Mahnmal gehört nicht mir, es gehört der Stadt.“ Bei anderen Projekten sei es so: „Man baut ein Haus, jemand zieht dort ein, stellt geschmacklose Möbel hinein – und das war`s. Oder man baut ein Museum, es werden fürchterliche Installationen ausgestellt – und man sagt sich: Damit habe ich nichts zu tun.“

Es sei wie mit Kindern oder Studenten, man weiß, man muss irgendwann loslassen, erklärt Eisenman, damit sie atmen könnten und eigenständig würden. Das ganze Leben sei von diesem Loslassen geprägt. Doch das Projekt des Mahnmals loszulassen, sei der schwierigste Teil gewesen. Und so hoffe er, in zehn Jahren – dann weit über 90 Jahre alt – wieder in Berlin zu sein: „Vielleicht sitze ich dann in einem Rollstuhl“, sagt Eisenmann – und vielleicht habe er von seinem Projekt dann noch ein bisschen mehr losgelassen.