Die Banalität des Ballermann

Vor gut zehn Jahren galten Holger Apfel und seine NPD in Sachsen als reale Bedrohung der Demokratie. „Ekelhaft intelligent“ seien die braunen Strategen, hieß es damals. Mittlerweile ist die NPD-Geschichte im Sächsischen Landtag vorerst beendet – und Apfel taucht medial nur noch anekdotisch auf. Der Fall Apfels zeigt exemplarisch: Rechtsextremismus ist in Deutschland vor allem eine Frage des Labels, nicht der Inhalte.

Von Patrick Gensing

Keine Frau, keine Familie, kein Führerschein. Will man dem Online-Magazin MalleBZ glauben, läuft es bei Ex-NPD-Chef Holger Apfel privat nicht gerade rund; Jasmin Apfel sei von Mallorca heim nach Deutschland gekehrt, auch bei Freundschaft und Führerschein kracht es: Ein Geschäftspartner habe sich zurückgezogen, der Führerschein sei nach einer Alkoholfahrt weg, schreibt MalleBZ.

Ob diese privaten Details nun stimmen oder nicht: Bereits als Apfel noch bei der NPD aktiv war, machten immer wieder Gerüchte über sein Privatleben die Runde; auch Apfels „Ausstieg“ drehte sich um tatsächliche oder angebliche Verfehlungen im Zusammenhang mit Alkohol und Kameraden.

Schnitzelsaucen statt braunen Politik-Rezepten

Nach seinem mehr oder minder freiwilligen Rückzug aus der NPD im Dezember 2013 setzte Apfel auf eine Politik der Umsiedlung nach Mallorca. Und medial konzentrierte sich das Interesse umgehend nicht mehr auf braune Politik-Rezepte und Strategien – sondern auf Schnitzelsoßen bei „Jasmin & Holger“.

Er habe, sagte Apfel im Jahr 2013 der Zeit, noch nicht viel Zeit gehabt, seine eigene Geschichte aufzuarbeiten. „Aber ich bin nicht im Aussteigerprogramm. Ich werde um die zweite Chance nicht betteln.“ Lieber aufrecht sterben, als kniend leben – oder so ähnlich.

„Scheiß Neger!“

Stephanie Schuster von der Mallorca-Zeitung sagte damals, sie rechne nicht mit viel Gegenwind für Apfel. Der Ballermann ziehe manchen Gast an, der sich an einem Apfel wenig störe. „Sprüche wie ›Scheiß Neger‹ fallen da täglich“, sagt sie. Und deutsche Wirte forderten immer wieder ein hartes Durchgreifen gegen afrikanische Straßenhändler. Herrentouristentum.

Und Schuster sollte mit ihrer Einschätzung Recht behalten:

In der Saison 2014 hat das Restaurant “Maravillas Stube” an der Playa de Palma eröffnet. Seitdem haben sich die Gastronomen einen hervorragenden und vor allen Dingen beständigen Namen gemacht. Die Qualität der Speisen, die großen Portionen, die fairen Preise und das ansprechende Ambiente haben sich genauso schnell wie ‘Holgers Kräutergarten’ herumgesprochen: Ist das Restaurant auf der zweiten Linie (Höhe Balneario 8) auch der Partyhochburg vorgelagert, beginnt die eigentliche Party in der Maravillas Stube! (Mallorca-24hours)

„Fertig mit der Politik“

Apfels Ausstieg aus der Nazi-Szene und sein Einstieg in die deutsche Ballermann-Kultur auf Mallorca waren recht einfach: „Ich bin fertig mit der Politik“, beteuerte er gegenüber Reportern. Damit punktet man bei Party-Urlaubern, für die Politik als „dreckig“ gilt – und nicht Rassismus.

Das Alleinstellungsmerkmal der NPD bleibt, dass sie in der Öffentlichkeit als böse und schlecht gilt; ihre Feindbilder – Muslime, Juden, die USA, „Gutmenschen“, Feministinnen – sind hingegen auch anderswo beliebt. Apfels Parteibuch und seine Rolle als Frontmann der NPD waren in der Öffentlichkeit stets das Problem, weniger seine Ideologie. Wegen seiner Tiraden von dem „Schurkenstaat Israel“ flog er aus einer Landtagssitzung, andere gelten wegen solcher „Analysen“ in Deutschland als kluge politische Köpfe.

Kräuter-Doktor

Auf Facebook postet Apfel nun feuchtfröhliche Meldungen: Bilder von sich mit angemaltem Gesicht samt Hitler-Bärtchen sowie von „Freunden“ in seiner mit Deutschland-Fahnen dekorierten Kneipe, die beim ehemaligen NPD-Chef akademische Sauftitel bis hin zum Kräuter-Doktor erlangen – und er amüsiert sich über rassistische Bildchen, auf denen ein schwarzer Mensch Nivea-Creme isst. Ab und zu äußert er sich dann auch mal wieder politisch:

Eigentlich mag ich den Schweiger (vor allem im Tatort) überhaupt nicht… Aber dieser offene Brief an Augstein ist einfach vorzüglich… Eine treffende Ohrfeige ins Gedicht linksliberaler Gutmenschen, die nur allzu gern Täter zu Opfern machen! (Holger Apfel am 8. März 2015 auf Facebook)

Apfel ist sich politisch offenkundig treu geblieben: Das Parteibuch hat er abgelegt, die Einstellungen bleiben. Statt in langweiligen Ausschüssen im Landtag zu sitzen, kann er nun aber in der Sonne Spaniens spazieren gehen und sein Geld mit Sauf-Diplomen verdienen.

In der Parallelgesellschaft der deutschen Exklave auf Mallorca scheint es nicht weiter zu stören: In der Banalität des Ballermanns fällt ein bisschen Rassismus gar nicht weiter auf, wenn die Portionen nur groß und günstig sind – und nicht das Label NPD darauf steht.