„Ich hab dem Tod ins Auge gesehen“

Yusuf al-Qadi* lebt seit etwa einem halben Jahr als Flüchtling in Sachsen. Er kam mit anderen in einem alten Boot aus Syrien. Die Situation in Deutschland ist geprägt durch Ungewissheit.

Das Interview führte Sarah Ulrich, zuerst veröffentlicht im Kreuzer

Wann hast du zuletzt mit einem Zuständigem über deinen Asylantrag gesprochen?

Mit mir hat noch niemand gesprochen. Die Sozialarbeiter haben mir immer direkt gesagt, sie können mir nicht helfen. Als ich in Chemnitz angerufen habe, hat man mir gesagt, sie hätten mich nicht vergessen, seien aber zurzeit sehr unter Druck. Mein Antrag auf Heimwechsel wurde abgelehnt.

Du darfst also nicht umziehen. Darfst du denn arbeiten?

Nein, alles wurde mir verboten. Ich darf eigentlich nur essen und trinken und atmen.

Würdest du sagen, dass es trotzdem die richtige Entscheidung war, nach Europa zu gehen?

Nachdem ich so lange warten musste denke ich, es war vielleicht ein Fehler. Jeden Tag bin ich so weit weg von meiner Familie und mache mir Sorgen. Ich dachte, wenn ich nach Deutschland gehe ist es das Paradies. Aber jetzt ist es das Gegenteil. Deshalb bin ich froh, jetzt darüber reden zu können was passiert ist, weil ich so das Gefühl habe, andere repräsentieren zu können. Flüchtlinge haben es zurzeit sehr schwer und leiden sehr unter der aktuellen Situation. Mir ist am wichtigsten, dass ich meine Familie zu mir holen kann.

Was ist mit deiner Familie?

Meine Schwester, Mutter, Frau und Tochter sind noch in Syrien. Meine Frau wurde zu Beginn des Krieges schwanger. Zur selben Zeit ist mein Bruder verschwunden. Wenn jemand verschwand, hat das Militär gesagt, die Person sei in oppositionelle Aktionen verwickelt und die ganze Familie verdächtigt. Unsere Namen wurden registriert, und wir standen unter Beobachtung. Ich hatte Angst, ins Gefängnis zu kommen weil ich wusste, dass man nicht mehr zurückkommt. Irgendwann wurde offiziell, dass ich gesucht werde. Da bin ich nachts geflohen. Meine Frau war im neunten Monat schwanger, es war zu gefährlich sie mitzunehmen.

Bist du direkt nach Europa?

Nein, ich bin über den Libanon und Ägypten nach Libyen. Ich wollte zu diesem Zeitpunkt nicht nach Europa, sondern einfach nur fliehen. Meine Familie wollte ich nachholen. Die Lage in Libyen war damals noch nicht so schlecht. Ich habe dort gearbeitet und meiner Frau Geld geschickt. Dann habe ich erfahren, dass mein vermisster Bruder im Gefängnis ist und zwei Cousins umgebracht wurden. Meinen anderen Bruder habe ich zu mir nach Libyen geholt.

Und wieso deine Frau und dein Kind nicht?

Die Grenzen wurden dicht gemacht und es war sehr gefährlich für Frauen. Es gab dreckige Geschichten über Vergewaltigungen. Das konnte ich meiner Frau nicht zumuten.

Wie bist du nach Deutschland gekommen?

Ich bin im August 2014 über Bengasi in Libyen mit etwa 350 Leuten auf einem kleinen Holzboot losgefahren. Mitten auf dem Meer ist dann der Navigator kaputtgegangen. Da so viele Menschen auf dem Boot waren, haben sich die Bretter langsam gelöst. Das Boot war sehr alt und wir wussten, dass es sehr schnell untergehen würde. Die Leute fingen an zu weinen und zu schreien. Wir haben dann die Küstenwache benachrichtigt und um Hilfe gebeten. Die sagten uns aber, sie seien nicht verantwortlich weil wir weder in italienischem noch in lybischem Seegebiet waren. Ich hab dem Tod ins Auge gesehen. Doch einer auf dem Boot hatte Kontakte in die Golfstaaten, die er als letzte Möglichkeit angerufen hat. Er muss sehr einflussreich gewesen sein, denn plötzlich kamen fünf Schiffe, die uns retten wollten. Sie haben sich abgesprochen und ein italienischer Öltransporter hat uns mit nach Sizilien genommen.

Wie ging es von da weiter?

Ich wollte nach Deutschland, weil ich als Mechaniker arbeite und die deutsche Industrie mag. Zu dritt sind wir bis nach München. Dort haben wir uns bei der Polizei gemeldet und unsere Papiere abgegeben. Man hat uns für 24 Tage in das Heim in München gebracht. Dann sind wir nach Chemnitz geschickt worden. Etwa zwei Wochen waren wir dort. Alles war sehr unklar, wir wurden hin- und hergeschickt. Niemand hat mit uns direkt gesprochen. Wir haben dann Briefe bekommen. Die Übersetzung war so schlecht, dass wir nicht wussten: Ist das jetzt ein Anhörungstermin oder ein Transfertermin? Der Umgang war sehr grob. Am Tag meiner Anhörung wurde ich verlegt, ohne benachrichtigt zu werden.

Und wo bist du dann hingekommen?

Nach Schneeberg. Dort war das Essen so schlecht, dass man es kaum essen konnte. Ich glaube, es wurde absichtlich versalzen. Die Leute wurden davon krank. Deshalb habe ich Unterschriften gegen das Essen gesammelt. 73 Leute haben mitgemacht. Diese Petition habe ich dann abgegeben. Vier Stunden später kam mein Transfer. Ich wusste nichts davon. Ich war der einzige von uns, der diesen Transfer bekommen hat. Von dort wurde ich dann zur Torgauer Straße gebracht. Ich weiß nicht mehr genau wann das war, vor drei oder vier Monaten. Ich zähle die Tage nicht mehr.

Die Torgauer Straße ist stark in der Kritik. Kannst du verstehen, dass Leute wollen, dass sie geschlossen wird?

Generell wünsche ich mir, dass man die Leute vermittelt und die Anträge bearbeitet, damit man dezentral wohnen kann und sich das Heim nach und nach leert. Dann sollte man das System von Grund auf ändern, die Verwaltung, das Gebäude und so weiter. Als Übergangsort finde ich es wichtig, weil auch weiter Flüchtlinge kommen werden. Aber der Zaun gefällt mir nicht. Ich fühle mich wie in einem Zoo. Es reicht nicht, dass nur renoviert wird. Ich wünsche mir, dass die Leute mehr wissen, um wen es sich handelt. Wenn Flüchtlinge aufgenommen werden, dann muss man sie doch auch kennenlernen. Das muss alles personalisierter werden. Und ich würde am liebsten dezentral wohnen.

Wie hältst du mit deiner Familie Kontakt?

Über Whatsapp. Allerdings ist es sehr schwer, weil es viele Stromausfälle in Syrien gibt, manchmal für einen ganzen Monat.

Und du versuchst, deine Familie jetzt nach Europa zu holen?

Ja, nur deshalb bin ich überhaupt hergekommen. Aber es wurde ja noch nicht mal mein Asylantrag angesehen. Meine Tochter ist schon zwei Jahre alt und ich habe sie noch kein einziges Mal gesehen. Ich hoffe sehr darauf, dass ich bald einen Termin bekomme.

*Name von der Redaktion geändert

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