„Weinen allein bildet nicht“

In diesem Jahr jährt sich der Jahrestag der Befreiung der deutschen Konzentrationslager zum 70. Mal. Auch das Sterben der Zeitzeugengeneration verändert die Situation und die Erinnerungskultur. Damit stehen auch die KZ-Gedenkstätten vor neuen Herausforderungen. Ein Gespräch mit Dr. Jens-Christian Wagner, dem Geschäftsführer der Stiftung niedersächsiche Gedenkstätten, über die Zukunft der Erinnerungskultur.

Das Interview führte Felix M. Steiner

Figurengruppe und Krematorium in der KZ-Gedenkstätte MIttelbau-Dora, Foto: Felix M. Steiner
Figurengruppe und Krematorium in der KZ-Gedenkstätte MIttelbau-Dora, Foto: Felix M. Steiner

In diesem Jahr jährt sich die Befreiung der deutschen Konzentrationslager zum 70. Mal. Welche Bedeutung kommt diesem Jubiläum zu?

70 Jahre nach der Befreiung ist es nun wohl tatsächlich das letzte Mal, dass eine größere Zahl von Überlebenden aus allen Teilen der Welt nach Deutschland kommt, um an die Stätten des Leids zurückzukehren – manche zum ersten Mal nach der Befreiung im April/Mai 1945. Stärker noch als in den Jahren zuvor wird die Erinnerung jüdisch geprägt sein – aus einem ganz einfachen Grund: Politische Häftlinge oder auch Kriegsgefangene waren durchschnittlich deutlich älter; die meisten leben mittlerweile nicht mehr. Juden hingegen wurden nicht wegen eines bestimmten Verhaltens inhaftiert, sondern weil sie Juden waren – und das betraf auch Kinder. Insbesondere in Bergen-Belsen, einem Lager mit einem deutlich höheren Anteil jüdischer Häftlinge als etwa Buchenwald oder Dachau, ist die Zahl der „child survivors“ besonders hoch. Und die haben ganz andere Erinnerungen an die KZ-Haft als politische Häftlinge oder Angehörige anderer Haftgruppen.

Und welche Auswirkungen hat das auf die Erinnerungskultur?

Ich erinnere mich noch sehr gut an die Rede, die der spanische Widerstandskämpfer, Schriftsteller und ehemalige Buchenwald-Häftling Jorge Semprun, der mittlerweile verstorben ist, 2005 zum 60. Jahrestag der Befreiung im Deutschen Nationaltheater in Weimar gehalten hat. Die Rede war ein Plädoyer an die jüngeren, überwiegend jüdischen Überlebenden, nach dem Tod der letzten politischen Ex-Häftlinge deren Vermächtnis in die Zukunft zu tragen: den Wunsch nach einer friedlichen, die Menschenwürde achtenden Welt, in der Rassismus, Nationalismus und Krieg keinen Platz haben.

Und das machen jüdische Überlebende nicht?

Doch, durchaus. Die Frage ist eher, was unsere Gesellschaft damit macht. Und hier bemerke ich mit Sorge eine gewisse Entkontextualisierung unseres Blicks auf die NS-Vergangenheit. Das zeigt sich in einer Individualisierung der KZ-Erinnerung und auch in einer auch medial geprägten Engführung auf die Geschichte der Ermordung der europäischen Juden. Sicherlich war dies das Zentralverbrechen der Nazis, aber es darf nicht isoliert betrachtet werden, sondern muss im Gesamtzusammenhang mit der Verfolgung und Ermordung auch anderer Gruppen gesehen werden, etwa politischer Häftlinge, der Sinti und Roma, Homosexueller oder als „asozial“ oder „kriminell“ Verfolgter. Oder denken Sie an den Krankenmord, das Schicksal der Zwangsarbeiter/innen und an die Geschichte der sowjetischen Kriegsgefangenen. All das droht hinter der Metapher Auschwitz und einem auf den Judenmord fokussierten Blick zu verschwinden.

Was brauchen wir in der Erinnerungskultur stattdessen?

Wir brauchen eine lebendige, kritische Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen, eine Auseinandersetzung, die nach Ursache und Wirkung fragt und alle Verfolgtengruppen in den Blick nimmt und auch würdigt. Und wir brauchen eine Auseinandersetzung, die danach fragt, warum ein großer Teil der Deutschen bis zum letzten Tag des Krieges mitgemacht hat, viele auch als Profiteure und Mittäter bei Verbrechen. Schließlich brauchen wir eine Bildungsarbeit in den Gedenkstätten, die handlungsorientiert ist, allerdings nicht im Sinne appellativ-affirmativer Gedenkreden mit der Forderung „Nie wieder!“, die zwar selbstverständlich richtig ist, aber verpufft, wenn Gedenkstättenbesucher/innen in dem Gefühl nach Hause gehen, früher sei alles ganz schrecklich gewesen, jetzt sei man aber am glücklichen Ende der Geschichte angekommen. Wir brauchen Aktualitätsbezüge jenseits falscher historischer Analogien.

Logo der Gedenkstätte Bergen-Belsen zum 70. Jahrestag
Logo der Gedenkstätte Bergen-Belsen zum 70. Jahrestag

Wie setzt die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten ein solches Konzept von Erinnerungsarbeit zum 70. Jahrestag der Befreiung um – allen voran in Bergen-Belsen?

Wir sagen, wie im Übrigen auch viele Gedenkstättenkollegen in anderen Bundesländern: Weinen allein bildet nicht. Unser Ziel ist es, die Gedenkveranstaltungen, die zwangsläufig auch durch eine gewisse Ritualisierung mit Reden und Kranzniederlegungen geprägt sind, in ein breites inhaltliches Programm einzubetten, um sicherzustellen, was wir als Hauptziel unserer Arbeit sehen: ein kritisches Geschichtsbewusstsein in die Gesellschaft zu tragen und unsere Besucher/innen zu befähigen, sich ein eigenes, ethisch fundiertes Urteil über die NS-Vergangenheit zu bilden. Konkret geschieht das u.a. mit Begegnungen zwischen Jugendlichen und Überlebenden, Diskussions- und Vortragsveranstaltungen, Sonderausstellungen und ein breites Internetangebot.

Können Sie Beispiele nennen?

Da ist zum einen die Sonderausstellung „Zwischen Harz und Heide. Todesmärsche und Räumungstransporte im April 1945“ zu nennen, die wir gemeinsam mit der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora in Thüringen erarbeitet haben. Ihr erster Teil wird ab 13. April in der Gedenkstätte Mittelbau-Dora präsentiert, der zweite Teil ab 24. April in Bergen-Belsen. Später sollen dann beide Teile zusammen als Wanderausstellung auf die Reise gehen. Die Ausstellung thematisiert das mörderische Finale des KZ-Systems, das nicht im vermeintlich fernen „Osten“ stattfand, sondern inmitten der deutschen Gesellschaft, in aller Öffentlichkeit. Diesem Thema, das wir deshalb so wichtig finden, weil es zeigt, wie eine radikal rassistische Gesellschaft funktioniert, widmet sich auch ein zweites Format: unser Blog „70 Tage Gewalt, Mord, Befreiung“. Hier werden täglich bis zum 8. Mai Ereignisse präsentiert, die sich genau vor 70 Jahren überall in Niedersachsen ereignet haben. In aller Deutlichkeit machen die exemplarischen Ereignisse, die täglich vorgestellt werden, das Ausmaß der Gewalteskalation bei Kriegsende deutlich.

Der Blog der niedersächsichen Gedenkstätten
Der Blog der niedersächsichen Gedenkstätten

Welche Veränderungen sind durch das Sterben der Zeitzeugen zu erwarten? Welchen Einfluss wird dies auf die Erinnerungskultur haben?

Um die alltägliche Bildungsarbeit in den Gedenkstätten mache ich mir eigentlich keine großen Sorgen. Schon in den letzten Jahren sind Zeitzeugenbegegnungen im Gedenkstättenalltag eher selten gewesen. Was ich eher fürchte, ist schwindender Rückhalt für die Gedenkstättenarbeit in der Gesellschaft und in der Politik, wenn die ehemals Verfolgten, die ein erhebliches moralisches Gewicht haben, nicht mehr da sind und ihre warnenden Stimmen nicht mehr erheben können, wenn sie Fehlentwicklungen in der deutschen Gesellschaft wahrnehmen. Es wird sicherlich einsamer werden in den Gedenkstätten, insbesondere für viele von uns, die sich von Zeitzeugen verabschieden müssen, die über lange Jahre gemeinsamer Arbeit zu engen Freunden geworden sind.

Was bedeutet dies konkret für die Gedenkstätten und ihre Konzepte im Bezug auf die Erinnerungskultur?

Es ist unsere Aufgabe, der Öffentlichkeit zu vermitteln, dass es sich auch in Zukunft lohnt, sich mit den an den jeweiligen Orten begangenen Verbrechen zu beschäftigen. Hier können wir viel darüber lernen, welche Wirkungen Ausgrenzung, Kriminalisierung und Rassismus haben können und wie sie im Massenmord enden. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema gehört genuin zur Selbstverständigung einer demokratisch verfassten Gesellschaft, die die Würde und die Rechte aller Menschen in den Mittelpunkt stellt, oder besser: stellen sollte.

Wie sehen Sie in diesem Bereich die Aufgabe bzw. Rolle der Politik?

Die Politik muss sicherstellen, dass Gedenkstättenarbeit nicht nur an großen Gedenktagen wie dem 70. Jahrestag und auch nicht nur in exemplarischen großen Gedenkstätten finanziell unterfüttert ist, sondern 365 Tage im Jahr und möglichst flächendeckend. Die Aufgabe der Politik geht aber noch weit darüber hinaus: Sie hat auch Einfluss auf Lehrpläne und Curricula in Schulen und Universitäten. Überhaupt geht die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen und ihren Opfern uns alle an. Wenn sie an den Gedenkstättengrenzen endet, verpufft sie wirkungslos. Und schließlich sollte man anerkennen, dass die NS-Verbrechen auch heute noch ungelöste Folgen haben. Sowjetische Kriegsgefangene etwa, eine der größten, gleichwohl im öffentlichen Bewusstsein am wenigsten präsenten Opfergruppen, haben bis heute keinen Cent Entschädigung erhalten. Und die Forderungen aus Griechenland nach Entschädigungszahlungen für Angehörige von Massakeropfern oder auch nach Rückzahlung der deutschen Zwangsanleihe während des Krieges sind meines Erachtens durchaus berechtigt – auch wenn man vorsichtig sein sollte, Schuldenkrise und Reparationsforderungen zu verquicken. Aber das ist ein anderes Thema.

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