Moralische Medienschelte

Viel zu viel, viel zu aufdringlich, viel zu oberflächlich – im Netz haben verschiedene Journalisten die Berichterstattung über den Absturz der Germanwings-Maschine in Frankreich angeprangert. So eine Kritik ist schnell formuliert, findet oft Zustimmung – und lässt den Absender als kritischen Geist erscheinen.

Von Patrick Gensing

Es gibt kaum Beiträge, die leichter zu recherchieren und schneller zu schreiben sind, als Artikel zur aktuellen Berichterstattung: Glotze oder Radio an – dabei noch ein Blick auf die Schlagzeilen der großen Blätter, Meinung bestätigen lassen – und los geht es. Heute Morgen eröffnete taz-Chefredakteurin Ines Pohl diese Medienkritik zum Germanwings-Absturz:

Deutschland möchte also auch ganz dringend eine Katastrophe für sich? Was soll das bedeuten? Die Lust, auch mal Opfer zu sein? Pohl erklärte etwas später auf Twitter: „Ich will nicht die Trauerenden kritisieren, die Endlosschleifen der Sondersendungen ohne Erkenntniswert berühren mich unangenehm.“

Allerdings sei hier die Frage gestattet, warum einerseits beklagt wird – auch von anderen Kollegen außer Pohl, es werde viel zu viel Wirbel um den Absturz gemacht, andererseits muss man aber selbst noch einen drauf setzen und sich unbedingt auch noch dazu äußern? Wäre es nicht konsequenter, dann einfach zu schweigen? Oder zumindest etwas differenzierter zu formulieren, als es in einem Twitter- oder Facebook-Posting möglich ist? So soll ernsthaft Oberflächlichkeit in Medien thematisiert werden?

Aasgeier, die für Leichenteile zahlen

Komplett im Ton vergreift sich Hermann Gremliza in der konkret: In einer bewusst rohen Sprache schreibt er unter anderem von Todesopfern im Straßenverkehr, die „eingelocht“ würden ohne Sondersendungen. Und es geht noch tiefer: Bei solchen Todesopfern gebe es „nichts zu fressen für die Aasgeier, Reporter und Redakteure genannt, die an den Tresen provenzalischer Gasthöfe in ihrem zehnten bis zwanzigsten Pastis nach den Leichenteilen scharren, die geschwätzige Polizisten ihnen für ein kleines Handgeld überlassen“.

Übrigens erklärt Gremliza mit seinem Hinweis auf die alltäglichen Opfer im Straßenverkehr schon selbst, weshalb es für den Absturz eines deutschen Fliegers mehr Aufmerksamkeit gibt: Dies ist nämlich gerade nicht alltäglich. Die Unterstellungen, die kaputten Reporter würden sich ohnehin nur volllaufen lassen und Geld für Leichenteile bezahlen, ist dann einfach nur noch pures Ressentiments, das ich eher bei KenFM erwartet hätte.

„Nah an ethischen und persönlichen Grenzen“

Wer sind diese Aasgeier? Mein geschätzter Kollege Stefan Laurin beispielsweise war für Die Welt in Haltern – und schrieb danach auf Facebook: „Es war alles sehr würdig in Haltern… Sowohl vor der Schule als auch auf der Pressekonferenz im Rathaus.“ Ein anderer Kollege schrieb: „Krasser Tag. Erst am Flughafen Düsseldorf und dann an der Schule in Haltern. Darüber zu berichten, bzw vor allem davon Fotos zu machen ist echt kein schöner Job und die ganze Zeit ziemlich nah an ethischen und persönlichen Grenzen…“

Es gibt sicherlich Reporter, die sich weit weniger Gedanken machen und skrupellos agieren. Aber die meisten Kollegen diskutieren immer wieder lange und kontrovers, welche Bilder angemessen sind, welche nicht – dies gilt auch für andere Anlässe – beispielsweise Anschläge. Und es ist auch keine besonders lebensbejahende Arbeit, immer wieder aus vorliegendem Material die Bilder herauszusuchen, die eben nicht mehr gezeigt werden können. Aber mit solchen Details muss man sich auch nicht weiter belasten, wenn die These stimmen soll.

Von Trauer und Wut

Sascha Lobo veröffentlichte heute übrigens auf Spiegel Online einen klugen Artikel zu den Reaktionen auf den Flugzeugabsturz, er schreibt:

Verstörend, wie eng Trauer und Wut beieinander liegen. Zu den meistgeteilten Botschaften gehört Empörung über die „sensationslüsterne Journallie“. […] Offenbar brauchen digitale Gemeinschaftsgefühle ein Ziel, und weil Traurigkeit keines kennt, schlägt sie leicht um in Empörung. Klicktrauer wird zur Klickwut. Es lässt sich erahnen, wie die soziale Funktion des Sündenbocks entstand.

taz-Chefredakteurin Ines Pohl wurde nach ihrem Tweet selbst zum Ziel dieser Klickwut und teilweise übelst beleidigt.

Gleichzeitig finden sich in den Kommentaren zu den oben erwähnten Medienkritiken umgehend auch Beiträge, die in Richtung „Lügenpresse“ und pauschale und populistische Politikerschelte gehen. Auf der Facebook-Seite des Politmagazins Monitor erhielt ein Nutzer für diesen Kommentar 73 Likes:

Wieso muss der „Halbe Bundestag“ nach Frankreich fliegen um dann irgendeinen unqualifizierten Senf in die Kameras zu labern. Und die Sender stellen diese auch noch in den Vordergrund, als wenn diese Pappnasen die Hauptfiguren in einem Theaterstück wären,. Merkel hier, Merkel da, Merkel vorne, Merkel hinten, Merkel kann nicht in die Schlucht, Merkel kann nur mit Hubschrauber über das Gebiet fliegen, Steinmeier kommt auch nicht weiter, Steinmeier war gestern schon da, Steinmeier erzählt uns, was Experten schon vorher x-mal erklärt haben. Witzfigur Dobrindet gibt auch seine Senf dazu….. Was für eine Schmierenkömödie zu einem extrem traurigen Anlass.

Ein trauriger Anlass, der offenbar eine günstige Gelegenheit bietet, Feindbilder zu pflegen oder sich mal wieder als kritischen Kopf in Szene zu setzen. Sie wisse nicht, was sie schlimmer finde, merkte eine Kollegin auf Facebook treffend an: „Das berühmte Witwenschütteln, oder aber „Kollegen“, die sich an der Berichterstattung abarbeiten und de facto den Tod von mehr als hundert Menschen nutzen, um öffentlich (!) zu erklären, wie sicher sie im moralischen Sattel sitzen.“

 

8 thoughts on “Moralische Medienschelte

  1. Hat sich hier unter Umständen jemand im Dickicht von Ursache und Wirkung verlaufen?

    Jeder TV-Sender hat gerade einen Journalistendarsteller in die französische Provinz geschickt, nur um von da zu berichten, dass es eigentlich nichts zu berichten gibt. Außer, ja: Die Helfer verrichten ihre Arbeit und Angehörigen stehen unter Schock. Achwas!

    Und dazu werden irgendwelche „Luftfahrtexperten“ in die Studios gezerrt, um zu erklären, dass man ja eigentlich nichts wisse, und nur spekulieren kann. Aber einen Defekt der Maschine kann man wohl sicher ausschließen!

    Mir ist bewusst, dass es nur darum geht die Sensationsgier der Zuschauer zu bedienen, aber schaltet bei den Journalisten bei solcherlei Unglücken komplett das Hirn aus? Ist nicht das Kerngeschaft von Journalisten echte von vermeintlichen Nachrichten zu selektieren? Herr Gensing, gibt es irgendeinen vernünftigen Grund die verlorene Ehre Ihrer Journalistenkollegen retten zu retten? Wenn Sie diesen in Ihrem Text versteckt haben, dann konnte ich ihn leider nicht finden.

  2. Danke, Patrick Gensing, für Ihren einfühlsamen und kritischen Kommentar.

    Ich finde es furchtbar, wie viele Leute versuchen diesen Massenmord eines Einzelnen zu relativieren, intellektuel zu zerreden (Pohl, Gremliza), eigene Verschwörungstheorien unterzubringen oder billiges Politiker-Bashing loszuwerden.

  3. Ist es wirklich die Sensationsgier der Zuschauer? Wird hier nicht eine Interesse, ein Bedarf des Lesers, des Zuschauers vorgeschoben? Von ca. 80 Millionen Menschen, die in Deutschland leben, wie viele davon sind sensationsgierig? Hat sie jemals jemand gezählt?

  4. schon traurig, das den medien nichts zu schade ist, um sich wieder gegenseitig hochzuschauckeln und als wichtig zu publizieren und dann auch immer wieder einen wie auch immer gearteten moralischen ton zu haben und dann wieder ganz unterschwellig auf das übliche thema „darf deutschland sowas“ hinzuschwenken.. im Grunde sind doch die meisten Medien Leichenfledderer, die dank solchen Katastrophen Ihr Tägliches Brot verdienen.. sad

  5. Die Pointe ist natürlich, das der werte Autor dieser Zeilen auch nichts anderes macht als die geschätzte Frau Pohl, nur das er noche eine Kritik-Metaebene darüberbaut, womit seine Zeilen sich wie ein Bumerang auf ihn zurückfallen.
    Welch süße Ironie….

  6. nach geschätzter Kollege „Laurin“ wollte ich eh schon aufhören, der Rest des Artikels wird nicht besser, wenn nun Gensing die Kritik an der Medienkritk kritisiert.
    Im Gegensatz zu ihm und den anderen BILD-Unterstützern können sehr viele Menschen durchaus unterscheiden zwischen den einzelnen Publikationen und Texten.
    Und wenn aktuell von „den Medien“ ist beileibe nicht der Kicker oder das Feuilleton der FAZ gemeint.

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