Internationaler Tag gegen (nicht existenten) Rassismus

Am Wochenende hat der internationale Tag gegen Rassismus stattgefunden – in Deutschland gab es dazu hübsche Aktionen gegen „Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit“. Dass solche Begriffe bereits ausgrenzen können, ist kein Thema. Man nähert sich dem Thema lieber nach dem Ausschlussprinzip.

Von Patrick Gensing

Der „Verband Sächsischer Carneval“ hat sich laut MDR von Bildern beim Faschingsumzug in Reinhardtsdorf-Schöna distanziert. Auf einer Sondersitzung am Sonntag in Annaberg-Buchholz hieß es, der Reinhardtsdorfer Karnevalsclub hätte seine Aufsichtspflicht als Veranstalter verletzt und gegen die Ethik-Charta des „Bundes Deutscher Karneval“ verstoßen.

Deutschland rechts unten: Karneval in Sachsen. (Screenshot Karnevalsverein Reinhardtsdorf-Schöna)
Deutschland rechts unten: Karneval in Sachsen. (Screenshot Karnevalsverein Reinhardtsdorf-Schöna)

Wie auf der Internetseite des Karnevalsvereins Reinhardtsdorf-Schöna zu bestaunen ist, hatten sich Karnevalisten bei dem Faschingsumzug am 14. Februar unter anderem mit schwarz angemalten Gesichtern, Afro-Perücken, langen bunten Gewändern und Koffern in der Hand vor einem Wagen mit der Aufschrift „Reisefreudige Afrikaner“ präsentiert. Im Touristentransfer „Basteikraxler“ fuhr die „Reisegruppe Aladin“ mit. Und auf einem Wagen mit dem Titel „Fünf-Sterne-Asyl-Lounge“, der in der Online-Galerie nicht zu sehen ist, fuhren als Flüchtlinge verkleidete Narren durch den 1.500-Einwohner-Ort.

Seitens des sächsischen Karnevalsverbandes hieß es, die Veranstalter in Reinhardtsdorf-Schöna hätten „nicht das nötige Gespür und die Sensibilität“ gehabt zu erkennen, „dass derartige Umzugsbilder nicht vom Brauchtum des Faschings, der Fastnacht und des Karnevals getragen werden“.

„Völlig normal“

Bürgermeister Olaf Ehrlich zufolge, parteilos und Vorsitzender des Karnevalsvereins, haben die Bilder mit Rassismus nichts zu tun. Er sagte der „Bild“-Zeitung vergangene Woche: „Die Leute hier haben Probleme und machen so ihrem Ärger Luft. Das ist völlig normal.“

Mit Letzterem hat Ehrlich wahrscheinlich auch noch vollkommen recht – und das sieht wohl auch Willi Windhund so, der im SWR tosenden Beifall erhielt, als er beklagte, er werde als Deutscher „vom Ausland“ als Hitler diskriminiert (siehe dazu auch aktueller Spiegel-Titel). Daher dürfe er auch Mohrenkopf und Negerkuss sagen. Den restlichen Stuss können Sie sich bei Bedarf selbst anschauen…


Willi Windhund aka. Horst J. Radelli – Helau… von head-to-desk

Stefan Raab ordnete den Auftritt als rassistisch ein. Dabei sei das alles gar nicht so gemeint. Raab verstehe den Hintergrund von Windhunds „Neger“-Witzen gar nicht. Die „Allgemeine Zeitung“ kommentierte:

In einer zugegebenermaßen eher grenzwertigen Dachdecker-Phantasmagorie, in der Willi Windhund Mohrenköpfe an die Arbeiter unter seinem häuslichen Ziegelwerk verfüttert, kommt Radelli [der Willi Windhung spielt, PG] auf den Punkt: Wenn die Dachschräge nicht dicht sei, bekomme der „Neger“ seinen Rassismus zu spüren – also kein Mensch dunkler Hautfarbe, sondern der Dachdeckerbetrieb Neger, dessen stilisiertes Reklamesignet nichtsdestotrotz seit 60 Jahren die Figur eines hammerschwingenden Schwarzen ziert, obwohl sich der Name Neger wahrscheinlich von „Näher“ ableitet.

Es ist ziemlich vertrackt mit der Political Correctness und eigentlich erfordert das Thema eher Gefühl in den Fingerspitzen als in der geballten Handschuhfaust. Aber wenn ein Haudrauf-TV-Format und ein Brachial-Redner aufeinandertreffen, darf man sich nicht wundern, wenn Raab zum äußersten V-Effekt greift und die „Mohrenkopf“-Tiraden in das gespenstige Schwarzweiß einer NS-Wochenschau taucht. Das aber hat selbst ein Bütten-Berserker wie Willi Windhund nicht verdient.

Das Problem sei also mal wieder die vertrackte Political Correctness und nicht etwa, dass die ganzen Witze ohne Rassismus gar keinen doppeldeutigen Sinn ergeben. Denn nur im Kontext des Begriffs Neger für schwarze Menschen können sich die Zuschauer gleich doppelt auf die Schenkel klopfen: Weil sie nämlich diesen vermeintlich hintergründigen Humor verstehen – und weil ein weißer Mann auf der Bühne ständig Neger und Mohr brüllt.

Also, wieder kein Rassismus… Vielleicht eine Lidl-Reklame, in der zunächst nur eine schwarze Frau zu sehen ist, die sich irgendwas in den Mund schiebt, garniert mit dem Spruch „Gute Schokolade erkennt man am zarten Schmelz“? Haha, wie absurd, natürlich auch nicht, immerhin essen wir Deutschen seit Jahrzehnten so gerne die Schoki mit dem Mohrenkopf, Sarotti hat die Nostalgie-Verpackung erst wieder aufgelegt…

Lidl-Reklame (Screenshot)
Lidl-Reklame (Screenshot)
"Die Liebe zum Mohren neu entfachen": Sarotti
„Die Liebe zum Mohren neu entfachen“: Sarotti

Aber was ist denn eigentlich Rassismus in Deutschland? Ich möchte auflösen: Rassismus fängt in Deutschland nach normaler Lesart an, wenn eine Horde Neonazi-Glatzen einen schwarzen Menschen jagt, dabei „Neger raus“ brüllt und das Opfer schließlich krankenhausreif schlägt. Noch einige winzige Einschränkungen: Die Täter dürfen nicht arbeitslos oder angetrunken gewesen sein, dann wäre es nämlich Frust („Ärger Luft machen“) oder ein Lausbubenstreich. Ach ja: Liebeskummer gilt auch nicht.

Kein Rassismus ist es hingegen, wenn in Gesetzestexten gegen Diskriminierung von „Rassen“ die Rede ist. Kein Rassismus ist es ebenfalls, wenn als Synonym der Begriff Ausländerfeindlichkeit benutzt wird, und damit suggeriert wird, es handele sich bei den Opfern von Rassismus um Ausländer. Es handelt sich um keinen Rassismus, wenn in Polizeikalendern Schwarze als Affen dargestellt werden. Kein Rassismus ist es, wenn Menschen pauschal unterstellt wird, sie würden in Deutschland nur Geld abgreifen wollen. Kein Rassismus ist es für viele Bürger, wenn Menschen wegen ihrer Hautfarbe von der Polizei kontrolliert werden. Und schon gar kein Rassismus ist es, wenn in großen Medien darüber diskutiert wird, wie sehr „wir“ Flüchtlinge, Schwarze, Juden oder Sinti tolerieren, also ertragen, müssten. Folgerichtig sind Proteste gegen Flüchtlingsunterkünfte oder rassistisch grundierte Großdemos wie PEGIDA in Dresden auch nur ein Ausdruck von „Sorgen“…

Es geht mal wieder um die Definitionshoheit: Was Rassismus ist, will Otto Normalverbraucher selbst bestimmen – auch wenn er sich bislang noch nie mit der Materie beschäftigt hat und sich seine eigenen Diskriminierungserfahrungen auf den Wahn beschränken, vom Ausland als Hitler gebrandmarkt zu werden. Ähnliches gilt für den Antisemitismus: Ein Expertenkreis der Bundesregierung berücksichtigt keine jüdischen Forscher. Und wenn Frauen beispielsweise im Netz Sexismus anprangern, können sie ziemlich sicher sein, schnell mit einem maskulinen Mob konfrontiert zu sein, der nicht vor falschen Unterstellungen und offenen Drohungen zurückschreckt.

Was ist Rassismus?

Die Süddeutsche Zeitung kommentiert zu den Aktionen am Tag gegen Rassismus, „wer Fremdenfeindlichkeit und Rassismus bekämpfen“ wolle, der „muss zuallererst dafür sorgen, dass Menschen wie jenen Bootsflüchtlingen mit Empathie begegnet wird“. Ich würde noch einen Schritt weiter zurückgehen: Zunächst wäre eine Debatte darüber, was Rassismus überhaupt ausmacht, nötig. Die Chancen dafür erscheinen niederschmetternd schlecht: Teile des deutschen Feuilleton haben Wichtigeres zu erledigen – sie befinden sich im heldenhaften Abwehrkampf, um kulturelle Errungenschaften wie Blackfacing und den Begriff „Neger“ zu verteidigen.

Die gute Nachricht des Tages: Der Internationale Tag gegen Rassismus kann in Deutschland im kommenden Jahr ausfallen. Das Problem taucht hierzulande nur ganz vereinzelt auf – beispielsweise ab und zu im Fußballstadion – und diesem Rassismus zeigen wir schön die Rote Karte. Problem erledigt.

4 thoughts on “Internationaler Tag gegen (nicht existenten) Rassismus

  1. Schon ganz gut, aber ein bisschen habt ihr schon geschlampt.

    Aber was ist denn eigentlich Rassismus in Deutschland? Ich möchte auflösen: Rassismus fängt in Deutschland nach normaler Lesart an, wenn eine Horde Neonazi-Glatzen einen schwarzen Menschen jagt, dabei “Neger raus” brüllt und das Opfer schließlich krankenhausreif schlägt.

    Auch das ist kein Rassismus. Eine Hetzjagd ist erst ab einer per Merheitsbeschluss bestimmten zurückgelegten Strecke Rassismus, denn alles darunter ist keine Hetzjagd, sondern ein Sommerabendspaziergang.

  2. Ein logischer Fehler. Man kann nicht zuerst sagen, X ist böse, und dann als zweites sagen: Jetzt wollen wir mal definieren, welche Tatbestände alle unter X fallen sollen. Denn erst aus den Tatbestandsmerkmalen kann sich ja ergeben, ob X böse ist oder nicht.

    Genau deshalb bestehen alle Logiker auf einer klaren Trennung zwischen Tatsachenbehauptungen und Bewertungen – und darauf, dass Definitionen bloße analytische Hilfsmittel sein dürfen, aus denen sich keine „synthetischen“ (informativen) Tatsachenbehauptungen einerseits oder Bewertungen andererseits ergeben können.

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