Der Fall Jung und die Empörung über die Empörung

Bis in die FAZ hat es ein Posting von Tilo Jung auf Instagram zum Weltfrauentag schließlich gebracht. In fast allen Beiträgen zu der Causa Jung geht es aber vor allem um einen hysterischen Twitter-Mob und angemessene Reaktionen. Was hinter solchen „Witzen“ steckt, bleibt bestenfalls nebensächlich.

Von Patrick Gensing

Rund 51.500 Tweets, 380 Videos auf YouTube, mehr als 1000 Beiträge auf Instagram – dazu eine gut gefütterte Facebook-Seite: Der Journalist Tilo Jung ist ein Online-Profi und geradezu omnipräsent im Netz. Bekannt wurde er vor allem durch das Interview-Format „Jung & Naiv“, in dem er „Politik für Desinteressierte“ anbieten möchte.

Warum allerdings Uninteressierte ausgerechnet durch 50-minütige Interviews ihre Begeisterung für Politik entdecken sollten, ist mir ziemlich unklar. Das ging auch Nadja Schlüter von der SZ so – und durfte sich dafür als Replik anhören, wer Jung & Naiv so kritisiere, sei schön blöd. Denn Jung & Naiv sei „eine Einladung an die Interviewten, keine Phrasen für die üblichen 90 Sekunden der Tagesschau sagen zu müssen, von denen dann nur 7 Sekunden verwendet werden“. Mit dieser Einladung reüssierte Jung mit „Jung & Naiv“ – vor allem in Medienkreisen, weniger bei den „normalen“ Zuschauern: Denn eine Breitenwirkung erreichen die Videos kaum; bei den meisten blieben die Zähler bei 5000 bis 10.000 Abrufen stehen – manche schaffen noch weniger, einige dafür mehrere Zehntausend.

„Die Medien sind politikverdrossen, weil sie kein Interesse mehr haben, Sachverhalte erklärend darzustellen“, erklärte Jung zu seiner Motivation für das Format. Klingt prima, wenn auch nicht sonderlich differenziert. Und erklären tut Jung auch nur recht wenig: Er lässt die von ihm ausgewählten Leute ausführlich zu Wort kommen, so dass sich die Zuschauer aus einem Wust von Statements nicht nur die relevanten Stellen raussuchen sollen, sie sollen diese auch noch einordnen bzw. auf Glaubwürdigkeit / Wahrheitsgehalt überprüfen. Da wo die Arbeit des Journalisten anfängt, hört Jung & Naiv sozusagen einfach auf.

„Ohne Scheiß“

Diese Ungereimtheiten des Konzepts legen den Schluss nahe, dass sich Jung & Naiv – wie es der Titel bereits anzeigt – zu mindestes 50 Prozent um den Namensgeber dreht. Dazu passt, dass Jung in sozialen Medien hauptsächlich Bilder von sich postet, eine Mischung aus Modeln und Journalismus: Jung mimt den charmanten Lümmel aus der ersten Reihe, den erwachsenen Kinderreporter: selbstbewusst im Auftreten, gut im Aussehen, locker im Ton – eben „ohne Scheiß“ (im Gegensatz zu den mittlerweile gelöschten „Penisdialogen“ – „absolut unbeschnitten“).

Es geht also um Inszenierung. Dagegen ist auch überhaupt nichts einzuwenden, Jung legt einen beachtlichen Einsatz an den Tag und scheint ehrgeizig den Weg in die große Öffentlichkeit zu suchen. Dazu gehören dann wohl auch gezielte Provokationen: Für ein Interview mit Glenn Greenwald, der beispielsweise die Unabhängigkeit der Kurden im Nordirak nach dem US-Einmarsch mit dem „Anschluss“ des Sudentenlandes durch Hitler verglich, setzte sich Jung auf das Holocaust-Mahnmal in Berlin, um sich über das „American Empire“ unterrichten zu lassen. Das erzeugte keinen „Aufschrei“ in den sozialen Netzwerken, sehr wohl aber Irritation bei einigen Kollegen. 

Später kritisierte Jung wiederum Peer Steinbrück für eine Weihnachtskarte aus Berlin, auf dem das Mahnmal groß zu sehen ist. Während sich Steinbrück wenigstens zeitnah für dieses Motiv entschuldigte, wollte Jung in seinem Verhalten keinen Widerspruch erkennen.

Was Nazi-Vergleiche angeht, ließ Jung einen Fatah-Sprecher ohne jegliche Nachfrage erklären, die israelischen Juden folgten einer Reinheitsideologie wie die der Nazis:

„Es gibt ja auch palästinensische Israelis, Palästinenser, die als israelische Staatsbürger diskriminiert werden. Israelische Juden sind die Oberschicht, die sind die Reinsten. Es ist traurig, dass Leute, die in deinem Land selbst Opfer einer solchen Reinheitsideologie wurden, die zur Vernichtung von Millionen von Menschen führte, dass diese Leute jetzt genauso denken.“

Wie geschrieben: Keine Nachfrage. Dafür trieb es Jung um, dass Israels Ministerpräsident Netanjahu im Kontext des iranischen Atomprogramms und den antiisraelischen Tiraden aus Teheran vor einem „zweiten Holocaust“ warnte:

Keine Sorge, ich werde Tilo Jung jetzt nicht in die „rechte Ecke“ stellen, so wie es einige vielleicht vermuten bzw. von mir erwarten. Mir geht es darum, dass Jungs Format vollkommen passend Jung & Naiv heißt; immerhin gibt es gar nicht vor, sonderlich kritisch oder vom Mainstream abweichend zu sein. Zudem zeigen die erwähnten Beispiele, dass Jung gerne provoziert; testet, wie weit er gehen kann. Auch die Kritik an seinem Posting zum Weltfrauentag konterte er noch mit einem Tweet, in dem er von „symbolischer Selbstverbrennung“ orakelte. Später räumte er selbst in einer Erklärung ein, er habe „eine große Klappe“.

Herrenwitze ernten Widerspruch

So wie Jung & Naiv nicht sonderlich kritisch ist, verhält es sich auch mit Jungs Posting: „Herrenwitze“ sind im schlechtesten Sinne stinknormal. Was sich verändert hat: Solche Sprüche bleiben nicht mehr ohne Widerspruch. Die Kritik wird dann aber gerne als „Shitstorm“ bezeichnet, wodurch die Reaktionen disqualifiziert und unterschiedliche Argumente eingeebnet werden.

Die eigentliche Nachricht für größere Medien ist dann nicht die Aussage an sich – sondern die Reaktionen darauf werden zum Berichtsgegenstand. Zeitungen wollen modern wirken, indem sie berichten, was gestern im Netz war – und das klingt dann so: „Dass dieser Fehltritt nicht lange unbemerkt bleiben würde, war abzusehen: Schnell meldeten sich bekannte Feministinnen zu Wort“, wusste die Wilhelmshavener Zeitung zu melden. Jung sei geteert und gefedert worden, schreibt die Zeit. Und die FAZ wählte die Überschrift: „Ein Fehltritt, schon sind alle auf der Palme“.

Wo genau wurde Jung geteert und gefedert?

Abgesehen von der Frage, wo genau Jung geteert und gefedert worden sein soll: Feministinnen, die sofort „auf der Palme“ sind – wer kennt sie nicht, diese „hysterischen Hühner“…?! In sozialen Netzwerken war die Empörung über die Empörung auf jeden Fall größer und vor allem weit radikaler in der Sprache, als die Kritik an Jung zuvor. Auch die Kommentare zu dem erwähnten FAZ-Artikel ließen keine Wünsche offen:

„welche gesellschaftliche und mediale Macht sogenannte Feministinnen und Feministen haben, die auf der einen Seite Männer beleidigen und dann wegen eines im Vergleich dazu harmlosen Fotos in der Lage sind ein Unternehmen zu gefährden, das es wagt unpassende Fotos zu veröffentlichen. Übrigens sind Männer öfter Opfer von Gewalt!“

Männer als Opfer der Feministinnen – es fehlen eigentlich nur noch Deutsche als Opfer von Rassismus sowie Dresdner als Opfer von Systemmedien und angloamerikanischen Bombenhagel  – man kennt das. Einige Kommentatoren waren sich nicht zu schade, eine Parallele von der Kritik an Jung zu den Anschlägen von Paris zu ziehen. Wieder von der FAZ-Seite:

In dieser völlig infantilen Gesellschaftsverfassung sind sich die Schreihälse mit den Mördern von Paris irritierend gleich: In der säkularen deutschen Gesellschaft haben sich neue religiöse Bewegungen konstituiert: Veganer, AufschreihysterikerInnen, Kopftuchverteidiger etc. Deutschland 2015 – ein Land geht dem Abgrund entgegen.

Auf Facebook posteten Leute ernsthaft „Je suis Tilo“-Bilder, nachdem Krautreporter-„Herausgeber“ Sebastian Esser klipp und klar erklärt hatte, worum sich die FAZ gedrückt hat – nämlich, dass Jungs Post „frauenfeindlich“ ist. Jung kokettiere zudem „mit Gewalt gegen Frauen“ und werde daher vorübergehend nicht mehr bei den Krautreportern veröffentlichen. Einen lesenswerten Kommentar zu dieser Entscheidung hat Journelle veröffentlicht.

Jung & Naiv zum Thema Sexismus?

Ob aber nun eine inhaltliche Debatte bei den Krautreportern folgt, in der nicht nur der Herausgeber, Chefredakteur und Politik-Autor ihre Sicht zum Thema Sexismus und Kritik-Management anbieten, ließ Esser unbeantwortet. Jung solle seinen „blinden Fleck“ ausleuchten, hieß es lediglich. Licht aus, Spot an: Denn was wäre geeigneter für diese Suche, als eine Interviewreihe zu genau diesem Thema bei Jung & Naiv?

Siehe auch: The Krauts in Paris

     

46 thoughts on “Der Fall Jung und die Empörung über die Empörung

  1. > Das erzeugte keinen “Aufschrei” in den sozialen Netzwerken, sehr wohl aber Irritation bei einigen Kollegen.
    >
    > *Twitter-Post: @TiloJung Du hast mit Greenwald auf den Stelen gesessen, AUF DEN STELEN?@flueke*
    >
    > Später kritisierte Jung wiederum Peer Steinbrück für eine Weihnachtskarte aus Berlin, auf dem das Mahnmal groß zu sehen ist. Während sich Steinbrück wenigstens zeitnah für dieses Motiv entschuldigte, wollte Jung in seinem Verhalten keinen Widerspruch erkennen.
    >
    > *Twitter-Post: Die dämlichsten Weihnachtsgrüße kommen diesmal von Peer Steinbrück pic.twitter.com/I7cbMT9Xco (via @tgs2001)*

    Ihr gebt die Posts in einer nicht chronologischen Reihenfolge wieder und behauptet, Jung wäre erst kritisiert worden und hätte danach Steinbrück kritisiert. Das ist falsch.

  2. „Was hinter solchen „Witzen“ steckt, bleibt bestenfalls nebensächlich.“

    Ja was steckt den nun dahinter? Klären sie uns auf! Oder war tatsächlich das Interview mit dem Fatah Sprecher Schuld? Diese Muslime immer! Oder doch die Stellen? Ja da scheinen auch schon viele ins Fettnäpfchen getretten zu sein.
    Oder sehen sie sich doch eher dem Mainstream zugehörig und schreiben über die Reaktionen, nicht den Inhalt? Wollen sie sich am Ende etwa nur als Feminist inszinieren?

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