Hetze gegen Juden im Fußball: „Mit Antisemitismus nichts zu tun“

Von Frederik Schindler, Fußball gegen Nazis*

„Das hat nichts mit Antisemitismus zu tun“ – mit dieser Aussage wurde ein anonymer Fan des FC Luzern in der vergangenen Woche auf SPIEGEL ONLINE zu einem Vorfall in St. Gallen zitiert. Dort hatten ca. 300 Fans bei einem sogenannten Fanmarsch durch die Innenstadt einen als orthodoxen Juden verkleideten Mann durch die Straßen getrieben. Dieser trug einen Schal des FC St. Gallen um den Hals und stand symbolisch für die gegnerische Mannschaft und die gegnerischen Fans. Warum das kein Antisemitismus sein soll? „Die St. Galler Fans wurden schon immer als Juden bezeichnet“, so der anonyme Fan. Dies ist leider richtig. In einigen Schweizer Stadien lautet ein beliebter Fangesang „Und sie werden fallen, die Juden aus St. Gallen“. Das macht den Vorfall aber nicht weniger antisemitisch. Die Aktion lediglich als Einzelfall oder wie in einigen Medien geschehen als „Fasnachtsscherz“ zu bezeichnen, ist ebenfalls bagatellisierend – seit Jahrzehnten gibt es im Fußball und der dazugehörigen Fankultur antisemitische Vorkommnisse wie diesen.

Antisemitismus in der Amateurliga: TuS Makkabi Berlin

Besonders betroffen von Antisemitismus sind jüdische Vereine. Einer davon ist TuS Makkabi Berlin. Die 1. Herrenmannschaft spielt seit dem letzten Jahr in der ersten Staffel der Berliner Landesliga, zuvor ist er aus der sechsthöchsten Spielklasse im deutschen Männer-Ligasystem, der Berlin-Liga, abgestiegen. Das Frauenteam spielt in der 1. Staffel der Bezirksliga, die fünfthöchste Klasse im Frauen-Ligasystem. Der Verein wurde in der Zeit des Nationalsozialismus verboten und 1970 neu gegründet. Auch heute sind Angestellte des Vereins immer wieder antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. Der letzte öffentlich breit thematisierte Vorfall ereignete sich 2012 im Spiel gegen den BSV Hürtürkel. Zunächst wurden während des Spiels mehrere Makkabi-Spieler von Hürtürkel-Spielern beleidigt: Einem wurde erklärt, er „stinkt schon wie ein Jude“, muslimische Makkabi-Spieler wurden als „Schande“ bezeichnet und ein Schwarzer Makkabi-Spieler wurde rassistisch beleidigt. Nach dem Spiel rief Hürtürkels Trainer angeblich „Amina koydum yahudi!“ – was ein türkischsprachiger Makkabi-Spieler in „Jetzt haben wir euch Juden gefickt!“ übersetzen konnte und den Vorfall so öffentlich machte. Dem Verein Hürtürkel der laut Jungle WorldVerbindungen zu den rassistisch-nationalistischen Grauen Wölfen pflegt, wurden 3 Punkte abgezogen, ein Spieler wurde für sechs Monate, der Trainer für elf Monate gesperrt. Obwohl die Mehrheit der muslimischen Gegner nicht antisemitisch, sondern offen und tolerant sei, werden immer wieder auch seine muslimischen Spieler angefeindet und unter Rechtfertigungsdruck gesetzt, sagt Sportdirektor Claudio Offenberg im Deutschlandfunk: „Mit Ausdrücken wie: Ihr sollt euch ja schämen, bei den Saujuden zu spielen.“

„Wenn Sie einen Funken Anstand haben müssen sie uns helfen“

Im Gespräch mit Fussball-gegen-Nazis.de betont Offenberg, dass gerade in den letzten Jahren eine höchst aggressive Vermischung mit Themen aus dem Nahostkonflikt stattfinde: „Die Tendenz geht gerade seit dem Jahr 2014 klar dahin, die Anfeindungen und Diffamierungen völlig rücksichtslos offen, wie auch öffentlich anzubringen.“ Auch mit Anfeindungen aus dem rechtsradikal-nationalistischen Spektrum hatte der Verein in der Vergangenheit immer wieder zu kämpfen. Ein besonders gravierender Fall ereignete sich kurz nach der Fußball-WM in Deutschland, im September 2006 im Berliner Ortsteil Glienicke. Ungefähr 15 neonazistische Fans der VSG Glienicke riefen dort während dem gesamten Spiel antisemitische Parolen wie „Wir bauen eine U-Bahn nach Auschwitz“, „Vergast die Juden“ oder „Synagogen müssen brennen“ – weder die Verantwortlichen des Vereins, noch der Schiedsrichter griff ein. Als Makkabi-Spieler Raffael Tepmann die pöbelnden und drohenden Fans zur Rede stellte, erhielt er die Gelbe Karte. Spieler Vernen Liebermann forderte vom Schiedsrichter: „Wenn Sie einen Funken Anstand haben für die Geschichte in diesem Land, dann müssen Sie uns jetzt helfen“ – und flog dafür mit Gelb-Rot vom Platz. Die Mannschaft verließ protestierend den Platz, das Spiel wurde abgebrochen. Makkabis Vorsitzender Tuvia Schlesinger sprach von dem „Schlimmsten, das einem jüdischen Verein seit der Hitler-Diktatur in Deutschland widerfahren ist“, während der Abteilungsleiter Fußball der VSG Glienicke den Vorfall relativierte und fragte, was man denn machen solle, wenn der Schiedsrichter nun mal nichts gehört habe. Eine harte Strafe bekam der Verein nicht. „So macht sich der Eindruck breit, dass man sich mehr oder weniger ungestraft auf deutschen Fußballplätzen antisemitisch verhalten darf“, sagte Schlesinger damals der Jüdischen Allgemeinen.

TuS Makkabi protestiert mit diesem Banner gegen die zahlreichen Anfeindungen ihres Vereins. (Quelle: Flickr.com/El Minuto)

Wenig Solidarität von anderen Vereinen

Und dann sind da noch die Bemerkungen aus anderen Vereinen oder in Verhandlungen mit neuen Spielern, die uralte antisemitische Stereotype äußern: „Sie äußern sich teils offen mit sowohl herabsetzenden Sprüchen, als auch durch augenzwinkernde Aussagen, wie über den angeblichen Reichtums des TuS Makkabi und seine vermeintlich schier unbegrenzten Beziehungen und Einflussmöglichkeiten. Daneben ist uns bewusst, dass deutlich rassistische und antisemitische Sprüche fallen, wenn wir nicht in Hörweite sind“, so Offenberg. Die öffentliche Aufmerksamkeit um die schlimmen Vorfälle in den Spielen gegen die VSG Glienicke und den BSV Hürtürkel habe glücklicherweise zu mehr Zurückhaltung geführt: „Man ist sich durchaus bewusst, dass ein Sanktionsrisiko droht und man seine eigenen kleineren, wie größeren Rassisten besser im Zaum halten sollte“, vermutet der Sportdirektor. Er beklagt dennoch die fehlende Solidarisierung anderer Berliner Teams.

Ein positives Gegengewicht ist der bekannteste migrantische Verein Deutschlands, Türkiyemspor Berlin. Dieser veranstaltete nach den Hürtürkel-Vorfällen gemeinsam mit Makkabi ein Freundschaftsspiel gegen Antisemitismus und Rassismus sowie eine Podiumsdiskussion zum Thema. Leider ein Einzelfall – von anderen Teams aus der Liga ist rund um diskriminierende Vorfälle keine Unterstützung erkennbar. Offenberg: „Die Gründe sind Gleichgültigkeit, Ignoranz gegenüber der gesamten Problemlage und auch die weit verbreitete Meinung, man solle nicht jammern, da der Ton im Fußball eben rauer sei.“ Am Ende wird den jüdischen Vereinen „Opfergetue“ vorgeworfen und selbst die Schuld zugeschrieben, da sie das Thema wiederholt problematisierten.

„Es gibt immer noch viele Vereine, die jeglicher Selbstkritik gegenüber verschlossen sind“, sagt Florian Schubert, der an der TU Berlin zu Antisemitismus von Fußballfans promoviert im Gespräch mit Fussball-gegen-Nazis.de. Er spricht das antisemitische Motiv der Täter-Opfer-Umkehr an: „Auch in den Verbänden gibt es zu weilen die Position: ‚Gäbe es die Makkabi-Vereine nicht, dann hätten wir auch das Problem nicht.‘ Dazu kommt, dass viele Antisemitismus nicht wahrhaben wollen und dafür nicht sensibilisiert sind. So werden antisemitische Vorfälle dann auch gar nicht wahrgenommen.“

Im Berliner Fußballverband hat sich allerdings einiges  getan: „Da werden ordentliche Konsequenzen gezogen, besonders vorangetrieben durch den Vizepräsidenten Gerd Liesegang, der sich gegen Rassismus und Antisemitismus engagiert“, lobt Offenberg. Und vor kurzem bekam Makkabi prominente Unterstützung vom Hertha BSC. Unter dem Motto „Wir zeigen Gesicht und stellen uns dem Judenhass entschlossen entgegen“ wurde eingemeinsamer Videospot produziert, an dem sich das Hertha-Team gerne beteiligte. Dort habe man schon länger mit Sorge verfolgt, „mit welchen Schwierigkeiten und unerträglichen Stellungnahmen der Verein in seiner Spielklasse konfrontiert ist“, sagte Herthas Pressesprecher der Jüdischen Allgemeinen. Im Video wird das Makkabi-Team symbolisch von der Bundesligamannschaft umstellt und geschützt.

Initiative „!Nie wieder“: Choreografien und Veranstaltungen rund um den Holocaust-Gedenktag

Um auf das Thema Antisemitismus im Fußball aufmerksam zu machen und um eine aktive Erinnerung und Verurteilung der Verbrechen der Deutschen im Nationalsozialismus zu etablieren, veranstaltet die Initiative „!Nie wieder – Erinnerungstag im deutschen Fußball“ bereits seit 2004 Aktionen rund um den Holocaust-Gedenktag am 27. Januar. Das Bündnis tagte zuletzt am 25. Februar 2015 in Frankfurt am Main. Über 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, darunter Aktive aus verschiedenen Fanprojekten und -initiativen, der Präsident von Makkabi Deutschland, der Projektmanager der Bundesliga-Stiftung, der Geschäftsführer der DFB-Kulturstiftung, Vereinsarchivare aus München und Frankfurt, der Corporate Social Responsibility-Verantwortliche der Fortuna Düsseldorf und die EhrenpreisträgerInnen des Julius Hirsch Preises Angelika Ribler (Sportmediatorin und Referentin der Sportjugend Hessen) sowie Ronny Blaschke (Sportjournalist) planten die  nächsten Veranstaltungen und Aktionen und stellten die Projekte aus diesem Jahr vor. Die Ultràgruppe Schickeria Münchenwar in den letzten Jahren besonders aktiv an den Erinnerungstagen beteiligt, sie erinnert seit Jahren mit Choreografien an jüdische oder andere vom Nationalsozialismus verfolgte Vereinsmitglieder und Fußballer. So wurden 2011 in Bremen mehrere Spruchbänder und eine Zaunfahne mit dem Konterfei von Otto Beer gezeigt. Er war Jugendleiter des FC Bayern und wurde 1941 im Konzentrationslager Kauen ermordet. 2013 wurde dem jüdischen und vom Nationalsozialismus verfolgten Meistertrainer von 1932 Richard Dombi gedacht und im letzten Jahr wurde schließlich eine beeindruckende Choreografie über die gesamte Südkurve in Erinnerung an den ehemaligen Präsidenten Kurt Landauer präsentiert, der aufgrund des antisemitischen Verfolgungswahns der Deutschen im Konzentrationslager Dachau interniert war und nach seiner Entlassung in die Schweiz flüchten konnte. Landauer wurde bereits 2009 mit einer großen Choreo und dem Schriftzug „Der FC Bayern war sein Leben – Nichts und niemand konnte das ändern“ geehrt, zu dem findet seit 2005 jährlich im Sommer ein antirassistisches Turnier um den Kurt-Landauer-Pokal statt. In diesem Jahr wurde beim Auswärtsspiel in Wolfsburg eine Choreografie in Gedenken an den sozialdemokratischen Widerstandskämpfer und Clubfunktionär Wilhelm Buisson gedacht, zudem informierte die Gruppe im Südkurvenbladdl ausführlich über die Biographie des FC Bayern-Mitglieds.

„Der FC Bayern und ich gehören nun einmal zusammen“. Kurt Landauer Choreografie 2014. (Quelle: Schickeria München)

Eine aktive Beschäftigung mit der Vereinsgeschichte während des Nationalsozialismus oder mit aktuellen antisemitischen Tendenzen in der Fankultur muss meist von organisierten Fans eingefordert werden, selten werden Vereine selbst aktiv. So wurde der Vorschlag von „!Nie wieder“, dass die Teams des VfL Wolfsburg und des FC Bayern München kurz nach dem 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung beim Einlaufen T-Shirts mit einer entsprechenden Botschaft tragen, ohne Begründung abgelehnt. Es ist nur zu vermuten, dass hier die Sponsorengelder mal wieder wichtiger waren, als gesellschaftspolitisches Engagement. „Es wäre schon sehr hilfreich, wenn sich Verbände und Vereine deutlicher mit Antisemitismus auseinandersetzen würden und anerkennen würden, dass es ihn auch beim Fußball gibt“, fordert Doktorand Florian Schubert. Es bleibt also noch viel zu tun.

Mehr im Netz:

„Haut’s die Juden eini’!“- Antisemitismus im österreichischen Fußball (Fussball-gegen-nazis.de)

Antisemitismus im Fußball – Feature von Ronny Blaschke (Deutschlandradio Kultur)

Fußball unter dem Hakenkreuz (WDR Online)

Internetseite der Initiative „!Nie Wieder – Erinnerungstag im deutschen Fußball

Facebook-Seite der Faninitiative „Fußballfans gegen Antisemitismus

*Fussball-gegen-Nazis.de ist ein Projekt der Amadeu-Antonio-Stiftung und bietet eine kontinuierliche Berichterstattung über Neonazismus, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie im Fußball. Die Plattform richtet sich an alle Interessierten aus Fangruppen, Vereinen und Verbänden, die sich über (Anti-)Diskriminierung im Bereich Fußball informieren möchten.