Antisemitismus als Lackmustest der Demokratie

Der Bleistift – das Symbol gegen den Terror von Paris. Nun gehört er auch Kopenhagen. Zwei Menschen wurden Opfer eines Wahns, der die Freiheit der Meinung genauso hasst wie die Juden. Ein Literaturcafé und eine Synagoge – das passt zusammen. Sie sind die realen und symbolischen Tatorte eines Vernichtungswillen gegen die offene Gesellschaft, die von den Mördern mit allem Jüdischen gleichgesetzt wird.

Von Anetta Kahane, Amadeu Antonio Stiftung

Mit Offenheit meinen die Täter nicht das Interessante, Widersprüchliche, Vielfältige und Lebendige der demokratischen Gesellschaften. Offen ist ihnen kein gutes Wort. Sie sehen in der Freiheit nur Düsternis und Verschwörung, Unmoral und Anmaßung. Die ideologisierte, negative Beschreibung der westlichen Demokratien ist fast immer identisch mit den alten und groben antisemitischen Klischees. Deshalb töteten die Terroristen von Paris in der Redaktion von Charlie Hebdo UND im jüdischen Supermarkt. Deshalb ist es jetzt in Kopenhagen die Veranstaltung zur Meinungsfreiheit UND die Synagoge.

"Plutokratie der Zionisten" - antisemitische Parolen vor dem Kanzleramt in Berlin im Jahr 2014 (Foto: Oliver Feldhaus)
„Plutokratie der Zionisten“ – antisemitische Parolen vor dem Kanzleramt in Berlin im Jahr 2014 (Foto: Oliver Feldhaus)

Wenn Europa nicht versteht, wie sehr der Antisemitismus mit der Feindschaft gegen die offene Gesellschaft zusammenhängt, wird es seine Offenheit nur schwer verteidigen können. Der Antisemitismus kehrt zu seinen Wurzeln zurück, er braucht längst nicht mehr den Umweg über Israelhass. Er ist die gemeinsame Ideologie von Islamisten, Antiimperialisten gegen Amerika (Russland ist zwar Imperium, darf es für diese Leute aber ungehindert sein), Verschwörungsideologen aller Art, Aluhüten und Pegidisten, Neonazis und durchknallten Technikfeinden.

Dabei liegen sie auf der Hand: Vor 75 Jahren, am 13. Februar 1940 wurden alle Juden aus Pommern deportiert und von Stettin aus in die Vernichtung geschickt. Diese Aktion galt als Versuchsballon. Die deutschen Nazis, Kollaborateure und Profiteure wollten testen, ob sie mit Widerstand zu rechnen haben oder so weitermachen können. Wir kennen das Ergebnis. Fünf Jahre später bombardierten die Alliierten Dresden und bis heute ist es vielen Dresdnern nicht beizubringen, dass das eine mit dem anderen zu tun hatte.

Antisemitismus findet seine jüdischen Opfer. Die mag man mitunter zynisch ignorieren, weil sie bei den paar Juden, die übriggeblieben sind, kaum ins Gewicht fallen. Gewiss gibt es ein Vielfaches an Opfern von Rassismus, weswegen Rassismus zu Recht als großes Problem gesehen wird. Damit aber Antisemitismus zu relativieren, weil mangels Masse nur ab und zu Juden bespuckt, beschimpft, geschlagen oder erschossen werden, ist kurzsichtig. Denn heute steht er für eine Haltung gegen jede universalistische Liberalität und gegen den Kampf für Menschenrechte. Antisemitismus ist für sich ein Übel, doch darüber hinaus bleibt er der Lackmustest für das Gift in der Gesellschaft.

Vor einigen Wochen konnten wir mit einem Bleistift kundtun, was wir vom Morden gegen die Freiheit halten. Das hat leider nicht lange vorgehalten. Vielleicht sollten wir jetzt den Bleistift beiseitelegen und uns darüber verständigen, ob wir in einer demokratischen Gesellschaft leben wollen oder in einer autoritären. Denn das sind ist die Alternativen, wenn die Herausforderungen und Gefahren nicht gesehen werden, die der Antisemitismus mit sich bringt. Ihn zu verniedlichen macht nichts besser – egal, wer der oder die Täter von Kopenhagen waren.

Siehe auch: Was tun gegen den islamistischen Terror?

9 thoughts on “Antisemitismus als Lackmustest der Demokratie

  1. Liebe Frau Kahane,

    ich unterstütze publikative.org sehr gerne und bin in einem regelmäßigen Austausch mit Redakteuren und Mitarbeitern. Und ich habe Sie auch schon oft verlinkt und auf „bedenkenswerte“ Texte hingewiesen.

    Wenn Sie aber den Terror gegen die Redaktion auf Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt gleichsetzen, muss ich Ihnen widersprechen.

    Umso mehr, wenn Sie jeglichen Terror als „Antisemitismus als Lakmustest der Demokratie“ bezeichnen.

    Ganz sicher haben Sie recht, wenn Sie eine antisemitische Teilmenge als „übereinstimmend“ bei vielen Extremisten feststellen, ob von Nazis oder Islamisten oder „Normalbürgern“.

    Tatsächlich haben Sie eklatant unrecht, weil es im Nordirak und Syrien, in vielen Ländern Afrikas und insbesondere in Nigeria nicht gegen Juden geht. Antijüdischer Semitismus spielt dort überhaupt keine Rolle. Es ist ein Antisemitismus gegen arabische Semiten. Es ist ein Terror gegen Muslime, gegen Christen, gegen Jesiden, gegen alle, die nicht der „reinen Lehre“ des Terrors entsprechen.

    Ihr Blick ist gesellschaftlich notwendig und richtig, in der Betrachtung auf Europa. Tatsächlich leisten Sie sich eine luxuriöse Betrachtung, denn in vielen Ländern dieser Welt, ist der Terror weitaus schrecklicher in den Bluttaten und noch viel schrecklicher im Lebensalltag der Menschen verbreitet. Zynisch gesehen, sind die „paar Toten“ in Europa genau nichts gegen die völlig enthemmten Tötungsorgien in Afrika.

    Jeder Terroranschlag ist fürchterlich und man kann Verbrechen niemals vergleichen. Und die Opfer von Paris wie von Kopenhagen schmerzen jeden Menschen mit Verstand und Herz – ebenso wie die überall in den vielen Krisenregionen.

    Die allermeisten Opfer des islamistischen Terrors sind keine Juden, keine Christen, sondern Moslems.

    Der islamistische Terror richtet sich vor allem gegen den Islam selbst. Das in „Antisemitismus“ gegen Juden umzudefinieren, halte ich für prekär.

    Es hilft auch nicht, an die Opfer des Nazi-Regimes unter Hitler zu erinnern. All das ist bekannt und fürchterlich.

    Es gibt einen Konflikt zwischen Israel und einem nicht-existenten Palästina. Und ja, die Palästinenser sind antisemitisch gegen Juden, die Juden antisemitisch gegen Araber. Irgendwann hatten die mal denselben Ursprung.

    Der islamistische Terror in Europa hat Berührungspunkte, in den meisten anderen Ländern aber nicht. Dort steht islamistischer Terror gegen andere Muslime, gegen überhaupt alle „Andersgläubige“. Das muss man thematisieren, denn dort verlaufen allen Fronten.

    Charlie Hebdo hat nichts mit dem „Bruderkrieg“ der Juden mit den Arabern zu tun – das hat eine ganz andere Dimension. Sicher wird hier und da ein wenig Antisemitismus reingestreut – aber der „Lakmustest“ wird andere Ergebnisse bringen.

    Antisemitismus ist für sich ein Übel, schreiben Sie und damit haben Sie recht. Er steht als konkrete Metapher für Anti-irgendwas, was sich immer gegen Menschen richtet und deren Verfolgung und Tod nicht nur in Kauf nimmt, sondern regelrecht fordert.

    Ich denke nicht, dass der Antisemitismus der Lakmustest für Demokratien ist. Ich bin überzeugt davon, dass der Extremismus, wo auch immer er sich wie auch immer bildet, der ewige Prüfstein sein wird.

    Beste Grüße
    Hardy Prothmann

    1. Der Begriff des Antisemitismus ist von den (anti-jüdischen also) Antisemiten selber geprägt worden, und zwar vom deutschen Journalisten Wilhelm Marr 1873. Der Islamische Staat bekämpft nur keine Juden, weil es in dieser Gegend keine Juden mehr gibt. Diese Tausende und Abertausende sind schon vor Jahrzehnten nach Israel vertrieben worden. Heisst aber nicht, dass es in der islamischen Eschatologie keine Figur wie Dajjal (den islamischen Antichrist) gibt. Der Dajjal wird laut Hadith mit einer Armee aus 70.000 Juden gegen Isa (Jesu Christ) ins Feld ziehen, und dabei geschlagen werden. Der islamische Antisemitismsu ist daher weit älter als der Staat Israel. Der Konflikt zwischen Israel und der arabischen Welt dürfte davon weitestgehend mit bestimmt sein.

  2. @Hardy Prothmann: Schlagen Sie einfach mal irgendwo nach, was Antisemitismus ist. Einen Tip gebe ich Ihnen schon mal vorab: Mit der semitischen Sprachfamilie oder irgendwelchen „gemeinsamen Ursprüngen“ von Juden und Arabern hat er gar nichts zu tun.

    Es ist schon erschreckend, dass man das immer noch manchen (gar nicht mal ungebildeten) Leuten erklären muss. Es mag damit zu tun haben, dass die Entstehungszeit des Antisemitismus, als die Begründer dieser Mordlehre sich noch stolz dazu bekannten, inzwischen fast 150 Jahre zurückliegt. Aber das ist keine Entschuldigung.

  3. Ich halte es demgegenüber für vollkommen falsch, den Begriff Antisemitismus derart etymologisch über den Begriff „Semiten“ (und die darin eingeschlossenen historischen Völker) zu definieren. Das ist nicht nur geschichtsvergessen, sondern m. E. richtiggehend perfide: Spätestens an dem Moment wo sie die (israelischen) Juden selbst zu Antisemiten ummünzen (Zitat: „die Juden [sind] antisemitisch gegen Araber“) wird klar, was für ein Humbug das ist. Die Konstrukte „antijüdischer Semitismus“ und “ Antisemitismus gegen arabische Semiten“ machen nicht den geringsten Sinn. Antisemitismus war und ist immer gegen Juden gerichtet (so lange er nicht auf rein struktureller Ebene verweilt). Dass die Opfer des islamistischen Terrors in den islamisch geprägten Gebieten vornehmlich Muslim*innen sind, hat die Autorin doch gar nicht in Abrede gestellt. Ich frage mich stattdessen, warum von Kommentator*innen wie Ihnen immer wieder versucht wird, den antisemitischen Hintergrund von Gewalttaten wie in Paris und Dänemark klein – oder in vielen Fällen sogar ganz aus der Welt – zu reden!?

  4. Hardy Prothman beweist hier, aus welchem Unwissen (und kongenialen Schlüssen) heraus er seine Kritik fertigt.

    Herr Prothman – mit Ihrer ‚Semitendefinition‘, und den von Ihnen angestellten Folgerungen zu Antisemitismus, begeben Sie sich auf eine ‚theoretische Ebene‘ mit Ken Jebsen. Der hatte auch Streit mit Broder^^

    1. Herr Prothmann hat ja, nach eigenem Bekunden, mal eine Promotion bei Jesse ausgeschlagen und wälzt sich seither mit Verve in extremismustheoretischer Apologie.
      Da kommt es auf solche Petitessen wie der völlig kaputten Antisemitismusdefinition auch nicht mehr an.

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