Was tun gegen den islamistischen Terror?

"Israel-Kritik" als Pop
„Israel-Kritik“ als Pop

Der islamistische Terror hat im neuen Gewand die großen Städte Europas erreicht. Keine großen Bombenanschläge, sondern Angriffe mit Schusswaffen: Nach den Anschlägen von Paris und Kopenhagen wird über geeignete Maßnahmen diskutiert. Die Herausforderung besteht darin, vermeintlich gegensätzliche Strategien miteinander zu verbinden – und über Antisemitismus aufzuklären.

Von Patrick Gensing

Während nach den komplexen Anschlägen von New York, Madrid und London mit Tausenden Todesopfern vor allem auf erweiterte staatliche Überwachungs- und Sicherheitskonzepte gesetzt wurde, mit dem „War on terror“ sowie den Drohnen-Angriffen neue Generationen von Terroristen herangezogen worden sind, liegt der Fokus in den jüngsten Debatten offenbar anders. Denn die Konzepte zum „War on terror“ dürften als teilweise gescheitert in die Geschichtsbücher eingehen. Zwar wurden sicherlich Anschläge vereitelt, Strukturen zerstört – dennoch hat der islamistische Terrorismus weltweit eine Schlagkraft entwickelt, wie sie vor zehn Jahren undenkbar war.

Zudem unterscheiden sich die jüngsten Anschläge von Islamisten von 9/11 und anderen Taten deutlich: Wir haben es heute mit radikalisierten Kleingruppen zu tun, Homegrown Terrorists, die mit relativ wenig Aufwand ihre Taten geplant und durchgeführt haben. Eine DIY-Al-Kaida: Einige handliche Schusswaffen statt riesiger Sprengsätze, ein geklauter Fluchtwagen statt ganzer Flugzeuge – die Attentäter können so unterhalb der Wahrnehmungsgrenze der Sicherheitsbehörden agieren. Die Grenze zwischen Eskapismus und Terrorismus scheint sich geradezu aufzulösen, der Weg zum politischen Terrorismus kurz. Dies korrespondiert mit den Konzepten von palästinensischen Kämpfern, die auf die „Auto-Intifada“ setzen – oder schlicht mit Messern und anderen Stichwaffen losschlagen, um Terror im Alltag zu verbreiten.

Expertin aus Berlin im Weißen Haus

US-Vize Joe Biden hat bei einer Konferenz im Weißen Haus zur Radikalisierung von islamistischen Attentätern, die im Westen aufgewachsen sind, die richtigen Worte gefunden: Eine bessere Integration von Migranten ist die beste Prävention gegen Radikalisierung, die westlichen Gesellschaften müssten das bessere Angebot machen, den jungen Menschen Chancen eröffnen und ihnen Perspektiven bieten. Die USA seien für diese Aufgabe besser aufgestellt, so Biden, da die USA in ihrer Geschichte bereits kulturelle Integration immer wieder erfolgreich vollbracht hat. De facto ist es die Basis der USA – was man über Europa nicht unbedingt sagen kann. Zwar basiert auch Europas Kultur auf Wanderbewegungen und Migration, doch sind die Widerstände gegen eine multikulturelle, kosmopolitische Gesellschaft in vielen Staaten weit stärker als in den USA.

„Eines der besten Gegengifte gegen die hasserfüllte Ideologie, die Menschen radikalisieren und für den gewalttätigen Extremismus rekrutieren will, ist das Beispiel toleranter und vielfältiger Gesellschaften, die Beiträge aller Menschen jeden Glaubens willkommen heißt“, sagte Obama. Und bemerkenswert ist auch, dass die US-Regierung Experten aus Deutschland zu ihrem Gipfel gegen die Radikalisierung eingeladen haben, beispielsweise die geschätzte Claudia Dantschke aus Berlin, die auf Publikative über Salafisten geschrieben hatte.

In Deutschland ruft CSU-Chef Seehofer derweil auf dem Politischen Aschermittwoch lieber die Leitkultur aus und definiert Integration als pure Assimilation.

Mit Bildung gegen den IS?

Doch ausschließlich mit mehr Integration und mehr Geld für Bildung kann der islamistische Terror nicht besiegt werden. Denn dieser hat eine internationale Komponente: Der Islamische Staat und auch Boko Haram demonstrieren mit immer neuen, unfassbar brutalen Gewalttaten und Hinrichtungen, welche eliminatorische Kraft die islamistische Ideologie den fanatischen Kriegern gibt. Zudem reisen junge Leute aus Europa nach Syrien, in den Irak und in andere Staaten, um sich an diesem Kampf gegen die Moderne, gegen Menschenrechte und Würde zu beteiligen.

Viele kehren nach Europa zurück, traumatisiert, brutalisiert, enthemmt. Diese Leute können nicht einfach durch bessere Bildung oder Integrationsangebote beruhigt werden, dafür sind ihr Hass und ihre Gewalttätigkeit viel zu gefährlich. Hier müssen neben den oben skizzierten progressiven Maßnahmen auch klassische Sicherheitskonzepte greifen.

Israel als „rotes Tuch“?

Und dann fehlt noch etwas: Das Verständnis von Ideologie. Entweder wird dieses Element einfach ausgeblendet oder bestritten: Der Attentäter habe „als palästinensisches Flüchtlingskind“ das Thema Israel eben als ein „rotes Tuch“ gesehen, hieß es beispielsweise zu Kopenhagen. Doch genau das macht doch den modernen Antisemitismus aus: Jüdische Dänen werden verantwortlich gemacht für die Geschehnisse in Nahost. Es wäre so ähnlich, als würde man sagen, der NSU sei nicht rassistisch gewesen, er habe nur wegen der „Überfremdung“ in den westdeutschen Städten rot (bzw. braun) gesehen…

Die Entsorgung des Antisemitismus treibt erstaunliche Blüten. Ein Angriff auf eine Synagoge in Wuppertal sei nicht antisemitisch motiviert gewesen, meinte ein Gericht – exakt wie bei Angriffen auf Flüchtlinge gerne ein rassistisches Motiv geleugnet wird. Auch der Fall Elsässer gegen Ditfurth zeigt, welch absurden Vorstellungen von Antisemitismus in Deutschland an der Tagesordnung sind. Als im Sommer „Tod den Juden“ und ähnliche Parolen auf „Gaza“-Demos geschmettert wurden, war das Erstaunen groß – und die Konsequenzen klein. Bei einer Kundgebung zur Solidarität mit Juden in Berlin, unterstützt von großen Medien und allen Fraktionen des Bundestags, verloren sich wenige Tausend Menschen.

Auch in Dänemark hatte es bereits Angriffe auf Juden gegeben – alles unter dem Label der „Israel-Kritik“. Und das sogar bereits im Jahr 1985, als Palästinenser die Große Synagoge in Kopenhagen angreifen wollten. Der antisemitische Terror hat eine lange Tradition, wird aber jetzt erst wieder von der großen Öffentlichkeit entdeckt.

Obama - gesteuert von Israel... (Foto Sacha Stawski)
Obama – gesteuert von Israel… (Foto Sacha Stawski)

Antisemitismus beginnt für viele offenbar dann, wenn die Schornsteine rauchen – dabei handelt es sich um ein Ressentiments, das sich bereits in Haltungen und Erklärungsmustern massenhaft findet. Ein Ressentiments, das sich genau wie der Rassismus wandelt und modernisiert. Es liegt eine umfangreiche internationale wissenschaftliche Forschung dazu vor, die in Deutschland aber kaum wahrgenommen wird. Nicht antisemitische Einstellungen oder Aussagen werden skandalisiert, sondern die Kritik daran – so wie in den Fällen Augstein und Grass.

Doch das Unwissen bzw. offensive Leugnen von Ressentiments als Motiv verleiht den Taten eine vermeintliche Legitimation: Wenn Angreifer auf Synagogen und Juden – ob in Paris, Wuppertal oder Kopenhagen – doch nur aus Ohnmacht angesichts der israelischen Politik handeln würden, werden ihre Taten bereits ein Stück weit gerechtfertigt. Wieder der Vergleich zum Rechtsterrorismus: Würden Experten den militanten „Heimatschutz“ von Uwe, Uwe und Beate so verharmlosen, die Welle der Empörung wäre groß.

Where are they now?

Womit wir bei der so genannten Zivilgesellschaft wären, die sich seit Jahren gegen Neonazis und Rassismus engagiert. Das finde ich sehr gut. Und die Arbeit ist auch erfolgreich, Neonazis wurden in vielen Regionen zurückgedrängt, Gedenkkultur hinterfragt, alternative Jugendkulturen gefördert. Ein Fortschritt. Leider fehlen viele dieser Akteure, wenn es um Demonstrationen gegen den islamistischen Terror geht. Die Kundgebungen nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo waren vor allem von bürgerlichen Organisationen getragen.

Warum ist das so? Vielleicht, weil die ethnische und soziale Stigmatisierung von Menschen mit Migrationshintergrund als ein Grund für den Weg zum Terrorismus gilt? „Niemand wird als Dschihadist geboren, er wird dazu gemacht“, betonte der Journalist Yassin Musharbash im Deutschlandfunk. Das klinge zwar wie eine Binsenweisheit, doch tatsächlich „liegt hier ein Lösungsansatz verborgen, der in der Terrorbekämpfung viel zu kurz kommt.“ Genau so ist es: Eine intelligente Terrorbekämpfung setzt nicht nur auf Repression, sondern auch auf Prävention.

Sind die Attentäter von Paris und andere Terroristen also logische Produkte von Armut, Ausgrenzung und Rassismus? So einfach ist es auch nicht, denn dann müsste es Hunderttausende Menschen geben, die zu den Waffen greifen, was glücklicherweise nicht der Fall ist.

Es gebe aber entsprechende soziale Bedingungen, die in der Tat die Entstehung solcher Tragödien begünstigten, betont der Soziologe Dietmar Loch. Im Gespräch mit tagesschau.de sagt der Professor der Universität Lille, dass soziale Ausgrenzung und rassistische sowie sozialräumliche Diskriminierung vor allem gegenüber den in den französischen Vorstädten lebenden Jugendlichen mit postkolonialem Hintergrund seit Jahrzehnten präsent und bekannt seien.

Die Frustration über die eigene Situation sei der Nährboden, so Loch. Gleichzeitig müsse es dazu aber ein entsprechendes ideologisches Angebot geben – wie beispielsweise im heutigen internationalen Kontext den Islamismus. Auf individueller Ebene seien es schließlich persönliche Erfahrungen dieser jungen Menschen, die zu Brüchen in der Biografie führen. Solche Brüche liefen zumeist nach folgendem Muster ab: Abgleiten in die Delinquenz, Aufenthalt im Gefängnis, dortige Radikalisierung durch Mitinsassen. Allerdings würden nur die allerwenigsten Jugendlichen diesen Weg der Radikalisierung einschlagen, auf dem sie dann für ihr individuelles Handeln zum allein verantwortlichen Täter werden.

Terroristen sind keine Opfer

Attentäter, die eine Bar-Mitzwa-Feier angreifen, um möglichst viele Menschen zu ermorden, die in einem Supermarkt Kunden töten, sind keine Opfer, sondern Täter. Gleichzeitig müssen aber alle Anstrengungen unternommen werden, damit nicht weitere Menschen zu solchen Tätern werden. Dazu ist ein Zusammenspiel von verschiedenen Maßnahmen notwendig: mehr Integration und Respekt, dazu sinnvolle und angemessene Arbeit der Sicherheitsbehörden – und ein klares Verständnis der Ideologie der Täter.

Um ein solches Maßnahmenpaket schnüren zu können, müssten Politiker zu echten Kompromissen bereit sein, weil verschiedene eher linksliberale und konservative Konzepte verbunden werden müssen. Ob die Bundesregierung dazu in der Lage sein wird, muss leider bezweifelt werden. Echte Priorität genießt das Thema offenbar nicht, im Innenministerium dominieren zudem die Hinweise auf die Sicherheitsmaßnahmen – und der Umgang mit der Antisemitismus-Forschung lässt auch nichts Gutes erahnen.

8 thoughts on “Was tun gegen den islamistischen Terror?

  1. Gegen diese Art Terroristen kann man nichts tun, weil diese von westlichen Gemeindiensten kommen, die in jedem Land ein- und aus gehen können. Es glaubt doch nicht jemand ernsthaft, dass hinter diesen Kommandoaktionen islamische Fundamentalisten stecken. Ach ja warum wird denn der Hauptfeind aller Moslems, Israel, nicht von dem islamischen Staat behelligt. Da kennt man die Antwort, woher diese islamischtischen Angriffe kommen.

    1. ja, ne, is klar. du scheinst ja völlig den verstand verloren zu haben. eventuell liegen zwischen dem territorium, welches der is als „seins“ proklamiert, noch Jordanien und reste von Syrien?

  2. Das gab es schon mal in der Geschichte: das schaurige Angebot des praktizierten Sadismus, ummäntelt von einer fatalen völkischen Rechtfertigungsideologie , heute eben durch Missbrauch religiöser Ideen, und es sind ja eben nicht nur Migranten, die davon angezogen werden von der propagierten“ Erlaubnis“ und Aufforderung zum Töten, um dadurch bekannt und gefürchtet zu werden und sei es postum.So kommen zu den Integrationsversäumnisse auch der Auswuchs einer breit brutalisierten Freizeit“Kultur“ (Computer-,Spiele, Werbung,Film, Music,…); und die Versäumnisse in der Vermittlung von Werten vor dem alltäglichen Geschehen ständiger mitmenschlicher Vernachlässigungen ,(die übrigens auch heute immer noch in den südlichen USA gegenüber der „unblassen“ Bevölkerung praktiziert wird). – Opfergruppen werden schnell definiert. Wenn als grausige Mode der Tod Verherrlichung erfährt und attraktiver scheint als das Leben,
    ist eine Neubesinnung auf allen gesellschaftlichen Ebenen von höchster ernsthafter Dringlichkeit.

  3. „Womit wir bei der so genannten Zivilgesellschaft wären, die sich seit Jahren gegen Neonazis und Rassismus engagiert. Das finde ich sehr gut. Und die Arbeit ist auch erfolgreich, Neonazis wurden in vielen Regionen zurückgedrängt, Gedenkkultur hinterfragt, alternative Jugendkulturen gefördert. Ein Fortschritt. Leider fehlen viele dieser Akteure, wenn es um Demonstrationen gegen den islamistischen Terror geht. Die Kundgebungen nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo waren vor allem von bürgerlichen Organisationen getragen.“

    Dieser Artikel vom FAZ-Online liefert eine ziemlich gute Antwort:
    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/kampf-gegen-rechts-ein-volk-von-antifaschisten-13429214.html

  4. @Lallajunge: Alles klar, sogar am antisemitischen Terror sind die Juden schuld!?

    Gegen diese Art Kommentatoren kann man nichts tun, weil diese von westlichen Gemeindiensten kommen, die in jedem Blog ein- und aus gehen können. Es glaubt doch nicht jemand ernsthaft, dass hinter diesem Kommentar ein antisemitischer Troll steckt. Ach ja warum wird denn der Hauptfeind aller Juden, Lallajunge, nicht von publikative.org zensiert. Da kennt man die Antwort, woher dieser antisemitische Bullshit kommt.

    Ich frage mich, warum Sie ihren antisemitischen Bullshit hier auf publikative.org unbehelligt verbreiten dürfen? Dafür gibt es doch nur eine sinnvolle Erklärung: Sie sind selbst ein Agent der jüdischen Lügenpresse. Ihre Tarnung ist aufgeflogen, Lallajunge! Trollen Sie sich!

    😉

  5. >>Zwar basiert auch Europas Kultur auf Wanderbewegungen und Migration, doch sind die Widerstände gegen eine multikulturelle, kosmopolitische Gesellschaft in vielen Staaten weit stärker als in den USA.<<

    Patrick Gensing impliziert mit dieser Aussage unfreiwiliigerweise erstens, dass diese multikulturelle, kosmopolitische Gesellschaft eine recht neue Sache ist, und dass zweitens diese neue Gesellschaften in Europa gegen den Willen und den Widerstand der Bevölkerungen, zumindest eines Teils davon, errichtet werden.

    Dass die alte, "monokulturelle", deutsche, franzößische, itatalienische usw. Gesellschaft, auf deren Gräbern diese neue "multikulturelle, kosmopolitische Gesellschaft" errichtet wird, schließlich zerstört wird, scheint Gensing nichts auszumachen.

  6. “Niemand wird als Dschihadist geboren, er wird dazu gemacht”, betonte der Journalist Yassin Musharbash. Ich halte diese Aussage inzwischen für den Beweise der Dummdreistigkeit des Urhebers oder für eine unverschämte Lüge eines Schwätzers, die nur einem Zweck dient: Schuldig sind immer die Anderen.

    http://www.welt.de/vermischtes/article137715988/Einser-Schuelerinnen-im-Bann-der-IS-Terroristen.html

    Warum gehen drei Schülerinnen, die alle Chancen vor sich gehabt haben, nach Syrien um sich einer der schlimmsten Mörderbanden der heutigen Zeit anzuschließen? War es der Kapitalismus, der Rassismus, die soziale Chancenlosigkeit und Ausgrenzung? Oder war es einfach nur das schlechte Wetter in England?

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