Das Akademische Karussell: Nationalsozialismus und totale Herrschaft

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um den Politikwissenschaftler Gert Schäfer und seine Arbeiten zu Nationalsozialismus und totaler Herrschaft.

Von Samuel Salzborn*

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Ohne Gert Schäfer wäre die deutschsprachige Diskussion über den Nationalsozialismus ohne Frage völlig anders gelaufen und hätte höchstwahrscheinlich zentrale Aspekte der Analyse totaler Herrschaft erst mit noch deutlicherem Verzug zur englischsprachigen Debatte reflektiert. Denn Schäfer war es, der eines der zentralen Werke über den Nationalsozialismus, das noch während der NS-Herrschaft erschienen war und sich intensiv der politiktheoretischen und damit konzeptionellen Analyse widmete, in den späten 1970er Jahren durch Übersetzung und kommentierte Herausgabe für die deutsche Diskussion zugänglich machen. Die Rede ist von dem Werk „Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933–1944“ von Franz L. Neumann, das in Verbindung mit Ernst Fraenkels „Dual State“ bis heute in seiner analytischen Schärfe und Präzision zu den umsichtigsten Analysen der Herrschaftsstruktur des Nationalsozialismus gehört – trotz einiger Revisionen, die gerade mit Blick auf die von Neumann vorgenommene zu starke Betonung der Bedeutung der Ökonomie und seine weitgehende Ausblendung des Antisemitismus nötig waren. Dass der Nationalsozialismus kein Staat, sondern Neumann folgend ein totaler Unstaat war, der zentrale Aspekte moderner Vergesellschaftung in ihrer ambivalenten Integration von Freiheit und Souveränität zerstört hat, ist nicht nur für ein Verständnis des Nationalsozialismus zentral, sondern auch für die gesamte Staatstheoriediskussion.

Schäfer, der den „Behemoth“ in einer Zeit in die deutsche Debatte einbrachte, als diese noch von plump-ökonomisierenden Ableitungsdebatten oder der kollektiven Selbstentlastung dienenden Personalisierungsvorstellungen geprägt war, hat als Politikwissenschaftler in Frankfurt und Hannover mit den Schwerpunkten Politische Theorie und Gesellschaftstheorie sowie Analyse Politischer Systeme gelehrt und war nicht nur von der Kritischen Theorie, sondern auch stark von Hannah Arendt geprägt. Hat er zur NS-Forschung durch die deutsche Herausgabe des „Behemoth“ einen wesentlichen Beitrag geleistet, so war er in der politikwissenschaftlichen Debatte seither weniger präsent – wohl zum einen, weil er seinen Veröffentlichungen lange Reflexionsprozesse voranstellte, zum anderen, weil manche seiner Arbeiten an eher entlegenen Orten publiziert wurden. Sein mit Carl Nedelmann herausgegebenes Buch „Der CDU-Staat“ (1967) war dabei allerdings ein wesentlicher Motor zum Verständnis der autoritären Strukturen des Politischen Systems der Bundesrepublik bis in die späten 1960er Jahre hinein. Dass er überdies in den 1990er Jahren an seinem Interesse an der Analyse sozialistischer Theoriebildung festhielt, mag seine Unterschätzung in der jüngeren Politikwissenschaft erklären, wenn auch nicht begründen.

Peter Schyga kommt nun das große Verdienst zu, aus dem Nachlass von Gert Schäfer einige unveröffentlichte Arbeiten in einem Band unter dem Titel „Gewalt und Politik. Studien zu Nationalsozialismus und totaler Herrschaft“ herausgegeben zu haben. Neben einem Aufsatz zu Trotzki und einem zu Arendt sowie einem einleitenden Beitrag über „Das Ende von Weimar“ und einem schließenden über „Die Zerstörung der Aufklärung“ bildet ein Vorlesungszyklus über „Formen politischer Herrschaft“ das Herzstück dieser Edition. Der Band, der auf Textfragmenten in unterschiedlichen Graden der Verschriftlichung von Schäfer basiert – von komplett ausformulierten Texten bis hin zu losen Gedankengängen und Stichworten – wurde von Schyga in eine einheitliche Textstruktur gebracht, wobei viele der Auslassungen überzeugend begründet sind, in manchen Fällen wären aber gerade weggelassene, längere Zitate von Dritten ob der Lesbarkeit besser in den Text integriert worden. Insgesamt ist aber gerade im Hauptteil die Vorlesung über „Formen politischer Herrschaft“, in deren ersten Teil es im Sommersemester 1981 um „Bonapartismus, Faschismus/Nationalsozialismus, Autoritärer Staat“ und in deren zweiten Teil es im Wintersemester 1981/82 um „Autoritarismus und Totalitarismus im 20. Jahrhundert“ ging, gut editiert und zeigt die analytischen Gedankengänge von Schäfer, gerade an den Schnittstellen von Politischer Theorie- und Politischer Systemanalyse, in hervorragender Weise. Heute, da die Debatte in der Demokratie- und Autokratieforschung auf die empirische Analyse politischer Herrschaftssysteme fokussiert, kann man von Schäfer in Erinnerung gerufen bekommen, wie gewinnbringend eine theoretisch reflektierte Perspektive auf Fragen von Demokratie, Autokratie und Totalitarismus sein kann.

Schäfer spricht in seinen Vorlesungen über Schlüsselthemen der Politik- und Ideengeschichte und bindet sie an die Entstehung und Genese konkreter politischer Herrschaftssysteme, insbesondere den Nationalsozialismus. Stark im Zentrum stehen – natürlich – Carl Schmitt und Franz L. Neumann (unter anderem auch mit einem spannenden Versuch, Neumanns letzte Schrift „Angst und Politik“ noch einmal, wohl durchaus in Neumanns Sinne, für die Herrschaftsanalyse mit Blick auf das Moment der vergemeinschaftenden, nicht-rationalen Identifizierung fruchtbar zu machen), es werden Themenfelder wie Nationalismus, (Rasse-)Imperialismus, politische Ökonomie, Cäsarismus – Bonapartismus – Faschismus, Massen und Massenbewegungen, Gehorsam und Gewalt, Herrschaft, Freiheit und Eigentum, Autoritarismus und Totalitarismus, politische Gewalt, Recht und Gesetz, Rechts- und Polizeistaat diskutiert.

Gert Schäfer ist im Jahr 2012 gestorben. In den Jahren vor seinem Tod wollte er eigentlich noch einen Beitrag zur Analyse von Neumanns „Behemoth“ und der Entwicklung der Debatte über das Buch zu einem Sammelband über Neumann beisteuern, den der Verfasser dieses Beitrags herausgegeben hat. Dazu ist es aufgrund seiner schweren Erkrankung nicht mehr gekommen. Dem jetzigen Band kommt gleichwohl das Verdienst zu, zentrale Überlegungen von Schäfer zu Neumann und darüber hinaus zu autoritärer und totaler Herrschaft zu bewahren und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es wäre zu hoffen, dass diese intellektuelle Bewahrung Schäfers Rezeption in der Politikwissenschaft intensiviert.

Peter Schyga (Hg.): Gewalt und Politik. Studien zu Nationalsozialismus und totaler Herrschaft. Edition Gert Schäfer, Nomos: Baden-Baden 2014, 446 Seiten.

* Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. Von ihm ist in diesem Jahr erschienen:

Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze
Nomos/UTB: Baden-Baden 2014, 149 Seiten

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Auf Publikative.org schreibt Salzborn die Kolumne „Das Akademische Karussell“