Antisemitismus-Forschung am besten ohne Juden?

Führende jüdische Wissenschaftler und Antisemitismusexperten haben die Zusammensetzung der neuen Antisemitismus-Kommission beim Bundesministerium des Innern (BMI) und den bisherigen Umgang mit der Problematik scharf kritisiert. Da wichtige Expertisen und jüdische Perspektiven fehlen, planen das  Moses Mendelssohn Zentrum, das American Jewish Committee und die Amadeu Antionio Stiftung die Gründung einer alternativen Expertenkommission.

In dem erstmals am 19. Januar 2015 tagenden Expertenarbeitskreis Antisemitismus wurden durch das Bundesinnenministerium acht Wissenschaftler und Pädagogen benannt, von denen kein einziger jüdischer Herkunft ist. „Das ist ein einzigartiger Skandal“, erklärt Julius H. Schoeps, Gründungsdirektor des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien in Potsdam. „Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages und der Bundesinnenminister müssen sich die Frage gefallen lassen, warum richtungsgebende deutsche Antisemitismus-Forscher in diesem Gremium fehlen und wieso auf die Expertise und Beratung jüdischer Wissenschaftler und Fachleute aus den jüdischen Organisationen und Gemeinden offensichtlich kein Wert gelegt wird.“

„Niemand käme auf den Gedanken, eine Konferenz zum Islamhass ohne muslimische Vertreter oder einen Runden Tisch zur Diskriminierung von Frauen ohne Frauen anzusetzen“ kritisierte auch die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, Anetta Kahane.  

Der europäische Antisemitismusbeauftragte des American Jewish Committee, Stephan J. Kramer, beklagt in diesem Zusammenhang die mangelnde politische Umsetzung bisheriger Handlungsempfehlungen: „Seit 2011 liegt uns der Bericht der ersten Expertenkommission vor. Doch statt einer ernsthaften politischen Auseinandersetzung mit den Ideen und Anregungen, verstaubt die Arbeit der Experten in den Schubladen. Der Kampf gegen Antisemitismus darf sich nicht nur in Solidaritätsbekundungen und Mahnungen bei Gedenkreden erschöpfen, sondern muss endlich aktives politisches Handeln nach sich ziehen.“

Antisemitische Schmiererei an einer Litfaßsäule direkt am Boxhagener Platz (Foto: René Andreas Erler)
Antisemitische Schmiererei an einer Litfaßsäule direkt am
Boxhagener Platz (Foto: René Andreas Erler)

Vor diesem Hintergrund kündigen das Moses Mendelssohn Zentrum, das American Jewish Committee und die Amadeu Antonio Stiftung die Einrichtung einer eigenen „Expertenkommission Antisemitismus“ aus Wissenschaft und Praxis an, die sowohl mit profilierten jüdischen wie auch nichtjüdischen Fachleuten aus dem In- und Ausland zusammenarbeiten wird.

„Die Arbeit der letzten Expertenkommission der Bundesregierung hat einen wichtigen Beitrag zum Thema geleistet. Allerdings hat sich die Bedrohungslage durch den Antisemitismus in den vergangenen Jahren verschärft. In einer Zeit, in der jüdische Einrichtungen nach zahlreichen Terroranschlägen immer mehr Schutz brauchen und antisemitische Einstellungen in den Schulen und in der Gesellschaft weite Verbreitung finden, brauchen wir zusätzliche Instrumente und vor allem eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem Thema“, ergänzte Deidre Berger, Direktorin des AJC Berlin Ramer Institute for German-Jewish Relations.

Bewusst jüdische Perspektive einschließen

Die Arbeit der alternativen Kommission soll bewusst auch die jüdische Perspektive auf das Problem Antisemitismus in Deutschland einschließen. Neben spezifischen Studien zu den unterschiedlichen, aktuellen Erscheinungsformen von Antisemitismus sollen von Wissenschaftlern und Praxisexperten kontinuierliche Lageberichte erarbeitet, gewonnene Erkenntnisse für öffentliche Debatten bereitgestellt sowie notwendige politische Maßnahmen entwickelt werden.

Das Gründungskommittee der neuen Expertenkommission übte zugleich heftige Kritik an einer jüngsten Studie des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) der TU Berlin, bei der jüdische Perspektiven abgewertet und antisemitische Tendenzen bagatellisiert werden. In der Stellungnahme „Antisemitismus im Deutungskampf“ hat sich das AJC mit wesentlichen Thesen dieser ZfA-Studie („Antisemitismus als Problem und Symbol“) auseinandergesetzt.

Eine konstituierende Sitzung der Expertenkommission, bei der weitere Fachleute, Arbeitskreise und Netzwerke zu Rate gezogen werden, ist für März 2015 geplant.

Der Initiativgruppe gehören an:

Deidre Berger (American Jewish Committee, Berlin)

Prof. Dr. Julius H. Schoeps (Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam)

Anetta Kahane (Amadeu Antonio Stiftung) 

Stephan J. Kramer (American Jewish Committee, Berlin/Brüssel)

Publikative.org hatte im Dezember 2013 über die Schaumschlägerei der Bundesregierung beim Kampf gegen den Antisemitismus berichtet. 

4 thoughts on “Antisemitismus-Forschung am besten ohne Juden?

  1. Aber liebe Leute. Was erwartet Ihr von einer Expertenkommission zum Antisemitismus? Wenn niemand mehr weiter weiß gibt’s ne Expertenkommission. Voran geht ein heftiger Streit, wer in dieser Expertenkommission sitzen soll und darf. Am Ende ist die Expertenrunde (vorsichtshalber) von wirkliche klugen und an der Sacher orientierten Persönlichkeiten derart dezimiert, dass man, bevor die angefangen haben ihr Zeug runter zu schreiben, genau weiß was dabei rum kommt.
    Die letzte „Expertise“ zum Antisemitismus hat das ZfA der TU Berlin vorgestellt. Was dabei herausgekommen ist…………?

    Das Übliche, wie hier vom AJC-Berlin sehr schön erläutert wird:

    http://www.ajc-germany.org/de/meldung/ajc-weist-vorw%C3%BCrfe-von-antisemitismusforschern-zur%C3%BCck

    Bitte auch unten die PDF Datei beachten. Sehr, sehr lesenswert!!!

  2. Ach ja, die hier vorgeschlagene Expertenkommission, also eine Expertenkommission, die nicht von der ofiziellen Politik inszeniert wird, um die tatsächlichen Verhältnisse zu verschleiern, ist natürlich höchst begrüßenswert.

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