Von der Wiege bis zur Bahre – braune Parallelwelt im Nordosten

Während in anderen Regionen NPD, JN und militante Neonazi-Szene eher auf dem Rückzug sind, bleibt Mecklenburg-Vorpommern eine Hochburg der braunen Bewegung – weitestgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit. Anfang 2015 bieten die Neonazis im Nordosten ein volles Programm: Vom Neujahrsempfang, über eine  JN-CD für Lehrer bis hin zum „Tollense-Marsch“.

Von Andrea Röpke, blick nach rechts

„Mutige Kameraden“ trafen sich  zum zwölften Mal im Februar unter der Führung von David Petereit zum 40 Kilometer-Marsch, „um die eigenen Grenzen auszuloten“, wie es in einer internen Einladung mal hieß. In diesem Jahr beteiligten sich an der Wanderung um den Tollense-See bei Neubrandenburg allerdings weitaus weniger Personen als im Vorjahr. Beobachter sprechen von etwa zwei Dutzend Marschierern, 2014 waren es laut Polizei noch 72. Unter den wenigen, die den NPD-Abgeordneten Petereit durch die Kälte begleiteten, befanden sich neben dem Greifswalder „Anti-Antifa“ Marcus Gutsche, dem ehemaligen NPD-Kandidaten Stefan Zahradnik aus Bad Doberan oder dem Ex-Anhänger der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ), Friedrich Tinz, auch zwei Bremer Neonazis. Henrik Ostendorf, der als führend beim NS-Büchlein „Ein Fähnlein“ gilt und sich an der Organisation der „HoGeSa“-Demonstrationen in Köln und Hannover beteiligte, war ebenso wie der ehemalige Verdener NPD-Aktivist Daniel Fürstenberg, jetzt Hooligan in Bremen, dabei.

Längst werden Privates und Politisches in der Szene vermischt. So fand  Anfang Juni 2014 erneut eine große Hochzeitsfeier in dem von Neonazis dominierten Dörfchen Jamel bei Wismar statt. Bereits Sven Krüger hatte mit großem politischem Gefolge auf dem Dorfplatz gefeiert. Unter den etwa 150 Gästen des Frischvermählten von der „Kameradschaft Wismar“ soll auch der bekannte „Hammerskin“ Thomas Gerlach aus Altenburg in Thüringen gewesen sein. Der steht im Verdacht, dem NSU-Netzwerk angehört zu haben. Am selben Tag im Juni nahmen 25 Rechte an der Beisetzung eines Kameraden in Sietow teil –  ganz nach dem Motto „von der Wiege bis zur Bahre“ wird in Mecklenburg-Vorpommern scheinbar vieles gemeinsam begangen.

Ähnlich wird es wohl auch 2015 ablaufen. Am 9. Januar  feierten etwa 90 Neonazis aus der gesamten Region ungestört mit auswärtigen Besuchern im „Thinghaus“ in Grevesmühlen. Zwei Wochen später führte die NPD ihren Neujahrsempfang und den Landesparteitag in der szeneeigenen Immobilie in Anklam durch. Anwesend waren neben dem neuen Bundesvorsitzenden Frank Franz aus dem Saarland auch die verbliebene sächsische Parteispitze um Holger Szymanski, Arne Schimmer und Jens Baur sowie der parteieigene Witzemacher Thomas Salomon aus Brandenburg.

Mindestens zwei „Wahlkampf“-Zeltlager für junge Kameraden

Die Jugendorganisation der NPD hat inzwischen ihren Sitz von Riesa bei Dresden nach Westmecklenburg verlegt. Unter der neuen Führung des Hardliners Sebastian Richter aus Groß Krams soll die „Symbiose“ zwischen Jungen Nationaldemokraten (JN) und NPD gefestigt werden. Denn die habe, so Richter, unter dem ehemaligen NPD-Chef Holger Apfel „extrem gelitten“. Die JN kündigten beim Parteitag in Anklam an, „bedingungslos ein Leitbild“ zu verfolgen, „welches sich an Geschichte, Abstammung und Schicksal unseres Volkes“ ausrichte. Doch auch für die nötige Tarnung ist gesorgt, so warnte Richter in seiner Rede, man müsse natürlich „nach außen moderat und zeitgemäß agieren“.

Bis zur Landtagswahl in dem nordöstlichen Bundesland im Herbst 2016 planen die JN, mindestens zwei „Wahlkampf“-Zeltlager“ für junge Kameraden aus dem gesamten Bundesgebiet durchzuführen. Dort solle „knallharter politischer Aktivismus“ betrieben werden.

Vorerst geben die JN unter Richter an, hunderte von Schulen im Bundesgebiet mit der CD „Auf dem Stundenplan. Ersatzmaterial für den Geschichtsunterricht“ versorgt zu haben. Lehrern, denen, so Richter, nur „blödsinnige Bücher“ über die Bombardierung Dresdens 1945 zur Verfügung stehen würden, sollen per Tonträger von den JN einschlägiges Material erhalten.