The Krauts in Paris

Der Anschlag auf Charlie Hebdo und die Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt beschäftigen auch die Krautreporter. Am Beispiel der Berichterstattung aus Paris zeigen sich exemplarisch die Schwächen des medial viel beachteten Projekts.

Von Patrick Gensing

Zuletzt ist in Kreisen von Netzjournalisten erneut eifrig über die Krautreporter diskutiert worden. Diese wollten erst den Online-Journalismus reparieren – präsentieren sich seitdem aber als eine Art Schüler AG, die gar keine großen Versprechen gegeben habe und ohnehin zunächst über Monate Ideen entwickeln und lernen müsse. Man kann das sympathisch ehrlich finden – oder schlicht dreist. Wie auch immer: Dass mit großen Ankündigungen und der großflächigen Berichterstattung von Kollegen, die das Projekt selbst unterstützen (was in anderen Fällen sicherlich ein Thema für die Netzgemeinde wäre), relativ viel Geld per Crowdfunding eingesammelt und dann wenig „geliefert“ wird – dürfte wohl mittelfristig nicht gerade zum Erfolgsmodell des Journalismus nach der digitalen Revolution avancieren.

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Als „Krönung“ erfanden die Krautreporter dann noch einen Newsletter („Morgenpost“), in dem einige Links zu lesenswerten Artikel gebündelt werden. Angesichts solcher „Neuerungen“ im Jahr 2014 erscheint es fast schon folgerichtig, dass die Krautreporter auf ihrer Seite auf eine Suchfunktion oder inhaltliche Gliederung verzichten und fehlende Aktualität als Qualitätsmerkmal verkaufen. Obendrein bleiben die Krautreporter weit hinter Ankündigungen bzw. geschürten Erwartungen zurück, was die Anzahl der Reportagen angeht, einige Autoren schreiben viel, andere gar nicht – und ob man ein Kundenmagazin für Journalisten, ein junger Old-Boys-Club oder eine Wochenendausgabe der SZ sein will, bleibt bislang auch unklar. So weit, so bekannt.

„Pulverfass Nahost“?

„Frau Meike“ thematisierte bereits die geringe Relevanz vieler KR-Beiträge. Dieser Mangel hat möglicherweise auch damit zu tun, dass die Wahrnehmung bei vielen Themen verengt erscheint: Der Mittelpunkt der Auslandsberichterstattung beispielsweise liegt bei den Krautreportern exakt im Gazastreifen: Zu keinem anderen Thema finden sich auch nur ansatzweise so viele Beiträge wie zu Nahost – ohnehin nicht gerade der blinde Fleck von deutschen Medien. Und während der Bau von Wohnungen in Jerusalem bisweilen als vermeintliches Kriegsverbrechen gebrandmarkt wird, zucken viele Kollegen derzeit nur mit den Schultern, wenn Ägypten eine halbe Stadt an der Grenze zum Gazastreifen platt macht. Doppelte Standards at  it`s best.

Über Tilo Jungs Interviews und Beiträge aus Nahost (Martin Lejeunes Ausführungen oder „Hamas wie die CDU“) wurde bereits viel gesagt und geschrieben. Aber auch IFVictoria Schneider berichtete als Reporterin für die Krauts aus Gaza. Eines ihrer Spezialgebiete, auf ihrem Twitter-Account veröffentlichte sie über viele Wochen fast ausschließlich Tweets über oder aus Gaza.

Anschläge auf Juden?

Nach dem islamistischen Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo und der Geiselnahme in einem koscheren Supermarkt entschlossen sich die Krautreporter, Schneider nach Paris zu schicken. Dass dies wiederum mit einigen Tagen Verzögerung geschah, soll hier nicht das Thema sein.

Vor Schneiders Abreise wollten die Reporter von ihrer Crowd noch wissen, welche Themen spannend seien. Auf Facebook schlugen zwei Leser eine Reportage aus der jüdischen Community in Paris vor – immerhin richtete sich die Geiselnahme genau gegen diese – und es war leider auch nicht der erste tödliche Anschlag auf französische Juden in den vergangenen Jahren.

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Eine Antwort der Krautreporter auf diesen von relativ vielen anderen Nutzern unterstützen Vorschlag blieb auf Facebook aus. Dafür adelten sie eine andere Idee als „interessante Frage“:

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„VERARSCHE“ und eine „interessante Frage“ nach Brüderpaaren also: Die bösen Vorahnungen sind mittlerweile Realität geworden. Wer in den Krautreporter-Texten aus Paris Begriffe wie jüdisch oder antisemitisch sucht, wird wenig Erfolg haben. Der Fokus liegt hier auf der sozialen Benachteiligung von Jugendlichen aus Einwandererfamilien – und auf der Stigmatisierung von Muslimen.

Das hat zwar durchaus eine Menge mit Paris zu tun, ist aber eben wiederum nur ein Teil der Geschichte, eine bestimmte Perspektive, die zumeist aus antikolonialer Sicht stark betont wird, während die islamistische Ideologie gerne relativiert oder übersehen wird. Dabei kann die soziale oder ethnische Diskriminierung zwar der Nährboden für homegrown terrorists sein – ohne passende Ideologie dürfte der Weg von Betroffenen aber eher in die organisierte Kriminalität führen – und nicht in den politischen Terrorismus.

Die Ideologie und somit auch die jüdischen Opfer werden in der Berichterstattung der Krautreporter schlicht ausgeblendet. Der Begriff Judentum taucht in einem Text der Krautreporter aus Paris über die Attentate beispielsweise lediglich auf, als es um den Zeichner Siné geht: Dieser sei wegen eines Witzes über das Judentum von Charlie Hebdo gefeuert worden, heißt es in dem KR-Artikel.

Es ging nicht um einen Witz über das Judentum

Ist das nicht typisch und ungerecht? Die Muslime sollen Karikaturen klaglos ertragen, aber bei Witzchen über das Judentum werden Zeichner gleich gefeuert? Vor der jüdischen Lobby wird eingeknickt… Ja, so könnte man denken, so als Mitteleuropäer, der einige Ressentiments als kulturelles Erbe des Abendlandes mit auf den Weg bekommen hat und diese deswegen gar nicht als solche wahr nimmt.

Doch wenn man sich die Mühe macht, zum Fall Siné ein bisschen zu googlen, so wird schnell klar, dass die Sache etwas anders lag – und man stößt beispielsweise auf folgendes Zitat des Zeichners Siné:

In 1982, soon after a terrorist attack had taken place on Jews in Paris, Siné gave an interview on the radio during which he stated: „Yes, I am anti-Semitic and I am not scared to admit it […] I want all Jews to live in fear, unless they are pro-Palestinian. Let them die.“ He later apologised for his comments. (The Guardian, 3. August 2008)

In dem Konflikt, der 2008 zum Bruch zwischen Charlie Hebdo und Siné führte, ging es keineswegs um einen Witz oder Satire über das Judentum als Religion allgemein, sondern ganz konkret um den Sohn des damaligen konservativen Präsidenten – um Jean Sarkozy, zu der Zeit 21-jähriger Student, der eine jüdische Französin heiraten wollte, was umgehend zu Spekulationen führte, Jean Sarkozy wolle zum Judentum konvertieren. Die taz übersetzte den umstrittenen Artikel von Siné folgendermaßen:

„Jean Sarkozy, würdiger Sohn seines Papas, sitzt schon im Regionalparlament. Und ist vor ein paar Tagen praktisch unter dem Applaus seiner Kumpel von einem Strafgericht freigesprochen worden, das ihn wegen Fahrerflucht vorgeladen hatte. Aber der Kläger war ja nur Araber. Das ist nicht alles: Jean Sarkozy hat erklärt, er wolle zum Judentum übertreten, bevor er seine Verlobte heiratet, eine Jüdin, Erbin der Darty-Haushaltsgeräte-Kette. Der Kleine wird es weit bringen.“

Die Diskussion um die Siné-Affäre war äußerst kontrovers und vor allem komplex, sie stand zudem in einem größeren Kontext. Worum es in dieser Angelegenheit aber auf jeden Fall nicht ging, war ein Witz oder eine Karikatur über die jüdische Religion, sondern die Debatte drehte sich um das Ressentiments, Juden seien auf allen Ebenen – gesellschaftlich, wirtschaftlich, politisch – erfolgreicher; und das, weil sie jüdisch seien, was einer Reproduktion von alten Stereotypen entspricht – und eben keiner progressiven Religionskritik oder Satire.

Von all dem erfährt man bei den Krautreportern nichts. Sogar der staatliche iranische Sender Press TV erwähnte in einem Beitrag zu Charlie Hebdo immerhin, worum es in der Siné-Affäre ging – auch wenn man dennoch versuchte, einen vermeintlichen Widerspruch in dem Agieren von Charlie Hebdo bei Religionskritik aufzuzeigen.

Aggressive Juden in Paris

Das war Mitte Januar. Nun dachte ich mir: „Warte mal lieber ab, was die Krautreporter noch aus Paris liefern, denn die Geschwindigkeit (Aktualität) soll bei diesem Projekt ja offenbar keine entscheidende Rolle spielen.“ Und tatsächlich legte Victoria Schneider am 3. Februar nach, mit einem Porträt des Künstlers Anthony Verlaine aus Paris, der „aus Wut aktivistische Mode“ mache – mit hippiesken T-Shirt-Sprüchen wie „I am Jew – and I love Arabs“ oder andersherum: „I am arab – and I love Jews“. Auch eine Taube in den Farben Palästinas und Israels wird in der Kollektion der Marke angeboten. Ein bisschen Frieden.

Die Relevanz des Beitrags erschließt sich mir zwar ehrlich gesagt kaum, doch das mag Geschmackssache sein; aber immerhin werden in diesem Krautreporter-Stück auch französische Juden erwähnt – sogar das Pariser Viertel Le Marais. Und das klingt dann so:

Er [Anthony Verlaine] erinnert sich an einen Vorfall in seiner Kindheit, als er von einem radikalen Muslim angegriffen wurde, weil er auf der Straße eine Wurst aus Schweinefleisch aß. Ebenso habe er im jüdischen Viertel von Paris, Le Marais, einmal beobachtet, wie eine Gruppe radikaler Juden der Befreiungsfront einen Touristen angriffen, weil der eine Kiffije trug.

Radikale Juden aus der Befreiungsfront? Nach den Anschlägen von Paris sind französische Juden bei den Krautreportern entweder gar nicht existent – oder treten nur als aggressive Radikale auf, die Menschen mit Palästinensertüchern attackieren. Chapeau!

Kommt noch was?

Krautreporter-Macher Sebastian Esser betonte in einem Interview jüngst noch einmal, wie wichtig es sei, Ideen für Geschichten mit der Crowd zu entwickeln. Dass die Crwod der Krautreporter allerdings wiederum vor allem aus Medienmenschen aus Berlin und Hamburg besteht, spricht nicht unbedingt dafür, dass hier ganz neue Perspektiven entwickelt werden. Und der Wunsch zahlreicher Leser auf Facebook, die Krautreporter mögen doch über die jüdische Gemeinde in Paris berichten, wurde bislang offenkundig ignoriert.

Kommt vielleicht noch etwas aus Paris?, wollte ich von den Krautreportern wissen, um nicht vorschnell zu urteilen. Die Antwort: Victoria Schneider arbeite an einem Stück über das Bildungssystem.

Origineller oder zumindest aktueller werden die Krautreporter also offenbar nicht, denn die Debatte über die Bildungspolitik in Frankreich läuft bereits seit einigen Wochen auf Hochtouren. Auf die Nachfrage, ob es vielleicht doch noch eine Reportage aus der jüdischen Gemeinde geben werde, folgte dann keine Antwort mehr.

Und was sagt uns das alles? Die Berichterstattung der Krautreporter bringt zu dem bislang wichtigsten Thema des Jahres keine neuen Erkenntnisse, sie ist sogar einseitig und unterkomplex. Nun ist es für kleine Medien schwierig, sich bei Themen zu profilieren, die bereits von den großen Playern über Wochen (Paris) oder Jahre (Nahost) ausgeleuchtet wurden. Aber warum setzt man dann auf solche Themen? Warum entschließen sich die Krautreporter nach Wochen der öffentlichen Diskussionen, irgendetwas zu PEGIDA zu machen?

Vegetarische Kraut? Weder Fisch noch Fleisch!

Das Wortspiel „Kraut & Rüben“ drängt sich geradezu auf: Einige gute Texte von bekannten Journalisten machen noch kein lesenswertes Online-Magazin. Es fehlt eine redaktionelle Linie, ein eigener Ansatz, eine grundsätzliche Entscheidung, was die Krautreporter sein sollen.

Dass die Krautreporter angesichts ihrer Mittel und Unterstützung bislang wenig erfolgreich sind, zeigt auch deren weitestgehende Abwesenheit in sozialen Medien: Ihre Artikel werden auf Facebook und Twitter kaum geteilt und diskutiert, bei Alexa liegen sie auf der Liste von deutschen Seiten auf Rang 7202; es gibt einen beachtlichen Männerüberschuss in der Leserschaft und die Nutzer kommen auf die Seite, weil sie nach dem Begriff „Krautreporter“ oder „Niggemeier“ gesucht haben – nicht nach bestimmten Inhalten.

Auch wenn die Krautreporter nicht müde werden zu betonen, viele Spender seien zufrieden und würden wieder ein paar Euro pro Monat geben, erzählen die Rückmeldungen in Blogs und sozialen Medien eine andere Geschichte. Ein befreundeter Fotograf brachte die Sache bei Facebook auf den Punkt: „Ich finde die so belanglos, schaue da kaum noch vorbei und Geld bekommen die von mir keins mehr.“

13 thoughts on “The Krauts in Paris

  1. Bei aller berechtigten Kritik an Krautreporter: Die Spirale der Stigmatisierung von Muslimen ist ein wichtiges Thema.

    1. Ja, das ist ein Teil des Komplexes, wie erwähnt. Die Ideologie der Attentäter sowie die jüdischen Opfer aber einfach komplett auszuklammern, ist aus meiner Sicht ungenügend. Die Terroristen sind nicht einfach nur Opfer, sondern sie sind Täter. Warum sie dazu geworden sind, ist eine spannende Frage, die sich auch im NSU-Komplex stellt. Wenn Du ausschließlich auf die Erklärung „Opfer der Verhältnisse“ setzt, kannst Du auch sagen, der NSU ist nur wegen des Umbruchs in der DDR und der Arbeitslosigkeit entstanden. Das greift natürlich deutlich zu kurz.

  2. „Es fehlt eine redaktionelle Linie, ein eigener Ansatz, eine grundsätzliche Entscheidung, was die Krautreporter sein sollen.“
    Das sehe ich sehr ähnlich. Auch der Punkt „soziale Medien“ ist durchaus ausbaufähig.
    Dennoch: Du reitest auf der fehlenden Aktualität rum, was ja nie der Anspruch war, ich finde, den Parisbesuch überflüssig, weil die KR sich hier auf ein Feld begeben, das sie nicht gewinnen können.
    Dennoch: Ich habe einige gute Reportagen und sogar Bildreportagen gelesen und gesehen, Peer Schader macht einen verdammt guten Job, ebenso mag ich Tilo Jungs Herangehensweise, ebenso Weinreich, Wiegold, Grimm, Bäuerlein.

    1. Danke für den Kommentar.

      Du skizzierst das Problem doch genau: Ja, einige Kollegen machen selbstverständlich einen guten Job, das möchte ich ihnen auf keinen Fall absprechen – aber das haben sie auch bereits ohne die Krautreporter getan. Wiegold betreibt seit Langem ein hervorragendes Blog, Niggemeier schreibt in großen Zeitungen und Blogs. Jung experimentiert schon länger mit Videoformaten (ich halte seine Herangehensweise übrigens für eine Bankrotterklärung des Journalismus, aber das ist Ansichtssache). Da stellt sich doch die Frage: Wozu noch die KR?

      Die Frage nach der Aktualität ist zudem zentral, denn daraus ergibt sich oft auch die Frage nach der Relevanz für die Leserschaft. Warum sollte ich irgendwelche länglichen Texte lesen, die keinen Bezug zum derzeitigen Geschehen haben? Entweder sind sie gespickt mit exklusiven Recherchen oder brillant geschrieben – beides trifft auf die meisten Texte der KR nicht zu. Am Beispiel Charlie Hebdo wird das Dilemma besonders ersichtlich: Nicht wegen der fehlenden Aktualität, sondern wegen der Einseitigkeit. Und dann grenz es an Belanglosigkeit. Da kaufe ich mir lieber ein Reportage-Magazin am Kiosk.

      Gruß
      Patrick

      1. Herr Gensing, kurze Frage, die nichts direkt mit dem Artikel zu tun hat: Aus welchem Grund empfinden Sie die Herangehensweise Tilo Jungs als Bankrotterklärung des Journalismusses? Ich frage lediglich aus Neugierde. Seit geraumer Zeit beobachte ich die Projekte Jungs und empfinde Sie als persönliche Bereicherung.

        1. Die Idee, Leute einfach erzählen zu lassen mag auf den ersten Blick erfrischend wirken, ich bin der Ansicht, dass es die Aufgabe des Journalismus ist, lange Gespräche nicht-sinnentstellend zusammenzufassen, um den Inhalt so in einer zumutbaren Form anzubieten. Wenn ich mir zehn Interviews a 60 Minuten anschauen soll, halte ich das für keinen sinnvollen Weg.

          Weiterhin ist es nicht meine Aufgabe als Journalist, Leuten schlicht ein Podium zu bieten und mich als Mikrofonhalter zu betätigen, sondern ich führe ein Gespräch mit einem bestimmten Ziel, sei es ein Erkenntnisgewinn oder ein bestimmtes Eingeständnis, und ich kann bei Gesprächen eine Gegenposition einnehmen (was Jung bei Volker Beck beispielsweise getan hat, als er bisweilen in die Rolle der CSU bei der Ehe für alle geschlüpft ist – bei dem Gespräch mit Glenn Greenwald auf dem Holocaust-Mahnmal (!) tut er das aber nicht, bei dem Fatah- und Hamas-Menschen kann ich das auch kaum erkennen).

          Der Gedanke, einfach viele Gespräche nebeneinander zu stellen und daraus ergibt sich dann eben „die“ Wahrheit oder „die“ Realität, erinnert mich an das politische Verständnis einiger Piraten, die Informationen Wikimäßig anhäufen und nebeneinander stellen, ohne sie qualitativ zu bewerten. Das ist ein sehr technokratisches Verständnis von Politik und auch Journalismus. Ich sehe meine Aufgabe schon darin, genau das zu untersuchen, was Leute erzählen – und es nicht einfach nur zu überbringen. Ich finde auch, dass Nahost-Korrespondenten wie Richard C. Schneider und andere tiefe Einblicke in die Geschichte und Gesellschaft der Region haben – und ihre Beiträge bringen mir daher auch weit mehr Erkenntnisgewinn (siehe beispielsweise Videoblogs von Schneider oder das Tel-Aviv-Blog beim BR).

          Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, Jung und alle anderen Kolleginnen und Kollegen können tun und lassen, was sie wollen – und wenn das anderen Menschen weiterhilft, dann ist das gut. Kritik daran ist meiner Ansicht nach aber zulässig und kein Gebashe.

          Grüße
          Patrick Gensing

  3. Zwei Kleinigkeiten:

    Die Geiselnahme im koscheren Supermarkt fand an der Porte de Vincennes, weit weg vom Marais, statt. Wenn das die Geiselnahme ist, die gemeint ist.

    Und eine jüdische Selbstverteidigungsliga (wenn auch keine Befreiungsfront, „Ligue de défense juive“) ist in Paris zumindest mit Aufklebern recht präsent. In den USA ist diese Organisation wenn ich mich nicht täusche verboten. Natürlich lässt sich das jüdische Leben in Paris nicht darauf reduzieren, allerdings finde ich „organisiert prügelnde jüdische Halbstarke“ als Thema durchaus interessant, und wenn es nur deswegen ist, weil es allen in D. gängingen Klischees widerspricht. Ein absolutes Hirngespinnst oder eine völlig abwegige Schwerpunktsetzung kann man der Krautreporterin da jedenfalls nicht unterstellen.

    1. Danke für den Hinweis auf den Ort der Geiselnahme, das ist korrekt.

      Mir geht es doch nicht darum, dass man solche Phänomene nicht erwähnen sollte. Vielmehr wäre genau das doch beispielsweise ein spannendes Thema für eine Reportage: Wie geht die jüdische Community in Paris mit Bedrohungen um? Wenn Juden aber ausschließlich als aggressive Fanatiker oder eben gar nicht vorkommen, wird nach meinem Geschmack ein schiefes Bild vermittelt, wenn der Aufhänger ein islamistischer und antisemitischer Terroranschlag ist.

      Das haben ja auch jüdische Deutsche so wahrgenommen, dass die antisemitische Motivation eher nebensächlich war in der Berichterstattung. Auch bei einer Kundgebung in Hamburg, an der ich teilgenommen habe, traten zahlreiche Vertreter islamischer oder auch christlicher Verbände sowie diverse Politiker auf – der einzige eingeladene Redner aus der jüdischen Gemeinde sagte krankheitsbedingt ab – so dass diese Perspektive einfach ganz fehlte.

      Grüße
      Patrick Gensing

  4. Hätten die Krautreporter was zur jüdischen Community in Paris gemacht, hättet ihr sicherlich wieder was Anderes zum Meckern gefunden. Ich lebe selbst seit 8 Jahren als Jorunalistin in Paris und fand Victorias Berichterstattung auf jeden Fall lesenswert. Stücke über die jüdische Community konnte und kann man nach den CH-Attentaten bei jedem anderen Mainstream-Blatt finden. Deswegen finde ich es toll, wenn die Krautreporter andere Blickpunkte bringen.

    1. Liebe Katha,

      ich habe versucht darzulegen, was mich konkret und allgemein an dem Projekt stört. Ob ich möglicherweise an einer anderen Themensetzung „was Anderes zum Meckern gefunden“ hätte, kann ich nicht mit Sicherheit versprechen, da die Berichterstattung nun einmal so ist wie sie ist. Und ich finde auch nicht, dass sich die Schwerpunktsetzung so sehr von vielen „Mainstream-Blättern“ unterscheidet – sei es nun bei Nahost oder eben Paris.

      Gruß
      Patrick Gensing

  5. Interessante Meinung, nach dem ich Ihren Artikel gelesen habe und darüber nachdachte, habe ich auch immer weniger auf den Seiten der Krautreporter gelesen. Ein Stück zum Innenleben der jüdischen Gemeinde in Paris bzw. in Frankreich wäre sicherlich interessant gewesen.
    Auch die von „Jung & Naiv“ geführten Interviews waren irritierend, allerdings hätten Sie hier schon erwähne können, dass es auch andere Interviewpartner gab, wie zum Beispiel den Sprecher der ZHL usw. die auch eine andere Meinung ausführlich darlegen konnten. (Generell halte ich die „naive“ Art des Formats zwar für wenig journalistisch, im Sinne kritischer Berichterstattung, aber das gehört hier nicht her)

    Eine Sache ist mir noch eingefallen, bei Siné wäre der Kontext im Jahre 1982 interessant gewesen, insbesondere im Lichte des ersten Libanonfeldzuges und Sabra & Shatila, wenn man sich nämlich die Stimmung in Europa anschaut und zB auch Debatten im Deutschen Bundestag läuft es einem manchmal kalt den Rücken runter. Nichtsdestotrotz gehört es mE zum Kontext der Geschichte, auch wenn es am Antisemitismus Sinés nichts ändert.

    Auch wenn ich mit Ihrem Beitrag nicht ganz zufrieden bin: Vielen Dank für diese kritische Betrachtung. Der Fokus Nahost stört mich selber, da es hier chaotisch zugeht und es gäbe spannende Projekte in D und anderen Gegenden der Welt, die nicht so sehr im Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit stehen.

    Also: Vielen Dank!

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