Auschwitz als universale Krisenmetapher

Auschwitz ist wie kein anderer Ort zum Symbol für die Hölle des Holocaust geworden. Der 27. Januar hat mittlerweile das Ziel, alle Formen von religiöser Intoleranz oder Gewalt gegen Menschen aufgrund ihrer ethnischen Herkunft oder ihres religiösen Bekenntnisses zu verurteilen. Auschwitz wird so zu einer universalen Krisenmetapher. 

Von Ernst Piper

In den frühen Nachkriegsjahren wussten die allermeisten Deutschen nichts über Auschwitz. Der Spielfilm „Im Labyrinth des Schweigens“, der jüngst die Vorgeschichte des Auschwitz-Prozesses ins Bild gesetzt hat, zeigt das eindringlich.

Erst durch den Auschwitz-Prozess, der im Dezember 1963 begann, drang das ungeheuerliche Geschehen in dem schrecklichsten aller nationalsozialistischen Vernichtungslager in das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit. Die amerikanische Fernsehserie „Holocaust“ und Filme wie „Shoah“ von Claude Lanzmann oder „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg trugen erheblich dazu bei, dass unser Bild von dem Mordgeschehen seither an Intensität und Tiefenschärfe noch gewonnen hat.

Als 1995 mit gewaltigem Aufwand der 50. Jahrestag des Kriegsendes gefeiert wurde, diskutierten die Deutschen zwar darüber, ob der 8. Mai 1945 ein Tag der Niederlage oder der Befreiung gewesen war. Aber dass Auschwitz eine zentrale Signatur der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts ist, dass die Judenvernichtung mehr als alles andere das nationalsozialistische Regime charakterisiert, war nicht mehr ernstlich umstritten.

Birkenau, Poland, Jewish mothers and their children walking to the gas chambers, 05/1944 / SS photographers E. Hoffmann & B. Walter / Quelle: Jad Vaschem
Birkenau, Poland, Jewish mothers and their children walking to the gas chambers, 05/1944 / SS photographers E. Hoffmann & B. Walter / Quelle: Jad Vaschem

Doch das groß inszenierte Gedenkjahr 1995 sollte kein Schlussstrich sein – im Gegenteil. Kaum war es vorüber, kam am 3. Januar 1996 eine Proklamation des Bundespräsidenten heraus. Roman Herzog bekannte sich darin zu seiner Überzeugung:

Die Erinnerung darf nicht enden, sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen.“

Deshalb erklärte er den 27. Januar zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Diese Wortwahl war dem Bundespräsidenten wichtig:

„‘Opfer des Holocaust‘ wäre ein zu enger Begriff gewesen, weil die nationalsozialistische Rassenpolitik mehr Menschen betroffen hat als die Juden.“

Um alle Opfer des nationalistischen Terrorregimes und seiner rassistischen Politik sollte es gehen. Zugleich kam es darauf an, Formen des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirken, und vor allem auch die junge Generation zu erreichen. Mit öffentlichen Feierstunden, so Herzog, sei wenig erreicht. Die Bürger des Landes sollten das Erinnern in ihren Alltag holen. Aus diesem Grund wurde der 27. Januar nicht zum arbeitsfreien Feiertag, sondern zum Gedenktag erhoben.

Die Absicht war löblich und in den ersten Jahren funktionierte das Gedenken auch mehr oder weniger gut. Die großen Tageszeitungen druckten Reden, publizierten Essays und brachten Porträts von Holocaust-Überlebenden. Soll es nicht zum Ritual erstarren, lässt sich das kaum jedes Jahr wiederholen. Doch der pädagogische Ansatz des Bundespräsidenten ging schon bald verloren. Ihm war es vor allem um die Verantwortung für die Zukunft gegangen, um die Lehren aus der Geschichte und das Eintreten für Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte und die Würde des Menschen.

Die Wahl des Datums war von Anfang problematisch gewesen. Am 27. Januar 1945 hatten die ersten sowjetischen Soldaten das Vernichtungslager Auschwitz erreicht, in dem die Deutschen in den Jahren zuvor mehr als eine Million Juden ermordet hatten. Einige Tausend Häftlinge, viele von ihnen todkrank, lebten dort zu diesem Zeitpunkt noch. Verfolgt worden waren sie von Deutschen, befreit wurden sie von Rotarmisten. Nicht unbedingt ein naheliegendes Datum für einen deutschen Gedenktag.

Auschwitz ist wie kein anderer Ort zum Symbol für die Hölle des Holocaust geworden. Die Befreiung dieses Vernichtungslagers zum Anlass für einen Tag des Gedenkens an alle Opfer des Nationalsozialismus zu machen, war von Anfang nicht unbedingt ein glücklicher Gedanke. Inzwischen ist der ursprüngliche Impuls von Bundespräsident Herzog ganz in den Hintergrund getreten, denn 2005 haben die Vereinten Nationen den 27. Januar zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erklärt. Ziel sei es, alle Formen von religiöser Intoleranz oder Gewalt gegen Menschen aufgrund ihrer ethnischen Herkunft oder ihres religiösen Bekenntnisses zu verurteilen.

„Auschwitz“ wird so zu einer universalen Krisenmetapher, das Gedenken an den Holocaust zu einem Teil einer globalen Erinnerungskultur. Die Täter der Jahre 1933 bis 1945 geraten aus dem Blickfeld und mit ihnen die historischen Ereignisse, die für uns als die Nachfahren der Täter eine besondere Bedeutung haben.

Der Staat Israel hat von Anfang einen anderen Weg eingeschlagen. Dort gibt es schon seit 1951 den Jom haScho’a, an dem der Opfer der Schoa gedacht wird, aber ebenso auch der jüdischen Widerstandskämpfer, die in den Gettos und in den Lagern und als Partisanen gegen ihre Mörder gekämpft haben. Der Jom haSch’a wird am 27. Nisan des jüdischen Kalenders gefeiert, das entspricht in diesem Jahr in unserem Kalender dem 16. April. Wie jedes Mal werden dann um 10 Uhr in ganz Israel zwei Minuten lang die Sirenen heulen. Die Passanten bleiben stehen, Autos und Züge halten an. Öffentliche Einrichtungen sind geschlossen, die Fahnen wehen auf Halbmast.

Auch in Deutschland gäbe es die Möglichkeit für einen solchen spezifischen Tag des Nachdenkens, der kollektiven Einkehr, der gemeinsamen Gewissenserforschung. Der 9. November wäre das richtige Datum dafür. Kein Tag ist besser geeignet, sich an die Höhen und Tiefen unserer Geschichte zu erinnern, den Beginn der ersten Demokratie auf deutschen Boden 1918, den ersten Versuch, diese Demokratie wieder zu beseitigen, fünf Jahre später. Am 9. November 1938 wurden Millionen von Deutschen erstmals zu Tätern, zu Mittätern, eben dadurch, dass sie nichts taten. Und 1989 gewann der 9. November noch einmal eine ganz neue Dimension, als die Bürger der DDR sich auf friedlichem Weg sich von einem Unrechtsregime befreiten.

Die Menschen, die heute in Deutschland leben, sind nicht verantwortlich für die Untaten des nationalsozialistischen Regimes, wohl aber dafür, dass sich so etwas nicht wiederholt. Um dieser Verantwortung gerecht zu werden, reichen Gedenkveranstaltungen wie die am 27. Januar nicht aus.

One thought on “Auschwitz als universale Krisenmetapher

  1. „Der 9. November wäre das richtige Datum dafür. Kein Tag ist besser geeignet, sich an die Höhen und Tiefen unserer Geschichte zu erinnern“

    Danke sehr, das gibt wieder, was ich schon lange denke. Der 9. November hätte nicht derart zur Farce verkommen können, wie es dem 3. Oktober widerfahren ist, der einzig dem gegenseitigen Beweihräuchern und Schulterbeklopfen einer geschlossenen Clique dient. Aber genau aus dem Grund, dass am 9. November dieses ungetrübte Sich-selbst-Feiern nicht möglich wäre, wurde er als „deutscher Gedenktag“ verhindert.

Comments are closed.