NSU-Flugblatt in Hamburg: „Gerechtigkeit für Beate Zschäpe“

In Hamburg ist ein Flugblatt aufgetaucht, auf dem „Gerechtigkeit“ für die mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe gefordert wird. In einem Flyer, der Publikative.org vorliegt, verbreiten die unbekannten Urheber zudem Verschwörungstheorien und werben für den zwielichtigen „Arbeitskreis NSU“.

Von Patrick Gensing

„Stasi-Drecksstaat“, „USA und Zionisten“ und „linke Drecksmedien“ – auf dem Flugblatt in DIN A5-Format werden kompakt sämtliche aktuellen Verschwörungstheorien und Ressentiments zusammengefasst: Der NSU sei eine Erfindung der „korrupten Kreaturen“, die auf den 3. Weltkrieg hinarbeiteten. Auch die von Rechtspopulisten und Neonazis bekannte Hetze gegen den „Genderwahn“ darf nicht fehlen. Dieser sei genau wie die „Verblödung der Jugend“ eine Erfindung der Juden, heißt es weiter.

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Zudem wird behauptet, Kanzlerin Angela Merkel werde von „den Zionisten“ und der amerikanischen FED gesteuert. Weiterhin wird die Kriegsschuld Deutschlands bestritten und der Holocaust indirekt bestritten: „Die komplette Geschichte ist erlogen. Der Genozid fand und findet wieder am deutschen Volk statt.“

Das Flugblatt wurde am 15. Januar 2015 gegen Mitternacht auf St. Pauli in einem Waggon der Linie U3 gefunden. Die Finderin stellte die Propaganda, die auf Fotopapier ausgedruckt wurde, publikative.org zur Verfügung.

„Arbeitskreis NSU“

Alles nur Spinnerei? Auf jeden Fall. Allerdings durchaus mit Breitenwirkung. Denn auf dem Flugblatt wird auf mehrere Blogs verwiesen, auf denen solche und ähnliche Verschwörungstheorien immer und immer wieder aufgeführt werden. Unter anderem empfehlen  der oder die Urheber des Flugblatts das „Sicherungsblog“. Dabei handelt es sich um eine Seite des selbst ernannten „Arbeitskreis NSU“ um den angeblichen Whistle-Blower „Fatalist“. Dieser hat es mittlerweile zu einiger Bekanntheit gebracht, unter anderem Spiegel Online als auch 3sat berichteten über den geheimnisvollen Mann, der scheinbar die Ermittler an der Nase herumführt.

NSU-"Whistleblower" Fatalist
NSU-„Whistleblower“ Fatalist

Allerdings lassen sich die Aktivitäten von „Fatalist“ und seinen Mitstreitern weniger mit Aufklärung bezeichnen, treffender wäre wohl gezielte Desinformation. Mit den Massen von Informationen und tatsächlichen bzw. angeblichen Widersprüchen soll vor allem ein Gefühl vermittel werden: Der NSU-Komplex wurde komplett staatlich inszeniert.

Angesichts des immensen zeitlichen Einsatzes und der umfangreichen Präsentation im Netz, liegt der Gedanke an ehemalige Stasi-Mitarbeiter oder ähnlich geschulte Leute nahe: Tausende Seiten von Akten wurden im Netz geleakt und angeblich ehrenamtlich durchgearbeitet. Daraus wiederum habe man nebenbei umfangreiche Dossiers erstellt. Zudem gibt „Fatalist“ angeblich aus Thailand längliche Skype-Interviews und verschiedene Ausspielkanäle – Twitter, Facebook, YouTube – werden quasi rund um die Uhr bestückt. Wer sich einmal mit dem NSU-Komplex und entsprechenden Akten beschäftigt hat, weiß, wie aufwändig die Sichtung und Auswertung ist – von Rückschlüssen und Thesen, die tatsächlich auch belastbar sind, ganz zu schweigen.

Neonazis als vermeintliche Opfer des Staates

Zuletzt war bei „Fatalist“ und seinen Mitstreitern ein Strategiewechsel zu erkennen. Während man bislang vor allem auf die Comic-Bildsprache des NSU gesetzt hatte, präsentiert sich die Gruppe im Netz nun deutlich zurückhaltender. Wahrscheinlich war das schrille Auftreten nicht gerade förderlich bei der Präsentation der angeblichen Wahrheiten.

Screenshot aus dem Bekennervideo des NSU (Publikative.org)
Screenshot aus dem Bekennervideo des NSU (Publikative.org)

Das Flugblatt aus Hamburg zeigt, welche Wirkung die Propaganda von „Fatalist“ hat – und eben auch haben soll: Der rechtsextreme Hintergrund der Morde wird geleugnet, die Rechtsradikalen als Verfolgte des „Stasi-Staates“ inszeniert. Letztendlich läuft es darauf hinaus, dass die Opfer doch selbst schuld an den Verbrechen wären.

Es passt perfekt in die Tradition der Nazi-Ideologie, sich selbst als Opfer zu gerieren – sogar wenn es um rechtsextreme Morde und andere schwere Verbrechen geht. Die eigene Gewalttätigkeit wird auf andere projiziert, um die eigene Militanz und Feindseligkeit zu legitimieren.

Viele Straftaten mit Bezug auf den NSU

Doch trotz der Strategie des Leugnens in der rechtsextremen Bewegung: Der Terror des NSU ist für viele Neonazis offenkundig vorbildlich. Rechtsextreme beziehen sich viel öfter als angenommen auf die Terroristen, wie im Juli 2014 bekannt wurde: Statistisch gab es jeden vierten Tag in Deutschland eine entsprechende Straftat.

Siehe auch:  Der NSU und die “Cui bono?”-FrageWelterklärungsmuster für DenkfauleKenFM und der Sozialismus der dummen Kerle

7 thoughts on “NSU-Flugblatt in Hamburg: „Gerechtigkeit für Beate Zschäpe“

  1. Meine Güte, jetzt berichten Sie schon über ein Flugblatt, das irgendwo aufgetaucht ist. Wurde es tausendfach verbreitet und breit rezipiert? Nein, dann ist es auch nicht „wichtig“, was irgendwelche Spinner da schreiben. OKay ist natürlich Ihre Entscheidung darüber zu berichten, aber wenn mehr „online-Journalismus“ (Sic!!) nicht kann, dann gute Nacht. 😉

  2. das flugblatt ist doch ein fake!

    lässt keines klischee aus, könnte von der titanic geschrieben worden sein.
    auch wenn es viele irre geben mag, aber stilistisch scheint es eher so,als hätte das ein betrunkener 8 jähriger zu verantworten….

    wie wohl so ein redaktioneller abennd unter nazis sein mag?

  3. Herr Gensing hätte sich ja die Mühe machen können, bei Mitgliedern des AK-NSU nachzufragen.
    Macht aber wohl zu viel Arbeit.
    Lieber einfach bei den staatlichen Stellen abschreiben, das spart Arbeit.

    (Gab’s da nicht gerade eine Analyse über die Zeit vor 2011 dazu? Stichwort Dönermorde. Hat sich wohl nichts geändert seit damals)

    Akten analysieren ist harte Arbeit, kostet Zeit und ist oft sehr frustrierend. Wenn unsere AK Mitglieder die aufgewendete Zeit dem BKA in Rechnung stellen würden, manche von uns wären reich.

    Prof. Dr.-Ing. Andreas Wittmann

    1. ach, fleiß und undank. ich dachte, es ginge um die sache? oder habe ich da etwas richtig verstanden?

      .~.

  4. Najaaa, wer so ein Flugblatt verfasst, dem war vermutlich auch vorher schon nicht mehr zu helfen. Das als Folge (oder gar als Essenz) des Arbeitskreises NSU darzustellen, finde ich etwas abwegig. Teilweise (!) leisten die Leute vom AK NSU seriöse Arbeit oder liefern zumindest interessante Denkanstöße. Und auch die Bullshit-Beiträge (von denen es wahrlich viele gibt…) bewegen sich doch auf einem völlig anderen Niveau als der oben wiedergegebene durchgeknallte Nazi-Quarkstrudel.

    Herr Gensing, das wissen Sie doch auch, bitte differenzieren Sie da ein bisschen. Sie wollen vermutlich auch nicht mit allen Leuten (und deren Schlussfolgerungen) assoziiert werden, die Sie zitieren.

    Falls eine nachrichtendienstliche Verstrickung (oder Ex-Stasi-Verquickung, wie Sie andenken) des AK NSU belegbar wäre, so wäre das natürlich sehr interessant. Haben wir aber nix in der Hand für, oder? Ebenso könnte man mutmaßen, dass obiges Flugblatt von unseren Behörden angeregt wurde, denn besser kann man den AK (und alle, die ihn als Infoquelle verwenden!!!) ja nicht diskreditieren, als mit diesem geistigen Dünnpfiff.

    Viele Grüße!

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