Wer riecht nach dem Provinzmief hinter der Mauer?

Die in Gedichtform abgefasste Erklärung linker DDR-Bürgerrechtler zu PEGIDA „Jesus hätte gekotzt“ ist deutlich Bertolt Brecht nachempfunden. Das Statement gibt mehr Hinweise auf den Zustand dieses linken Teils der früheren DDR-Oppositionellen als über die neue rechte außerparlamentarische Opposition mit parlamentarischem Arm.

Von Martin Jander

Manch einer hat sich gewünscht, über den Jahreswechsel könnten sich die PEGIDA-Demonstranten doch bitte verflüchtigen. Aber in den nächsten Wochen wird sich sehr wahrscheinlich zeigen, dass dies nicht der Fall ist. Möglicherweise signalisieren PEGIDA/AfD und „Friedensmahnwachen“ sogar die Formierung einer breiten sozialen rechtspopulistischen Bewegung mit parlamentarischem Arm, eine Infragestellung der Demokratie und humaner Orientierungen, des Westens ganz generell aus der Mitte der Gesellschaft heraus.

Da ganz offensichtlich weder die Demonstrationen, noch die AfD und die querfrontlerischen „Friedensmahnwachen“ im Kontext einer umfassenden ökonomischen und sozialen Krise der Gesellschaft stehen und die Haltungen, die sie präsentieren, keineswegs nur an den Rändern im Osten unserer Gesellschaft sichtbar sind, klingt in den meisten Kommentaren, Analysen und Kritiken ein großes Stück Ratlosigkeit, wenn nicht gar ein großer Schrecken mit.

Bürgerrechtler: Warum schweigt ihr?“

Auch die Redakteure der Wochenzeitung Zeit haben das gespürt.1 In ihrer Ratlosigkeit riefen sie laut nach Unterstützung und Erklärungen von berufener Seite. Da die PEGIDA-Demonstrationen nun mal in Dresden stattfinden, dachte man sich, warum nicht mal bei der früheren DDR-Opposition anfragen?

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Ein Teil der DDR-Bürgerrechtsbewegung, derjenige, der sich selbst als „links“ verstand und versteht, hat sich unter der Überschrift „Jesus hätte gekotzt“ zu Wort gemeldet.2 Mehr oder minder behaupten seine Unterzeichner, die Bevölkerung der DDR sei selbst verantwortlich für die Übel dieser Welt, die mit dem Kapitalismus über sie hereingebrochen seien. Das Neue Forum, die Vereinigte Linke und andere linke sowie christliche Bürgerrechtsgruppen hätten 1989/90 vor dem Kapitalismus gewarnt, die Mehrzahl der DDR-Bürger sei jedoch lediglich an „Gänsebraten“ und „Weihnachtsliedern“ interessiert gewesen und habe die vom linken Teil der DDR-Opposition vorgeschlagene Option, die DDR sozialistisch und grün zu reformieren, ausgeschlagen. Nun solle man sich nicht beschweren, so die nicht ganz ausgesprochene Fortsetzung der Argumentation, wenn man mit den Resultaten der kapitalistischen Entwicklung, Armut und Flüchtlingen, konfrontiert werde.

Die zentrale Passage des Politgedichts lautet: „Es ist das System das ihr nicht schnell genug bekommen konntet / Dem ihr den ’89er Versuch geopfert habt / Den Versuch einer alternativen Demokratie / Einer freiheitlichen solidarischen ökologischen / Doch ihr sprecht nicht über dieses System / Über Kapitalismus seine Gemeinheiten über Interessen / Dafür protestiert ihr gegen die Schwachen / An die Mächtigen traut ihr euch nicht heran / Feiglinge“

Ob denn Kriege, Hunger und Flüchtlinge wesentlich nur ein Resultat des Kapitalismus sind, hinterfragen die Bürgerrechtler im Eifer des Gefechts nicht.

Auf euer Abendland haben wir ’89 gepfiffen“

Der fast schon marxistisch-dogmatisch zu nennende Ansatz der linken DDR-Bürgerrechtler und sein beleidigter Ton lassen stutzen. Den Vorwurf an die Bürger der ehemaligen DDR, man habe den Sozialismus ja abschaffen wollen und den Kapitalismus schließlich gewollt, hätte so ähnlich sicher auch Erich Honecker, so er denn noch lebte, erhoben. Ob gegenwärtig möglicherweise Restkader der DKP mit ähnlich unambitionierten Argumentationsmustern hantieren, entzieht sich meiner Kenntnis.

Eine ausführlichere Beschäftigung mit diesem „Ekel“-Statement wäre überflüssig, repräsentierte es nicht, und das nicht nur im Osten, ein verbreitetes Gefühl der Hilflosigkeit vieler sich „links“ verstehender Menschen in der Bundesrepublik. Was nur, so lautet die unausgesprochene Frage, sollen wir tun?

Die Schlusspassage des Statements lautet: „Auf euer Abendland haben wir ’89 gepfiffen / Darauf pfeifen wir auch heute / Unsere Solidarität den Flüchtlingen / Und immer noch sagen wir / Eine andere Welt ist möglich / Eine andere Welt ist nötig / Um alle Mauern zu stürzen“ Die Antwort der dichtenden Ex-DDR-Bürgerrechtler auf die Frage was zu tun sei, ist die etwas verklausuliert vorgetragene uralte Idee vom Sturz des Kapitalismus und dem Beginn eines Reichs der Freiheit an seinem Ende. Menschenrechte? Bürgerrechte? Fehlanzeige!

Der linke Teil der DDR-Oppositionellen hat – im Unterschied zu Wolf Biermann und dem verstorbenen Bürgerrechtler Jürgen Fuchs – die bürgerrechtliche Wende vieler Dissidenten in Polen, Ungarn, der Sowjetunion und der Tschechoslowakei nie mitvollzogen. Adam Michnik in Polen und andere begannen in den 70er Jahren über eine Rekonstruktion zivilgesellschaftlicher Strukturen beim Umbau der Diktaturen sowjetischen Typs nachzudenken und den Traum vom Bürgerkrieg um die Macht, einer „permanenten Revolution“, ad acta zu legen.

In der DDR folgte diesen Ideen nur die 1985 gegründete Initiative Frieden und Menschenrechte, die von Biermann und Fuchs, beide waren bereits ausgebürgert, unterstützt wurde. Sie stellte in der sowieso kleinen DDR-Opposition eine Minderheit dar. Der Mehrzahl der linken Bürgerrechtler, die die „Jesus hätte gekotzt“ Erklärung unterschrieben, galt die politische Orientierung von Michnik u. a. schon damals als zu „bürgerlich“. Die Einforderung von Bürger und Menschenrechten und der Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen galten ihnen als viel zu wenig. Sie wollten mehr. An der Bewältigung der Trauer, dass ihre Ideen 1989 und danach völlig marginalisiert wurden, arbeiten sie bis heute, wie man sieht, erfolglos.

Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen

Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass von der Gruppe der linken Ex-DDR-Bürgerrechtler nur ganz wenige bei den Gruppen zu finden waren, die nach den Pogromen von Hoyerswerda und Rostock den Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen und die Verteidigung der Rechte angegriffener Menschen ernst genommen haben. Beim Aufbau der Regionalen Arbeitsstellen gegen Ausländerfeindlichkeit und vergleichbaren Initiativen waren sie nur am Rande beteiligt.

Bekannte Persönlichkeiten der DDR-Opposition aus den 70er und 80er Jahren haben sich überhaupt kaum an solchen Aktivitäten beteiligt. Von den im Jahr 1991 stellvertretend für die Demonstranten im Herbst 1989 mit der Theodor Heuss Medaille ausgezeichneten DDR-Bürgerrechtlern Joachim Gauck, Christian Führer, David Gill, Ulrike Poppe, Jens Reich und Anetta Kahane, orientierte sich, soweit ich weiß, nur Anetta Kahane in diese Richtung. Mit der von Kahane gegründeten Amadeu Antonio Stiftung sowie weiteren Aktivitäten erhielt diese neue Bürgerrechtsbewegung zur Eindämmung von Rassismus und Antisemitismus überhaupt erst eine öffentlich wahrgenommene Stimme.

Die Erfahrungen, die die Amadeu Antonio Stiftung und befreundete Initiativen bei der Zurückdrängung des grassierenden Rassismus und Antisemitismus vorwiegend in den fünf neuen Ländern machten, sind an den meisten DDR-Bürgerrechtlern und auch an ihrem linken Teil mehr oder minder spurlos vorbei gegangen. Sie konnten auf Nachfrage der beunruhigten Zeit-Redaktion auch deshalb keine wirkliche Hilfe bieten.

Gegen Politiker, Gegen den Islam..., Foto: Felix M. Steiner
Gegen Politiker, Gegen den Islam…, Foto: Felix M. Steiner

Die Erfahrung der Initiativen im Umfeld der Amadeu Antonio Stiftung und vergleichbarer Bürgerrechtsgruppen in Osteuropa zeigt, dass sechs Elemente einer Strategie gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit entscheidend sind. 1. Gewinnung gesellschaftlicher Zentralinstanzen und Autoritäten für die politische Delegitimierung der Menschenfeindlichkeit. 2. Vorrangig Verteidigung und Stützung der Opfer der Menschenfeindlichkeit, nachrangig Therapie der Täter. 3. Gewinnung von sozialen Gruppen und Verbänden, die sich der Menschenfeindlichkeit in den Weg stellen. 4. Entwicklung leicht handhabbarer friedlicher Formen zivilen Ungehorsams für die Ächtung der Menschenfeinde. 5. Entschiedene Handhabung des Rechts und des staatlichen Gewaltmonopols zur Eindämmung rechtspopulistischer Bewegungen bis hin zum Verbot terroristisch und volksverhetzend agierender Gruppen und 6. ausführliche Presse-Berichterstattung und Hintergrundrecherchen zu den rechtspopulistischen Bewegungen, ihren Führern und Netzwerken. Man könnte auch vereinfacht sagen, wer eine offene, säkulare und multiethnische Demokratie verteidigen will, der muss sie zu allererst auch selber wollen.

Ihr riecht nach dem Provinzmief hinter der Mauer“

Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass die Erklärung der linken DDR-Bürgerrechtler im Ton eines Brecht-Gedichtes formuliert ist. In ihrem Aufruf fragen die Autoren an die PEGIDAisten gerichtet rhetorisch: „Habt ihr euch nie gefragt: / Wer liefert die Waffen für die Bürgerkriege die die Menschen vertreiben / Wer hat der Welt den Neoliberalismus aufgezwungen / Der sie in Ungleichheit Armut Not treibt/ Bei uns und im Süden der Erde / Und wer hat die Klimakatastrophen produziert / Die den Sahel zur Hölle machen.“ Das klingt nicht ganz zufällig wie Bertolt Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“3 aus dem Jahr 1939.

Dieser Brechtsche Ton repräsentiert eine Haltung aus der Zeit des Kalten Krieges, die in der DDR viele Intellektuelle eingenommen hatten. Man könnte diese Haltung als die einer „kritischen Solidarität“ mit der DDR bezeichnen. Auch der wohl bekannteste linke DDR-Dissident, der Chemiker Robert Havemann, war davon nicht weit entfernt. 1979, in seinen Thesen zum 30. Jahrestag der DDR, zeigte er sich überzeugt, dass mit fortschreitender Krise des Kapitalismus die Menschen zukünftig nicht mehr aus der DDR fliehen, sondern in die DDR einwandern würden. In der DDR war, so Havemanns Überzeugung, die Grundlage für eine progressive gesellschaftliche Entwicklung gelegt worden.4 Der Hauptfeind, der Kapitalismus, stand weiter im Westen. Sein Untergang war unausweichlich.

Es ist dieser Ton und diese Haltung, dem die linken DDR-Bürgerrechtler nachtrauern. Sie imaginieren den Brechtschen Ton um dieser Trauer Ausdruck zu verleihen. Etwas zugespitzt könnte man formulieren, dass die linken DDR-Bürgerrechtler in dieser Trauer den von ihnen scharf kritisierten PEGIDA-Demonstrierern in Dresden nicht so ganz unähnlich sind. Sie trauern der DDR nach.

Alan Posener bemerkte kürzlich treffend: „In Dresden, scheint es, trauert man der DDR hinterher, als alle Arbeit hatten, die Asis und die Fidschis ihren Platz in der Gesellschaft kannten, nämlich unten, und man sich gegenseitig aushalf: Trabant-Ersatzteile gegen Küchenfliesen; nimmst du Freitag frei und baust mir die Dusche ein, nehme ich Montag frei und verlege mit dir die Dachpappe auf der Datsche. Heute hingegen: Hetze, Konkurrenz, soziale Kälte, Islamisierung und eine Lügenpresse.“5

Der Unterschied besteht freilich darin, dass die Ex-DDR-Bürgerrechtler ihre Landsleute heftig kritisieren und Flüchtlinge willkommen heißen. Immerhin! Zu den „PEGIDA-Verstehern“ gehören sie nicht. Das ist in diesen Tagen ja nicht selbstverständlich. Ihr Vorwurf an die PEGIDAisten aber, „Ihr riecht nach dem Provinzmief hinter der Mauer“, der richtet sich auch gegen die linke Ex-DDR-Opposition selbst.

1 Siehe: www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2014-12/pegida-offener-brief-buergerrechtler

2 Siehe: www.taz.de/!151748/

3 Ein Text des Gedichts von Brecht findet sich bei: www.sgipt.org/wisms/geswis/brecht.htm

4 http://www.chronik-der-mauer.de/index.php/de/Start/Detail/id/593849/page/2

5 http://www.welt.de/kultur/article135923713/Die-schlechteste-alte-Zeit-wird-irgendwann-gut.html

11 thoughts on “Wer riecht nach dem Provinzmief hinter der Mauer?

  1. Ich finde den Text gut.

    Was aus meiner Sicht der Text zum Ausdruck bringen sollte ist: nicht alles was gegen PEGIDA ist, ist automatisch „gut“. Selbst eine Opposition – d.h. die Gegenstimmen zu PEGIDA – müssen kritisch auf ihren Inhalt hin untersucht werden.

    Ob es gelungen ist, darüber kann man freilich streiten.

    Das es aber notwendig ist – das hat der Text, meiner Meinung nach, wunderbar gezeigt. Allerdings kann ich auch die Position der DDR-Bürgerrechtler nachvollziehen. Meines wissens nach war es ja so, das die Proteste in der DDR unter den Motto anfingen, das die Politik reformiert werden sollte. Es ging – zumindest am Anfang – nicht darum die DDR auf zu lösen. Dies kam erst in „Laufe der Zeit“ und kann als Radikalisierung der Protestbewegung gegenüber der eigenen Regierung gesehen werden, als die sich weigerte nach zu geben bzw. ihres geringe Entgegenkommen zu spät war. (man kann jetzt spekulieren ob die Bewegung instrumentalisiert wurden oder schlichtweg durch die Masse an Menschen dahin getrieben wurden, aber soweit lehne ich mich nicht aus den Fenster)

    Aber auch hier sieht man, das wohl mehr Gemeinsamkeiten mit der PEGIDA-Bewegung sind, als man gerne annehmen mag. Wenn die Politik sich weigert mit PEGIDA ein zu lassen bzw. sie kein „parlamentarischen Arm“ kriegen, werden auch die sich radikalisieren, was höchstwahrscheinlich darin münden wird, das diese den deutschen Staat als ganzes ablehnen werden (so wie es unter Rechtspopulisten schon seid Jahr und Tag gefordert wird). Spätestens dann wäre der Staat gezwungen sich mit aller Macht dagegen zu stellen und die Rechtspopulisten hätten Recht mit ihrer Prognose, es werde balb bürgerkriegsähnliche Zustände geben…

    Ich bin für Null-Toleranz gegenüber PEGIDA und deren Weltvorstellung (nicht das man mich falsch versteht), die Frage ist nur zu welchen Preis.

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