Profiteure des Hasses

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Die Attentäter von Paris sind noch auf der Flucht, da versuchen deutsche Hassprediger bereits Kapital aus dem Terrorakt zu schlagen. Unterstützer von PEGIDA haben plötzlich ihr Herz für die „Lügenpresse“ entdeckt.

Von Patrick Gensing

Paris ist im Ausnahmezustand, der höchste Terroralarm wurde ausgerufen, weil mutmaßlich drei bewaffnete Attentäter noch auf der Flucht sind. Die Männer hatten zuvor 12 Menschen getötet, darunter vier Karikaturisten des Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ sowie zwei Polizisten. Ein Opfer lag, so zeigen es Bilder im Netz, schon verletzt auf der Straße, die Täter machten sich offenbar noch die Mühe, noch einmal zu dem Mann zu gehen, um ihn zu erschießen. Das Vorgehen der Attentäter lässt auf eine militärische Ausbildung schließen, zudem scheinen die Männer die Tat genau vorbereitet zu haben; immerhin überfielen sie das Satiremagazin, als dort gerade die Redaktionskonferenz stattfand – also die meisten Redakteure, Autoren und Mitarbeiter auf einmal versammelt waren. Keine Selbstverständlichkeit bei einem wöchentlichen Magazin.

Alle Indizien weisen auf ein islamistisches Motiv hin: Die Zeitschrift war wegen der Mohammed-Karikaturen bereits von fanatischen Muslimen angegriffen worden, die Täter von heute sollen „Gott ist groß!“ gerufen haben, berichtet eine Überlebende. Gleiches ist auf einem Video zu hören, das vom Dach eines angrenzenden Gebäudes aufgenommen wurde. Weiterhin wird berichtet, die Attentäter hätten noch gerufen, sie hätten den Propheten gerächt.

Das alles sind aber bislang Indizien, offizielle Stellen halten sich mit Aussagen zurück, da zunächst die Ergreifung der flüchtigen Täter oberste Priorität genießt. Zudem hatten die meisten Menschen zunächst das Anliegen, den Betroffenen, ihren Angehörigen und Freunden ihr Beileid zu bekunden – bzw. zu betonen, dass es sich ganz offenkundig um einen Anschlag auf die Presse- und Meinungsfreiheit handelt – grundlegende Werte, die es zu verteidigen gilt.

Solidarität mit der „Lügenpresse“?

Doch genau die Leute, die sonst gerne auf das Feindbild Presse setzen, melden sich nun mit politischen Bewertungen nach dem Anschlag als erstes zu Wort. Die NPD ergriff umgehend das Wort, der Vorsitzende Frank Franz ließ über Facebook verbreiten, „die „Willkommenskultur“ der europäischen Multikulti-Politiker zeigt heute in unserem Nachbarland seine brutale und hasserfüllte Fratze!“ Zwar weiß man noch gar nicht, woher die Täter kommen, aber das sind Nebensächlichkeiten.

Es sei „wohl leider nur eine Frage der Zeit“, macht Franz unbeirrt weiter, „bis es auch in Deutschland zu einem folgenschweren Terroranschlag gegen Kritiker der Überfremdung kommen wird“. Trotzdem werde „sich der Protest in Deutschland und Europa gegen die Islamisierung weiter verstärken“.

Auch der NPD-Fraktionschef im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, Udo Pastörs, äußerte sich umgehend: Er rief dazu auf, „gerade und jetzt an den islamkritischen Veranstaltungen“ teilzunehmen.

Wenig überraschend konnte ebenso Jürgen Elsässer nicht lange an sich halten. Er ließ verlauten: „Wer jetzt noch gegen PEGIDA demonstriert, spuckt auf die Gräber der Toten in Paris.“ Gräber, die es noch nicht einmal gibt.

Und auch die AfD zog umgehend nach: Der stellvertretende Vorsitzende der AfD, Gauland, sieht in dem Anschlag von Paris eine Bestätigung für die Pegida-Aktionen. Vor dem Hintergrund des Massakers erhielten die Forderungen von Pegida Aktualität und Gewicht, erklärte Gauland in Berlin. Wer die Sorgen der Menschen vor dem Islamismus ignoriert oder verlacht habe, werde durch die Bluttat Lügen gestraft.

Die Sache hat nur gleich mehrere Haken: So gehören die „Systemmedien“ oder die „Lügenpresse“ bei Pegida, NPD & Co. zu einem der wichtigsten Feindbilder. Man tritt zwar für Pressefreiheit ein, aber nur so lange, wie die Medien das berichten, was man hören, sehen oder lesen will bzw. was ins eigene Weltbild passt (und das ist nicht gerade viel).

Absolute Ablehnung 

Zudem ist der Anschlag von Paris ganz offenkundig ein weiterer fürchterlicher Beweis für die Gefahr durch islamistischen Terrorismus, was aber keineswegs gleichbedeutend mit einer angeblichen Islamisierung in Deutschland ist, sondern eher das glatte Gegenteil. Oder meinen Pastörs, Elsässer oder Gauland ernsthaft, das angebliche Projekt einer Islamisierung profitiere von solchen Terrorattacken?

Sämtliche gesellschaftlichen Akteure, Politiker aller demokratischen Parteien, religiöse Verbände – sie alle distanzieren sich auf das Schärfste von solchen Terroranschlägen und islamistischen Fanatikern. Die einzigen, die profitieren, das sind Hardliner, die aus solchen Aktionen politisches Kapital schlagen wollen. Empathie und Respekt den Opfern gegenüber liegt ihnen offenkundig fern.

Letzteres scheint leider auch für Erika Steinbach zu gelten, die einen ihrer Tweets zu Charle Hebdo mit einem Zwinker-Smiley versah – und dies nach Kritik als Ironie verteidigte. 

Auch linke Verschwörungsfreunde sind nicht zu dumm, den Terroranschlag für ihre dogmatischen Zwecke zu missbrauchen. Umgehend machten auf Twitter Kommentare die Runde, Gladio habe wieder zugeschlagen, es handele sich bei dem Anschlag also um eine False-Flag-Aktion von CIA / Mossad.

Bei solchen Beiträgen bleibt eigentlich nur, auf den Rat von Jutta Dittfurth zu verweisen:

Beim Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo wurden heute in Paris zwölf Menschen getötet und vierzehn Menschen verletzt. Die Zeitschrift hat seit Jahren mit Mitteln der Satire und des Spottes die Auseinandersetzung [nicht nur] mit fundamentalistischen Islamisten geführt. Überall in Europa solidarisieren sich kritischer Köpfe mit den Opfern und trauern mit FreundInnen und Angehörigen. Fundamentalisten aller Couleurs, gerade auch christliche deutsche, halten heute einfach mal ihre Schnauze.

Anmerkung: Die Kommentarfunktion ist geschlossen. Armselige Spinner, die ihre Gladio-Verschwörungstheorien oder rassistischen Bürgerkriegsfantasien hier abladen wollen, gehen bitte zu den einschlägigen Seiten weiter. Hier ist kein Platz für Euch. Danke für Euer Verständnis.

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