Das Akademische Karussell: Kritische Theorie 2.0

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um das Debütalbum der „Antilopen Gang“.

 Von Samuel Salzborn*

 Über viele Jahre hinweg war der deutschsprachige Rap geprägt von Gangsta- und Ghettoattitüden, die gerade deshalb so trivial waren, weil sie in Style verpackten, was inhaltsleer und in grandioser narzisstischer Selbstüberhöhung, verbunden mit Sexismus, Homophobie und oft auch Antisemitismus, die eigene Marginalität, statt sie zu reflektieren, schlichtweg leugnete und das Gefühl entstehen ließ, die Provinz an der Spree sei die Metropole am Hudson River. Die wesentlichen Züge dieser postmodernen Rap-Rebellion, in der statt die tatsächliche gesellschaftliche Wirklichkeit zu reflektieren, schlicht die eigenen Phantasien für diese gehalten und in Reime verpackt wurden, haben bereits vor einiger Zeit „Anarchist Academy“ im ursprünglichen Line-Up in dem Track „Die total verrückten Crazyboys schlagen zurück“ hinreichend zusammengefasst.

Nun aber scheint ein neuer Stern am Himmel der musikalischen Gesellschaftskritik zu erleuchten, der gerade deshalb so authentischer Rap ist, weil er es nicht ist – und damit an die vor allem amerikanische Entstehungsgeschichte des Rap, aber auch an die Crossover-Projekte von Rap- und Metal-Acts in den 1990er Jahren anschließt, in denen Stilelemente des Rap aufgrund eines grundlegenden Anspruchs als Artikulationsform von Gesellschaftskritik nicht mythologisiert, sondern interaktiv collagiert wurden.

Die musikalischen Einflüsse auf dem Debütalbum „Aversion“ der „Antilopen Gang“ sind so vielfältig und gerade deshalb authentisch als Rap, weil sie die musikalische Dynamik bewahren, in der Rap eben immer auch Sampling anderer Musikstile bedeutet, was paradigmatisch in der Line „Deutschrap muss sterben, damit wir leben können“ zum Ausdruck kommt, die als variiertes „Slime“-Zitat sofort jedem auffällt, der nur rudimentär mit der Geschichte des Punk vertraut ist – und damit zugleich den Bogen spannt zum historischen Kontext, der seinerseits wiederum ein deutsch-völkisches Zitat auf einem Hamburger Kriegerdenkmal umkehrte.

Über „Aversion“ ist viel gesagt und geschrieben worden, insbesondere der Track „Beate Zschäpe hört U2“ war und ist in aller Munde, nicht erst, seitdem ein ehemaliger RBB-Radiomoderator – wie bereits erwartet – mit seinem Versuch der juristischen Abmahnung der Band gescheitert ist . Der Track ist wie lange kein Musikstück mehr auf der Höhe der gesellschaftstheoretischen Debatte und fasst die Wirklichkeit des Antisemitismus in Deutschland besser zusammen, als viele der bisher vorgelegten wissenschaftlichen oder publizistischen Analysen – weil er gleichermaßen Banalität und Brutalität einfängt, den Schmerz ebenso fühlbar macht, wie den Wahn.

Und in der Visualisierung im Videoclip wird eine Wahrheit noch angedeutet, die bis heute – soweit ich sehe – noch niemand intensiver reflektiert hat: der Zusammenhang von dem Gewinn einer Fußballweltmeisterschaft durch das DFB-Team und die Eskalation rassistischer und antisemitischer Gewalt, wie er gleichermaßen nach dem WM-Titelgewinn 1990 (im Hintergrund des Videos läuft im Fernseher des Wohnzimmers das Strafstoßtor von Andreas Brehme aus dem Finalspiel) wie 2014 zu beobachten war und ist. Die „Antilopen Gang“ formuliert insofern also ganz am Rande auch eine Forschungsagenda, die es zu bearbeiten gelten würde, nämlich die Frage, ob es zu solchen rassistischen und antisemitischen Bahnbrechungen im völkischen Gemeinschaftsgefühl der Deutschen nicht nur nach 1990 und 2014 kam und die fußballerischen Erfolge also nicht nur in diesen beiden Fällen völkische Eskalationen motiviert haben, sondern auch 1954 und 1974? Ein spannendes Projekt, für das sich sicher keine Geldgeber finden werden.

Aber „Aversion“ ist noch mehr, vielleicht so etwas wie die musikalische Formulierung von Kritischer Theorie für das Jahr 2015: das Album wird nicht nur getragen von einem unglaublich weitreichenden Reflexionsniveau politischer und gesellschaftlicher Prozesse (der Track „Ikearegal“ zeichnet ein präzises Panorama der sich selbstkritisch generierenden, selbstverliebten, arroganten gesellschaftlichen Mitte, die „jeden dummen Vorschlag einfach supermegastark“ findet und die letztlich an ihrer zwanghaften Selbstdisziplinierung zwischen Veganismus und Vorzeigebetroffenheit, Pünktlichkeit und Ordnung, Hipsterkultur und Spießigkeit, „Süddeutscher Zeitung“ und Disco-Clique erstickt), einer nachhaltigen Fähigkeit zur Selbstkritik (in „Enkeltrick“ chargiert die rezipierbare Rolle des lyrischen Ich zwischen sympatisierungs- und verachtungswürdig, in „Verliebt“ wird die – geschlechtsneutral erzählte – Selbst- und Fremdwahrnehmung so subtil gewechselt, dass man beim ersten Hören selbst die Wahrnehmung verliert, ob man denn nun in den aktiven oder in den passiven Part, also in die Rolle der reflektierten oder der unreflektierten Person versetzt wird), einem ebenso klaren Wissen um Notwendigkeit und Kraft der Negation, die wohl den Kern der klassischen Kritischen Theorie ausmacht (allerdings vielleicht etwas zu unmittelbar vorgetragen in „Anti Alles Aktion“), aber auch der leisen und traurigen Erzählung vom schmerzenden Verlust eines offenbar großen Freundes (NMZS), mehrfach angedeutet, am deutlichsten aber in den „Trümmermännern“ ausbuchstabiert.

Kritik, Selbstkritik, Negation und Empathie – gerade in dem über weite Strecken durchgehaltenen Sujet liegt die Option, die Hoffnung auf eine Erneuerung Kritischer Theorie in der Musik im Zeitalter ihrer „technischen Reproduzierbarkeit“ (Walter Benjamin) nicht aufgeben zu müssen. Bemerkenswert hierbei ist auch, dass die „Antilopen Gang“ die Ambivalenzen bürgerlicher Vergesellschaftung auch gerade in sich selbst emanzipativ etikettierenden Bewegungen reflektiert, etwa wenn in „Beate Zschäpe hört U2“ das reaktionäre Implikat von „Volksentscheiden auf Bundesebene“ thematisiert wird, mit Blick auf Occupy- und Stuttgart21-Proteste in „Anti Alles Aktion“ der Gedanke aufgegriffen wird, dass in diesen Protesten so viel reaktionäres und totalitäres Potenzial liegt, dass es fortschrittlicher sein kann, gegen sie zu sein oder wenn in „Beton“ die dogmatischen Zementierungen der Öko-Bewegung einer Radikalkritik unterzogen werden, die das steinerne Herz so mancher Ökofundamentalisten ebenso erweichen müsste, wie allerdings auch das ihrer diametralen, technikfetischisierenden Gegner: „Unter dem Asphalt liegt nur nutzloses Brachland“, heißt es thematisch passend in historischer Anspielung in „Der goldene Presslufthammer“.

Und dann ist da noch der Track „Outlaws“ – neben „Ikearegal“ der mit Abstand beste Track auf dem Album: Ein Song, der verdeutlicht, wie die Schwachen der Gesellschaft sich durch Stigmatisierung und Ausgrenzung in einer autoritären Reaktion neue Schwache schaffen und damit ihre Pseudoetabliertheit zu etablieren versuchen. In der „Welt, in der du lebst, ist jeder jedem egal / Das Zentrum der Gesellschaft ist wie ein Ikearegal“ heißt es im gleichnamigen Track, der die gesellschaftsanalytische Folie für die Konsequenz liefert, die in „Outlaws“ formuliert wird: „… im Zweifel bleib ich lieber allein / Wenn sich die Mehrheit faschisiert, musst du Minderheit sein“.

Antilopen Gang: Aversion, JKP 2014.

* Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. Von ihm ist in diesem Jahr erschienen:

Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze
Nomos/UTB: Baden-Baden 2014, 149 Seiten

Weitere Informationen finden Sie hier

Auf Publikative.org schreibt Salzborn die Kolumne „Das Akademische Karussell“

9 thoughts on “Das Akademische Karussell: Kritische Theorie 2.0

  1. Die ersten Sätze lesen sich wie eine entschuldigende Anbiederung ans Bürgertum, warum der Autor nun über etwas schreiben möchte, das doch an sich Rap ist. (Und zeugt nebenbei von massivem Unwissen und kultureller Überheblichkeit)

    Wird dem restlichen Artikel nicht gerecht und verhindert, dass ich ihn anderen zeigen kann. Schade.

    1. Sauber Ansage! Leider kommt dann nix mehr weiter. Verhindert leider, dass ich deinen Kommentar anderen zeigen kann. Schade!

  2. Ich würde mich an die am Anfang gesagten Eorte anschließen. Tatsächlich, der sozialkritische Ursprung des Raps kann man in Deutschrap überhaupt nicht spüren. Die wenigen Ausnahmen sind „Huss und Hoden“, der ein Satire-Rap betreibt, und teilweise KIZ und Chefket. Deswegen freue mich auf die neue Gesichter auf der Rap-Szene!

    1. Dass man in Deutschland wenig vom sozialkritischen Ursprung des Raps findet, kann man nur behaupten wenn man sich wenig mit Deutschrap beschäftigt. Mir fallen da spontan so einige ein: Prezident, Hiob, Morlockk Dilemma, Prinz Porno aka Prinz Pi, Audio88, Deichkind, Fettes Brot, Herr von Grau aka Lemur und früher natürlich auch Die fantastischen Vier, Torch und Samy Deluxe.

  3. Die Antilopen sind doch aber gar keine „neuen Gesichter“ sondern veröffentlichen in unterschiedlichen Konstellationen bereits seit über zehn Jahren Musik.

    Das legt den Verdacht nahe, daß der Autor mit vielen anderen „kleineren“ Namen auch nicht unbedingt vertraut sein dürfte. Dann ist es aber anmaßend allgemeingültig zu behaupten, die Antilopen Gang stünde sozusagen allein auf weiter Flur.

    (Und der ganze Abschnitt unterhalb des Anarchist Academy Videos ist auch eher daneben, unterstellt er doch eine musikalische Eindimensionalität im Genre, die insbesondere in den letzten Jahren überhaupt (nicht) mehr vorhanden war)

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