Das Akademische Karussell: „Political Extremism“

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um ein neues Großwerk mit dem Titel „Political Extremism“.

Von Samuel Salzborn

Anders als in Deutschland haben Bücher, in denen Schlüsseltexte eines Themengebietes versammelt werden, in Amerika und England eine große Bedeutung. In solchen Textbooks werden kürzere Texte, Aufsätze oder Buchkapitel, zusammengetragen und sie erleichtern so den Zugang zu einem Gegenstand, den man sich behelfsweise im bundesdeutschen Wissenschaftssystem mehr oder weniger erfolgreich mit dem Versuch der kopierten Reader zu erschließen versucht hatte.

Political Extremism von Cas Mudde
Political Extremism von Cas Mudde

Warum es das Modell der Textbooks bis heute nicht wirklich in das bundesdeutsche System der Sozialwissenschaften geschafft hat, ist gerade vor dem Hintergrund verwunderlich, dass durch solche Textbooks nicht nur das Wissen eines Fachgebietes, sondern auch seine Kontroversen versammelt werden können und dabei auch den Aufsätzen, die sonst nicht selten in abgelegenen Fachzeitschriften versenkt und nur von einer verschworenen Kleinstgruppe gelesen werden, eine Aufwertung in Buchstatus zu Teil werden kann, wenn sie sich als längerfristig substanziell und wesentlicher Beitrag zur Forschung erwiesen haben.

Dies muss man berücksichtigen, wenn man sich mit dem voluminösen und über weite Strecken sehr empfehlenswerten Riesenwerk befasst, das Cas Mudde kürzlich unter dem Titel „Political Extremism“ in der „Sage Library of Political Science“ herausgegeben hat. Die vier Bände (Bd. 1: „Concepts, Theories and Responses“; Bd. 2: „Historical Extremism“; Bd. 3: „Right-Wing Extremism“; Bd. 4: „Left-Wing Extremism“) umfassen insgesamt rund 1.500 Seiten und dokumentieren in der Tat eine Reihe von wichtigen Aufsätzen aus dem Feld – das in einem englischsprachigen Band die deutsche Debatte nur rudimentär Eingang findet, die in ihrer theoretischen Dimension durchaus etwas ambitionierter ist, fällt als Problem auf den Gegenstand selbst zurück, weil viele der deutschsprachigen Schlüsseltexte nie übersetzt worden sind.

Der Band ist in seiner Komposition sehr heterogen, was schon am Vorwort auffällt, in dem Mudde – den deutschen Leser(inne)n vor allem durch seine Arbeiten zum Rechtspopulismus bekannt, zuletzt unter anderem sein Buch „Populist Radical Right Parties in Europe“ (2007) – sich bei Roger Eatwell und Uwe Backes bedankt und beiden das Werk widmet, stehen doch beide für sehr konträre Ansätze der Forschungen zum Gegenstand. Wer insofern in dem Band eine klare Linie der eindeutigen Abgrenzung von der (in der deutschen Rechtsextremismusforschung marginalisierten, aber für Teile der behördlichen Arbeit nach wie vor angewandten) Extremismusdoktrin zugunsten eines gesellschaftskritischen oder historisch-dynamischen Ansatzes sucht, wird ebenso enttäuscht, wie jemand, der auf ein Kompendium einfacher Rechts-Links-Analogien hofft. Der Band versammelt Texte aus beiden Ansatzbereichen, wobei die offensive Problematisierung der sich wechselseitig ausschließenden Zugänge hilfreich für die Lektüre gewesen wäre.

Mudde kompiliert eine gute Mischung aus klassischen Beiträgen (z.B. von G. Bingham Powell Jr., Hannah Arendt, Juan J. Linz, Carl Joachim Friedrich/Zbigniew Brzezinski oder Seymour Martin Lipset – warum allerdings Franz L. Neumann, Ernst Fraenkel oder Karl Loewenstein fehlen, bleibt rätselhaft) und aktuelleren wichtigen und viel diskutierten Ansätzen (z.B. von Zeev Sternhell/Mario Sznayder/Maia Asheri, Roger Griffin, Klaus von Beyme, Marlène Laruelle, Kai Arzheimer, Piero Ignazi, Jens Rydgren oder Michael Minkenberg), gibt allerdings – was wohl dem eigenen Forschungsparadigma des Herausgebers geschuldet ist – den populistischen Entwicklungen ein deutlich zu großes Gewicht in der Dokumentation (spannend wäre hier auch, neben Ansätzen, die sich des Populismuskonzepts bedienen, ein Beitrag über die Kritik an den konzeptionellen Schwächen des Populismuskonzepts gewesen). Die systematische Unterteilung der Kapitel überzeugt und auch die daraus entstehende Konzeptualisierung einer interdisziplinären Debattenkultur ist hilfreich bei der Lektüre und Einordnung. Wie so oft bei politikwissenschaftlichen Zusammenstellungen gibt es ein leichtes Übergewicht von Beiträgen der letzten Jahrzehnte, was die historische Perspektive etwas unterbelichtet und überdies gefragt werden muss, ob Texte jüngeren Datums auch beispielsweise noch in zehn oder zwanzig Jahren die gleiche intellektuelle Tiefe aufweisen wie Beiträge, bei denen man die Qualität mit hinreichend zeitlichem Abstand einigermaßen solide einordnen kann. An einem Beispiel: Ob die populistische Strategie im Rechtsextremismus überschätzt wird, wie der Autor dieser Buchvorstellung sagen würde oder ob man sie lange Zeit unterschätzt hat, wie die Anhänger des Populismusparadigmas sagen würden, wird man erst in gut zwanzig Jahren mit Gewissheit sagen können.

Wirft man den Blick auf das Detail, dann fallen einige Aspekte auf, die für eine Zweitauflage berücksichtigt werden könnten: Zunächst leuchtet grundsätzlich nicht ein, warum bei dem sehr weit gefassten Begriff des „Political Extremism“ – der nicht identisch mit dem deutschen Extremismusbegriff verstanden werden darf, weil er im englischen Sprachraum maßgeblich von Seymour Martin Lipset (der Text ist auch im Band dokumentiert) ursprünglich als ein Konzept entwickelt wurde, das drei Extremismen kennt (einen rechten, einen linken und einen der Mitte) und in dem betont wird, dass die Grenzen zwischen den moderaten und den extremen Strömungen generell fließend sind und weltanschaulich nicht, wie im behördlichen Verständnis in Deutschland, in einer (realen und fiktiven) Nähe zur geltenden Verfassungsordnung bestimmt werden, sondern aus der Ablehnung von politischem und gesellschaftlichem Pluralismus – nicht der Islamismus (sinnvollerweise als eigenständiger Bd. 5) aufgenommen wurde, der gerade in der internationalen Debatte stark als politischer bzw. politisierter Extremismus, resp. Totalitarismus gedeutet wird.

Ebenfalls überrascht, dass man systematische Beiträge über Antisemitismus und Antiamerikanismus als weltanschauliche Bindeideologien aller antidemokratischen und antipluralistischen Bewegungen vergeblich sucht. Dass stattdessen im Bereich aktueller linksextremer Bewegungen „Occupy“ sehr viel Raum und der Antiglobalisierungsbewegung überhaupt Raum eingeräumt wird, verwundert umgekehrt und legt den Verdacht nahe, dass über die systematischen Referenzsysteme für eine Neuauflage noch einmal nachgedacht werden sollte. Denn die Antiglobalisierungsbewegung, die man weder für sinnvoll, noch für fortschrittlich halten muss, scheint mit dem Label des „Extremismus“ doch prinzipiell falsch bedacht und „Occupy“ war und ist letztlich so marginal, dass andere soziale Bewegungen stärker in den Blick genommen werden sollten (z.B. der Linksterrorismus, dessen Bewegungsbezüge international seit den 1960er Jahren wahrnehmbar sind, auch in seinen fortgesetzten Bezüge zu islamischen Terrororganisationen). Und mit Blick auf den historischen Band (Bd. 2) und die dortige Abteilung zum Sozialismus bzw. Kommunismus bleibt unklar, warum in dem mit „Communism“ betitelten Kapitel der Anarchismus gänzlich ausgeblendet wird, der fraglos durch seine generelle Staatsfeindlichkeit eine hohe Affinität zum „political extremism“ hat(te) und wenn man dieses Spektrum schon vernachlässigt, warum das Kapitel dann nicht „Stalinism“ heißt (denn es handelt faktisch fast ausnahmslos vom Stalinismus)?

Diese Nörgelei am Detail soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Band von Mudde gerade für Leser/innen in Deutschland ein echter Gewinn ist, weil nicht nur zentrale deutsche Texte nicht ins Englische übersetzt sind, sondern umgekehrt ein Großteil der englischsprachigen Debatte in der deutschen Forschung in ihren Verästelungen nur unzureichend wahrgenommen wurde und wird und ihre Zusammenstellung in einem Textbook nun den Zugang erheblich vereinfacht und verbessert.

Cas Mudde (Ed.): Political Extremism. Four-Volume Set, Sage: London u.a. 2014, 1.576 Seiten.

Samuel Salzborn (Foto: Marta Krajinović)
Samuel Salzborn (Foto: Marta Krajinović)

* Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. Von ihm ist in diesem Jahr erschienen:

Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze
Nomos/UTB: Baden-Baden 2014, 149 Seiten

Weitere Informationen finden Sie hier http://www.salzborn.de/re_de.html

Auf Publikative.org schreibt Salzborn die Kolumne „Das Akademische Karussell“ http://www.publikative.org/category/das-akademische-karussell/

One thought on “Das Akademische Karussell: „Political Extremism“

  1. Ein Hinweis auf den Preis wäre schön gewesen … 995,- US-Dollar für alle vier Bände. Daher … hier hilft nur die Fernleihe (außer, die eigene Geldbörse ist prall gefüllt).

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