Populäre Musik und „deutsche“ Identität

Der Sammelband “Typisch Deutsch. (Eigen-)Sichten auf populäre Musik in diesem unserem Land“ beleuchtet die Beziehung zwischen populärer Musik und “deutscher“ Identität auf vielfältige Weise. Die Langeweile aktueller “deutscher“ Chartmusik ist dabei ebenso ein Thema wie die propagandistische Nutzung von Volksliedern durch den historischen Nationalismus. Zudem geht es um die Rezeption vermeintlich typisch deutscher Mythen im Heavy Metal. Eine Auseinandersetzung mit der Band Frei.Wild findet auch statt.  

Von Stefan Kubon  

Typisch Deutsch: (Eigen-)Sichten auf populäre Musik in diesem unserem Land
Typisch Deutsch: (Eigen-)Sichten auf populäre Musik in diesem unserem Land

Der Titel des ersten Aufsatzes lautet “‘Typisch deutsche‘ populäre Musik heute. Eine Annäherung“. Der Autor, Thomas Phleps, konkretisiert sein Thema, indem er schreibt: “Deutsche populäre Musik ist zunächst rein geographisch verortet und meint alle populäre Musik, die im deutschsprachigen Raum produziert wurde und/oder in der Deutsch gesungen wird bzw. in einem dem deutschen Sprachraum zugehörigen Dialekt oder einer restringierten Version“.

Phleps setzt sich vor allem mit der Liste der Nummer-eins-Alben in Deutschland (2013) auseinander, die von “Media Control“ erstellt wurde. Angeblich vermittelt diese Liste einen Eindruck davon, welche Musik 2013 in kommerzieller Hinsicht am erfolgreichsten war. Der Autor konstatiert, dass auf dieser Liste mehrheitlich deutsche Musiker zu finden sind, die zudem fast ausnahmslos auf Deutsch singen. Angesichts dieses Befundes widerspricht Phleps der Behauptung des Frei.Wild-Sängers Philipp Burger, dass die Deutschen besonders an fremdsprachiger Musik interessiert seien.

Der Autor bringt mehrfach zum Ausdruck, dass ihm die Beschäftigung mit der populären deutschen Musik wenig Freude bereitet hat. Beim Hören dieser Musik sei er fast nie auf ästhetische Raffinesse gestoßen. Insbesondere sei die sehr beliebte Schlagermusik überraschend ideenlos. Dies wird unter anderem anhand der Musik und der Texte von Andrea Berg und Matthias Reim veranschaulicht. Deren Werk sei von erstaunlicher Schlichtheit geprägt. Phleps weist aber auch darauf hin, dass den Amigos das Kunststück gelingt, noch langweiliger als Berg und Reim zu klingen.

Helge Schneider als Lichtblick

Außerdem beschäftigt sich Phleps mit Bushido. Für Phleps ist Bushido vor allem ein großer “Skandalisierungskünstler“. Schließlich setzt sich der Autor mit Helge Schneiders Album “Sommer, Sonne, Kaktus!“ auseinander. Diesem Album bescheinigt er eine bemerkenswerte künstlerische Originalität. Am Ende des Aufsatzes gelangt Phleps zu folgendem Fazit: Auch die löbliche Musik Helge Schneiders ändert nichts daran, dass 2013 die “typisch deutsche“ populäre Musik vor allem langweilig und wichtigtuerisch klang.

Im zweiten Aufsatz reflektiert Ekkehard Jost auf einer wissenschaftstheoretischen Ebene über den Begriff des Typischen. Der Titel des Aufsatzes heißt: “Über einige Probleme beim wissenschaftlichen Umgang mit dem Begriff des Typischen und über den Versuch, ihn auf sinnvolle Weise durch einen anderen zu ersetzen“. Für eine sich progressiv verstehende Herrschaftskritik scheint mir der folgende Gedanke des Autors besonders wichtig zu sein: “Es geht (…) bei der Frage nach dem Typischen im Allgemeinen also nicht darum, dass bestimmte Merkmale, Eigenschaften, Verhaltensweisen typisch deutsch sind, sondern dass sie als typisch deutsch gelten; wobei es wiederum eine entscheidende Rolle spielt, wer diese Merkmale, Eigenschaften, Verhaltensweisen usw. für typisch hält“.

Konstruierte Identitäten

Zur Veranschaulichung der Bedeutung des zitierten Gedankens sei daran erinnert, dass der Begriff “deutsch“ seit seiner Entstehung im Mittelalter immer auch als Herrschaftsinstrument verwendet wurde – bekanntlich mitunter mit katastrophalen Folgen. Dieser Aspekt wird auch in Eckhard Johns Aufsatz “Erfundene Traditionen: Volkslieder als nationale Stereotypen“ thematisiert. Bezüglich des Volkslied-Gedankens weist John auf Folgendes hin: “Die Etablierung des Volkslied-Gedankens war eng verwoben mit den aufkeimenden National-Ideen, mit den Prozessen des nation building, des Nationalismus und Chauvinismus – bis hin zu völkischer Ideologie und nazistischer Terrorherrschaft.

Dank John erhält der Leser auch Informationen über das “Historisch-kritische Liederlexikon“, das als Internet-Publikation frei zugänglich ist. Unter anderem wird dort verdeutlicht, wie der deutsche Nationalismus zahlreiche Volkslieder für seine Zwecke missbraucht hat. John plädiert dafür, den Volkslied-Begriff nur noch als historischen Begriff zu verwenden. Zur Bezeichnung gegenwärtiger Musik sei der Begriff ungeeignet, da er nationalistischen Sichtweisen Vorschub leiste.

Nordische Mythen im “deutschen“ Heavy Metal

Florian Heesch betrachtet in seinem Aufsatz “Nordisch – germanisch – deutsch? Zur Mythenrezeption im Heavy Metal“ vor allem die deutsche Pagan-Metal-Szene. Heesch möchte herausfinden, ob Bands dieser Szene die Mythologie Nordeuropas mit dem Begriff “deutsch“ gleichsetzen. Bei seiner Einleitung präsentiert der Autor einen kurzen historischen Überblick zur Entstehung und Rezeption der nordischen Mythologie. Dabei wird ersichtlich, dass sich im 19. Jahrhundert deutschnationale Kräfte erfolgreich darum bemüht haben, dass die nordische Mythologie als etwas “Deutsches“ wahrgenommen wird. Wobei diese Kräfte vor allem von Johann Gottfried Herder (1744-1803) und seiner Konzeption vom “Volksgeist“ inspiriert waren. Auch erfährt man, dass die wichtigste Quelle der nordischen Mythologie zwei isländische Textsammlungen aus dem 13. Jahrhundert sind, die seit dem 16. Jahrhundert als Edda bezeichnet werden.

Bei seiner Analyse untersucht Heesch das Werk der Pagan-Metal-Bands Helrunar, Adorned Brood und Riger. Laut Heesch verzichtet Helrunar darauf, die nordische Mythologie als Teil einer deutschen Identität darzustellen. Hingegen setze Adorned Brood diese Mythologie mit den Begriffen “germanisch“ und “deutsch“ gleich. Jedoch stellt der Autor fest, dass Adorned Brood diese Gleichsetzung nicht als historische Realität, sondern als Fiktion begreift. Und die Band sei auch nicht daran interessiert, dass diese Fiktion eines Tages als etwas Reales empfunden wird. Trotzdem könne man nicht ausschließen, dass durch die Musik von Adorned Brood gewisse nationale Stereotypen noch stärker in der Realität verankert werden.

Besonders problematisch schätzt Heesch das Werk von Riger ein. Laut Heesch stellt Riger im Gegensatz zu Adorned Brood die Einheit zwischen deutscher Identität und nordischer Mythologie als historische Realität dar. Auch habe sich Riger zumindest partiell dem nationalsozialistischen Teil der Black-Metal-Szene angebiedert. Zum Beispiel erwähnt Heesch, dass sich auf dem Cover des Riger-Albums “Hamingja“ eine relativ leicht zu erkennende Darstellung eines Hakenkreuzes befindet.

Frei.Wild propagiert einen reaktionären Heimatbegriff      

Der letzte Aufsatz trägt die Überschrift “Heimattreue Patrioten und das ‘Land der Vollidioten‘ – Frei.Wild und die ‘neue‘ Deutschrockszene“. Der Autor Thorsten Hindrichs veranschaulicht, dass der Heimatbegriff für das Selbstverständnis von Frei.Wild eine zentrale Rolle spielt. Dabei propagiere Frei.Wild einen Heimatbegriff, der Menschen ausschließe. Dazu passe, dass die Band Kritik an der eigenen Heimat Südtirol nicht dulde. Dies impliziere, dass auch Kritik an den eigenen Vorfahren nicht erlaubt sei.

Laut Hindrichs präsentiert sich Frei.Wild als patriotische Band. Zu kritisieren sei dabei vor allem, dass die Band mit ihrem heimatfixierten “wir-gegen-die“-Denken an das völkische Denken rechter Diskurse anknüpfe. In vielerlei Hinsicht stuft der Autor die Auffassungen von Frei.Wild als “rechtspopulistisch“ ein. Auch seien viele Ideen der Band “für die radikale Rechte prinzipiell anschlussfähig“ – und dennoch: Hindrichs lehnt es ab, Frei.Wild als “Rechtsrockband“ zu bezeichnen. Der Autor gelangt zu diesem Urteil, weil er davon ausgeht, dass eine Band nur dann eine “Rechtsrockband“ ist, wenn diese ein “geschlossenes“ rechtsextremes Weltbild aufweist. Hindrichs zufolge ist dies aber bei Frei.Wild nicht der Fall.

Restriktive Verwendung des Rechtsrock-Begriffs

Da ich das Werk von Frei.Wild kaum kenne, erlaube ich mir kein Urteil darüber, ob die Band ein “geschlossenes“ rechtsextremes Weltbild vertritt. Unabhängig davon bleibt festzuhalten, dass Hindrichs mit einer sehr eng gefassten Rechtsrock-Definition argumentiert. Zudem sei erwähnt, dass der Autor den Journalisten Thomas Kuban kritisiert, weil dieser Frei.Wild als “Rechtsrockband“ bezeichnet hat. (Kuban hat sich auch auf Publikative.org zu Frei.Wild geäußert. Wichtige Informationen liefert auch der Artikel “Kein Frei.Wild!“, auf den übrigens auch Hindrichs hinweist.)

Die übrigen drei Aufsätze des Buchs beschäftigen sich ebenfalls mit interessanten Themen. Mechthild von Schoenebeck nimmt in ihrem Aufsatz „‘So deutsch wie möglich – möglichst deutsch‘“ die sogenannte “Hausmusik“ seit ihren Anfängen im 17. Jahrhundert in den Blick. Barbara Hornberger veranschaulicht in ihrem Beitrag “‘We are from the Mittelstand, you know‘“, wie es der deutschen bürgerlichen Mittelschicht mehrfach gelang, den antibürgerlichen Musikbewegungen aus dem angloamerikanischen Raum ihren sozialrevolutionären Charakter zu nehmen. Schließlich sei erwähnt, dass Dietmar Elflein den Aufsatz “Allein gegen den Rest der Welt – Repräsentationen von Männlichkeiten im Deutschrock bei Westernhagen und den Böhsen Onkelz“ beigesteuert hat. Als Fazit bleibt zu vermerken, dass die beiden Herausgeber Dietrich Helms und Thomas Phleps einen spannenden und vielfältigen Sammelband vorgelegt haben, dessen Lektüre sich zweifelsfrei lohnt.

Dietrich Helms / Thomas Phleps (Hg.): Typisch Deutsch. (Eigen-)Sichten auf populäre Musik in diesem unserem Land, Transcript Verlag, Bielefeld 2014, 192 Seiten, 20,99 Euro.

3 thoughts on “Populäre Musik und „deutsche“ Identität

  1. Der einschränkende Zusatz zur Einschätzung Thomas Phleps, die Liste der Nummer-eins-Alben in Deutschland vermittle einen Eindruck davon, welche Musik in kommerzieller Hinsicht am erfolgreichsten sei, ist berechtigt. Die Tatsache, dass eine Platte auf Platz eins der Charts steht, gibt keine Auskunft über deren Erfolg in absoluten Verkaufszahlen. Titel, die etwa in verkaufsschwachen Sommerwochen Platz eins belegen, verkaufen unter Umständen weit weniger Einheiten als tiefer platzierte Titel in verkaufsstarken Frühjahrs- oder Herbstwochen.
    Die Fokussierung auf Platz-eins-Titel bevorzugt meist Künstler großer Plattenfirmen, die über die nötigen Marketingmittel verfügen, ihre Produkte möglichst schnell in hohen Chartregionen zu treiben. Titel, die monatelang in unteren Chartregionen zu finden sind, verkaufen nicht selten mehr als die berüchtigten Eintagsfliegen, die sich wenige Wochen in oberen Chartpositionen bewegen, dann aber ebenso schnell aus den Top 100 verschwinden. Branchenpreise wie der Echo kranken seit Jahren an dieser Art der Erfolgsmessung. Mit diesem Tool die kommerziell erfolgreiche Musik in Deutschland zu ermitteln, um aus diesem Ergebnis dann auf deren Qualität oder Herkunft zu schließen, ist also mehr als fragwürdig.

  2. Ich vermute, dass der Boom des Schlagers in den letzten Jahren daher kommt, dass hier eine etwas ältere Klientel angesprochen wird, die Musik nicht in erster Linie online konsumiert oder illegal herunterlädt, sondern noch Tonträger kauft.
    Neben Helene Fischer und den Amigos hat das Genre noch einige andere Scheußlichkeiten zu bieten.
    Eine Band wie „Santiano“ ist beispielsweise geradezu maßgeschneidert für Männer über fünfzig, die sich nach herber Seefahrer-Romantik und vermeintlich kerniger Männlichkeit sehnen.
    Dabei ist „Santiano“ eine künstlich zusammengestellte Boygroup, mit artifiziellem Auftritt und Image.
    Mittlerweile versuchen auch zahlreiche Persönlichkeiten, die man eher nicht mit Musik in Verbindung bringt, auf den Zug aufzuspringen. So veröffentlichten Prominente wie z.B. die unsägliche Birgit Schrowange oder die leidlich witzige Mirja Boes unlängst eigene CDs.
    Ein Zufall ist das sicher nicht.
    Die Kuh bzw. der aktuelle Trend, soll gemolken werden, solange sie Milch gibt.

    Als Lichtblick kann ich nur in die Indie-Szene bzw. auf die alte ‚Hamburger Schule‘ verweisen.
    Die Band Tocotronic hat in den letzten Jahren Alben vorgelegt, die sich auf derart hohem künstlerischen Niveau bewegen, dass man sie durchaus als Meisterwerke bezeichnen kann.
    Trotz hoher Chartpositionen findet hier kein kultureller Ausverkauf und keine Anbiederung an Klischees statt. Hinzu kommt die progressive, experimentelle Aufnahmetechnik, sowie die textliche und musikalische Brillanz der Band.

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