PEGIDA: Wenn Untertanen aufmüpfig werden

Der "deutsche Boden" ist zurück. "PEgida" in Dresden, Foto: Johannes Grunert
Der „deutsche Boden“ ist zurück. „Pegida“ in Dresden, Foto: Johannes Grunert

Auf den Straßen von Dresden marschieren mehr als 10.000 Menschen gegen etwas, was es dort gar nicht gibt. In anderen Städten folgen Hunderte Personen dem Konzept von Pegida – sogar absurde Namen wie Duegida schrecken sie nicht ab. Die Sehnsucht nach Autorität und Orientierung sind enorm, die fragmentierte Gesellschaft macht vielen Menschen offenkundig massive Angst. Sie wollen endlich wieder einfach Untertan sein.

Von Patrick Gensing

Die Fragmentierung von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft lässt sich an verschiedenen Beispielen skizzieren: Medial beispielsweise hat dieser Prozess in den 1980er Jahren begonnen, als das Privatfernsehen in der Bundesrepublik auf Sendung ging. Lustigerweise war es die konservative geistig-moralische Wende, die „Grüße aus der Lederhose“ in die deutschen Wohnzimmer überbrachte; es folgten reihenweise Talkshows und Trash-Formate – im bürgerlichen Feuilleton abfällig als „Unterschichten-Fernsehen“ abgetan.

Ende der 1990er Jahre brach dann die digitale Revolution vollends aus: Die Folgen lassen sich bis heute kaum abschätzen. Riesige Medienimperien gerieten ins Wanken, Zeitungen „starben“, Hunderte Blogs und neue große Player betraten die öffentliche Bühne. Die Diskussionen über die Umwälzungen im Medienbereich kommen zumeist bemerkenswert konservativ daher: Wie lässt sich Altes bewahren oder ins neue Medium übertragen?, so diskutieren viele Zeitungsmacher bis heute. Was Online-Journalismus eigentlich ausmachen soll, hat in Deutschland bis heute kaum jemand beantwortet – wie das richtungslose Projekt der Krautreporter beispielhaft zeigt.

Von Tauschbörsen und Filterblasen

Dabei besteht der Kern doch eigentlich aus der Freiheit, jederzeit und überall Texte, Bilder, Videos oder andere Inhalte veröffentlichen zu können – ohne Redaktion, ohne Verlag, ohne Volontariat. Einfach so. Jede/r kann immer und überall mit geringsten Mitteln weltweit praktisch kostenlos publizieren. Die Möglichkeiten zum Publizieren und zur Kommunikation erscheinen grenzenlos – doch Politik und Medien haben den Fehler wiederholt, den bereits Musik- und Filmindustrie begingen – sie haben die Chancen und Risiken der digitalen Revolution und der neuen Kommunikationsrichtungen nicht erkannt bzw. unterschätzt. Was für die Musikbranche die Tauschbörsen waren, auf die die Majors keinen Zugriff mehr bekamen, das sind für die politische Meinungsbildung die sozialen Netzwerke mit ihren Untereinheiten – den individuellen Filterblasen (englisch filter bubble) oder Informationsblasen, in denen Politiker und große Medien weiterhin stattfinden möchten.

Doch große Parteien sowie professionelle redaktionelle Angebote haben in Teilen der Bevölkerung rasant an Gewicht und Einfluss verloren, nicht selten genießen bemerkenswerterweise dubiose Einzelpersonen oder vollkommen undurchsichtige Projekte eine weit höhere Glaubwürdigkeit als komplette demokratische Parteien oder ganze Redaktionen, in denen Dutzende ausgebildete Journalisten arbeiten. Ob in Politik, Wirtschaft, Medien oder Kultur – die große Mehrheit scheint auf der Seite der Kleinen zu stehen. Eine wichtige Erkenntnis, um die Selbststilisierung als Opfer zu verstehen – gegen die herrschende Klasse, große Medien oder auch die angeblich allmächtige Political Correctness. Die Inhalte sind nebensächlich und werden austauschbar, wie auf Mahnwachen und Montagsdemos deutlich wird, es geht um die rebellische Attitüde. Die neue Querfront kann interne ideologische Widersprüche kanalisieren, vereint ist sie im Kampf gegen den „Mainstream“.

Nazis, Reichsbürger, Preußen... (Foto: Oliver Feldhaus)
Nazis, Reichsbürger, Preußen… (Foto: Oliver Feldhaus)

Rebellion gegen den Mainstream muss überhaupt nicht schlimm, sondern kann vielmehr für eine Gesellschaft der Garant für kulturellen und gesellschaftlichen Fortschritt sein – vorausgesetzt, es handelt sich dabei um progressive Bewegungen – und nicht um einen reaktionären Sumpf, wie er sich derzeit in Deutschland massiv ausbreitet. Längst haben sich politische Milieus gefunden und miteinander verbunden, die sich dynamisch radikalisieren – und von großen Parteien sowie etablierten Medien weiter entfernen. Denn für jeden Themenschwerpunkt (Israel- oder Islamkritik, Klima, „Gutmenschen-Terror“, Untergangsszenarien, Kulturpessimismus, „Sexualisierung“, Esoterik, Impfskeptiker usw.) existieren lose Netzwerke im Internet – Blogs, Facebook-Seiten, kleine Magazine. Hier können sich „kritische“ Bürger stets mit den neuesten Meldungen zum jeweiligen „Fachgebiet“ (gegenseitig) versorgen. So wächst die Bedeutung von mono-thematischen Angeboten, die einfache Antworten auf komplexe Fragen bieten, immer weiter.

Flexible Glaubwürdigkeit

Diese Fixierung auf solche Informationsblasen hat Folgen: Denn schaut beispielsweise ein überzeugter Klimaskeptiker in große Medien, findet er Meldungen, die in seiner Community als extrem wichtig erachtet werden, lediglich als Randnotiz. Oder gar nicht. Beispielsweise, weil die Meldung in der Gewichtung der jeweiligen Redaktion als nebensächlich eingestuft wurde oder weil die Quelle schlicht unseriös war. Daraus folgert unser Klimaskeptiker in einem bemerkenswerten Umkehrschluss, dass die jeweilige Meldung nicht zu unwichtig, sondern vielmehr zu wichtig und brisant sei, um in den „Systemmedien“ aufzutauchen. Das soll nicht bedeuten, über redaktionelle Gewichtung solle nicht gestritten werden, denn offenkundig gibt es vor allem strukturelle Gründe, warum einige Themen oft vorkommen, andere aus meiner Sicht weniger oft. Dennoch kann es nicht schaden, den Wert von Themenvielfalt an sich anzuerkennen und die Diskussionen über die Relevanz der „eigenen“ Fachgebiete auch als Realitätscheck zu begreifen.

Interessant ist zudem, dass sich die Leute, die schnell von Zensur und gesteuerter Presse sprechen, gerne auf Artikel in etablierten Medien beziehen, wenn der jeweilige Inhalt mit der eigenen Weltsicht korrespondiert. Glaubwürdigkeit ist also ein flexibler Begriff, der täglich neu definiert wird. Die Grundregel dabei lautet: Hohe Glaubwürdigkeit genießt der, der mir sagt, was ich ohnehin hören will. Genau auf dieses Liefergebiet haben sich einige Publizisten und Polit-Aktivisten spezialisiert.

Da lacht das Herz des rechten Wutbürgers: Sarrazin, Herrman, Scholl-Latour
Da lacht das Herz des rechten Wutbürgers: Sarrazin, Herrman, Scholl-Latour

Jeder kann sich heute problemlos und schnell seine eigene Informationsblase aufpumpen und sich darin immer weiter davontragen lassen. Wie sich diese höchst dynamische Fragmentierung von medialer Landschaft und Wahrnehmung langfristig auf die politische Meinungsbildung auswirken kann, ist kaum abzuschätzen. Einen Vorgeschmack auf mögliche negative Folgen haben wir aber bereits erlebt. Die rassistische Islamkritik war wohl die erste westliche Massenbewegung im Netz nach der digitalen Revolution. Der Terroranschlag von Anders Breivik hat gezeigt, wie weit sich Menschen in solchen ideologischen Gebäuden verlieren und radikalisieren können. Sie umgeben sich nur noch mit Menschen, die ihre Weltsicht bestätigen und manifestieren. Selbstverständlich sind solche Radikalisierungsprozesse auch ohne Internet weiterhin möglich –  doch die Angebote im Netz erleichtern es dem Suchenden deutlich, tief in bestimmte Fachgebiete einzusteigen – oder sich darin komplett zu verlieren.

Die zwei Seiten der Freiheit

Übrigens, bevor es hier zu Missverständnissen kommt: Ich begrüße die Fragmentierung der Gesellschaft. Der Zerfall von autoritären Strukturen bedeutet aus meiner Sicht einen zivilisatorischen Fortschritt, die Ausdifferenzierung einer einst fürchterlich homogenen Gesellschaft ein Gewinn an Freiheit. Doch geht es hier nicht um Menschen, die nach mehr Freiraum streben, um diesen für sich füllen zu können. Es geht um die Kehrseite von Freiheit – und um die Menschen, die Angst haben vor der größeren Verantwortung, die von einer Fragmentierung in verschiedenen Bereichen verunsichert werden.

Diese Verunsicherung bzw. Orientierungslosigkeit bei vielen Menschen kann auch kein Zufall sein, denn sie tritt in relevanten Teilen der Bevölkerung gleichzeitig und ähnlich auf. Das heißt, dass gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen mit der Individualbiografie des Einzelnen zusammenhängen bzw. diese bestimmen, wie es beispielsweise Erich Fromm bereits vor Jahrzehnten dargelegt hat. So findet sich die bereits beschriebene Fragmentierung im medialen und politischen Sektor vor allem auch im wirtschaftlichen Bereich wieder. Dieser Prozess kann für den wirtschaftlich Erfolgreichen ein Gewinn an Freiheit sein – für viele Arbeitnehmer steht dieser Prozess hingegen für prekäre Beschäftigung. Kein Begriff bringt die totale Fragmentierung der Arbeitswelt so auf den Punkt wie die „Ich AG“. Jeder gegen jeden – und alle für die Deutschland AG.

Fromm sieht im Streben nach Freiheit und nach Gerechtigkeit fundamentale Wesenszüge aller Menschen. Viele Menschen seien dieser Freiheit jedoch nicht gewachsen bzw. haben durch Erziehung einen Sozialcharakter erworben, der an Macht und Gehorsam orientiert sei. In seinem Buch Escape from Freedom (1941) beschrieb Fromm die Psychodynamik dieser Furcht und Flucht vor der Freiheit. Der geistige Konformismus verträgt keine Andersdenkenden und keine pluralistische Welt. Als typische Züge des autoritären Charakters nannte Erich Fromm die Unterwürfigkeit gegenüber Autoritätspersonen, außerdem Destruktivität (Zerstörungslust), Selbsterhöhung und starre Konformität. Zu dieser durchgehenden Orientierung an Macht und Stärke gehört eine Denkweise, die an Konventionen hängt, zugleich abergläubische und stereotype Züge hat, sensible und künstlerische Seiten zurückweist und vor allem alles Fremde, fremde Menschen und Sitten, ablehnt. Die autoritäre Persönlichkeit tendiert dazu, Ideologien zu folgen, ist konform, bei extremer Ausprägung „potentiell faschistisch“ und destruktiv. (Quelle)

Der Kampf kann nicht in Kommentarspalten gewonnen werden

Über Hasskommentare und rassistische Blogs im Internet ist viel Richtiges, Kluges und auch Lustiges geschrieben worden, doch existiert bis heute keine effektive Strategie im Umgang mit solchen Phänomenen – außer ignorieren oder löschen. Das ist auch kein Wunder, denn genauso wenig wie man auf Facebook oder in Kommentarspalten argumentativ eine Diskussion gegen eine Armee von semiprofessionellen Forentrollen gewinnen kann, lassen sich Pegida, Hogesa, Duegida, NPDler oder AfD-Anhänger einfach durch bessere Argumente überzeugen – vor allem nicht, wenn sie überzeugt sind, ohnehin im Recht zu sein – und jede Quelle, die dem entgegen steht, als Propaganda abtun können, weil sie wie erwähnt Glaubwürdigkeit flexibel einsetzen.

Unter dem Deckmantel „man wird ja nochmal sagen dürfen, dass…“ wird mittlerweile massenhaft der größte Stuss verbreitet; die Irrationalität lässt sich durch rationale Argumente kaum besiegen. Dazu kommt aber noch, dass neurechte Strategen bereits seit Jahrzehnten propagieren, man müsse Begriffe setzen, die Deutungshoheit gewinnen, die Agenda bestimmen. Genau das geschieht, wenn man nur noch Duegida hinterher schreibt oder sich die Mühe macht zu erklären, warum im Erzgebirge keine Islamisierung droht. Man kann nicht jeden Unsinn entkräften – und man sollte auch nicht über jedes Stöckchen springen, das hingehalten wird. Es sind Symptome, keine Ursachen.

"Pegida" in Dresden: "Heimatschutz statt Islamisierung", Foto: Johannes Grunert
„Pegida“ in Dresden: „Heimatschutz statt Islamisierung“, Foto: Johannes Grunert

Die Auseinandersetzung mit diesen Phänomenen wird weit schwieriger als mit den Neonazis in den vergangenen Jahren. NPD und Kameradschaften gelten als politische Schmuddelkinder, mit denen niemand spielen will; Aktionen gegen Neonazis helfen Gemeinden und Städten sogar, ein offenes Image aufzubauen. Antifa als Standortfaktor.

Doch nun sind die Grenzen fließend, die Gräben verlaufen durch verschiedene politische und gesellschaftliche Milieus. Die CSU versucht mit stumpfen Parolen, die rechten Schäfchen wieder einzufangen. Doch mit Russlands Präsident Putin haben die reaktionären Kräfte längst ein neues Idol bzw. eine Person gefunden, die Orientierung spendiert und die sie nun auch noch mit professioneller Propaganda in deutscher Sprache versorgt. Russland will diese Klientel übrigens keineswegs vom russischen „Way of life“ überzeugen, sondern es geht um eine gemeinsame Anti-Haltung. Gegen den Westen, gegen die Rechte von Minderheiten, gegen eine ausdifferenzierte und demokratisierte Gesellschaft.

Nationalistische Antidemokraten

Diese reaktionären Ideen und Einstellungen sind nicht neu – neu ist, dass sich diese Kräfte mittlerweile organisieren können – und nicht nur am digitalen Stammtisch, sondern auch in Parlamenten und auf den Straßen gemeinsam agieren. Es handelt sich dabei um Teile einer Mittelschicht, die ideologisch nicht mit der Moderne klar kommt, die offen nach unten tritt. Das Feindbild Islamisten oder wahlweise Salafisten vereint den besorgten Bürger mit dem Nazi-Hooligan. Die pure Hetze gegen „Asylanten“ in den 1990er Jahren war nicht mehrheitsfähig, mit dem Feindbild Islamist können sich sogar die hinterletzten Stammtisch-Rassisten noch als vermeintlich fortschrittlich darstellen, weil das deutsche Weib unverschleiert am Herd stehen darf.

Die neuen Wutbürger betonen, sie folgten keiner Ideologie, man sei ganz normal und lediglich besorgt über Veränderungen. Demokratie bedeutet ihrem Verständnis nach, immer den Willen der „normalen“ Mehrheit (also den eigenen) durchzusetzen – Minderheitenrechte und Kompromisse sind bestenfalls egal. Wir erleben somit die Wiederkehr der nationalistischen Antidemokraten, die sich nicht mehr mit der komplizierten Welt auseinander setzen wollen. Sie folgen eigentlich nur einer Sehnsucht: Endlich wieder einfach ungestört deutsche Untertanen sein.

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