Abgründe der Israelsolidarität

Auf dem „Kongress gegen die jüngsten antisemitischen Ausfälle“ in Essen hat der Politikwissenschaftler Floris Biskamp über die Positionen der deutschen Islamverbände zu Nahostkonflikt und Antisemitismus referiert. Gegen Ende der anschließenden Diskussion kam er auf das Bündnis gegen Israelkritik NRW zu sprechen und bezeichnete dessen Auftreten als „nicht nur verfehlt, sondern auch tendenziell rassistisch.“ Da auf dem Kongress keine Zeit für eine Erklärung blieb und ein Rassismusvorwurf keine Lappalie ist, begründet Biskamp seine Äußerung ausführlich auf Publikative.org. Dabei diskutiert er verschiedene Definitionen von Rassismus, die zu eng oder auch zu weit gefasst sind, und wie die Stärken dieser Definitionen kombiniert werden können.

1 Drei zu enge Rassismusbegriffe – und ein zu weiter

Will man einen Rassismusvorwurf begründen, ist zunächst auszuführen, was man unter Rassismus versteht. Darüber besteht weder in der Wissenschaft noch in der Linken ein Konsens. Jedoch lassen sich verschiedene Arten der Definition unterscheiden. Ich will mein eigenes Begriffsverständnis gegen drei, die ich für zu eng, und eines, das ich für zu weit halte, abgrenzen.

Beim ersten dieser vier Rassismusbegriffe handelt es sich um ein lebendes Fossil: Er ist archaisch, aber wider Erwarten noch nicht ausgestorben. Mit ihm wird Rassismus als ‚Rassenhass‘ oder ‚übersteigertes Rassenbewusstsein‘ verstanden. Die entsprechenden Autor_innen gehen davon aus, dass es tatsächlich verschiedene Menschenrassen gibt, und sprechen von Rassismus, wenn die Angehörigen einer ‚Rasse‘ andere ‚Rassen‘ abwerten und die ihr zugerechneten Menschen diskriminieren. Derartige Thesen vertrat Christoph Türcke noch in den 1990ern, was auf einem Kongress der Zeitschrift konkret völlig zu Recht einen Eklat auslöste. Ein Verständnis von Rassismus, das die Existenz von Menschenrassen voraussetzt, kann man mit Gründen selbst als rassistisch bezeichnen.

Das wird etwa aus der Perspektive des zweiten Verständnisses von Rassismus deutlich. Diesem zufolge ist der Begriff Rassismus synonym mit den Begriffen ‚Rassendenken‘, ‚Rassentheorie‘ oder ‚Rassenideologie‘ zu verwenden. Ausgangspunkt ist dabei die heute kaum noch ernsthaft anzuzweifelnde Erkenntnis, dass es bei allen biologischen Differenzen zwischen menschlichen Individuen keine Grundlage für die Rede von unterscheidbaren Menschenrassen gibt. Rassen werden dann als Erfindung des Rassismus verstanden, so dass schon die bloße Behauptung ihrer Existenz als Teil rassistischer Ideologie kenntlich wird. Dieses zweite Verständnis von Rassismus ist anders als das erste einigermaßen begründbar. Jedoch ist es viel zu eng, um angesichts gegenwärtiger gesellschaftlicher Konstellationen überzeugen zu können. Es hat sich gezeigt, dass ideologische Formationen existieren, die dem historischen Rassismus in Ursache, Funktion und Effekt sehr ähnlich sind, sich aber gerade nicht auf die ‚Rasse‘ ihrer Objekte beziehen, sondern auf ihre ‚Kultur‘. Daher scheint es erstrebenswert, einen Begriff von Rassismus zu haben, mit dem man auch diese Formationen als rassistisch erfassen kann.

Das ermöglicht zum Beispiel der dritte, wertkritisch-materialistische Begriff von Rassismus, wie ihn insbesondere Peter Schmitt-Egner, Joachim Bruhn oder Stephan Grigat formuliert haben. Dieser Begriff ist verhältnismäßig marginal, im Kontext dieses Textes aber schon deshalb relevant, weil er gerade in den Milieus verbreitet ist, denen das Bündnis gegen Israelkritik NRW entstammt. Dabei wird Rassismus als eine bestimmte Form von Projektion bzw. falschem Bewusstseins verstanden. Die Produktionsverhältnisse, also Wertform, Kapital und Staat bringen diesen Autor_innen zufolge in den Subjekten projektive Bedürfnisse hervor, die sich in Form von Rassismus und Antisemitismus ausdrücken. Rassismus gehe darauf zurück, dass diejenigen Regungen, welche das bürgerliche Subjekt sich verbieten muss – Faulheit, Triebhaftigkeit, Asozialität etc. –, bestimmten Gruppen zugeschrieben und an diesen gestraft würden. Beim Antisemitismus dagegen werde dem Objekt der Projektion gerade ein Übermaß der Eigenschaften zugeschrieben, die das bürgerliche Subjekt mitbringen muss, um den Anforderungen moderner Gesellschaft gewachsen zu sein. Während das Subjekt selbst unter Schmerzen darum kämpfen müsse, produktiv und loyal zu sein, unterstelle es den Juden ein krankhaftes Ausmaß beider Eigenschaften. Sie könnten ohne echte Arbeit zu unermesslichem Reichtum gelangen und verfügten mit ihren Weltverschwörungen über schier grenzenlose Macht. Damit werde den Jüd_innen zugleich auch die Schuld an den Zumutungen moderner Gesellschaft gegeben: Alle anderen würden um die Früchte ihrer harten Arbeit betrogen, weil die Jüd_innen sie sich unlauter aneignen. Diese Unterscheidung von Rassismus und Antisemitismus kann nur eine analytische sein. In der Realität gehen rassistische und antisemitische Projektionen ineinander über. Auch den Jüd_innen wird mithin Triebhaftigkeit, auch den Rassifizierten werden mitunter Verschwörungen unterstellt.

Ein solches Verständnis von Rassismus hat deutliche Vorteile gegenüber den ersten beiden. Es setzt nicht bei der oberflächlichen Erscheinung, sondern bei der gesellschaftlichen Genese von Rassismus an. Daher erlaubt es auch Ausdrucksformen derselben projektiven Bedürfnisse als rassistisch zu begreifen, die sich nicht auf die vermeintliche Biologie ihrer Objekte beziehen, sondern auf deren Kultur. Wie ich im Folgenden darlege, hat das Verständnis dennoch zwei Defizite.

Diese werden vor dem Hintergrund des vierten Verständnis von Rassismus sichtbar, wie es seit einigen Jahren in der neueren deutschsprachigen Rassismusforschung und -kritik dominant ist. Hier wird Rassismus im Anschluss an Cultural Studies sowie an strukturalistische und poststrukturalistische Ansätze als ein gesellschaftliches Verhältnis verstanden. Zu den prägenden Autor_innen in Deutschland zählen Mark Terkessidis, Birgit Rommelpacher, Paul Mecheril und Wulf D. Hund. Rassismus wird hier mit verschiedenen theoretischen Sprachspielen als eine Kombination von Vorurteil, Zuschreibung, Gruppenkonstruktion, Macht und Privilegien verstanden. Dabei wird die von den Wertkritiker_innen in den Fokus gerückte Projektion allenfalls als ein bedingender Faktor für Rassismus betrachtet. Im Mittelpunkt des Interesses steht dagegen die soziale Praxis, mit der bestimmte Personen als marginalisierte Bevölkerungsgruppen produziert werden. Spezifische Formen der Zuschreibung, der Ansprache und des Sprechens-über führten dazu, dass einige Subjekte rassifiziert werden. Sie würden in einer marginalisierten Position fixiert, von der aus der Zugang zu gesellschaftlichen Privilegien erschwert ist.

Dieser vierte Begriff hat gegenüber dem dritten zwei Vorteile, die auf dessen Defizite verweisen. Zum einen werden die soziale Praxis, in der Rassismus effektiv wird, sowie die sozialen Effekte, die er zeitigt, thematisiert – hierzu haben die Wertkritiker_innen wenig zu sagen.

Zum anderen zeigt sich, dass der wertkritische Rassismusbegriff selbst eine schwer zu rechtfertigende Einengung mit sich bringt. Wenn nur die Zuschreibung von mangelnder Affektkontrolle, von Triebhaftigkeit und von mangelnder Loyalität als rassistisch gilt, werden einige Phänomene ausgeblendet, die sich mit Gründen als Rassismus bezeichnen lassen. Dies gilt insbesondere für eine Form der Zuschreibung, wie sie aktuell in weiten Kreisen der politischen Rechten verbreitet ist und sich auch durch andere politische Milieus zieht: Nämlich diejenige Zuschreibung, mit der Muslim_innen, pauschal vorgeworfen wird, sie seien patriarchal, frauenfeindlich, homophob, gewaltaffin, antisemitisch und so weiter. Diese Zuschreibungspraxis kann mit dem vierten Ansatz umstandslos als Teil eines antimuslimischen Rassismus gelten. Einer Gruppe werden sozial unerwünschte Eigenschaften zugeschrieben, was ihre Diskriminierung legitimiert. Mit dem dritten Ansatz ist dies nicht erfassbar, weil die Zuschreibungen weder im wertkritischen Begriff von Rassismus noch in dem von Antisemitismus aufgehen. So ist es auch kein Zufall, dass man in den entsprechenden politischen und theoretischen Kontexten immer wieder bestreitet, dass es so etwas wie einen antimuslimischen Rassismus gibt und in den entsprechenden Phänomenen entweder eine ‚legitime Islamkritik‘ oder aber eine überzogene bzw. von ‚Xenophoben‘ instrumentalisierte Variante derselben erblickt. Dass es sich um eine genuine Form von Rassismus handelt, ist aus dieser Perspektive kaum denkbar.

Gleichzeitig hat der vierte Begriff auch zwei deutliche Probleme. Das erste wird am gerade genannten Beispiel deutlich. Die neuere deutsche Rassismusforschung hat es bisher nicht geschafft – und hat im Grunde auch gar nicht versucht –, herauszuarbeiten, wo die Grenze zwischen einem legitimen Sprechen über patriarchalische Geschlechternormen, Antisemitismus, Homophobie usw. in islamischen Milieus auf der einen und einem antimuslimischen Rassismus auf der anderen Seite verläuft. Ohne diese Abgrenzung besteht jedoch die Gefahr, dass notwendige Kritik an Phänomenen innerhalb des Islam zu Unrecht als rassistisch diffamiert wird.

Das zweite Problem dieses vierten Begriffes besteht in der Tendenz zur völligen Entgrenzung des Rassismusbegriffs. Wenn man Rassismus einfach nur als ein gesellschaftliches Verhältnis definiert, in dem die Zuschreibung von Wesenseigenschaften an bestimmte reale oder fiktive Gruppen zu einer Marginalisierung führt, kann man beinahe alle sozialen Marginalisierungsprozesse als rassistisch bezeichnen. Hund ist in dieser Hinsicht konsequent und spricht neben Rassenrassismus und Kulturrassismus auch von Klassenrassismus, Kastenrassismus, Geschlechterrassismus und vielen anderen Rassismen. Damit geht nicht nur jegliche historische Spezifität verloren, es ergibt sich auch ein sehr begrenztes Verständnis von Gesellschaft und Herrschaft. Diese erscheinen dann nur noch als eine Ansammlung von Prozessen der Zuschreibung und Machtausübung. Dann droht Rassismuskritik tatsächlich zu dem zu werden, was Claussen von ihr behauptet, nämlich zu einer „Kümmerform von Gesellschaftskritik“ – was nicht heißen soll, dieses Urteil träfe auf die neuere deutschsprachige Rassismuskritik insgesamt zu; Rommelspacher und Terkessidis haben durchaus ein weiteres Verständnis von Gesellschaftskritik.

2 Anforderungen an den Rassismusbegriff.

Die ersten drei Begriffe haben sich somit als zu eng erwiesen, der vierte als zu weit. Daher gilt es, einen Begriff zu entwickeln, der die Stärken des dritten und des vierten vereint, ohne ihre jeweiligen Schwächen zu reproduzieren. Der Rassismusbegriff sollte die gesellschaftskritische Tiefe des dritten mit dem scharfen Blick des vierten für gesellschaftliche Marginalisierungsprozesse kombinieren, dabei historisch spezifisch bleiben und es ermöglichen, die demokratische Kritik kultureller Formationen von der Rassifizierung einer kulturellen Gruppe zu unterscheiden.

Die entsprechenden theoretischen Überlegungen können an dieser Stelle nicht im Detail expliziert werden, daher muss es ausreichen drei Komponenten zu benennen:

  1. Rassismus ist mit dem vierten Begriff als gesellschaftliches Verhältnis zu verstehen, bei dem durch Machtdynamiken und verbreitete Zuschreibungen marginalisierte Bevölkerungsgruppen produziert werden.
  2. Mit dem dritten Begriff ist darauf zu verweisen, dass zu den Ursachen projektive Bedürfnisse zählen, welche die Subjekte unter dem Druck der modernen Gesellschaft entwickeln.
  3. Um historische Spezifität zu gewährleisten, ist sinnvollerweise nur dann von Rassismus zu sprechen, wenn sich die entsprechende ideologische und gesellschaftliche Formation als Fortschreibung oder Displacement derjenigen Formation beschreiben lassen, die sich im 19. und 20. Jahrhundert als Rassismus etabliert hat.

3 Was ist rassistisch? Zwei komplementäre Argumentationsstrategien

Ein solcher Begriff von Rassismus verweist auf zwei mögliche Argumentationsstrategien, um die legitime Kritik kultureller Traditionen, Praktiken und Normen von der Rassifizierung kultureller Gruppen abzugrenzen. Zum einen kann man versuchen aufzuzeigen, dass es sich bei den entsprechenden Texten oder Äußerungen eher um (pathische) Projektionen als um in der Sache rechtfertigbare Beschreibungen kultureller Realitäten handelt. Zum anderen kann man versuchen den Nachweis zu erbringen, dass die Art, auf die über Kultur gesprochen wird, eher geeignet ist, eine Gruppe als marginalisierte Bevölkerungsgruppe zu produzieren, als dass spezifische Phänomene innerhalb der Kultur problematisiert würden. Diese beidenArgumentationsstrategien überschneiden sich, lassen sich aber nicht ineinander auflösen.

Bei keiner der beiden Strategien handelt es sich um einen Lackmustest, anhand dessen man durch einfache und klare Kriterien eindeutig feststellen könnte, ob ein Text, eine Äußerung oder ein_e Autor_in rassistisch ist. Vielmehr handelt es sich um verschiedene Arten, plausibel zu machen, dass ein Text, eine Äußerung oder ein_e Autor_in mehr oder weniger stark durch Rassismus geprägt ist bzw. zur (Re‑)Produktion von Rassismus beiträgt.

Bei der ersten Argumentationsstrategie ist der Nachweis zu erbringen, dass die entsprechenden Darstellungen die Realität systematisch verzerren, sich also weder als Ergebnis einer sachlichen Auseinandersetzung, noch als bloß akzidentielle Abweichung oder achtlose Verallgemeinerung erklären lassen. Diese systematische Verzerrung muss sich zudem in einer plausiblen Weise als Projektion interpretieren lassen, die auf Bedürfnisse zurückgeht, welche die gesellschaftlichen Verhältnisse in den Subjekten hervorbringen.

Bei der zweiten Argumentationsstrategie ist aufzuzeigen, dass in einer Weise über Kultur gesprochen wird, die eher dazu geeignet ist, eine Gruppe zu stigmatisieren, als dazu, bestimmte kulturelle Normen oder Praktiken in ihrem Traditionskontext zu problematisieren. Einzelne Merkmale sind Essenzialisierungen, mit denen einzelnen Traditionen ein Wesenskern zugeschrieben wird, Homogenisierungen, mit denen Binnendifferenzen ausgeblendet werden, Dichotomisierungen, mit denen verschiedene Traditionen als strikt voneinander getrennte Entitäten erscheinen, und Kulturalisierungen, mit denen Individuen, ihre Handlungen, gesellschaftliche Probleme, Konflikte und Entwicklungen umstandslos auf (die) Kultur (der Anderen) reduziert werden.

Beide Argumentationsstrategien sind auf einen Abgleich von Darstellung und Realität angewiesen. Wenn der Mord eines Mannes an seiner Ehefrau durch Kultur erklärt wird, kann es sich sowohl um eine angemessene kritische Darstellung einer Handlung und der ihr zugrundeliegenden kulturellen Normen als auch um eine Kulturalisierung handeln. Hier ist zum einen zu prüfen, ob das Urteil in der Sache rechtfertigbar scheint. Zum anderen ist eine Konsistenzprüfung vorzunehmen, um festzustellen, ob bei einigen Täter_innen schneller von Kultur gesprochen wird als bei anderen.

Schließlich ist nur dann sinnvoll von Rassismus zu sprechen, wenn die entsprechenden Motive eine gewisse gesellschaftliche Verbreitung haben. Wenn Einzelne Ranküne gegen eine bestimmte Kultur oder Gruppe hegen und dabei projektive Bilder produzieren, handelt es sich noch nicht automatisch um ein gesellschaftliches Verhältnis Rassismus – auch dann nicht, wenn diese Bilder essenzialisierend, homogenisierend usw. sind. Von Rassismus ist nur zu sprechen, wenn die entsprechenden Zuschreibungen einen gewissen Verbreitungsgrad haben und tatsächlich mit einer Marginalisierung ihrer Objekte einhergehen. Nur dann macht es Sinn, am einzelnen Text herauszuarbeiten, dass die entsprechenden rassistischen Motive reproduziert werden.

4 Ja, es gibt einen antimuslimischen Rassismus, wirklich

Die Existenz und weite Verbreitung eines spezifischen Feindbildes, das den Islam als Islam und Muslim_innen als Muslim_innen zum Gegenstand hat, ist mittlerweile nicht mehr seriös zu bezweifeln und muss hier nicht spezifisch nachgewiesen werden. Dass mit diesem Feindbild auch eine soziale Marginalisierung einhergeht, wird beispielsweise in einer Studie eines Forschungsteams um Albert Scherr sichtbar, der zufolge zahlreiche Arbeitgeber_innen offen angeben, keine praktizierenden Muslim_innen im Allgemeinen und keine Muslimas mit Kopftüchern im Besonderen einzustellen (12,4 Prozent bzw. 35,1 Prozent) – ohne sich davon beeindrucken zu lassen, dass eine solche Diskriminierung illegal ist.

Die besondere Schwierigkeit des antimuslimischen Rassismus besteht darin, dass die Zuschreibungen, mit denen die Diskriminierung von Islam und Muslim_innen gerechtfertigt wird, in vielen Fällen mit realen Problemen innerhalb des Islam und muslimischer Communities korrespondieren. Es gibt heute spezifisch islamische (Artikulations‑)Formen von Antisemitismus, Homophobie etc. An eben diesen Problemen dockt der antimuslimische Rassismus an und macht sie zu einem Stigma, das die Diskriminierung von Muslim_innen legitimiert.

Paradigmatisch hierfür ist die in den letzten Monaten verschiedentlich geäußerte Idee, der gegenwärtige Antisemitismus sei ein migrantisches Importprodukt, das von außen in die ansonsten geläuterte deutsche Gesellschaft hereingebrochen sei. So konnte man es bei Nicolaus Fest in der Bild am Sonntag sowie bei Jasper von Altenbockum in der FAZ lesen. Auch hier wird pathisch projiziert: Der Antisemitismus, den ‚die Deutschen‘ sich verbieten müssen, wird als ein fremdes, islamisches Phänomen gedeutet. Die Muslim_innen sind die neuen Nazis und ‚die Deutschen‘ entlastet – die Lösung des Problems sucht man dementsprechend in Abschiebung oder Einwanderungsverbot.

Will man die Frage beantworten, ob eine bestimmte Art, islamischen Antisemitismus zu thematisieren, zur Reproduktion dieses rassistischen Diskurses oder zur Kritik des realen Problems beiträgt, sind die oben genannten Argumentationsstrategien durchzuspielen: Erstens ist zu fragen, ob die Darstellungen sich als in der Sache begründetes Urteil verstehen lassen oder ob Realität in einer systematischen Weise verzerrt wird. Zweitens ist zu fragen, ob die Darstellungen essenzialisierend, homogenisierend, dichotomisierend oder kulturalisierend sind.

5 Zur Sache: eine tendenziell rassistische Kritik der Israelkritik

Eben dies gilt es nun anhand der beiden Dokumente zu diskutieren, die das Bündnis gegen Israelkritik NRW produziert hat. Dies ist erstens der Aufruf zur Demonstration am 6. September 2014 und zweitens die im Nachhinein im Internet veröffentlichte Sammlung der Redebeiträge zur selben Demonstration.

In beiden Texten gilt der islamische Antisemitismus als eine zentrale gegenwärtige Artikulationsformen von Antisemitismus. Dies ist gerade vor dem Hintergrund der Ereignisse des Sommers 2014 kaum zu bestreiten. Entscheidend ist die Art und Weise, auf die dieses Phänomen vom Bündnis gegen Israelkritik NRW thematisiert wird.

Im Demoaufruf wird der Islam in abstracto als Kern des Problems benannt: „Gäbe es keine Juden, der Islam müsste sie erfinden. Ohne diese Sündenböcke müsste er sonst an seiner eigenen Unerträglichkeit krepieren!“ Der Islam ist an sich antisemitisch, muss antisemitisch sein.

Das mindeste, was man sagen kann, ist, dass die Autor_innen sich keinerlei Mühe gegeben haben, differenzierende Formulierungen zu wählen. Liest man den Aufruf, findet man keinen Hinweis darauf, dass es innerhalb der islamischen Tradition Brüche, Spaltungen, Differenzen und Dynamiken gibt, oder gar darauf, dass individuelle Muslim_innen vielfältige Möglichkeiten haben, sich zu dieser Tradition zu positionieren. Nicht einmal den Sachverhalt, dass der islamische Antisemitismus ein modernes Phänomen ist, das in der Tradition zwar Anknüpfungspunkte findet, sie aber keineswegs einfach fortschreibt, wird erwähnt.

Aber die Autor_innen wissen noch mehr zu berichten, dass nämlich „im Namen des keineswegs dabei missdeuteten Koran entmündigt, unterdrückt, erniedrigt, geschlagen, misshandelt, gefoltert, vergewaltigt, verstümmelt, ermordet“ wird. Gut, dass wir das Bündnis gegen Israelkritik NRW haben, das uns endlich einmal darlegt, welche Deutungen des Koran korrekt sind und welche nicht – denn solche schwierigen Aufgaben kann man wohl kaum den Muslim_innen überlassen. Denen sollte man besser gar nichts überlassen:

„Die Verkünder Allahs wollen die ganze Welt in einen autoritären Kollektivismus hineinterrorisieren, die strikte islamische Trennung des ‚Reinen‘ vom ‚Unreinen‘ soll alles beherrschen und jedes bisschen Leben, jedes bisschen Freiheit in Angst und Todeskult ersticken. Die radikale Abschaffung dieses unvergleichlich amoralischen, menschenfeindlichen und despotischen Gottesbildes kristallisiert sich als die vordringlichste Aufgabe für jeden heraus, der die Idee einer Menschheit noch nicht aufgegeben hat. Der Islam ist keine schützenswerte Kultur, sondern eine furchtbare, autoritäre, gnadenlose Ideologie, die durch die Verkommenheit der westlichen Intellektuellen und Politiker, durch das Versagen und die Borniertheit der Zivilisation voranschreitet: in Gaza, Syrien, Irak, Nigeria, Somalia und zahllosen anderen Stätten islamischen Grauens. Sein terroristisches Vordringen auf den globalen Schlachtfeldern muss mit angemessenen militärischen Maßnahmen bekämpft, seiner ‚friedlichen‘ Missionstätigkeit und Propaganda im Westen mit den Mitteln des Rechtsstaats und den Waffen der Kritik das Handwerk gelegt werden.“

Zu sagen, dass der Text für eine essenzialistische, homogenisierende und kulturalisierende Lesart offen ist, wäre eine Untertreibung. Hier werden Islam und Muslim_innen zu einer Gefahr für die Menschheit stilisiert, die um jeden Preis aufgehalten werden muss.

Verschärft wird all das durch die dem Milieu der Verfasser_innen eigene entmenschlichende Sprache. Wie in anderen Texte ‚die Linken‘ und unter ihnen insbesondere ‚die Wursthaarträger_innen‘ als ‚Gesindel‘ tituliert werden, ist nun in Bezug auf die an sich antisemitischen Muslim_innen von ‚Lumpen‘, ‚Brüllern‘ und ‚Mob‘ die Rede.

Dem oben skizzierten Rassismusbegriff zufolge ist die homogenisierende und entmenschlichende Sprache mehr als ein Verstoß gegen irgendwelche politisch korrekten Tischmanieren, nämlich ein zentrales Element von Rassismus. Es mag sein, dass einige der unterlassenen Differenzierungen den Autor_innen als Selbstverständlichkeiten gelten, die keiner Erwähnung bedürfen. Womöglich ist der Text auch in einer expliziten Abgrenzung gegen als lästig empfundene korrekte Tischmanieren geschrieben. Tatsächlich war mein erster Eindruck, dass hier Verbalradikalismus um seiner selbst willen betrieben wird. Der Text liest sich, als sei er von einer Handvoll Zwanzigjähriger geschrieben worden, die seit einem Jahr die Bahamas abonniert haben und den Großen nun zeigen müssen, dass sie voll auf der harten Linie sind und die Verweichlichung des linken Mainstreams nicht mitmachen. Darauf schien mir auch die extrem ungelenke Sprache der von ihren eigenen Formulierungen merklich überforderten Autor_innen hinzudeuten. Umso überraschter war ich, als ich erfuhr, dass dieses Pamphlet von gestandenen Veteran_innen mitgetragen und womöglich auch initiiert wurde – „die Kölner Genossen“ sagte einer der Irritierten in Essen.

Jedoch ist die individuelle Motivation hinter dem Text aus rassismuskritischer Perspektive allenfalls am Rande interessant. Wichtiger ist der zu erwartende Effekt des Textes. Hier spricht alles dafür, dass diese Art über ‚die islamische Ideologie‘ zu sprechen sehr viel eher zur Stigmatisierung von Muslim_innen als Gruppe beitragen dürfte als zur Problematisierung spezifischer Phänomene im Islam. Schließlich werden kaum Spezifika angesprochen, sondern wild generalisierende Aussagen über den Islam und „die Verkünder Allahs“ getroffen. Man kann in dem Aufruf nichts über Probleme im Islam erfahren, sondern nur Hass auf den Islam als Ganzen lernen. Es wird keine Kritik geübt, sondern eine kollektive Selbstvergewisserung in Sachen Gesinnung vorgenommen. Die Muslim_innen werden hier zu einer homogenen, gefährlichen, zu bekämpfenden Masse von Ungeheuern stilisiert, der Islam zur einer radikal abzuschaffenden mörderischen Ideologie.

Der zweite hier relevante Text ist der von der Georg-Weerth-Gesellschaft Köln formulierte Redebeitrag auf der Demonstration selbst. Dabei ist zunächst der Kontext interessant. Gehalten wurde die Rede vor der von der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş betriebenen Barbarossa-Moschee, die das Bündnis als eine der „Stätten der umtriebigsten Plattformen der Israelkritik in NRW“ bezeichnet. Stätten der Plattformen der Kritik? Na gut.

Dadurch hat der Redebeitrag anders als Aufruf einen vermeintlich konkreten Gegenstand: Die Millî-Görüş-Bewegung im Allgemeinen und ihr deutscher Zweig, die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) im Besonderen. Interessant ist wiederum die Art der Argumentation. Es ist nichts daran zu deuteln, dass die IGMG zum antisemitischen Klima beiträgt, das die Ausschreitungen des Sommers hervorgebracht hat – genau das war eine zentrale These meines eingangs erwähnten Vortrags in Essen. Entscheidend ist jedoch der Sinn, den die Georg-Weerth-Gesellschaft bzw. das Bündnis gegen Israelkritik NRW daraus gewinnt.

Zunächst wird über Millî Görüş selbst in einer Weise gesprochen, die gelinde gesagt komprimiert ist. Mehrere Ebenen werden bruchlos zusammengezogen: Äußerungen des Millî-Görüş-Gründers Necmettin Erbakans, Haltungen des in derselben Bewegung politisch sozialisierten türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, die von der ebenfalls der Bewegung assoziierten türkischen ‚Hilfsorganisation‘ IHH durchgeführte Mavi-Marmara-Aktion sowie das durch das Bundesinnenministerium veranlasste Verbot der dem Umfeld der IGMG entstammenden deutschen IHH.

Wiederum ist keinerlei Mühe erkennbar, die Argumente kritisch abzuwägen oder die Differenzen zwischen den 1980ern und der heutigen Zeit, zwischen der Türkei und Deutschland sowie zwischen den verschiedenen Lagern innerhalb der Bewegung auch nur zu erwähnen – obwohl es in den letzten Jahren in Deutschland umfangreiche Debatten über diese Fragen gab. Ebenso wenig stellt man sich die Frage, ob das Verbotsverfahren gegen die deutsche IHH überhaupt als Beweis für den besonders antisemitischen Charakter von Millî Görüş tauglich ist. Tatsächlich sind weite Teile der ursprünglichen Begründungen vor Gericht zerfallen. Die verbleibende Verbotsgrundlage beschränkt sich darauf, dass die IHH in Gaza mit Organisationen zusammengearbeitet hat, die zur Hamas gehören. Darin kann man sicherlich Gesinnung erkennen und eine De-facto-Förderung von Terrorismus sehen. Allerdings ist auch festzuhalten, dass man mit derselben Argumentation alle ‚Hilfsorganisationen‘ und Hilfsorganisationen verbieten müsste, die in Gaza arbeiten.

All diese undifferenziert zusammengezogenen Einzelargumente reichen dann aus, um die Barbarossa-Moschee zu einer der „Stätten der umtriebigsten Plattformen der Israelkritik in NRW“ zu erklären – ohne je auch nur ansatzweise den Nachweis erbracht zu haben, dass dort in jüngerer Zeit über Israel oder Jüd_innen gesprochen worden wäre. Denn tatsächlich hat sich die IGMG, die im Zuge des Gaza-Krieges 2008/2009 noch eine Massendemonstration in Duisburg organisiert hatte, dieses Jahr vergleichsweise zurückhaltend gezeigt.

Mit solchen Details kann sich nicht aufhalten, wer eine Demonstration gegen die neuen Barbaren organisiert und dafür einen islamischen Ort braucht. Tatsächlich könnte man argumentieren, es sei verfehlt, von einem Redebeitrag auf einer Demonstration zu verlangen, eine Bewegung bzw. Organisation wie Millî Görüş differenziert darzustellen und die Argumente gegen dieselbe kritisch abzuwägen. Auch die Zusammenziehung der verschiedenen Phänomene ließe sich mitunter rechtfertigen. Schließlich ist die Millî Görüş notorisch intransparent und auf einer Demonstration braucht es Demonstratives.

Doch selbst wenn man all das zugesteht, ist kaum zu rechtfertigen, dass die verschiedenen Aktivitäten im Millî-Görüş-Umfeld wiederum paradigmatisch für den Islam stehen sollen. Mit dem zwanghaften Zwang der freien Assoziation zieht der Redebeitrag eine gerade Linie von der ältesten Moschee in Köln über den Bart eines deutschen Kaisers, Adolf Hitler und den in derartigen Texten unvermeidlichen Großmufti von Jerusalem bis hin zum Bart des Propheten. Am Ende dieser Assoziationskette ist es wieder bewiesen: Die „islamische Ideologie“ ist notorisch antisemitisch und stimmt im Kern mit der nationalsozialistischen überein.

Nun mag man einwenden, dass die Rede von der islamischen Ideologie nicht rassistisch sein kann, weil man ja auf dieselbe Art und Weise von der deutschen Ideologie spricht, ohne dass es als rassistisch gelten würde. Selbst wenn man annähme, dass der Begriff der deutschen Ideologie tatsächlich trüge und es tatsächlich eine Parallele zwischen dem Deutschen und dem Islamischen gäbe, würde das den Rassismusvorwurf nicht entkräften. Denn wenn es um Rassismus geht, ist der soziale Kontext entscheidend. Und hier ist festzuhalten, dass ein antimuslimischer Rassismus existiert, den zu reproduzieren man Gefahr läuft, wenn man von der an sich antisemitischen islamischen Ideologie spricht, während es keinen korrespondierenden antideutschen Rassismus gibt. Im Übrigen nimmt das Bündnis gegen Israelkritik gar keine Parallelisierung von islamischer und deutscher Ideologie vor. Vielmehr werden hier islamische und nationalsozialistische Ideologie gegenübergestellt.

Somit reproduziert der Redebeitrag alle Motive, die sich bereits im Demonstrationsaufruf als problematisch erwiesen haben. Wiederum wird der Islam zu einer einheitlichen und letztlich nazistischen Entität zurechtgeschrieben – einer Entität, die dank des Bindegliedes Millî Görüş auch noch einen konkreten Ort hat, an dem man sich mit dem guten Gewissen der Antisemitismuskritik zum Protest gegen den Islam versammeln kann. Denn die Nazis von heute sind die Muslim_innen.

6 Nicht die Zeit für Differenzierung?

Eine der Rechtfertigungen für die antiislamischen Pamphlete des Bündnisses gegen Israelkritik lautete, angesichts der antisemitischen Ausschreitungen des Sommers sei es nicht die Zeit für Differenzierungen. Die Frage ist jedoch: Wann ist die richtige Zeit für Differenzierungen, wenn nicht jetzt? Eines der zentralen Probleme, das sich in sozialen Medien tausendfach beobachten ließ, besteht gerade darin, dass viele Muslim_innen es als selbstverständlich erachten, dass Muslim_insein automatisch heißt, gegen Israel oder gar gegen das Judentum zu sein. Diese Identifikation und Gegenidentifikation ist zu beschreiben und zu problematisieren, ihre Ursachen innerhalb und außerhalb des islamischen Diskurses sind zu untersuchen. Kaum hilfreich dürfte es dagegen sein, den Gegensatz zwischen Islam bzw. Muslim_insein einerseits und Israel und Judentum andererseits, in essenzialistischer Sprache zu reproduzieren und das Ganze noch als Kritik zu verkaufen

Wie bizarr überspitzt Positionierung und Rhetorik des Bündnisses gegen Israelkritik sind, wird deutlich, wenn man sie mit denen des israelischen Staates und des organisierten Judentums in Deutschland vergleicht. Letztere sind mit Gründen bemüht, gerade keinen Gegensatz zwischen dem Islam und Judentum/Israel herzustellen sowie antimuslimischen Rassismus zu problematisieren.

Deutlich wird der Unterschied etwa an der Weise, auf die über die Mavi-Marmara-Affäre gesprochen wird. Das Bündnis stilisiert die Vorfälle zu einer erfolgreichen antifaschistischen Aktion. Tatsächlich wurden israelische Soldaten mit Paintball-Gewehren auf ein Schiff voller militanter Israelfeinden abgeseilt und zwischenzeitlich von einem Mob überwältigt. Durchsetzen konnten sie sich nur, indem sie neun Passagiere erschossen. Somit war die Aktion ein taktisches, strategisches und diplomatisches Fiasko mit tödlichen Folgen – und wurde in Israel auch ebenso diskutiert.

Es geht an dieser Stelle nicht darum, Israel die Schuld für den Vorfall zu geben – es gibt gute Gründe, davon auszugehen, dass die Organisator_innen der Flotte ungefähr dieses Resultat wollten und Israel ihnen in die Falle ging. Entscheidend ist hier, dass man keinesfalls davon ausgehen kann, der israelische Staat könnte dieses Resultat gewollt haben. Es spricht Bände über den Verbalradikalismus des Bündnis gegen Israelkritik, dass man dieses Desaster nun als erfolgreiche Aktion verklärt – ganz anders als die verweichlichten Kompromissler_innen der Regierung Netanjahu, die unmittelbar im Anschluss ihr Bedauern über den Verlust von Menschenleben ausdrückten.

So wundert es auch nicht, dass das Bündnis gegen Israelkritik den stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Juden im Demo-Aufruf für seine ‚Verleugnung‘ Israels denunziert. Ironischerweise tut man dies unmittelbar, nachdem man darüber sinniert hat, dass die Deutschen den Jüd_innen Vorschriften machen, wie sie sich zu Israel zu äußern haben. Aber warum sollten die – ja gewiss nicht deutschen! – Autor_innen über solche Widersprüche nachdenken? Schließlich wissen sie genau, wo der Hammer hängt: „Wer in diesen gesamteuropäischen, antisemitischen Tagen wider besseres Wissen Abstand zu Israel hält, ist feige, ein falscher Freund, ein hohler Zahn, der zerbricht, wenn es auf ihn ankommt.“ Mit den realen, feigen, falschen, hohlen und zerbrechlichen Jüd_innen kann diese Israelsolidarität nichts anfangen.

Somit ist das Agieren des Bündnis gegen Israelkritik in der Tat als „nicht nur verfehlt, sondern auch tendenziell rassistisch“ zu bezeichnen. Seine Texte tragen essenzialisierend, homogenisierend und kulturalisierend zur Produktion einer monolithischen und an sich antisemitischen Entität Islam bei und zeichnen ein Bild von Muslim_innen als finstere Barbar_innen, die gestoppt werden müssen. Damit sind die Texte Teil der gesellschaftlichen Debatten, aufgrund derer Muslim_innen ganz unabhängig von ihren individuellen Einstellungen und Praktiken diskriminiert werden. Die Frage, ob es sich bei den Pamphleten um das Resultat von individuellen projektiven Bedürfnissen oder von Verbalradikalismus handelt, ist ebenso irrelevant wie die Frage, ob die Autor_innen eigentlich differenziertere Konzepte im Kopf haben. Ob die Autor_innen individuell Rassist_innen sind, ist hier nicht zu klären. Entscheidend ist, dass ihre Texte zur Reproduktion von Rassismus beitragen.

29 Kommentare zu „Abgründe der Israelsolidarität

  1. Die Grund-These, dass das Problem des islamischen Antisemitismus durch die Kritik an selbigen erst gefestigt würde, weil man ja irgendwie dann deren Antisemitismus durch Differenzkonstrukte herbeiperformiere, ist jetzt nicht Ernst, oder?

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  2. @ Anna: Puh, den Hinweis auf die diskursive Wechselwirkung (gebiaste Interpellation als Antisemiten – antisemitische Reaktion aufgrund der Wahrnemung dieses Bias´) gleich mal zur „Grundthese“ des Textes zu stilisieren find ich jetzt ein wenig überinterpretiert – da würde ich mich an deiner Stelle eher fragen, welches Bedürfnis da eigentlich dahinterstecken könnte, dass du von all den Argumenten – wie zB Diskussion von Stärken und Auslassungen unterschiedlicher Rassismustheorien, Hinweis auf tendenzielle Reproduktion rassistischer Zuschreibungen in der Kritik, Aufforderung zur kritischen Selbstreflexion des eigenen politischen Handelns durch verstärkten Einbezug gesellschaftlicher Differenzachsen, etc… – nur auf diesen kleinen Hinweis so anspringst; außerdem kann ich beruhigen: in meiner Lesart des Textes wird hier muslimischer Antisemitismus in keinster Weise abgestritten, insofern ist doch alles im Lot…

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    1. Die „Diskursiven Wechselwirkungen“ sind Trendjargon und Humbug von Pomo-Popos. Wollen eigentlich die Blut- Säufer im Iran alle Juden töten, weil Stop the Bomb ihnen vorwirft Antisemiten zu sein und es zu Diskursiven Wechselwirkungen kommt? Vielleicht sollte man akzeptierende Sozialarbeit für faschistische Mörderbanden und ihre weltweite muslimische Fangemeinde anbieten? Vielleicht ist es falsch Differenzkonstrukte aufzubauen. Lieber sollte mit heute relevanten Koranauslegern aus der inneren Umma (nicht die von Taz und SZ) samt Anhang ein Ausgleich gefunden werden. Diese Irren, die in allen relevanten Strömungen zu keiner irgendwie menschlichen Praxis auch nur irgendeinen Beitrag leisten, dafür ganze Gesellschaften ideologisch so verseuchen, dass diese mit Recht als wirklich antisemitische Gesellschaften bezeichnet werden können. Diesen relevanten Koranauslegern und ihren jeweils ideologisch verseuchten Anhang, der einstweilen hierzulande noch zustimmend schweigt, sollte unbedingt mit linguistischen Tricks, Akzeptanz und Gruppentherapie anstatt mit Armee und Polizei begegnet werden.

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      1. na gut lassen wir das mal mit den projektionen der pomo-popos, das führt offensichtlich nicht weiter. obwohl ganz lassen kann ich´s eh nicht, weil ich prinzipiell denke, dass sich diskursanalytische perspektiven und materialistische gesellschaftstheorie bzw. wertkritik nicht so komplett ausschließen, wie immer kolportiert wird. bzw denke ich sogar es ginge etwas komplimentärer, denn ich hatte im grunde auch noch kein erhellendes rezeptionserlebnis, wo mir klar wurde, wie die wertkritik eigentlich die gesellschaftliche vermittlung von sowas wie realabstraktionen erklärt. aber da kannst du mir sicher weiterhelfen wie ich deinem kommentar entnehme – du scheinst ja ganz genau zu wissen, wie der theorie-hase so rennt.
        und eine sache fand ich so erheiternd, dass ich da auch nochmal nachhaken muss: denkst du denn tatsächlich, dass die iranischen blutsäufer so viel von stop the bomb mitbekommen? oder verstehe ich deinen gefinkelten humor einfach nicht?

        und nun ernsthaft: sag doch bitte zumindest nur ganz kurz was zu meinem eigentlichen einwand, nämlich dass das ein mini-hint in einem sehr differenzierten und langen text ist wo es (siehe oben) doch eigentlich um ganz was anderes geht?

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      2. aja, eine letzte sache: interpellation meint nicht, dass die anrufung das antisemitische ressentiment verursacht. wirklich nicht, ganz ehrlich.

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  3. Danke für den spannenden, ausführlichen Artikel! Wäre ja toll, wenn sich mal eine konstruktive Debatte ergäbe…
    Eine Sache, die ich nicht ganz verstanden habe, ist, was konkret das Problem mit der vierten Rassismus-Definition ist. Zwar ist das jetzt vielleicht nebensächlich, würde mich aber interessieren 🙂
    Also in etwa: Welche gesellschaftlichen Verhältnisse fallen mit der vierten Definition notwendigerweise (?) unter Rassismus, die dringend anderweitig gefasst werden müssen?

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  4. Was fehlt in diesem meiner Meinung nach noch zu diskursanalytisch gehaltenem Text, ist der Rekurs auf die materielle Grundlage des am Horizont aufziehenden ethno-religiösen Orkans, welchen das „Bündnis gegen Israelkritik“ mit voller Absicht befeuert, anstatt sich emanzipatorisch dagegen zu stemmen: Nämlich was denn – aus Sicht der Privilegierten – die Lebensrealität der „Objekte“ von Rassismus ist und welchen politisch-ökonomischen Zweck dies erfüllt. In dem Text werden die vier Rassismusverständnisse ja nur aus der performativen Sicht der („weißen“, europäischen, deutschen) Mehrheitsgesellschaft besprochen, was aber in Bezug auf ein gesellschaftliches Verhältnis wohl nur unzureichend sein kann. Der moderne Islam, also jene Weltanschauung, die sich unter den Bedingungen der Industriegesellschaft (und seinen diversen „Post-“ Spielarten) religiös neu konstituiert(e), ist hinsichtlich der Kolonial- und Globalisierungsgeschichte des 19. – frühen 21. Jahrhunderts im Unterschied zum europäischen Nationalismus und Kulturalismus eben vor allem eins: Eine die gesellschaftlichen Dominanzverhältnisse ausdrückende Befreiungsideologie. Wer nicht ernst nimmt, dass die politischen und ökonomischen Herrschaftsverhältnisse von Europa ausgehend (wenn auch oft genug islamisch verwaltet und umgesetzt) derart eingerichtet sind, dass ein in einen arabischen, türkischen, afghanischen Kontext hineingeborener Mensch mit etwa 99% Wahrscheinlichkeit weniger Ansprüche auf gesellschaftliche und darin vor allem ökonomischer Teilhabe und die Allgemeingültigkeit der Menschenrechte hat als ein akzeptiertes Mitglied westeuropäischer Gesellschaften, wird den modernen Islam kaum zielführend kritisieren können. Aus einer dem europäischen Humanismus verpflichteten linken Sicht ist es natürlich eine Katastrophe, wenn ausgerechnet ein religiöser Konservatismus gegen Entfremdung, Ausbeutung und strukturelle Diskriminierung in Stellung gebracht wird, und natürlich mutet es absurd an, einen hoch autoritären Ausbeuterstaat wie Saudi-Arabien als einen der wichtigsten Ausgangsorte einer solchen Befreiungsideologie erkennen zu müssen. Doch das große Problem, mit dem sich gerade eine sich irgendwie „links“ bzw. „emanzipatorisch“ wähnende Initiative in NRW „gegen Israelkritik“ auseinandersetzten müsste, ist doch, dass die deutsche und europäische Arbeiter*innenbewegung weder fähig noch Willens war, die sie nach ihrem eigenen Aufstieg in die untere bis obere Mittelschicht am sozialen Bodensatz ablösenden Menschen aus anderen Ländern als ihresgleichen anzusehen und sich mit ihnen zu solidarisieren. So banal es klingt – ist es nicht tatsächlich sehr viel verlangt, nachträglich von den in 70’er Jahren an den Fließbändern europäischer Großkonzerne gelandeten Menschen aus dem Nahen und Mittleren Osten zu verlangen, sich anstatt als Muslime als Teil der Arbeiter*innenbewegung zu begreifen, wenn diese in ihnen nur obskure fremdartige Gestalten sah, die dafür da waren, den eigenen Status sowohl ideologisch ( -> Rassismus) als auch ganz materiell (-> Produktivitätssteigerung) von „unten“ aus aufzuwerten?

    Die wichtigste Kategorie in der Beschäftigung mit Rassismus ist meiner Meinung nach die der „Entfremdung“, und einer solchen sind vor allem die Deprivilegierten ausgesetzt. Der moderne Islam MUSS Möglichkeiten der Selbstermächtigung gegen den als fremd und unbeeinflussbar empfundenen Lauf der Dinge darbieten können, um in einer modernen Gesellschaft relevant zu bleiben. Wer diese Grundlegende Ausgangssituation in der Kritik an den diversen, untereinander häufig genug feindlichen islamistischen Strömungen unterschlägt, handelt im Kern demagogisch; und genau darin besteht meiner Meinung nach die rassistische Essenz solcher und ähnlicher Tendenzen wie dem „Bündnis gegen Israelkritik NRW“. Der Panarabische Nationalismus, der Inhalt vieler islamistischen Strömungen ist, proklamiert eine reaktionäre, aber rationale Option zur Verbesserung der eigenen politischen und ökonomischen Lage; er ruft dazu auf, den globalen Machtverhältnissen durch konzertierte Aktionen entgegenzutreten. Dies ist die Agenda der Golf-Monarchien, die selbst mit ihrer Macht und ihrem Reichtum das beste Beispiel für den möglichen Erfolg einer solchen Ideologie sind und die allein durch dieses Beispiel (und wohl häufig genug durch Geld- und Waffenspenden) den Ehrgeiz von Milizen wie ISIS oder al-Nusra befeuern, diese Staaten in Glanz und Gloria und radikalem Purismus noch zu übertreffen.

    Wer sich nicht offen und offensiv damit auseinandersetzt, warum ein modern muslimisch sozialisierter Mensch in Duisburg im entfernten Israel das Symbol für die selbst erfahrene Ausbeutungs- und Ausgrenzungssituation sieht, weil sie oder er sich als arabischer, türkischer, afghanischer, pakistanischer Mensch als ein solcher deprivilegiert fühlt (und das eben nicht zu Unrecht), gleichzeitig aber dessen „Israelkritik“ als (ebenfalls nicht zu Unrecht) antisemitisch erkennt und deshalb diesen Menschen als Feind ausmacht, verkürzt den Sachverhalt um genau jene Ebene, in der das ideologisch-wahnhafte der „Israelkritik“ eigentlich kenntlich wird. Israel ist rational betrachtet das wohl abwegigste Symbol für eine*n aus der Türkei, dem Irak, Algerien oder Somalia stammenden Menschen (und noch mehr, wenn dieser in Europa lebt), um damit auf die eigene Ausgrenzung aufmerksam machen zu wollen. Diesen Aspekt klar und deutlich zu machen wäre aber eine politische Kritik, die sich gegen konkrete Ideologen und auch einige Ideologinnen richten würde, aber gar nicht „den“ Islam zum Ziel haben könnte, der sich nun mal keineswegs als eine spezifisch palästinensische Nationalideologie nach 1947/48 herausgebildet hat, sondern im Gegenteil universell und auf den Alltag von über einer Milliarde Menschen gerichtet ist. Genau HIER liegt doch die Krux im islamistischen Antisemitismus, der fundamentale Widerspruch, den zu kitten ultrareaktionäre Ideologen und Ideologinnen erhebliche Mühen und ihr gesamtes Arsenal an Umma-Kitsch aufbringen müssen. Sich in dieses Verhältnis zu begeben müsste der Anspruch von sich als irgendwie „links“, irgendwie „emanzipatorisch“ begreifenden Menschen sein, die den Islamismus entlang von Antisemitismus und eben nicht von völkischem Kulturalismus kritisieren wollen, wie es die europäische Rechte seit den 80’ern bereits tut.

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    1. @Herbert: Ein sehr interessanter und sprachlich beeindruckender Kommentar! Dem Kern der Analyse, bzw. dem Grundtenor, wonach das kapitalistische Europa an allem Übel in der Welt schuld ist, kann ich aber nicht zustimmen.

      Sie, schreiben,
      „dass die politischen und ökonomischen Herrschaftsverhältnisse von Europa ausgehend […] derart eingerichtet sind, dass ein in einen arabischen, türkischen, afghanischen Kontext hineingeborener Mensch mit etwa 99% Wahrscheinlichkeit weniger Ansprüche auf gesellschaftliche und darin vor allem ökonomischer Teilhabe und die Allgemeingültigkeit der Menschenrechte hat als ein akzeptiertes Mitglied westeuropäischer Gesellschaften“.

      Verstehe ich Sie richtig, dass Sie also einerseits meinen, dass Menschen in Europa mehr auf die Achtung ihrer Menschenrechte und auf ökonomische Teilhabe hoffen können als z. B. Menschen in Afghanistan, dass aber gleichzeitig die von Europa ausgehenden „Herrschaftsverhältnisse“ daran Schuld sind, dass es den Menschen in Afghanistan so schlecht geht wie es ihnen geht? Diese Behauptung bedürfte aus meiner Sicht zumindest einer genaueren Begründung, die aber in dem gesamten Text ausbleibt.

      Des Weiteren stellen Sie den „modernen Islam“ als eine „die gesellschaftlichen Dominanzverhältnisse ausdrückende Befreiungsideologie“ dar. Als „modernen Islam“ scheinen Sie dabei nicht eine gewisse Ausrichtung des Islam zu verstehen (etwa einen liberalen Islam), sondern alle heutigen Erscheinungsformen (in der Türkei, in Saudi-Arabien etc.). Mit anderen Worten: Die Taliban in Afghanistan versuchen das von Europa unterdrückte afghanische Volk (allen voran die Frauen!) zu befreien!?

      Des Weiteren schreiben Sie, dass der „panarabische Nationalismus“, den Sie mit Islamist*innen in Verbindung bringen, eine „rationale Option zur Verbesserung der eigenen politischen und ökonomischen Lage [sei]“ und „dazu auf[rufe], den globalen Machtverhältnissen durch konzertierte Aktionen entgegenzutreten“. Deswegen wundert es Sie auch nicht, dass sich der IS diese Ideologie in Form von Kalifats-Phantasien zu eigen gemacht hat… Ist es für Sie dann auch naheliegend, bzw. eine „rationale Option zur Verbesserung der eigenen politischen und ökonomischen Lage“, wenn sich IS-Kämpfer massenweise vor kurdischen Kämpfer*innen in Kobane etc. in die Luft sprengen?

      Die Argumentationslinie, wonach wahlweise „der Westen“, „Europa“ und/oder „der Kapitalismus“ für alles Übel in der Welt verantwortlich seien, greift mir viel zu kurz und entspringt bei vielen Menschen, die selbst im „Westen“, in Europa und im „Kapitalismus“ leben, aus meiner Sicht einem zwar menschlichen, doch irreführenden Impuls: Weil man* und frau* das Leid von Menschen in Afghanistan und anderen armen und umkämpften Ländern nicht mit ansehen kann, aber auch nicht mit militärischen Mitteln einspringen will (→ größtes Übel: „Imperialismus“), will man* und frau* wenigstens die eigene(n) Regierung(en) für die Misere der Anderen verantwortlich machen, um dann das Gefühl zu haben, durch politische Gegenrede („Du böser Westen, Du böses Europa, Du böser Kapitalismus!“) wenigstens ETWAS zu bewirken. Dabei kommt dann sowas raus wie Christine Buchholz‘ „Solidarität mit dem Widerstand in Kobane! US-Bombardement stoppen“ (http://www.spiegel.de/politik/ausland/bild-996695-762431.html)… Oder aber so eine feinsinnige und doch fehlgeschlagene Analyse wie die Ihrige (falls ich Sie missverstanden haben sollte, belehren Sie mich gerne eines besseren)!

      Vor dem obigen Artikel von Biskamp ziehe ich ausdrücklich den Hut! Die darin vorgenommene Analyse greift – im Gegensatz zu Ihrer – m. E. auch nicht zu kurz. Vielmehr müssten Sie, Herbert, sich glaub ich mal fragen, welches Bild Sie selbst vom „modernen Islam“ haben: Sie bemühen nämlich ausschließlich Negativbeispiele: z. B., dass ein „modern muslimisch sozialisierter Mensch in Duisburg im entfernten Israel das Symbol für die selbst erfahrene Ausbeutungs- und Ausgrenzungssituation sieht“. Mein Bild von modern sozialisierten Muslim*innen entspricht mehr dem eines Aiman Maziek (Zentralratsvorsitzer) oder anderen liberal eingestellten muslimischen Persönlichkeiten und ich käme nicht auf die Idee, den modernen Islam mit den reaktionären und verabscheuungswürdigen Erscheinungen in Verbindung zu bringen, die Sie in Ihrem Kommentar so zahlreich zitieren.

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      1. @LF – Sie verstehen mich in keiner Weise falsch, nehmen aber eine gänzlich andere Perspektive ein, nämlich eine moralisch-normative, sowohl in Ihrer eigenen Sicht auf bestimmte Aspekte (z.B. Taliban und IS seien nicht modern) als auch in Ihrer Interpretation dessen, was ich geschrieben habe. Mir geht es eher um die dialektischen Erscheinungsformen von Moderne, Herrschaft und der qualitativen Dimension einer Idee (!) der Befreiung.

        Gesellschaftliche Verhältnisse sind keine Einbahnstraße, das war ja sogar der springende Punkt meines Kommentars. „Europa“ ist daher nicht „böser“ als die Taliban; aber eine klare Ahnung davon zu haben, in der kapitalistischen Peripherie zu leben und daher nicht so leicht an einen wie auch immer finanzierten Job zu kommen, der einen individuell geplanten Lebenslauf ermöglicht, wie es ausgerechnet für Menschen in einem als „ungläubig“ angesehenen Kulturraum der Fall ist, leistet natürlich kollektivem Aufbegehren gegen solche Verhältnisse Vorschub. Ich finde schon, dass der politische Charakter der (globalen) Ökonomie ein wesentlicher Faktor ist (und dabei geht es mir ganz ausdrücklich nicht um die Konstruktion eines „internationalen Finanzkapitals“ als personifizierte ökonomische Herrschaft, wohl aber um Kapitalkonzentration in den Zentren der globalen Ökonomie; ich kann nur hoffen, dass diese Unterscheidung von Ihnen akzeptiert wird). In diesem Zusammenhang sehe ich sowohl liberale als auch erzreaktionäre Ausrichtungen des Islam wie auch des Christentums wie auch der Arbeiter*innenbewegung wie auch der kultischen Kulturindustrie: Sie spiegeln die materielle und soziale Lage von Subjekten in den jeweiligen spezifischen Kontexten wider und schaffen so individuelle Identifikationsangebote. Entfremdung vom eigenen Leben ist ein realer Vorgang, die Überwindungsstrategien notgedrungen immer Projektion – so ist die kapitalistische Wertschöpfung in ihrer gesellschaftliche Vermittlung angelegt.

        Die Sharia als ein fixes, starres, klar definiertes Rechtssystem anzusehen ist eine hochmoderne Interpretation des islamischen Rechtssystems, die mit der Idee des bürgerlichen Gesetzbuches und einer Verfassung korrespondiert, wenn natürlich in alternativ-negativer Absicht. Sharia war im vormodernen Islam ein Diskurs um das Rechtssystem. IS und al-Shabab machen daraus den anti-demokratischen Staatsentwurf, ein gegenüber „dem Westen“ antagonistisches, aber trotzdem durch und durch modernes Vorhaben.

        Selbstmordanschläge gegen die Gegner*innen des eigenen nationalistischen bzw. religiösen Projektes sind politisch und militärisch hochgrad rational, sie geschehen ja nicht in erster Linie deshalb, weil die betreffenden Menschen anlasslos den kürzesten Weg ins Paradies suchen, sondern weil es die politische und militärische Lage in ihrer Logik verlangt. Das Individuum der Sache unterzuordnen und gehorsame Opferbereitschaft zu fordern gehört zum absurden Rationalismus der modernen Staatenlogik, der in jeder Armee zu Zeiten von größeren Kriegen massenhaft zur Anwedung kommt. Es ist ahistorisch und ideologisch verklärend, solche Handlungsmuster lediglich einem „vormodernen“ Islamismus zuzuschreiben; anscheinend aber ist die bewusstseinsphilosophische Agenda der Kritischen Theorie und der sozialen und intellektuellen Bewegungen der 60’er und 70’er Jahre heute keine relevante Größe mehr. Hinsichtlich von Holocaust und Vernichtungskrieg im Osten wurde eine „Dialektik der Auklärung“ bemüht, schließlich handelte es sich ja um ach so kultivierte Deutsche, aber bei IS, Taliban, al-Nusra, al-Quaida, al-Shabab ist es einfach vormoderne Barbarei? Wo kommt sie denn plötzlich her? Aus einer Zeitkapsel? Warum sind das Erscheinungsformen des 20. und ganz besonders des frühen 21. Jahrhunderts, nicht aber des 18. oder 17. Jahrhunderts? Um diese Fragen geht es mir. Mit Christine Buchholz Einbahnstraßensicht auf die US-Army als Quell allen Böses hat das herzlich wenig zu tun.

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      2. Wieder eine sehr interessante Einlassung! Ich glaube, um Sie richtig zu verstehen, müsste ich erstmal ordentlich Marx und Adorno lesen, wozu ich bisher ehrlich gesagt noch nicht genug gekommen bin (höchste Zeit das nachzuholen…). Bei so Sätzen wie dem folgenden, blicke ich leider – als marxistisch und dialektisch Unbedarfter – wirklich nicht durch:

        „Entfremdung vom eigenen Leben ist ein realer Vorgang, die Überwindungsstrategien notgedrungen immer Projektion – so ist die kapitalistische Wertschöpfung in ihrer gesellschaftlichen Vermittlung angelegt“.

        Ich erwarte nicht, dass Sie mir das noch ausführlicher erklären, sondern nehme das gerne zum Anlass, mich mal eingehender mit Marx und Kritischer Theorie zu beschäftigen…

        Solange die von Ihnen vorgebrachten Argumente nicht zu einer monokausalen Erklärung von islamistischem Terrorismus (und was sonst noch allem…) herangezogen werden, habe ich das Gefühl, dass sie zumindest einem Teil der Wahrheit entsprechen. Aus Sicht von Menschen, die etwa im Irak jeglicher wirtschaftlichen Lebensgrundlage entbehren, in unserer globalisierten Welt aber mitkriegen, wie (vergleichsweise) sorglos Menschen in Europa leben können, mag es tatsächlich bis zu einem gewissen Grad „rational“ erscheinen, sich islamistischen Milizen anzuschließen und dadurch zumindest ein gesichertes wirtschaftliches Auskommen zu haben – mit der Perspektive, eventuell sogar ein ähnlich prosperierendes Imperium zu errichten. Das erklärt aber z. B. nicht, weshalb sich auch studierte und wohlhabende Menschen aus dem „Westen“ islamistischen Terrorist*innen anschließen.

        Ganz abgesehen davon, komme ich auch nicht umhin, wieder zu meiner „normativen“ Brille zurückzukehren, da sich mir wirklich nicht erschließt, welche politischen Intentionen – neben den theoretischen Erklärungsversuchen – hinter Ihren Ausführungen stehen.

        Um mein diesbezügliches Verständnisproblem nochmals auf den Punkt zu bringen: Wenn Menschen in Afghanistan und an anderen ökonomisch unterentwickelten Orten der Welt ihre soziale Lage in Relation zu den kapitalistischen Ländern des „Westens“ (zurecht!) als so schlecht empfinden und dies dann zum Anlass für terroristische Akte nehmen, dann ist dies doch im Grunde genommen kein Argument GEGEN das politische und wirtschaftliche System des „Westens“, sondern ein brennendes Plädoyer DAFÜR!? Es sei denn, man* und frau* ginge davon aus, dass der westliche Kapitalismus ohne ein konstitutives Außen, bzw. ohne arme und ausgebeutete Länder in der Peripherie, gar nicht (in der jetzigen Form) existieren könnte (was ich aber für eine wacklige Argumentation hielte)!?

        Ich frage mich also, welche Konsequenzen aus Ihrer Analyse zu ziehen sind: etwa A) für die Ausweitung des Freihandels und der kapitalistischen Wirtschaftsordnung zu kämpfen, damit möglichst alle Menschen auf der Welt in Genuss der Privilegien kommen, die zurzeit überwiegend im „Westen“ lebende Menschen genießen, oder B) gegen Kapitalismus und wirtschaftliche Globalisierung zu wettern und den Menschen in den ärmsten Ländern der Welt zu raten, möglichst zum kleinbäuerlichen Idyll der Subsistenzwirtschaft zurückzukehren und sich vom globalen Kapitalismus abzuschotten?

        Für mich ist die logische Konsequenz Ihrer Ausführungen eigentlich die erste Variante, was da hieße, sich à la Johann Norberg (http://de.wikipedia.org/wiki/Das_kapitalistische_Manifest) die Liberalisierung der globalen Wirtschaft auf die Fahne zu schreiben (denn – so Norberg, zit. nach ebd.):

        „Je höher der Grad der wirtschaftlichen Liberalisierung in einem Land ist, desto größer ist die Chance auf mehr Wohlstand, schnelleres Wachstum, höheren Lebensstandard und längere Lebenserwartung. In den Ländern mit der größten wirtschaftlichen Freiheit sind die Menschen fast zehnmal so reich wie in den Ländern mit der geringsten Freiheit und leben mehr als 20 Jahre länger!“.

        Weil ich irgendwie nicht glauben kann, dass das die Zielvorstellung hinter Ihren Ausführungen ist, würde ich nur allzu gerne wissen, welche politischen Konsequenzen Sie selbst aus Ihren Thesen ziehen… Aber möglicherweise sprengt das den hiesigen Rahmen und entfernt sich zu weit von der Diskussion um den oben stehenden Artikel.

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      3. Nur auf die Schnelle die Bitte auf Beantwortung Ihrerseits, da Sie ja anscheinend die komplexen Tiefen der „kapitalistischen Wirtschaftsordnung“ durchdrungen haben, vllt. erübrigt sich dann ja auch jedwede Marx und Adorno Lektüre:

        Welche zu deregulierenden bzw. liberalisierenden Markthemmnisse stoppen denn in Afghanistan, Irak, Jemen oder Somalia die freie Akkumulation von Kapital & Lebenserwartung: Ist es der zu strenge Kündigungsschutz? Das zu frühe Renteneintrittsalter? Die zu lange Elternteilzeit? Die zu hohen Abgaben der „Arbeitgeber*innen“ für die Sozialversicherung? Ist die Sozialhilfe zu hoch, so dass sich die Leute auf die faule Haut legen anstatt dem Produktivitätsniveau ihres Landes angemessene Löhne zu akzeptieren? Bevorteilen die Staaten die Gewerkschaften im Arbeitsrecht? Gibt es zu hohe Zölle für ausländische Waren? Liegt es an der Mehrwertsteuer? Was genau würden Sie in diesen Ländern wirtschaftspolitisch „liberalisiert“ sehen? Bzw.: Sind nicht genau hinsichtlich dieser Fragen der Irak und Libyen in den letzten Jahren äußerst erfolgreich „liberalisiert“ worden und ist Syrien auf dem „besten“ Weg? Und ging es nicht letztendlich um die Durchsetzung eben jener „Werte“ (Ideologie?), die Sie mit Johann Norberg zitieren, als die NATO via dem wahabitischen Königreich Saudi-Arabien den Jihad in Afghanistan, aber auch im Jemen und in Somalia, mithin einigen der schlimmsten Orte sunnitisch-islamistischen Terrors, mindestens massiv befeuerte, wenn nicht sogar lostrat, um dortige sozialistische Regierungen zu stürzen? Und, um sich tatsächlich weit von der Diskussion des obigen Artikels zu entfernen, ist es nicht ein Widerspruch einer Weltsicht „à la Norberg“, dass in EU-Südeuropa trotz dem höchsten Stand der wirtschaftlichen Produktivität und der Ausbildung der Bevölkerungen und der reinen Quantität an zirkulierenden Waren und Kapital die Menschen dort – verarmen? Oder liegt es nicht vielmehr auf der Hand, dass gesteigerte Produktivität bei einem hohen „Grad wirtschaftlicher Liberalisierung“ nach ein paar Jahren in eine Absatzkrise kommen muss – und somit der Überfluss an Waren eben kein Überfluss an Mitteln des tätglichen Bedarfes bedeutet, sondern in der Logik des „liberalisierten“ Marktes eine Verstärkung der Konkurrenz? Ist nicht die chinesische Volkswirtschaft bereits heute in der Lage, den Bedarf an Konsumgütern der gesamten Welt alleine zu decken? Was genau gibt es da nun für eine „liberalisierte“ somalische Wirtschaft zu gewinnen?

        Entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen nur mit Gegenfragen antworte, in der Tat maße ich es mir nicht an, irgendwelchen Bevölkerungen irgendetwas zu raten; darüber hinaus halte ich Gesellschaft für einen dynamischen Prozess, der sich nicht im dualen Fatalismus (beinahe hätte ich geschrieben: Fatalität) „kapitalistischer Freihandel vs. elendige Subsistenzwirtschaft“ erschöpft.

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      4. Vielen Dank für die Antwort! Jetzt meine ich Sie tatsächlich verstanden zu haben.

        Ich glaube letzten Endes auch nicht, dass die mit dem westlichen Kapitalismus verbundene Liberalisierungsideologie – wie sie ein Johan Norverg vertritt – das Heil bringt, das sie verspricht. Ebenso wenig bin ich der Auffassung, dass sich wirtschaftliche Modelle in einem Dualismus von „kapitalistische[m] Freihandel“ und „elendige[r] Subsistenzwirtschaft“ erschöpfen müssen.

        Aus meiner Sicht wird jedoch allzu oft in „Gegen-den-Kapitalismus-sein“ (und im Zurückführen allen Übels auf selbigen) ein Wert an sich und eine fortschrittliche Kritik gesehen. Dabei wird m. E. ausgeblendet, dass alle „ursprünglicheren“, bzw. geschichtlich DAVOR gelegenen Wirtschaftsformen keinesfalls die Not beseitigen würden, in der viele Menschen heute im Kapitalismus leben, sondern dass die Not dieser Menschen durch weniger fortschrittliche und effektive Wirtschaftsweisen eher noch größer würde. In diesem Sinne ist die von vielen Globalisierungskritiker*innen propagierte Rückkehr sowieso schon armer Gesellschaften zu einem bäuerlichen Kleinidyll aus meiner Sicht nicht nur idiotisch, sondern auch höchst arrogant (im Sinne von: Was sollen diese Menschen auch noch in dem „ekelhaften“ Überfluss leben, den es „bei uns im Westen“ gibt und was brauchen diese Menschen ein funktionierendes Stromnetz und eine Anbindung an internationale Märkte, wo sie doch auch in ihren Hütten ein Feuer anzünden und von der Hand in den Mund leben können).

        Diesen Punkt scheint ja auch Marx ähnlich gesehen zu haben (den ich mir jetzt tatsächlich mal vorgenommen habe…). So schreibt er in dem Vorwort zur ersten Auflage, dass das wirtschaftlich damals (im Vergleich zu England) noch unterentwickelte Deutschland „nicht nur die Entwicklung der kapitalistischen Produktion, sondern auch der Mangel an ihrer Entwicklung [quält]“ und dass die „soziale Statistik Deutschlands und die des übrigen kontinentalen Westeuropas [im Vergleich zur englischen] elend [ist]“ (Marx 2009[1872]: Das Kapital. Köln: Anaconda. S. 35 f.).

        Da Sie ja aber auch keiner „von der Sorte Attac“ etc. zu sein scheinen, der genau zu wissen meint, was für welche Bevölkerung am besten wäre, geht meine Kritik in diesem Fall ja eigentlich ins Leere ;-).

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      5. Um noch einen Punkt auszuführen: Ich glaube, dass die von Ihnen beklagte „Kapitalkonzentration in den Zentren der globalen Ökonomie“ und das prekäre Leben vieler Menschen in der „kapitalistischen Peripherie“ tatsächlich weniger auf die Funktionsweise der kapitalistischen Marktwirtschaft zurückgehen, als auf den Protektionismus, den wirtschaftlich hochentwickelte Staaten und Staatenverbunde wie die EU mithilfe des erwirtschafteten Steuergeldes betreiben, um sich im Wettbewerb dauerhaft als „Gewinner“ zu positionieren.

        So schreibt die „taz“:
        „Die EU arbeitet an einer Agenda für die nächste Dekade der Armutsbekämpfung. 2015 will sie zum „Jahr der Entwicklung“ ausrufen. Gleichzeitig versperrt Europa afrikanischen Produzenten weiter den Zugang zu seinen Märkten und überschwemmt Afrika mit subventionierten europäischen Gütern“ (http://www.taz.de/Nkosazana-Dlamini-Zuma-ueber-Afrika/!128430/).

        Aus diesem Grunde fordert Thilo Bode in der „Zeit“ einen Strategiewechsel in der Armutsbekämfung:

        „40 Jahre staatliche Entwicklungshilfe – aber die Armut auf der Welt ist noch gewachsen. Auch wenn die Hilfe doppelt oder dreifach so hoch wäre, unzureichend bliebe sie doch. Stattdessen: Schluss mit den Importzöllen und den Exportsubventionen für landwirtschaftliche Produkte der reichen Länder“ (http://www.zeit.de/2002/17/200217_entwicklungshilf_xml).

        Und um den Bogen zu schlagen, hier ein weiterer (für unsere Diskussion besonders relevanter) Satz von Bode:

        „Klar, einen solchen Strategiewechsel kann nicht ein Land allein stemmen. Aber Deutschland könnte die notwendige Diskussion vorantreiben, insbesondere in Europa. Dies stünde einer deutschen Regierung gut an, wäre doch eine integrierte Strategie der Armutsbekämpfung als Teil einer Globalisierungsstrategie auch eine Alternative oder Ergänzung zur militärischen Strategie im Kampf gegen den Terrorismus“ (http://www.zeit.de/2002/17/200217_entwicklungshilf_xml).

        So sehr an Personen wie Johan Norberg zu kritisieren ist, dass sie sich auf eine ideologische Einbahnstraße der Liberalisierung begeben haben, so sehr sollten aus meiner Sicht diejenigen kritisiert werden, die diese Einbahnstraße immer strikt in die andere Richtung fahren und eine überbordende protektionistische Subventions-Politik als „sozial“ verkaufen.

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      6. An dem von Ihnen bemühten Beispiel Somalia kann übrigens sehr gut nachvollzogen werden, wie kapitalistische Großmächte (hier vor allem die EU) mit Steuergeld in den internationalen Wettbewerb einsteigen und dadurch vielen Menschen vor Ort ihrer Wirtschaftsgrundlage berauben.
        So schließt die EU mit afrikanischen Staaten wie Somalia bekanntlich millionenschwere „Fischereiabkommen“ ab, die es europäischen Fischtrawlern ermöglichen, die somalischen Fischer*innen (buchstäblich) auszu“boot“en:

        „Diese Verträge funktionieren nach dem Prinzip „Cash for Fish“: Die EU zahlt afrikanischen Staaten Geld und darf im Gegenzug in deren Fanggründen fischen. Schließlich sind die heimischen Bestände vor Europas Küsten zu mehr als drei Vierteln überfischt. Inzwischen stammen mehr als ein Viertel der Fische, die Europas Flotten jährlich fangen, aus Meeren außerhalb der EU“ (http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-03/fischereipolitik).

        Mit den ideologischen Grundfesten der Marktwirtschaft – insbesondere ihrer (angeblich) „sozialen“ Version – hat das Ganze nichts zu tun (was wiederum nicht heißen soll, dass alles nur schiefläuft, weil die „reine Lehre“ des Neo-/Ordo-/Sonst-‚was-Liberalismus nicht befolgt wird).

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  5. „Aber die Autor_innen wissen noch mehr zu berichten, dass nämlich „im Namen des keineswegs dabei missdeuteten Koran entmündigt, unterdrückt, erniedrigt, geschlagen, misshandelt, gefoltert, vergewaltigt, verstümmelt, ermordet“ wird. Gut, dass wir das Bündnis gegen Israelkritik NRW haben, das uns endlich einmal darlegt, welche Deutungen des Koran korrekt sind und welche nicht – denn solche schwierigen Aufgaben kann man wohl kaum den Muslim_innen überlassen. Denen sollte man besser gar nichts überlassen:“

    Man soll die Deutung des Korans den Muslimen überlassen und nicht über diesen urteilen, so die implizite Forderung des Autors hier. Der scheint wissenschaftlich an einer geisteswissenschaftlichen Fakultät tätig zu sein und beweist hiermit einmal mehr, in welch miserablem Zustand die Akademie ist.

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    1. Nein, daraus ziehen Sie den falschen Schluss. Man sollte sich mehr mit den individuell unterschiedlichen Weisen befassen, wie innerhalb des Islams der Koran gedeutet wird, anstatt die Deutung stellvertretend für alle Muslim_innen vorzunehmen.
      Ich würde dem Autor da nicht so übereilt die wissenschaftliche Eignung absprechen.

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  6. Ohne jetzt allzu tief in die Theorie eintauchen zu wollen. Aber müsste man nicht auch den Begriff „Rassismus“ generell ersetzten?

    Der Autor schreibt:“…Diesem zufolge ist der Begriff Rassismus synonym mit den Begriffen ‚Rassendenken‘, ‚Rassentheorie‘ oder ‚Rassenideologie‘ zu verwenden. Ausgangspunkt ist dabei die heute kaum noch ernsthaft anzuzweifelnde Erkenntnis, dass es bei allen biologischen Differenzen zwischen menschlichen Individuen keine Grundlage für die Rede von unterscheidbaren Menschenrassen gibt.“
    Wird aber nicht gerade durch die Verwendung des Wortes „Rassismus die vom Autor beschriebene Ideologie weiter am Leben erhalten?

    Darüber hinaus vermute ich, habe aber keine Belege,dass bei dem Wort Rassismus viele Menschen auf Grund der beschriebenen Ideologie, auch wenn Sie sie ablehnen, immer noch primär an Ablehnung oder Hass auf Grund körperlicher Merkmale denken. Antisemitismus und Antiislamismus zielen ja aber auf den Glauben bzw. Religionen ab und nicht auf äusserliche Merkmale (auch wenn bei denjenigen die solche Äusserungen von sich geben dass fasst immer noch dazu kommt).

    Wäre es deshalb nicht besser den Begriff „Rassismus“ komplett über Bord zu schmeissen und stattdessen umgangssprachlich von „Fremdenfeindlichkeit“ und im wissenschaftlichen Kontext von „Xenophobie“ zu sprechen?

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    1. „Wäre es deshalb nicht besser den Begriff “Rassismus” komplett über Bord zu schmeissen und stattdessen umgangssprachlich von “Fremdenfeindlichkeit” und im wissenschaftlichen Kontext von “Xenophobie” zu sprechen?“

      Die Ideologie des Rassismus wird dann am Leben gehalten, wenn sie eben nicht als solche benannt wird. Mit Begriffen wie „fremden-“ oder „ausländerfeindlich“ verschweige ich den vollen Umfang des Problems, weil ich es nur auf sog. „Ausländer“ oder eben „Fremde“ einschränke und damit all diejenigen ausblende, die weder „ausländisch“ noch „fremd“ sind, sondern einen deutschen Pass haben aber eben nicht so aussehen, wie ein Deutscher auszusehen hat und die deshalb von Rassisten verletzt oder ermordet werden.
      Antisemitismus zielt übrigens mitnichten auf die jüdische Religion ab, die ist Antisemit*innen herzlich egal, sondern auf jüdische Menschen, egal ob sie überhaupt gläubig sind. Antimuslimischen Rassist*innen hingegen ist sehr wohl daran gelegen, möglichst jede fiese Stelle im Koran zu kennen. Antimuslimischer Rassismus äußert sich allerdings auch darin, dass er immer auch eine „ethnische“ Konnotation hat. Ich würde z.B. sagen, dass eine verbale Attacke auf einen deutschen Konvertiten anders gemeint und deshalb anders zu bewerten ist, als eine Attacke auf einen, sagen wir, tunesischen Muslim. Beim ersteren zielt der Angriff auf die freie Entscheidung zu einer bestimmten Religion, bei zweitem auf „ethnische“ und religiöse Herkunft. Anders formuliert: man darf bei der ganzen Diskussion um antimuslimischen Rassismus nicht den antitürkischen und antiarabischen Rassismus in Deutschland ausblenden, der mit dem Eintreffen der ersten türkischen Gastarbeiter begann und bis heute gepflegt und gefeiert wird. Ich denke der ist letztlich sogar ausschlaggebender als der religiöse Aspekt. Der Islam ist für die Rassist*innen hier eher Vehikel, um im legalen und sozial erwünschten Rahmen gegen Türk*innen und Araber*innen zu hetzen.

      Religion gehört trotzdem kritisiert. Dass sich Teile der deutschen Linken jetzt aber gemeinsam mit dem deutschen Mehrheitsmob mit Schaum vorm Mund auf den Islam (zur Erinnerung: immer noch eine Minderheitenreligion in Deutschland und Europa und immer noch in großer Mehrheit von nicht-Biodeutschen geglaubt) stürzen und dabei das nicht weniger menschenverachtende, dafür aber weitaus einflussreichere Christentum langsam vergessen, finde ich mindestens gruselig. Umgekehrt finde ich auch diejenigen gruselig, die den Islam gar nicht mehr kritisch betrachten wollen und sich dann auf einer Demo mit Islamist*innen und Verschwörungsspinner*innen einfinden, um gegen Israel zu protestieren. Was ich momentan notwendig finde ist eine grundsätzliche Kritik an religiösen Denkmustern, ein deutliches Bekenntnis Linker zum Atheismus und Empowerment von Atheist*innen, damit sie sich trauen, sich als solche zu outen.

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  7. Die von Dirk gepostete Reaktion „eines Teils der Kongressorganisatoren“ auf die Kritik an ihrem Vorgehen verdeutlich bereits in der Sprache („Lumpen“, „Mob“), dass die Verfasser/innen
    a) auf einem nur schwer einlassungsfähigen Niveau „argumentieren“,
    b) an einer kritischen Betrachtung ihres Vorgehens keinerlei Interesse haben
    und
    c) die an ihnen, insbesondere ihrer Sprache geübte Kritik weder akzeptieren noch beherzigen wollen (sofern sie sie nicht einfach nur nicht verstanden haben)

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  8. Ein sehr nachdenkenswerter differenzierender Beitrag und eine überwieged achtsame respektvolle Diskussion – nur so lassen sich Pauschalanwürfe, Gruppenmarginalisierungen knacken. Dogmen müssen abgeklopft und hinterfragt werden, Ideologien aufgebrochen;Wertvorstellungen aktualisiert und kritisch definiert werden. Wir müssen von den Schlag-Wörtern weg und plurale Sichtweisen zulassen. Über alle Ideologien hinweg gilt letztlich das Du und Ich, das Zwischen; es lassen sich in allen offenen Denkrichtungen solche zutiefst sozialen menschenrechtlichen Ansätze finden, an denen weiterführende Diskurse anknüpfen können. Diese zu suchen, zu hören, kennenzulernen, zu hinterfragen, zu streiten und möglicherweise unmissionarisch auszubauen ist konstruktiver als mit Stereotypen oder Gewalt um sich zu werfen.Wir brauchen solche Perspektiven.

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  9. Den Text finde ich vom grundsätzlichen Anliegen gut, auch wurde dieser antimuslimische Rassismus von einigen antideutschen kreisen glaub ich nur selten in solcher offenheit angesprochen und kritisiert.

    einige dinge finde ich dennoch nicht ganz richtig. an vorderster stelle: diese antideutschen übersehen antimuslim. rass. sicher NICHT deswegen, weil sie sich an eine wertkritische Rassismusdefinition halten (Schmitt-Egner, Bruhn, das haben viele doch nie gelesen) – sondern weil sie die westliche zivilisation (die zwar kapitalismus ist, aber halb so schlimm, so biegt man sich das zurecht) gegen die islamische barbarei verteidigen möchten – anstatt die islamistrische barbarei als ausdruck der modern-kapitalistischen gesellschaft zu verstehen.

    außerdem finde ich es blöd zu sagen, es gibt „DEN Islam“ nicht – doch, irgendein allgemeines gibt es da schon und wer religionen nicht mag, kritisiert den islam wie das christentum, den buddhismus und das judentum als falsche sinngebung des bestehenden. das problem bei solchen bahamas-antiDs ist doch, dass sie dieses allgemeine falsch bestimmen, indem sie es mit den besonderen ausformungen des islamismus kurzschließen/ineinssetzen.

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  10. „Publikative=Dreck“
    Sie haben wohl gar nichts verstanden, oder ? Kann das vielleicht daran liegen, dass die Berichterstattung wie auch die Kommentare „nicht“ in Fäkalsprache verfasst sind ?

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