Der gescheiterte Antifaschismus der SED: Rassismus in der DDR

Berlin, 40. Jahrestag DDR-Gründung, Ehrengäste
Warum hat es nach der Wiedervereinigung besonders in Ostdeutschland eine Welle der rassistischen Gewalt gegeben. Weil die Jugend einfach orientierungslos gewesen sei, wie es bisweilen relativierend heißt? Oder weil die „braunen Rattenfänger“ aus dem Westen kamen? Oder vielleicht eher, weil die rassistische Gewalt in der DDR weit verbreiteter war, als gemeinhin bekannt?
Von Harry Waibel*

Seit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten sehen wir uns mit einer rassistischen Revolte konfrontiert, deren Ziel es ist, elementare demokratische Werte, wie z. B. Menschen- und Bürgerrechte, aufzuheben. In den neuen Bundesländern gibt es – relativ gesehen – eine 2- bis 3-mal höhere Zahl rassistischer Angriffe als in den westlichen Bundesländern. In Berlin weisen die östlichen Bezirke im Verhältnis zu den Bezirken im Westen eine ähnliche Schieflage auf. Diese Tatsachen benötigen eine Erklärung, die in der Historie der rassistischen Bewegungen der DDR und BRD zu finden sind, doch ist eine anhaltende Verharmlosung und Verleugnung des Rassismus bis heute zu konstatieren.

Unveröffentlichte Archivmaterialien

Die Erkenntnisprozesse entwickelten sich aus den Einsichten in insgesamt ca. 1.500 unveröffentlichte Archivmaterialien, die als Quellen aus den Archiven des „Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Ministeriums für Staatsicherheit, der ehemaligen DDR“ (BStU) stammen. In der Regel deklarierte der Geheimdienst die Unterlagen als „Geheime Verschlußsache“ (GVS), „Vertrauliche Verschlußsache“ (VVS), „Streng vertrau lich“ (SV) oder „Nur für den Dienstgebrauch“ (NfD) und liefert so auch einen beredten Eindruck zur Funktionsweise politischer Zensur und Manipulation in der DDR.

Die Informationen sind in der Regel in der Hauptabteilung II  (HA II) Spionageabwehr, in der Hauptabteilung IX (HA IX) Zentrale Ermittlungsabteilung, die in allen Fällen mit politischer Bedeutung zuständig war, zu finden. Ebenso war die Hauptabteilung XX (HA XX) Staatsapparat, Kultur, Kirche, Untergrund damit befasst. Die Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG) war als strukturierende Institution für Koordinierungsaufgaben zuständig, sowie für die Übermittlung von Informationen, zu denen auch rassistische Ereignissen subsumiert wurden. Die Übersicht über die organisatorischen Strukturen des MfS zeigt, dass es in der Organisation keine Stelle gab, deren ausschließliche Aufgabe gewesen war, Informationen zu Rassisten zu sammeln und weiterzugeben.

Berlin, vietnamesische Gastarbeiterin
Vietnamesische Gastarbeiterin in der DDR

Insgesamt belege ich über 8.600 neo-nazistische, rassistische und antisemitische Propaganda- und Gewalttaten in der DDR, dabei liegt der Anteil neo-nazistischer Angriffe bei ca. 7.000 Vorfällen, der Anteil antisemitischer Angriffe liegt bei ca. 900 Vorfällen, davon betreffen ca. 145 Vorfälle Schändungen jüdischer Friedhöfen und Gräber und der Anteil der rassistischen Angriffe liegt bei ca. 725 Vorfällen. Personen aus über 30 Ländern waren davon betroffen, es gab unzählige Verletzte und mindestens 10 Personen wurden, zum Teil in Pogromen, getötet.

Das Spektrum der Taten erstreckt sich von Gräberschändungen jüdischer Friedhöfe, über Hakenkreuzschmierereien, über die Ermordung des Mosambikaners Carlos Conceicao (18 Jahre) durch einen rassistischen Mob im September 1987 in Staßfurt (heute Sachsen-Anhalt) bis hin zur Ermordung eines Arbeiters (58 Jahre) im Juni 1990 in Erfurt.

Rassismus gegen „Vertragsarbeiter“

Der latente Rassismus wurde bei der Behandlung ausländischer ArbeiterInnen („Vertragsarbeiter“) sichtbar: Sie wurden zu den unbequemsten und schmutzigsten Arbeiten gezwungen, gegen die sie sich wieder und wieder mit Streiks zu wehren wussten. So kam es beispielsweise zwischen 1975 und 1976 in acht Betrieben von ca. 600 Algeriern zu mehreren Arbeitsniederlegungen aus politischen und ökonomischen Gründen. Der latente Rassismus manifestierte sich in der Regel gegen diejenigen,die auf Grund äußerer Attribute als Nicht-Deutsche wahrgenommen werden konnten. Sie wurden von rassistischen Mobs in Selbstjustizmit brutaler Gewalt verfolgt und die Opfer dieser pogromartigen Angriffe auf Leib und Leben waren vor allem Algerier, Mosambikaner, Kubaner, Polen, Ungarn und Tschechoslowaken. Zu den Opfern gehörten auch Soldaten und Offiziere der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte (GSSD), die zu bevorzugten Zielen der Rassisten wurden.

In Erfurt wurden im August 1975 mehrere algerische Arbeiter von Rassisten angegriffen. Die pogromartigen Ausschreitungen, sie dauerten drei bis vier Tage, begannen mit dem Ruf „Schlagt die Algerier tot“. Danach wurden Algerier von einem rassistischen Mob durch die Stadt gehetzt. 50 bis 60 deutsche Rassisten verhinderten, dass Algerier zu ihrem Wohnheim kommen konnten. Daraufhin geleiteten Sicherheitskräfte die Algerier in das Gebäude der Post und führten sie durch den Hintereingang zum verdeckten Abtransport zum Wohnheim. Mittlerweile war die Anzahl der Angreifer vor der Hauptpost auf ca. 150 bis 300 Personen angewachsen und es wurde gerufen: „Gebt die Algerier raus“, „totschlagen“, „aufhängen“, „Deutsche raus – Algerier in Ketten“ oder„schlagt die Bullen tot“.

Als der rassistische Mob mit Gewalt in das Gebäude einzudringen versuchte, löste die Volkspolizei die spontane Versammlung mit Schlagstöcken und dem Einsatz von Hunden auf. Insgesamt wurden 19 Personen vorläufig festgenommen. Am nächsten Tag hatten sich wieder ca. 150 Personen versammelt und es kam zu „lautstarken und provozierenden Diskussionen“ mit Volkspolizisten. Zur gleichen Zeit wurde vor dem Wohnheim der Algerier eine mit Stöcken bewaffnete Gruppe von Rassisten von der Volkspolizei aufgelöst und fünf „Rädelsführer und Rowdys“ wurden vorläufig festgenommen. Diesen Pogromen gingen in den Monaten Juni und Juli 1975 in Gaststätten und bei Tanzveranstaltungen, mehrere tätliche Auseinandersetzungen zwischen Deutschen, Algeriern und Ungarn voraus.Die nationalistische und rassistische Hetze (z. B. „Ihr schwarzen Schweine, haut ab nach Hause“) richtete sich als erstes gegen Algerier (Muslime), ging republikweit weiter und führte dann zum fast vollständigen Rückzug der algerischen Arbeiter aus der DDR durch die algerische Regierung.

Ideologische Faschismus-Analyse

Seit diesen Ereignissen gab und gibt es bis in die Gegenwart hinein in der Stadt Erfurt und ihrer Umgebung immer wieder rassistische bzw. anti-semitische Angriffe. Die Ursachen für diese Entwicklung sind komplex – und dazu gehören sowohl die mangelnde Ent-Nazifizierung, also der große Frieden mit alten Nazis, die als Funktionseliten beim Aufbau und der Verwaltung des Staates und der Gesellschaft der DDR dringend gebraucht wurden. Desweiteren ist es der Antifaschismus der SED, der den Faschismus nicht als rassistisches Projekt betrachtete, von dem die Masse der deutschen Bevölkerung  berührt worden sei. So beschloss der 3. Parteitag der SED im Juli 1950, dass die Wurzeln für Faschismus und Rassismus „mit Stumpf und Stiel aus gerottet“ worden wären. Was für ein grandioser Irrtum!

Noch im Jahr 1986 verharmloste der Minister für Staatssicherheit (MfS), Erich Mielke, den Neo-Nazismus in der DDR als „Wichtigtuerei“. Anfang des Jahres 1988 erklärte die Hauptabteilung I des MfS solche Vorgänge damit, dass es sich hier nicht um „ideologische Positionen“ handeln würde, sondern um unkritisch wie der gegebene Tendenzen aus dem feindlichen Westen. Am 11. August 1989 behauptete die staatliche Nachrichtenagentur ADN, Informationen über neo-nazistische Tendenzen in der DDR wären „purer Unsinn“.

*Harry Waibel ist Historiker und Autor. Seine Themenschwerpunkte sind Rechtsextremismus und Antisemitismus in der DDR sowie Rassismus in Deutschland von 1945 bis zur Gegenwart. 2014 erschien sein Buch: „Der gescheiterte Anti-Faschismus der SED. Rassismus in der DDR.“ Frankfurt am Main: Peter Lang Internationaler Verlag der Wissenschaften

10 thoughts on “Der gescheiterte Antifaschismus der SED: Rassismus in der DDR

  1. die bundesrepublik ist in diesem punkt keinen deut besser! die parallelen, die beide deutsche staaten in diesem punkt aufwiesen werden hier leider völlig außer acht gelassen. mir kommt es so vor, als wenn hier wieder mal einseitig gegen die ddr gehetzt werden soll.

    1. Es geht in diesem Artikel ja eigentlich auch explizit um die DDR – nicht um die Bundesrepublik!

      Ich muss allerdings anmerken, dass in der Wendezeit nach meinem Umzug von Erfurt nach Lübeck an meinem neuen Wohnort Fremdenfeindlichkeit in Form von Alltagrassismus im Gegensatz zu meinem DDR Leben nur noch eine Randerscheinung war. Wenn ich im Westen auf Rassisten getroffen bin, waren sie häufig als solche zu erkennen. Bei öffentlichen Anfeindungen gab und gibt es eine couragierte Zivilgesellschaft, die in den meisten Fällen bereit ist einzuschreiten.

      In der DDR war die Fremdenfeindlichkeit latent. Man wurde allgemein von Nachbarn gemieden, die Türen im Konsum wurden einfach mal vorübergehend geschlossen oder Passanten haben die Bürgersteigseite gewechselt. Der Rassismus in der DDR erschien mir als stille Übereinkunft. So wie in Staaten mit homogenen Mythos wie Japan. Fidschiklatschen war zwar Ende der 80er Jahre auch in Drosselberg gang und gebe, jedoch drang dies nie an die Öffentlichkeit.

      Anektdotische Evindenz, keine Frage! Aber ich freue mich als ehemaliger Vertragsarbeiter, dass dieses Kapitel nun auch wissenschaftlich untersucht wird.

      Dies hat natürlich für manche DDR-Romantiker den üblen Nachgeschmack, dass der Mythos des antifaschistischen Superstaates auf deutschem Boden hinterfragt wird.

  2. Die mangelnde Entnazifizierung fällt als Argument zusammen, wenn man den Vergleich zu Westdeutschland zieht: Wo es in der DDR nach 1945 einen echten gesellschaftlichen und hierarchischen Bruch gab, bestand im Westen ausgesprochene Elitenkontinuität sowohl in der Wirtschaft, wie auch in den Verwaltungsapparaten und dem Justizwesen.
    Ich denke eher, dass gesellschaftlicher Rassismus sich in der hierarchischen Marktordnung des Westens durch ökonomische und soziale Marginalisierung der Gastarbeiter zeigte, während das Kapital auf deren Ausbeutung dringend angewiesen blieb.
    In der verordneten Klassenlosigkeit und Gleichheit des Ostens konnten sich rassistische Einstellungen und Affekte dagegen nur durch gewaltsame aktive Ausgrenzung Bahn brechen.

    1. Diese Analyse ist leider von Grund auf falsch! Sie geben damit lediglich das „antifaschistische“ Selbstverständnis der SED wieder, wonach alleine die BRD eine historische Verantwortung für den Nationalsozialismus trägt und Rassismus im sozialistischen Deutschland nicht existierte. Dabei verkennen Sie jedoch vollends die politische und gesellschaftliche Realität im damaligen SED-Staat, die in großen teilen bei weitem rassistischer als diejenige der BRD war.

      Wo Sie schon die Marginalisierung von Gastarbeiter*innen in der BRD bemühen, möchte ich an dieser Stelle gerne noch mal auf den Umgang der DDR mit ihren Gastarbeiter*innen aus den sozialistischen „Bruderstaaten“ verweisen:

      Zitat Bade/Oltmer (2004):
      „Im Falle von Schwangerschaft […] galt die Alternative von Abtreibung oder Abschiebung […]. Erst kurz vor der Wende wurde diese Vereinbarung modifiziert. Seitdem wurde es z.B. vietnamesischen Frauen in Ausnahmefällen gestattet, ihre Kinder in der DDR auszutragen – sofern der Betrieb zustimmte“ (http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/56368/migrationspolitik-in-der-ddr?p=all).

      Oder auch Poutrus (2005: 12):
      „Nur polnische Frauen durften in der DDR entbinden, während sonst die Alternative von Abtreibung oder Zwangsrückkehr galt. Erst in den
      letzten beiden Jahren der DDR bemühten sich die DDR-Behörden um Einvernehmen mit den Schwangeren. Viele Beziehungen scheiterten an der staatlichen Willkür, manche deutsche Frau verleugnete gar den ausländischen Vater ihres Kindes, um diesem Schwierigkeiten nach der Rückkehr ins Heimatland zu ersparen. Wenngleich dieser staatliche Druck auf binationale Beziehungen Ausdruck der generellen Politisierung eines jeden Auslandskontakts war: De facto bestätigte er bestehende rassistische Vorbehalte. Ein unbefangenes Verhältnis zu den Vertragsarbeitern zu entwickeln war unter den Verhältnissen der DDR schwer, wenn nicht unmöglich. So wurde deren Bild zunehmend von der Versorgungskrise bestimmt, die Vertragsarbeiter wurden zu Sündenböcken für die Mangel- und Misstrauensgesellschaft der späten DDR“ (http://www.zeithistorische-forschungen.de/sites/default/files/medien/material/migrationen_poutrus.pdf).

      Wie Sie sehen, war die Abwesenheit von Rassismus in der DDR eine reine Erzählung. Jede*r der diese Erzählung heute noch bemüht, relativiert – wissentlich oder unwissentliche – den eklatanten Rassismus, der sich damals in Politiken wie dem Abtreibungszwang für ausländische Vertragsarbeiterinnen geäußert hat. Es ist aus meiner Sicht ein Unding, dass dementsprechende Praktiken von DDR-Beschöniger*innen bis heute geleugnet werden – wie zuletzt wieder geschehen auf einer Podiumsdiskussion mit deutschen Nord- und Südvietnames*innen, der ein vietnamesischer Verwandter von mir beiwohnte, um sich dort von deutschen Teilnehmer*innen sagen lassen zu müssen, dass es diese Politiken nicht gab… Das sind mir die wahren Antifaschist*innen, die Rassismus nur im Zusammenhang mit Kapitalismus kritisieren und meinen, dass sich Antirassismus in (Lippen-)Bekenntnissen erschöpft!

  3. „Dabei verkennen Sie jedoch vollends die politische und gesellschaftliche Realität im damaligen SED-Staat, die in großen teilen bei weitem rassistischer als diejenige der BRD war.“
    Das es Rassismus in der DDR gab, ist unbestritten, aber bei weitem rassistischer als die BRD? Man muss sich nur den Umgang in der BRD mit Sinti und Roma anschauen, um dieses Urteil fragwürdig zu finden: http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Utopie_kreativ/175/175.pdf
    Ab Seite 63/445

    1. Was die (Nicht-)Verfolgung der NS-Verbrechen angeht, stimme ich Ihnen zu, dass die BRD hierbei – wenn nicht sogar schlechter – keinen Deut besser dastand (und dasteht…).

      Die in dem Wippermann-Text zitierte Entscheidung des BGH aus dem Jahr 1956, wonach für die Deportation und Ermordung der Sinti und Roma „nicht »rassenideologische Gesichtspunkte«, sondern die […] »asozialen Eigenschaften der Zigeuner« maßgebend gewesen seien“ (http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Utopie_kreativ/175/175.pdf S. 457), war mir tatsächlich neu und hat mein Bild von der Nachkriegs-BRD noch weiter getrübt (um es sehr sachte auszudrücken). Dieser Satz ist an geschichtlicher Ignoranz und rassistischen Ressentiments tatsächlich kaum zu übertreffen.

      Allerdings scheint mir, dass die DDR in Bezug auf die Verfolgung der Verbrechen an den Sinti und Roma (zumindest quantitativ) auch nicht besser dastand als die BRD. So heißt es in einem Wikipedia-Eintrag zu dem Thema (http://de.wikipedia.org/wiki/Porajmos#Strafverfolgung):

      „Nur etwa ein Fünftel der jeweiligen Verfahren bezog sich auf den Genozid an der jüdischen Minderheit, eine völlig marginale Bedeutung hatte in beiden Staaten der Genozid an der Roma-Minderheit. Verbrechen an Roma waren im Westen gerade 27mal, im Osten viermal Gegenstand einer Hauptverhandlung“.

      Ich will jetzt keine Zahlenschlacht eröffnen und kann auch nicht einschätzen, welcher der beiden deutschen Staaten in der Strafverfolgung der NS-Verbrechen letztendlich noch schlechter dastand als der andere, aber ich denke wir sind uns ja einig, dass sich weder die BRD noch die DDR dabei als Vorkämpferinnen des Antirassismus hervorgetan haben. Dass die rassistischen Morde der Nationalsozialist*innen in Urteilen bundesrepublikanischer Gerichte sozusagen noch offiziell gerechtfertigt wurden, war mir wie gesagt bis heute nicht bekannt und falls das nur in der BRD der Fall war, muss ich mein Urteil tatsächlich ein Stück weit revidieren (zumindest der Ausdruck „bei weitem rassistischer“ war dann unangebracht).

      Der Abtreibungszwang für die ausländischen Vertragsarbeiter*innen in der DDR ist aus meiner Sicht aber trotzdem eine rassistische Spitze, die so in der BRD nicht möglich gewesen wäre (alleine aufgrund des Grundgesetzes). Ich will mich jetzt aber auch nicht als Experte in dieser Frage aufspielen und empfinde es letztendlich als müßig, beim historischen Vergleich von BRD und DDR einen Überbietungs-Wettbewerb in Sachen Rassismus zu veranstalten (zugegeben: Ich hab selbst damit angefangen). Ob sich die eine Seite jetzt noch schuldiger als die andere gemacht hat, ist mir (als Nicht-Historiker) im Grunde genommen egal. Ich kann nur weder nachvollziehen noch gutheißen, dass sich viele Zeitgenoss*innen, die sich generell eher links einordnen, in Sachen Rassismus plötzlich als blind erweisen, wenn es mal ausnahmsweise um – qua Selbstdefinition – „sozialistische“ Staaten geht.

      1. Ich wollte garnicht behaupten, dass es in der DDR keinen Rassismus gab bzw.geben konnte. Ich halte Rassismus und Ausgrenzung für psychosoziale Affekte, mit denen soziale Gruppen auf Krisensituationen, Unsicherheit oder Marginalisierungserfahrungen reagieren. Deswegen halte ich aber auch die Einleitung des Artikels.“Warum hat es nach der Wiedervereinigung besonders in Ostdeutschland eine Welle der rassistischen Gewalt gegeben. […] Oder vielleicht eher, weil die rassistische Gewalt in der DDR weit verbreiteter war, als gemeinhin bekannt?“ für irreführend. DIese legt ja nahe das Rassismus nach 1989 auftrat, weil er schon immer in der DDR „verbreitet“ war, wie ein Virus oder Ähnliches. Rassismus und Nationalismus als Krisenphänomen dagegen trat in vielen postsowjetischen Gesellschaften auf. Auch oder besonders da, wo Ethnopluralismus zur offiziellen Staatsdoktrin gehörte, wie in (Ex-) Jugoslawien.

  4. Meine erste Begegnung 1989 als Wessi mit den damals schon in der ehemaligen DDR gepflegten Vorurteilen gegen Ausländer war… beeindruckend. Es waren LPG Arbeiter die sich in deutscher Gutmenschen Manier über „Polaken“ und „Fidschis“ ereiferten. Aber wie! Zu dieser Zeit hatte ich im Westen lange schon keine vergleichbar flachen Meinungen mehr ertragen müssen, jetzt sind sie auch hier wieder salonfähig wie nie zuvor. Die wenig zurückhaltende und selten selbstkritische Art Ostdeutscher Gutmenschen gegenüber Minderheiten und Andersdenkenden hat sich schnell verbreitet, fiel natürlich auch bei den Dumpfbürgern im Westen auf fruchtbarsten Boden und wurde zum beliebten Stilmittel der neoliberalen Kriegstreiber und anderer Profiteure. Allen voran aber sind immer noch die willigsten aller „Werkzeuge“ des US Kapitals: Die ehemals unbeachteten, stets meinungslosen Mitläufer und Blockflöten des Systems DDR, wie Merkel und Gauck, jetzt „Vorbilder“ und „Leitfiguren“ für alle Menschen in der BRD. Man möchte kotzen!

    Es gab tatsächlich mal die Hoffnung der westlichen demokratischen Sozialisten (nein, das ist nicht die SPD!), das durch die Wiedervereinigung soziale, demokratische und antifaschistische, antinationalistische Bewegungen im Westen einen länsgst nötigen Auftrieb erfahren. Das ist niemals geschehen, diese Stimmen, auch aus dem Osten, die unter anderem einen zweiten, demokratischen deutschen Staat neben der BRD forderten, wurden vom Kapitalismus billig gekauft; Für 100 Mark pro Bürger, das war spottbillig und mündete in dem größten je da gewesenen, meist betrügersischen Transfer von Steuermitteln in private Hände der bis jetzt kein Ende gefunden hat.

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