„Homophobie nicht zwangsläufig menschenverachtend“?

Schlecht gemeint und schlecht gemacht: Die Sendung „horizonte“ im HR-Fernsehen zur ARD-Toleranzwoche übertraf noch die ärgsten Erwartungen. Heraus kam ein Sittengemälde eines verunsicherten Bürgertums, das sich realen gesellschaftlichen Fortschritt trotzig verweigern will. 

Von Patrick Gensing und Andrej Reisin

Bereits in der vergangenen Woche haben wir uns über einige Motive der Werbekampagne zur ARD-Themenwoche Toleranz gewundert, die Vorurteile und Diskriminierungen eher zu bestätigen als zu hinterfragen schienen. Auch die Ankündigung einer Talkshow des HR mit dem Gast Matthias Matussek, der seit einiger Zeit eher durch Intoleranz gegenüber Schwulen und anderen Minderheiten auffällt – und für eine nicht gerade tolerante, erzkatholische Wert- und Morallehre streitet, machte uns stutzig. Nachdem die Sendung „horizonte“ ausgestrahlt worden war, waren wir zunächst eher sprachlos. Doch damit ist es nicht getan.

Wo soll man anfangen? Vielleicht einfach chronologisch bei der Anmoderation, in der Moderator Meinhard Schmidt-Degenhard im Brustton der Überzeugung verkündet: „Komme mir bitte keiner und sage, Deutschland sei kein tolerantes Land. Im Gegenteil! Wer, wenn nicht wir?“ Bemerkenswerterweise widerspricht sich Schmidt-Degenhard bereits einen Satz später, indem er ebenso überzeugt kund tut, ihm „gehe der Tanz um die Toleranz ziemlich auf den Geist“. Einerseits ist Deutschland also das toleranteste Land der Welt, aber wehe einer sagt was anderes. Dann ist offenbar Schluss mit lustig. Obwohl damit eigentlich schon der Rest der Sendung gekonnt zusammengefasst wäre, geht es jetzt erst richtig los. Schmidt-Degenhard setzte die Leidensmiene auf und fragt: „Was müssen wir nicht alles tolerieren?“ Völlig unklar bleibt, ob Schmidt-Degenhard hier versucht, in der Bevölkerung vorhandene Emotionen aufzugreifen und wiederzugeben – oder es einfach seine eigenen Plattitüden sind. Nichts wird eingeordnet, der Toleranz-Überdruss erklärt sich offenbar von selbst.

Was folgt, ist einer der bemerkenswertesten Einspielfilme, der in den letzten Jahren in einer Talkshow im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen zu sehen gewesen sein dürfte. Zunächst sieht man einen Ausschnitt aus einem Zeichentrickfilm, der bei Kindern für die Akzeptanz von Fremden werben soll. Es folgen Kanzlerin Merkel, Bundespräsident Gauck, die Grünen-Politikerin Claudia Roth, die alle jeweils hart aneinander geschnitten „Toleranz“ sagen. Roth gleich dreimal, damit sich auch wirklich alle Zuschauer erinnern, welche „Gutmenschen“ besonders nerven mit dieser ewigen Toleranz.

Die gute alte Zeit

Anschließend läuft in dem Filmchen der Schlager-Hit „Ein bisschen Frieden“, dazu sehen wir eine Gruppe junger Menschen zu Besuch bei Joachim Gauck im Schloss Bellevue. Die Gruppe ist bunt gemischt, erkennbar am Kopftuch, das hier ebenso wie Hautfarbe als Marker eingesetzt wird. Als nächstes ist die Eurovisions-Gewinnerin Conchita Wurst zu sehen, im Hintergrund dudelt wie als perfider Gegensatz aber nicht „Rise like a Phoenix“, der Gewinner-Song der österreichischen Dragqueen, sondern weiter Nicole – aus einer Zeit, als beim Grand Prix noch anständige Mädchen harmlose Liedchen über die Sehnsucht nach Frieden trällerten. Für die harte Politik waren hingegen noch echte Männer zuständig.

Und heute? Da muss sich, wie in dem Einspielfilm gezeigt wird, eine Kanzlerin mit dem Zentralrat der Juden beschäftigen, weiterhin sind betende Muslime zu sehen, eine Gruppe schwuler Männer beim CSD und der Fußballspieler Thomas Hitzlsperger, der sich nach seiner Karriere als schwul outete. Dass er damit genau nicht ein Symbol „grenzenloser gesellschaftlicher Toleranz“ ist, weil als aktiver Profifußballer eben nicht offen schwul leben konnte, scheint der Redaktion nicht einmal aufgefallen zu sein. Anschließend wechseln sich Szenen von der Frankfurter Börse ab mit einer Gruppe von Männern, die auf der Straße an einer Hauswand lehnen. Und dann folgen Altkanzler Helmut Schmidt beim Rauchen und schließlich Edmund Stoiber – mit einem erneut schnell geschnittenen „Toleranz“-Stakkato. Selbst große alte Haudegen wie Stoiber müssen sich dem Zeitgeist und dem Terror der politischen Korrektheit beugen, so offenbar die Botschaft.

Der Sprechertext textet auf diese Bilder, beginnend mit dem Empfang der Gruppe beim Bundespräsidenten und endend mit Helmut Schmidt:

„Sind wir nicht längst das toleranteste Land der Welt? Schmeißen bewährte Ansichten über Bord, alle sollen machen, was sie wollen. Wir finden es gut – egal, ob beim schwulen Fußballprofi oder den Zockern von der Börse. Bei denen, die den ganzen Tag herumlungern oder bei dem, der qualmt, ohne zu fragen, ob er darf.“

Es ist schon eine reife Leistung, in so einen kurzen Film so viele Stereotype und Unbehagen über die Moderne zu verpacken. Doch dabei bleibt es nicht; nach „unser“ strapazierten Toleranz folgt der Bruch – und es kommen die zum Zuge, die sich nicht von rauchenden Sozen, Schwulen oder Muslimen auf der Nase herumtanzen lassen wollen: Pöbelnde Mitglieder der „Berserker Pforzheim“ schreien „Leck mich am Arsch“ und „Scheiß Islamisten“ in die Kamera. Es sind Bilder von der Hooligans-gegen-Salafisten (HoGeSa)-Demo in Köln. Die besoffenen Hools dürfen sich über reichlich Verständnis freuen, man könnte auch sagen: Toleranz. Der Sprechertext fragt: „Doch wie lange geht das gut? Was brodelt unter der Oberfläche? Geht der Schuss nach hinten los?“ Dann folgt erneut die Kanzlerin, die noch einmal Toleranz und „Offenheit von Mensch zu Mensch“ beschwört – vor dem Hintergrund der direkt zuvor gezeigten Hassbilder offenbar ein ironisch gemeinter Schnitt, unterlegt mit sphärischer Sakralmusik.

"Kategorie C" in Köln. In Hannover ist der Auftritt unsicher, Foto: Felix M. Steiner
Sarrazin auf prollig – Hools gegen Salafisten in Köln, Foto: Felix M. Steiner

Gruppen von Menschen, in denen es offensichtlich auch „Nicht-Arier“ gibt, eine erfolgreiche Dragqueen, Juden, Muslime, schwule Männer und (offenbar als Steigerung?) schwule Fußballprofis, ein rauchender Altkanzler und die „Zocker von der Börse“ – diese Gruppen (von der bizarr eingesetzten Einzelperson Helmut Schmidt einmal abgesehen) werden als Herausforderung „unserer“ Toleranz präsentiert. Die filmische „Antwort“ liefern dann die HoGeSa-Aktivisten, die symbolisch dafür stehen sollen, dass es womöglich nicht mehr lange „gut gehen“ könnte, dass da unter der Oberfläche der falschen oder verlogenen Toleranz der Zivilgesellschaft etwas „brodelt“, was „nach hinten losgehen könnte“ – trotz der Predigten der Toleranz-Apostel.

„Ende der Utopie namens Multikulturalismus“

Nazi-Hools als Vollstrecker des Überdrusses gegen den „Tanz der Toleranz“, der auch dem Moderator in seiner Anmoderation „ziemlich auf den Geist geht“. Das erinnert an einen Kommentar aus der FAZ, in dem Jasper von Altenbockum die Ursache für rassistischen NSU-Terror mit “einer Minderheit von Muslimen” in Verbindung gebracht hatte, die sich nicht integrieren wolle. Und auch das war natürlich kein Ausrutscher: Zum 20. Jahrestag der rassistischen Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen hatte die Frankfurter Allgemeine Zeitung bereits bewiesen, dass die rechtsoffene Flanke des deutschen Konservatismus keine Erzählung aus der Vergangenheit ist.

In seinem Kommentar machte wiederum von Altenbockum aus dem rassistischen Mob ein Fanal der Vernunft gegen eine vermeintlich verfehlte Asylpolitik. Für den FAZ-Redakteur markierten die Ausschreitungen und Mordanschläge Anfang der 1990er das „Ende der Utopie namens Multikulturalismus“:

Die Exzesse gegen Asylbewerberheime Anfang der neunziger Jahre, denen Mordanschläge wie in Mölln und Solingen folgten, markierten das Ende der Utopie namens Multikulturalismus. Sie war gerade erst geboren worden und trug schon den Keim des Scheiterns in sich. Die Vision einer neuen Gesellschaft, in der die alten, spießigen Bürger keinen Platz mehr haben sollten, wirkte im Osten doppelt fatal.

Auch hier wird die Ursache der rassistischen Gewalt nicht im Rassismus gesehen, sondern sie wird der “Multikulti-Ideologie” untergeschoben. Und so hat rassistische Gewalt für von Altenbockum offenbar eine positive Funktion – so wie ein reinigendes Gewitter:

Erst ‚Lichtenhagen‘ brachte manche dieser Sozialalchimisten zur Besinnung. Erst der ‚Asylkompromiss‘ des Jahres 1993, erst die Änderung des Grundgesetzes und erst die Regulierung der bis dato mehr oder weniger schrankenlosen Einwanderung haben es möglich gemacht, in die Nähe eines gesellschaftlichen Konsenses über Rechte und Pflichten in einem Einwanderungsland zu kommen – ja, erst einmal darüber, ob Deutschland überhaupt ein Einwanderungsland ist oder nicht.

Und heute sind es die HoGeSa, die beim „Tanz um die Toleranz“ nicht mehr artig mitwippen wollen und „endlich“ eine „ehrliche“ Debatte über die Toleranz ermöglichen?

Und der bedrohten Spezies des „alten, spießigen Bürgers“ wurde in der Sendung horizonte reichlich Raum gegönnt. Denn nach Anmoderation und Einspieler durfte der Publizist Matthias Matussek in den folgenden 30 Minuten noch ausführlich nachlegen. Um den Umfang des Artikels nicht endgültig zu sprengen, soll auf Matusseks Ergüsse nicht ausführlich eingegangen werden, es waren seine erwartbaren und üblichen Textbausteine.

„Homophobie nicht zwangsläufig menschenverachtend“

Mathias Matussek in "Horizonte" (Screenshot)
Hatte sich kürzlich als „homophob“ bezeichnet: Matthias Matussek (Screenshot Horizonte).

Die tapfer kämpfende Ellen Ueberschär hatte deutliche Mühe, zivilgesellschaftliche Basics gegen Matusseks aufgeregte und stellenweise wütende Ausführungen und einen scheinbar mit ihm sympathisierenden Moderator zu verteidigen. Mehr als einmal musste sie die beiden daran erinnern, um was es bei der „Toleranz“ gegenüber Schwulen geht: um „Menschenrechte“ und „Menschenwürde“. Auch die Erkenntnis, dass der Islam zu Deutschland gehöre, weil hier nun einmal Millionen Muslime leben, schien eine intellektuelle Überforderung für ihren Kontrahenten darzustellen.

Dass das Unbehagen, das wir und viele andere angesichts der Sendungsankündigung hatten, völlig berechtigt war, bestätigte Redaktionsleiter Schmidt-Degenhard im anschließenden Chat zur Sendung, in dem er auf Kritik unter anderem entgegnete, „meines Wissens ist Homophobie nicht zwangsläufig menschenverachtend.“ (sic!)

Womit wir dann beim Kern des Problems angekommen wären: Wenn dem Moderator Homophobie „nicht zwangsläufig menschenverachtend“ erscheint, ist Matussek natürlich auch niemand, der sich außerhalb des zivilgesellschaftlichen Konsens bewegt. Selbstverständlich kann es 2014 nicht mehr Standard sein, dass zwei äußerst prominente Repräsentanten der Mehrheitsgesellschaft plus Moderator nur „über“ Schwule und Muslime reden, ohne dass die betreffenden Gruppen eine Chance erhalten, für sich selbst zu sprechen. Zumal dann, wenn einer der geladenen Gäste auch noch massiv auf deren Gefühlen herumtrampelt und ihnen offenkundig zum Teil schlichtweg Grundrechte vorenthalten will.

Doch das Bundesverfassungsgericht hat in den letzten Jahren immer wieder in einzelnen Punkten entschieden, dass die homosexuelle Lebenspartnerschaft der Ehe gleichzustellen sei, steuerrechtlich, im Hinblick auf das Adoptionsrecht und das Familienrecht. Eine vollständige formale Gleichstellung der hetero- und homosexuellen Ehe ist daher längst überfällig – und es ist eines der großen gebrochenen Wahlversprechen der SPD, dass ihr dieser Punkt bei den Koalitionsverhandlungen mit der Union im Ergebnis schlichtweg egal war.

Bemerkenswert ist, dass eine so konzipierte Sendung ausgerechnet im Rahmen der ARD-Toleranzwoche läuft – und dass die im Vorfeld kritisierte Ankündigung alles andere als ein Ausrutscher oder Versehen war. Äußerst präzise wurde die Perspektive der Sendung vorweggenommen und beschrieben: Der kleine Mann, der in der Kantine zwei Minuten auf sein Schweineschnitzel warten muss, weil irgendeine Kopftuch-Else wegen religiöser Sitten aus dem Morgenland nervt. Der kleine Mann, der sich angewidert wegdreht, wenn sich zwei Männer trauen, in der U-Bahn ein paar Zärtlichkeiten auszutauschen.

Das Potpourri der „Feindgruppen“

Konsequent wird diese Perspektive des bedrohten deutschen, männlichen „Normalbürgers“ durchgehalten, der auch beim Thema Sex nicht mehr weiß, woran er ist. Irgendwie ist überall Sex, aber er bekommt immer zu wenig davon ab. Käuflicher Sex, Prostitution, schwule Darkrooms im Frankfurter Bahnhofsviertel, irgendwie ist alles dasselbe – und kaum durchschaubar. Als Höhepunkt eines weiteren horizonte-Einspielfilms kommt ein angetrunkener Mann vor einer Bar im Rotlichtbezirk zu Wort, der mit dem Autor bei einer Flasche Bier darüber sinniert, ob Toleranz nicht auch bedeute, dass Männer Frauen nun mal nach dem Schema „die ist geil, die auch, und die auch“ bewerten. „Aber sie geben es nicht zu!“, empört sich das verhinderte Alphamännchen schließlich – verdammte feministische Nervensägen.

Es fehlt bei diesem merkwürdigen Moral-Aufguss des 50er-Jahre-Miefs eigentlich nur noch der Beamte der Sittenpolizei, der aber kumpelhaft ein Auge zudrückt, weil auch er genau weiß, wie hart das Los der Männer heutzutage ist. Mit spielerischer Lust auf verschiedenartige Sexualität und Offenheit für Veränderungen hat das alles auf jeden Fall wenig zu tun, auch wenn es unverkrampft daherkommen soll.

Auf den Schlussakkord zum Feindbild Börsenspekulant gehen wir nicht mehr ein, darauf konnte sich selbst Matussek kaum einen Reim machen. Die Themenzusammenstellung war einfach ein erratisches Potpourri, das sich an den vermuteten „Feindgruppen“ des Mehrheitspublikums orientierte:  Schwule, Migranten, Muslime, Sozialschmarotzer, Emanzen, Spekulanten. Die bedrohlich formulierte Anfangsfrage, ob „der Schuss nicht bald nach hinten losgeht“ gibt die Leitidee wieder: diesen Vorurteilen „breiten Platz und Raum“ einzuräumen, damit das Publikum nicht auf die Idee kommt, „Volksverräter“ zu brüllen und auf HoGeSa-Demos zu gehen. Doch diese „Taktik“ wird nicht funktionieren.

Das Reden über andere

Denn das das Reproduzieren von Stereotypen, das abwertende Reden über andere, die nicht anwesend sind, taugt nicht dazu, Ressentiments abzubauen. Vielmehr werden Vorurteile so erst recht perpetuiert, weil der mit solchen vor dem Fernseher sitzende Zuschauer sich dadurch bestätigt fühlt, dass seine Ressentiments „endlich auch mal im Fernsehen“ offen ausgesprochen werden. Dass es in Gestalt von Ellen Überschär auch eine marginalisierte Gegenstimme gab (gegen „provokante“ Ankündigung, „provokante“ Moderation, „provokante“ Einspieler und Matussek), spielt für die verstärkende Wirkung kaum noch eine Rolle. Denn bei solchen „Gutmenschen“ hört der Wutbürger einfach weg, zumal wenn ihm vorher mit Claudia Roth als dreifach eingespielte tolerante Nervensäge schon der Weg dazu bereitet wird.

Diversity-Konzepte, an denen wirklich kein Mangel besteht, fanden in dieser Sendung keinen Platz. Vielmehr hielt die Redaktion an der vermeintlichen Provokation fest. Das Ergebnis wirkt wie das Sittengemälde eines „Normalbürgers„, der sich weiterhin konsequent und trotzig dem realen gesellschaftlichen Fortschritt verweigern möchte – und damit zunehmend in Gefahr gerät, ins Reaktionäre abzudriften.

21 thoughts on “„Homophobie nicht zwangsläufig menschenverachtend“?

  1. Also Mein Glaube in die Menschheit sitzt in der Ecke und heult eine Sendung für Toleranz in der man von Toleranz nichts merkt

  2. Was auch immer man von der Sendung halten mag: Nach diesem Artikel wüsste ich nicht, was man noch senden dürfte bzw. wie man es hätte wirklich besser machen können. Selbst in den Nachrichten sollte man wohl immer klar sagen, was gut und böse ist – sich eine eigene Meinung zu bilden auch zu Provokantem, davon hält der Autor offenbar nichts. Mir kommt dabei die „Bewahrpädagogik“ in den Sinn: So nannte man das früher, als man Kindern keine eigene Meinung zutraute und ihnen die Welt vorsortierte. Hier wird das „Provozieren“ kritisiert – allerdings vom Autor selbst praktiziert. Was ist daran grundsätzlich auszusetzen, wenn man selbst Typen wie Matussek reden läßt – solange ihm (sehr wichtig!) jemand contra gibt. Sollte das der Moderator tun? – Nein, sonst wäre er kein „Moderator“. Hat er Partei ergriffen für Matussek? Nein, meine ich – auch wenn ich mir natürlich gewünscht hätte, dass dieser Typ eine „Breitseite“ nach der anderen kriegt. Fairneß zu fordern, aber eigentlich nur einseitige (wenn auch verständliche) Unterstützung für die eigene Meinung zu erwarten, finde ich nicht besonders glaubwürdig.
    Und übrigens: „Homophobie“ ist selbstverständlich per se NICHT menschenverachtend – sie ist eine Phobie, also eine Angst, und damit ein Fall für einen Arzt oder Therapeuten. Natürlich führt sie oft zu menschenverachtenden Äußerungen oder Handlungen, d.h. diese sind meist eine Folge von Homophobie. Arachnophobiker, also wer Angst vor Spinnen hat, verachtet sie nicht zwangsläufig, sondern hat einfach Angst. Da sollte man vielleicht mal nicht nur bei Wikipedia nachgucken… 😉

    1. „Mir kommt dabei die “Bewahrpädagogik” in den Sinn: So nannte man das früher, als man Kindern keine eigene Meinung zutraute und ihnen die Welt vorsortierte.“

      Da sind wir gar nicht so weit auseinander. Wir wollen Sendungen, in denen nicht bereits alles vorgekaut wird und die inhaltliche Richtung vorgegeben wird, wie in dieser Sendung geschehen.

      Und was Ihren Vergleich zwischen Angst vor Spinnen und Aversionen gegen Schwule angeht: Allein dieser Vergleich spricht für sich – zudem gibt es bestimmte wissenschaftliche Begriffe – und wenn Sie schon Wikipedia strapazieren, da steht beispielsweise:

      „Homophobie (von griech. ὁμός homós:[1] gleich; φόβος phóbos: Angst, Phobie) bezeichnet eine soziale, gegen Lesben und Schwule gerichtete Aversion bzw. Feindseligkeit.[2] Homophobie wird in den Sozialwissenschaften zusammen mit Phänomenen wie Rassismus, Xenophobie oder Sexismus unter den Begriff „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ gefasst“

      Gruß
      PG

      1. Sorry, aber Wikipedia habe ich ja grad NICHT „strapaziert“, da sollte man halt mal genauer lesen (und vielleicht genauer hinschauen, bevor man eine Sendung in Grund und Boden stampft!?!).
        Wikipedia taugt nun wirklich nicht als „Beweis“: Schließlich kann da jeder reinschreiben, was er will…richtig wird’s dadurch noch lange nicht! Und was meinen angeblichen Vergleich zwischen „Angst vor Spinnen und Aversionen gegen Schwule“ angeht: Den haben SIE damit gezogen, nicht ich! Ich habe lediglich darauf hingewiesen, dass auch Spinnenangst nicht notwendigerweise heißt, dass man Spinnen verachtet. Denn, nochmal: Eine Angst kann an sich nicht „menschenverachtend“ sein, erst recht nicht „zwangläufig“ – da sollte der vielzitierte gesunde Menschenverstand eigentlich „Beweis“ genug sein.

        Auch Ihre Argumentation bezüglich „vorgekaut und inhaltliche Richtung vorgegeben“ kann ich nicht nachvollziehen – es sei denn, man will es einfach so sehen. Auch ich fand die Sendung nicht besonders gelungen und die Einspieler mitunter fragwürdig – allerdings aus anderen Gründen (wie z.B. das Frankfurter Bahnhofsviertel mit allem, was da an Zwangsprostitution, Menschenhandel etc. passiert, lediglich als Kulisse für einen „Swinger“-Smalltalk zu verwenden…). Was mich jedoch wirklich erstaunt, ist der Eifer und auch manchmal der Haß, mit dem einige versuchen, in dieser Sendung das Böse schlechthin zu sehen! Das finde ich reichlich überzogen – vor allem wenn es um „Toleranz“ geht. Wo bleibt da die Gelassenheit oder gar Souveränität – NICHT gegenüber Schwulenhassern oder Menschenfeinden (natürlich nicht!) sondern gegenüber unterschiedlichen Wegen, etwas zu diskutieren! Denn im Unterschied zu Ihnen hatte ich keine Mühe zu verstehen, was die Sendung wollte (nur leider nicht besonders gut umsetzte): Ausgehend von verschiedensten, leider weitverbreiteten Intoleranzen wollte die Sendung „Toleranz“ diskutieren, jedoch ohne in einen „Wohlfühl-Kuschel-Talk“ zu verfallen nach dem Motto „Ach, was sind wir alle tolerant!“ (sowas kann ja durchaus befürchtet werden, wenn die ARD eine „Toleranzwoche“ einläutet).
        Ich hatte zu keiner Zeit den Eindruck, dass die Sendung rechtes Gedanken“gut“ oder auch nur das krude Weltbild eines Herrn Matussek bewerben wollte – allein so etwas zu diskutieren, bedeutet ja noch lange nicht, es gut zu finden, eher im Gegenteil! Denn viele dumpfe Standpunkte entlarven sich selber, wenn man sie genauer betrachtet bzw. eben diskutiert. Und dieses „Entlarven“ braucht es für viele leider noch – auch wenn’s andere längst begriffen haben und ihnen vieleicht aus diesem Grund eine Diskussion darüber überflüssig erscheint. Aber eben nur überflüssig – nicht gleich verwerflich oder von Grund auf schlecht/böse usw. Das geht mir zu weit und schon in Richtung Zensur oder halt zumindest „Bewahrpädagogik“.

        Klar, schön wär’s, wenn Toleranz (und vor allem Akzeptanz) gar nicht mehr diskutiert werden müsste. Dass wir noch lange nicht so weit sind, wissen sicherlich nicht nur Schwule, sondern alle, die irgendwie „anders“ sind, ob nun Ausländer, Flüchtlinge, behinderte Menschen usw. Oder anders gesagt: Gäbe es nur einen Matussek hierzulande, würde ich Ihnen in (fast) allem Recht geben…aber solange es leider viel zu viele „Matusseks“ gibt, sollte man etwas dagegen tun – aber mit Argumenten (von denen es viele gute gibt), nicht mit Totschweigen oder bloßem Verteufeln, denn das hat noch nie etwas gebracht.
        Also wie soll man’s denn machen, Ihrer Meinung nach?
        Die Zuschauer bei ihren eigenen Vorurteilen abzuholen, finde ich nicht verwerflich – lediglich die Ausführung dieser Absicht fand ich diesmal auch nicht überzeugend. Aber solche Versuche sind mir (trotz Bauchschmerzen) dennoch lieber als braver Mainstream-„Journalismus“, keimfrei und politisch „korrekt“. Davon gibt’s mehr als genug – und auf der anderen Seite die BILD-Zeitung etc., na klasse! Für mich ist da die Absicht entscheidend – und an der habe ich, wie gesagt, nicht gezweifelt.

        Was ich außerdem besonders bedauerlich finde: Die ganze Aufregung über diese Sendung wird dazu führen, dass noch weniger versucht wird in den Redaktionen bzw. dass die Verantwortlichen in den Sendern ihre Redakteure noch mehr an die Kandarre nehmen als ohnehin schon. Das ließe sich vermeiden, wenn differenzierter geurteilt würde, genauer hingeschaut, und z.B. nicht Form und Inhalt, Absicht und Wirkung etc. in einen Topf geworfen würden, so hoffe ich zumindest.

        1. Jaja, Homophobie ist eine pathologische Angsterkrankung und Mutterkuchen eine Backware. Klassischer etymologischer Fehlschluss.

    1. Ein guter Artikel von P. Gensing + A Reisin!
      Auch wenn ich Ihnen, burfing, in vieler Kritik am Artikel nicht zustimme, möchte ich dennoch anmerken, dass Homophobie als Angststörung zwar keine klinisch anerkannte Krankheit ist, aber in individuell-psychologischer Perspektive ist die Motivation ( Movitation, nicht Konsequenz!) nicht als erstes ddie Verachtung des Anderen, sondern nach aktueller Erkenntnislage die Verleugnung von Persönlichkeitsanteilen bei der homophoben Person selbst… Die Verachtung des anderen folgt erst als Konsequenz.

      Also kurzum: In seiner Motivation ist Homophobie eher Selbtsverachtung oder -Verleugnung. In der daraus folgenden Haltung und Handlung ist Homophobie dann natürlich tatsächlich menschenverachtend, ich meine, „das Gegenüber“ verachtend.

      Nichtsdestotrotz ist diese Diskussion natürlich etwas müßig, ohne zu wissen, in welchem Zusammenhang diese Äußerung von Schmidt-Degenhard getätigt und gedacht war. Ich persönlich weiß nicht, ob er „Homophobie ist nichts zwangsläufig menschenverachtend“ so differenziert meinte und gerade über seine eigenen homosexuellen Anteile oder die Verleugnung der weiblichen Anteile eines homophob-fühlenden Sprechers sinnierte…
      Vielleicht wollte ers sich einfach nur aus einer unangenehmen Diskussion herauswinden.

      Mit bestem Gruß

  3. Danke für diesen Artikel. Mehr als den Einspieler habe ich nicht verkraftet. Es wundert mich, dass es zu dieser Sendung keinen shitstorm gab.

  4. Ich möchte mich der Kritik von Burfing anschließen. Ich habe die Sendung nicht gesehen – und leider wird der Stein, an dem sich dieser Artikel so anstößt aus der Lektüre nicht klar. Das Zitat, „Homophobie sei nicht zwangsläufig menschenverachtend“ taugt als solcher jedenfalls nicht. Schon alleine wegen des Wortes „zwangsläufig“, das ja grade deutlich macht, dass Homophobie eben in der Regel durchaus menschenverachtend ist.

    Bemerkenswert erscheint mir, dass die Autoren Patrick Gensing und Andrej Reisin feststellen – um nicht zu sagen – postulieren, dass sich Herr Matussek mit seinen Aussagen „außerhalb des zivilgesellschaftlichen Konsens bewege“. Das entbehrt in Anbetracht des Themas Toleranz nicht einer gewissen Ironie: geht es doch dabei in der Regel darum Menschen zu tolerieren, die eben genau das tun: sich außerhalb des zivilgesellschaftlichen Konsens zu bewegen.
    Nicht dass wir uns falschverstehen: Es ist eine große Leistung eben jener Zivilgesellschaft, dass wir, ohne mit der Wimper zu zucken, heute die konservativen Äußerungen eines Herrn Matussek als „außerhalb des zivigesellschaftlichen Konsenses“ bezeichnen können. Es ist noch nicht lange her, da hätten die Matusseks alle möglichen anderen Leute so bezeichnet. Ich bin mir nur nicht sicher, ob es sinnvoll ist, nun die Meinungen zu tabuisieren, dämonisieren und eben nicht zu tolerieren, die in den letzten Jahren damit fertigwerden mussten, dass ihre Haltung und Meinung nicht mehr die der Mehrheit, sondern einer inzwischen ausgegrenzten Minderheit ist. Da fänd ich’s zielführender auf sie zuzugehen. Und wenn sie das nicht wollen, sie zumindest tolerieren.

  5. „Bemerkenswert ist, dass eine so konzipierte Sendung ausgerechnet im Rahmen der ARD-Toleranzwoche läuft…“.
    -Das frage ich mich allerdings auch.

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