Das Akademische Karussell: Ambivalenzen des Privaten

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um das Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit.

Von Samuel Salzborn

Die Philosophie der Aufklärung hat dem Menschen nicht mehr, aber auch nicht weniger versprochen, als vom passiven Objekt von Geschichte zum aktiven Subjekt der Politik zu werden. Befreit aus seinen vormodernen Zwängen, deren Herrschaftsmacht vor allem darin bestand, dass sie sich als solche nicht rechtfertigen mussten, also ihr objektives Potenzial daraus resultierte, subjektiv keinem Legitimationserfordernis ausgesetzt zu sein, da ihr Postulat der Göttlichkeit bzw. der Natürlichkeit sich als solches sakrosankt gesetzt hat, sollte sich der Mensch seiner Subjekthaftigkeit bewusst werden, sich erkennen als „frei geboren“ (Jean-Jacques Rousseau), zum Lernen befähigt und sich emanzipieren aus seiner „selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (Immanuel Kant). Als bürgerliche Philosophie und als liberale Theorie verpflichtete der Gedanke der Aufklärung das Individuum zur Freiheit, ohne sie ihm gleichsam garantieren zu können – oder auch nur zu wollen.

Die Freiheit von Zwang war im liberalen Versprechen nicht nur zugleich eine Freiheit von Sicherheit, sie war auch doppelt ambivalent: in ihrer Dialektik aus Öffentlichkeit und Privatheit, wie in ihrer Widersprüchlichkeit von Recht und Ökonomie. Garantierte letztere die Gleichheit als rechtliches Postulat, das ökonomische Ungleichheit nicht nur sichern, sondern situieren sollte und damit Freiheit zwar hypothetisch als Gleichheit realisierte, faktisch aber in ihrem universalen Anspruch segmentierte und sozial differenzierte, konstituierte erstere überhaupt erst den Kern der bürgerlichen Herrschaftsordnung in der Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit, die zugleich Freiheitsversprechen wie Freiheitssuspendierung inkorporierte. War die Öffentlichkeit der Ort, an dem der „Vertrag zwischen freien und gleichen Brüdern“ (Carole Pateman) eine Rechtsordnung in der Sphäre des Politischen ausdifferenzierte, die normative Denker wie Jürgen Habermas zu der utopischen Hoffnung auf eine kommunikative Vernunft veranlasste, in der die Ambivalenz der Aufklärung halbiert und einseitig in einen naiven Fortschrittsoptimismus aufgelöst wurde, der formale Herrschaftsverhältnisse nun sogar wieder unter der Hand zu informellen, weil nun moralisch zu sanktionierenden umwandelte, generierte sie Privatheit als geschlechtsspezifischen Ort der Reproduktion und damit Voraussetzung von arbeitsteiliger Produktion überhaupt erst. Die öffentliche Freiheit war nur ob der privaten Unfreiheit der weiblichen Mehrheit der Gesellschaft zu haben, das Postulat der Freiheit im Privaten enthielt strukturell immer die Notwendigkeit der Reproduktion der Produktionsverhältnisse auf der Basis eines falschen, weil doppelt halbierten Freiheitsversprechens. Insofern Öffentlichkeit der Ort des Politischen wurde, wurde Privatheit der Ort der vergeschlechtlichten Reproduktion des Öffentlichen.

Tyrannei der totalen Transparenz

Ob es jemals diese eine Öffentlichkeit wirklich gegeben hat, der sich Liberalismus wie Kommunitarismus gleichermaßen, wenn auch mit konträrer normativer Intention, verpflichtet fühlen, sei dahingestellt, da die individuelle Wahrnehmung dessen, was öffentlich Gegenstand von Konflikt und Konsens ist, notwendig differiert und Teilöffentlichkeiten zum Surrogat einer gesellschaftlichen Gesamtöffentlichkeit werden, die bis hinein in die Phantasie einer Weltöffentlichkeit fortwirkt. Mit dem Wandel der technisch-informationellen Grundlagen wurde dieser Phantasie aber ein Möglichkeitsraum geschaffen, in dem hypothetisch realisierbar wurde, was faktisch Ideologie bleibt: eine integrierte kosmopolitische Öffentlichkeit, in der nun die halbierten Freiheitsversprechen des Liberalismus, ganz ohne Änderung der materiellen Produktions- und Reproduktionsverhältnisse, allein auf der Basis von Kommunikation überwindbar werden sollen. Ignoriert man die Naivität dieser Annahme, liegt in ihr primär die Gefahr, die Totalisierung des Öffentlichen – bei Preisgabe des noch so kleinen Ortes einer privaten Verweigerung gegenüber der Tyrannei der totalen Transparenz – weiter zu radikalisieren, statt zu konterkarieren.

Das Paradoxe ist, dass sich die Furcht der gegenwärtigen Debatten über Öffentlichkeit auf das Moment staatlicher Überwachung fokussiert, also in seiner Kritik genau an dem einzigen Ort ansetzt, der überhaupt das bescheidene Versprechen der Freiheit zu garantieren in der Lage wäre: Ohne Staat keine Freiheit – das hat schon Franz L. Neumann gesehen, als er betonte, dass in der Idee des Staates die Verbindung von Souveränität und Freiheit aufgehoben ist und Souveränität überhaupt nur bei der Garantie von Freiheit legitim sein kann, also jede Form der Suspendierung von Freiheit in der modernen Gesellschaft zugleich auch eine Suspendierung der Souveränität und damit des Staatlichen sein muss. Denn exekutiert sich der bürgerliche Staat zur reinen Herrschaftsausübungsagentur, dann wird er zum Unstaat, gibt er die Freiheit – jenseits aller Dialektik – auf, hört er auch auf, Staat zu sein. Die Ambivalenz von Freiheit, so brüchig sie auch ist, kippte ohne den Staat in ihre vollständige Negation. Mit dem Staat bleibt zumindest die Hoffnung, ohne den Staat wäre auch sie verwirkt.

Dass die Kritik an der Ausspähung des Privaten nun ausgerechnet den Staat ins Zentrum rückt, entbehrt nicht einer gewissen Komik, wenn man sich vor Augen hält, dass dem eigentlich willkürlichen, weil anarchistischen Akteur, dem Markt, bereitwillig jede auch noch so private Intimität anvertraut wird. Soziale Online-Netzwerke sind voll von dem Gut, das unlegitimierten und unkontrollierten Marktakteuren freiwillig anvertraut wird, während die Furcht vor in Rechtsformen des Politischen manifestierten, zumindest formalrationalen Datenzugriffen durch den Staat verschwörungsmythische Formen annimmt. Und dabei zugleich auf einen Kern antimoderner Vergesellschaftung verweist, die ihre Spezifik in einer Rebellion findet, die sich nicht etwa gegen den eigenen Staat oder die eigene Gesellschaft richtet, sondern gegen die symbolische Universalisierung des Versprechens von Freiheit: gegen Amerika. Die Vereinigen Staaten der Unterminierung ihrer eigenen Ideale zu bezichtigen, ist zwar nicht falsch, aber eben positivistisch, da es für wahr nimmt, was nur als wirklich scheint – die Angst vor staatlicher Überwachung wie den Schutz vor selbiger kann immer nur der Souverän bieten, dem man selbst die Ausübung des „Monopols legitimer physischer Gewaltsamkeit“ (Max Weber) übertragen und im Gegenzug dafür ein mehr oder weniger großes Maß an Freiheitsrechten eingetauscht und versprochen bekommen hat.

Konkreter Akteur zur Projektionsfläche für eine abstrakte Angst

Wird der Kampf um die Privatheit aber als antiamerikanischer Kampf geführt, kann er sich der strukturellen Problematik nicht entziehen, einen konkreten Akteur zur Projektionsfläche für eine abstrakte Angst zu suchen, die aufgrund ihrer Verwobenheit mit den Agenturen der Moderne eben nur adäquat konkretisierbar wäre, würde sie nicht externalisiert. So wird Amerika zum gruseligen, aber fernen, zum gefürchtete, aber trotzdem technisch bewunderten Adepten der Moderne, den man dafür hasst, dass ihm nachgesagt wird das zu tun, was der modernen, bürgerlichen Gesellschaft als solcher inhärent ist: die Halbierung und Segmentierung von privater Freiheit.

In der Projektion dieser Angst und dieses Mangels, in seiner Konkretisierung erfährt der wütende Affekt nicht nur eine Zielgebung, er bleibt zugleich auch gesellschaftlich harmlos, wie er gemeinschaftlich sinnstiftend wird – und damit aber gerade bedrohlich: Harmlos, weil er sich nicht an den eigenen Souverän richtet, der mindestens versagt hat, möglicherweise aber selbst genau das tut, was man den USA vorwirft, nämlich private Daten auszuspähen; sinnstiftend, weil die Gemeinschaft der Amerika-Hasser, die in Deutschland immer im Bunde war mit der völkischen Gemeinschaft der Antisemiten, zugleich keinen wirklichen Widerspruch zu erwarten hat und insofern die kalte, widersprüchliche und ambivalente Gesellschaft in eine anheimelnde, homogene und Widerspruchsfreiheit versprechende Gemeinschaft transformieren kann. Eine Gemeinschaft, deren Angehörige sich freiwillig auf dem Markt verschenken (womit sie noch hinter die Logik des Tausches zurückfallen) und ihre eigene Verantwortung damit externalisieren, denn die Schuldigkeit an der eigenen Imperfektheit muss nun nicht mehr in der eigenen Unfähigkeit und der eigenen Täuschung über das Idyll des Privaten vermutet werden, das im Marxschen Sinne Komponente des entfremdeten Warenfetisches ist, sondern Schuld kann nun externalisiert und projiziert werden – und führt dabei zu einer antimodernen Revolte im Geiste, der immer auch das Potenzial der Barbarei innewohnt, solange sie nicht, so paradox und zugleich traurig es auch ist, von eben genau diesem eigenen Souverän, an den die Kritik eigentlich adressiert werden müsste, gegen sich selbst im Zaum gehalten wird.

Der Beitrag basiert auf einer Umfrage der „Zeitschrift für kritische Theorie“ http://www2.leuphana.de/zkt/ (zu Klampen Verlag). In dem soeben erschienenen Heft 38/39 der „Zeitschrift für kritische Theorie“ wurden neben den Überlegungen von Samuel Salzborn zum Thema „Öffentlich? Privat?“ auch Stellungnahmen von Frigga Haug, Tatjana Freytag und Janne Mende veröffentlicht.

One thought on “Das Akademische Karussell: Ambivalenzen des Privaten

  1. Man kann es weiter zuspitzen und sagen, dass es die bürgerliche Form von Öffentlichkeit mit ihrer staatlich garantierten Gleichheitsfiktion nie in die digitale Revolution geschafft hat. Das Medium ist bestimmt von einer absoluten Form der Privatheit, die Ungleichheit als zentralen Motor des Distinktionskampfes braucht. Der Kampf um Aufmerksamkeit ist ein privater Kampf und er wird auf den Arbeits- und Konsumgütermärkten ausgetragen. Das Individuum liefert sich über Xing und facebook der totalen Überwachung aus, aber es bringt nicht Privates an die Öffentlichkeit. Vielmehr fällt die vorher nach dem Vorbild staatlicher Bürokratie organisierte Berufswelt ganz in den Privatbereich zurück. Darum ist Familienplanung durch den Arbeitgeber kein Eingriff in die Privatsphäre mehr, sondern höchstens eine Frage des autoritären Tons. Überstunden in der Agentur sind kein Thema des Zeitarbeitsgesetzes, weil man nach Projektschluss eine Runde Kicker spielt und alle superbeste Freunde sind.

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