Die BILD, die Davidwache und „umgekippte“ Zeugen

Die BILD-Hamburg gibt Entwarnung: Endlich sei die „Verschwörungstheorie linker Kreise, es habe am 28. Dezember 2013 keinen Angriff von Chaoten auf die Davidwache gegeben, endgültig als Verleumdung enttarnt“ worden. So hätten Zeugen ihre Aussage relativiert, berichtet das Blatt. Die Zeugen wissen davon aber gar nichts.

Von Patrick Gensing

Der angebliche Überfall eines vermeintlichen linksautonomen Schlägerkommandos auf die Hamburger Davidwache beschäftigt bis heute die Hamburger Politik und Justiz. Zunächst war verbreitet worden, es habe einen geplanten und hinterhältigen Angriff mit Steinen und Flaschen auf die Davidwache bzw. auf Polizisten, die auf die Straße gelockt worden seien, gegeben.

Die BILD-Hamburg gibt Entwarnung. (Screenshot)
Die BILD-Hamburg gibt Entwarnung. (Screenshot)

Diese Darstellung warf aber schnell viele Fragen auf: Es gab keine Bilder von dem angeblichen Angriff, ein Polizist wurde nicht vor der Wache, sondern etwa 100 Meter entfernt von der Wache mutmaßlich durch einen Stein im Gesicht verletzt – und Zeugen berichteten, sie hätten auf der Reeperbahn einiges beobachtet – aber keinen geplanten Angriff auf die Davidwache. Die Polizei musste sich den Vorwurf gefallen lassen, die Ereignisse möglicherweise zu dramatisch dargestellt zu haben, von den Presseberichten ganz zu schweigen.

„Verschwörungstheorie“

Fast ein Jahr später berichtet die BILD-Hamburg, es sei doch alles so gewesen, wie zunächst dargestellt. In dem Artikel heißt es:

Das wurde auch Zeit! Die Staatsanwaltschaft hat die Verschwörungstheorie linker Kreise, es habe am 28. Dezember 2013 keinen Angriff von Chaoten auf die Davidwache gegeben, endgültig als Verleumdung enttarnt. Fast ein Jahr später sind die Ermittler sicher: „Ja, die Wache wurde angegriffen“, bestäigte Staatsanwaltssprecherin Nana Frombach (47). [Fehler im Original]

Entscheidend für die klare Einordnung der Staatsanwaltschaft der BILD-Hamburg zufolge: „Ein Paar aus Bremen, das sogar gesehen haben wollte, dass die Gewalt von Polizisten ausgegangen sein sollte, kippte zum Schluss um. Es habe die ganzen Vorfälle „nur phasenweise“ beobachtet.“

Neue Erkenntnisse?

Das Paar aus Bremen zeigte sich mir gegenüber irritiert über diese Darstellung. Denn die beiden seien gar nicht erneut vernommen worden, betonen die Augenzeugen. Das heißt: Es gibt gar keine neuen Aussagen. Warum nun also plötzlich behauptet wird, die Zeugen seien „umgekippt“, bleibt vorerst unklar. Nun dürfte sich die Hamburger Politik mal wieder mit dem Fall beschäftigen.

Möglicherweise ist die Staatsanwaltschaft zu dem Ergebnis gekommen, die Zeugen seien unglaubwürdig bzw. hätten gar nicht alles gesehen?

Hier noch einmal die Aussage der Zeugen aus Bremen gegenüber Publikative.org:

Am Abend des 28.12.2013 hatten wir ein Konzert in der Großen Freiheit 36 zusammen mit S. Schwestern (14 und 15 Jahre) besucht und waren anschließend noch etwas essen.

Auf dem Rückweg zur S-Bahn-Station blieben wir gegen 23 Uhr vor der Kreuzung Davidstraße/Reeperbahn/Hein-Hoyer-Straße vor einer roten Ampel auf dem Gehweg stehen [vor der Hamburger Sparkasse, Anmerkung der Redaktion]. Während wir entlang der Reeperbahn gingen, waren überall immer wieder explodierende Böller und Raketen zu sehen und zu hören gewesen. Der Verkauf für Silvesterknaller hatte an diesem Samstag offiziell begonnen. Vor der Ampel stehend konnten wir bereits deutlich einen Fangesang aus der Davidstraße hören, was unsere Aufmerksamkeit dorthin lenkte. Aus der Davidstraße heraus kam dann eine Gruppe, die Fußball-Lieder sang. Sie bestand insgesamt aus ca. 20 – 25 Personen, alle männlich und in den 20er Jahren. Sie gingen noch immer singend aus der Davidstraße über die Reeperbahn zur Hein-Hoyer-Straße und damit direkt auf uns zu. Kurz bevor sie unseren Standort erreichten, hörten sie auf zu singen und gingen ruhig weiter. Dabei bewegten sie sich nicht geschlossen, sondern lose neben und hintereinander her. Ihre Kleidung war “normal”, keinesfalls alle in schwarz. Auch waren sie weder vermummt, noch machten sie einen aggressiven Eindruck. Die Stimmung war eher gelöst, einige hatten Getränke in ihren Händen. Ein Zünden von Pyrotechnik war für uns aus der Davidstraße nicht zu sehen oder zu hören gewesen – wohl aber aus entfernteren Bereichen der Reeperbahn (s.o.).

Als ein Großteil der Gruppe schon auf der Kreuzung war, kamen aus der Davidwache ca. 6 Beamten gelaufen. Sie liefen in loser Formation und schnellen Schrittes zielstrebig hinter der Personengruppe her. Dabei trugen sie keine Helme. Ein Teil der Fangruppe war zu dem Zeitpunkt schon über die Reeperbahn und unmittelbar vor uns in die Hein-Hoyer-Straße gegangen. Einen Grund für den Polizeieinsatz konnte von uns niemand ausmachen. Insbesondere war es nicht zu vernehmbaren Rufen gegen die Wache oder Polizisten gekommen. Die Gruppe hatte ihren Fangesang erst beendet, als sie an der Polizeiwache vorbei gegangen und die ersten Fans schon auf der Kreuzung kurz vor der Hein-Hoyer-Straße waren. Auch von Flaschen- oder Steinwürfen war nichts zu sehen oder zu hören gewesen.

Während einige Mitglieder der Fangruppe bereits in die Hein-Hoyer-Straße gegangen waren, spazierten andere noch über die Kreuzung. Auch die Polizeibeamten hatten sie nun eingeholt und befanden sich mitten auf der Fahrbahn. Links hatte sich eine Polizeibeamtin vor den an der Ampel wartenden Autos positioniert. Sie war Anfang 30 Jahre alt, ca. 170 cm groß und hatte blonde Haare. Schräg hinter ihr blieb ein Nachzügler der Fangruppe in Höhe der Verkehrsinsel auf der Reeperbahn stehen und trank einen Schluck aus seiner Bierflasche. Er war ca. Anfang 20 und trug eine blaue Jacke. Der junge Mann wurde nun von einem anderen heran laufenden Beamten nach hinten gerissen und zu Boden gebracht. Auch dieser Beamte war Anfang 30 Jahre alt, ca. 185 cm groß und hatte sehr kurze Haare und “Geheimratsecken”. Der junge Mann, der dem Beamten beim Trinken den Rücken zukehrte, wurde (ebenso wie wir) von dieser Aktion überrascht. Es hatte keinerlei Grund gegeben, den Mann anzugehen, der lediglich im Schritttempo seiner Gruppe hinterher gegangen war. Dementsprechend gab es auch keine Gegenwehr des jungen Mannes, der nun mitten auf der Kreuzung lag.

Daraufhin kamen Teile der Gruppe, die bereits in der Hein-Hoyer-Straße verschwunden war, zurück. Auch einige umstehende Passanten äußerten ihr Unverständnis über das polizeiliche Eingreifen. Direkt vor uns entwickelte sich nun mitten auf der Reeperbahn ein Wortgefecht, in dem ca. 3-4 Fans fragten “Was das soll?” und forderten, dass man den Festgesetzen freilassen solle. Um den zu Boden Gebrachten und den Beamten, der ihn noch immer fixierte, hatten sich nun mehrere Beamte positioniert, die die beiden abschirmten. Ein Beamter (ca. 50 Jahre) hatte eine schwarze Reizgasflasche gezogen. Es kam auch in dieser Situation zu keinerlei körperlichen Übergriffen der Gruppierung auf die Beamten. Auch sie setzten keine Schlagstöcke oder Reizgas gegen die Gruppierung ein. Nach wenigen Augenblicken wurde die festgesetzte Person von den Polizeibeamten wieder losgelassen. Der junge Mann entfernte sich schnell in die Hein-Hoyer-Straße. Auch die anderen Fans verschwanden nun in diese Richtung. Die anwesenden und weitere Beamte (ca. 10), die nunmehr behelmt, hinzu eilten positionierten sich vor der Hein-Hoyer-Straße und bildeten eine lose Kette.

Direkt vor der Ampel an der wir uns befanden, stand nun in ca. einem Meter Entfernung die blonde Polizistin und neben ihr der Beamte, der den jungen Fan zu Boden gebracht hatte. Sie fragte ihn, wieso er das getan habe. Der Beamte antwortete ihr, dass er es selber nicht so genau wüsste, der Fan aber mit angewinkeltem Arm hinter ihr gewesen sei und er deshalb eingegriffen hätte.

Nun kam aus der Hein-Hoyer-Straße ein weiterer Polizeibeamter. Er blutete aus der Nase und hielt sich seine Hand vor das Gesicht, während er von einem anderen Beamten gestützt wurde. Er wurde von den anwesenden Polizisten in Empfang genommen und in die Wache begleitet. Daraufhin setzten wir unseren Weg fort.

Wir konnten während der gesamten Zeit keine vermummten Personen, Stein- oder Flaschenwürfe und auch keinen Reizgaseinsatz wahrnehmen. Auch schien uns bis auf den blutenden Beamten keiner der Polizisten verletzt zu sein. Einen Angriff auf das Polizeirevier gab es im Zuge der geschilderten Ereignisse nicht.

Alle Artikel zur Davidwache.

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