Hinter der AfD – da steht das Kapital?

Was ist die AfD? Über diese Frage wird seit Monaten in Deutschland debattiert. Zumeist dreht sich die Diskussion um das passende Etikett – nationalkonservativ oder rechtspopulistisch. Spiegel-Kolumnist Augstein meint, die Sache sei einfacher: Die AfD sei eine Partei aus der „Gruft der Geschichte“. Was ist dran an dieser Analyse?

Von Patrick Gensing

„In der AfD erlebt das Gedankengut der Deutschnationalen seine Wiederauferstehung“, schreibt Jakob Augstein in seiner jüngsten Spiegel-Kolumne. „Das war die Partei des Industriellen und Medienmoguls Alfred Hugenberg.“

Deutschland dürfe nicht an das "internationale Juden-Kapital" ausgeliefert werden: Wahlkampf der DNVP.
Deutschland dürfe nicht an das „internationale Juden-Kapital“ ausgeliefert werden: Wahlkampf der DNVP.

Ist es wirklich so einfach? Ist die AfD die neue DNVP? In der Deutschnationalen Volkspartei vereinten sich ideologisch vor allem völkischer Nationalismus, Nationalkonservatismus, Nationalliberalismus, Antisemitismus und Monarchismus. Die Wähler dieser Partei kamen aus verschiedenen Milieus und Schichten. Nicht nur Industrielle, auch Beamte, Bauern und Arbeiter stimmten für die DNVP. Diesem Bild folgend schreibt Augstein:

Wir werden sehen, es gibt sie alle noch, die Leute, die Kurt Tucholsky einst auf den Bildern von George Grosz sah: die Offiziere, die Unternehmer, die uniformierten Nachtwächter, die Wenn-und-aber-Demokraten, die verhetzten Studenten, die gefügigen Staatsanwälte, die sturen Kleinbauern, die wildgewordenen Oberlehrer.

Tatsächlich sammelt die AfD viele Anhänger aus unterschiedlichen Milieus. Doch es gibt auch Gemeinsamkeiten: Die meisten Wähler sind männlich, mittleren Alters und eher überdurchschnittlich gebildet, viele Selbstständige sollen auch dazugehören. Das Gesicht der AfD wird zudem geprägt von älteren, etablierten Herren – allen voran Lucke und Hans-Olaf Henkel.

Doch wo ist eigentlich der neue Hugenberg? Den wird Augstein vergeblich suchen, denn die Analyse, wonach hinter dem Faschismus halt das Kapital stehe, funktioniert in einer globalisierten Welt noch viel weniger als zuvor – sie entstammt sozusagen ebenfalls aus der Gruft.

Hugenberg war ein Großindustrieller, hatte eine massive Medienmacht – und er war ein überzeugter Feind der Republik. Solche Figuren werden sich heute nur noch schwerlich finden lassen, vor allem weil „das Kapital“ sicherlich Besseres zu tun hat, als unberechenbare Parteien hochzuziehen, die zurück zu alten Währungseinheiten wollen. Und während Hugenberg damals radikal antisemitisch war, war der Axel-Springer-Verlag – der heute am ehesten mit der Marktmacht des Hugenberg-Konzerns verglichen werden könnte – maßgeblich an der Kampagne „Nie wieder Judenhass!“ beteiligt.

Ideologische Trümmer der FDP

Mit der AfD stehe „der alte Dämon einer illiberalen Partei auf, wie die Deutschnationalen es waren“, schreibt Augstein weiter. „Es war ein Irrtum zu glauben, die AfD habe den Platz der FDP eingenommen. Die AfD ist keine neue liberale Partei. Sie ist – wie ihr historischer Vorläufer – das glatte Gegenteil: der Inbegriff der Illiberalität.“

Das klingt erst einmal erfrischend und wird überzeugend vorgetragen. Doch beim zweiten Lesen stellt sich schnell die Frage: Und was war beispielsweise mit dem „Projekt 18“ der FDP? Das wurde maßgeblich von Jürgen Möllemann initiiert, der auf Themen wie innere Sicherheit, Bildung und Bürokratieabbau setzte. Ein klassisches rechtspopulistisches Konzept: Mehr Geld und Sicherheit für die eigene Bevölkerung – dafür weniger Ausländer und Staat.

FDP-Propaganda aus dem Jahr 2002.
FDP-Propaganda aus dem Jahr 2002.

Als Möllemann dann auch noch die antiisraelische Karte spielte, war der Erfolg durchschlagend. Beispielsweise bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im April 2002 konnte die FDP ihren Stimmenanteil von 4,2 auf 13,3 Prozent steigern. Damit gelang es der FDP, neue Wählerkreise zu erschließen. „Eine Partei, die traditionell auf Wähler mit Besitz und Bildung setzte, fand plötzlich Zuspruch von Arbeitern und einfach strukturierten Geistern“, schrieb Udo Leuschner in dem Buch „Die Geschichte der FDP. Metamorphosen einer Partei zwischen rechts, sozialliberal und neokonservativ.“ Doch der rechtspopulistische Kurs der FDP stieß in der Partei auf viel Widerstand – und letztendlich inszenierte sich Guido Westerwelle doch lieber als seriöser Außenminister.

Die FDP war lange Jahre ein Sammelbecken von Protagonisten des politischen Liberalismus, des Nationalliberalismus und auch des marktradikalen Liberalismus. Und selbstverständlich sammelt die AfD Reste des FDP-Klientels ein, nämlich des Stahlhelm-Flügels, der Möllemann-Fraktion. Dass die AfD nicht an große Liberale wie Gerhart Baum oder Hildegard Hamm-Brücher anknüpft, ist eine recht banale Erkenntnis.

Aus neu wird etabliert

Augsteins Analyse erscheint auf den ersten Blick weiterführend, doch letztendlich hat er sich auf ein Fragment der vermeintlichen Anti-Ideologie der AfD konzentriert: den Nationalismus. Dies reicht aber kaum aus, um die AfD zu erklären.

Wichtiger erscheint für ihren Erfolg beispielsweise, dass sich die AfD als Kämpfer gegen Etablierte präsentiert – und damit an weit verbreitete Ressentiments anknüpfen kann. „Je mehr die AfD wächst, desto mehr wird sie wachsen“, meint Augstein. Fraglich. Denn ob Protestwähler einer jetzt noch neuen Partei in einigen Jahren zu Anhängern einer dann möglicherweise etablierten Partei mutieren, ist zwar denkbar, aber längst noch nicht sicher. Entscheidend wird es sein, ob die AfD den Anhängern aus unterschiedlichen Milieus tatsächlich Sinn, Richtung, Identität und Zugehörigkeit bieten kann. Keine einfache Aufgabe, wie die großen Parteien sicherlich bestätigen werden.

Alle Artikel zur AfD.

8 thoughts on “Hinter der AfD – da steht das Kapital?

  1. Patrick dein Verhältnis zu Augstein wirkt auf mich schon obzessiv.
    Wenn er schreiben würde „Obama hat den Friedensnobelpreis doch verdient“ dann würdest du ebenso das Gegenteil behaupten.

    Immerhin machst du dir die Mühe deine permanete Anti-These zu Augstein mit Argumenten zu versehen, was schon etwas Hoffnung aufkommen lässt bzgl deiner Augstein-Obzession.

    Was die AFD betrifft hat Augstein einen Volltreffer gelandet nach meiner Meinung.

    Historisch absolut vergleichbar auch wenn nicht alles 1-1 passt.
    Auch wenn es keinen Hugenberg für die Medien gibt ist doch erkennbar dass die AfD diverse Kanäle nutzt um ihre Themen zu platzieren siehe Bildugsplan.
    Die Verweise von Augstein im Artikel werden dann mit Verweis auf Springer unterschlagen.

    Die Frage inwiefern sich AfD etabliert wird ja von Augstein gar nicht aufgeworfen, denn er sieht die Gefahr der AfD vergleichbar mit der Rolle der DNVP beim Aufkommen des Faschismus in der Weimarer Republik.
    So interpretier ich jedenfalls den Artikel.

  2. Protestwähler ?
    Nennt das Deutsche-Volk nicht Protestwähler,da es seit 1949 nie einen freien willen hatte,
    In ganz Westeuropa ist der Überlebenswille der angestammten Bevölkerung nicht mehr stark ausgeprägt,allerdings nirgendwo so konsequent wie in Deutschland.
    Kein Volk trennt seinen Müll so gewissenhaft wie wir hier und schmeißt ungeborenes Leben in den Abfall.
    Kein Volk leckt noch 70 Jahre nach einem verlorenen Krieg seinen Besatzern die Stiefel,und ist außerdem noch Stolz darauf,als Vasall in aller Welt Blutzoll zahlen zu dürfen.
    Während im Nahen Osten und direkt vor unserer Haustür,nämlich in der Ukraine, Kriege toben und die politischen Weichen für die nächsten Jahrzehnte gestellt werden,ist die größte Sorge vieler Bundesbürger,wer als Sieger aus einem obskuren TV-Container hervorgeht.
    Während unser Land wirtschaftlich von der Eurokratie mit immer neuen Auflagen versklavt und langsam aber sicher kaputt reglementiert wird.
    Asylanten und Wirtschaftsflüchtlinge in unser Land strömen,steht der verdummte Michel dabei
    und klatscht noch Beifall.
    Dies alles ist mit dem >normalen Menschenverstand< nicht nachvollziehbar.
    Eine überaus erfolgreiche Umerziehung hat dafür gesorgt,daß ein ganzes Volk mitin den Untergang marschiert…!
    Nun kommt eine Partei die AfD die dies alles ansagt auf eine Liberale Art,die wir konservativen Bürger verstehen,und wählen.
    Wir Protestwähler ??Nein !

    Anm. d. Red.:

    Diese Freischaltung erfolgt aus dokumentarischen Zwecken.

  3. Gehen sie mal auf der Google-Seite BRD-BESATZUNGSRECHT von Hans Peter Thietz,ehem.Europa-Abgeordneter..sie werden dann verstehen,warum sich hier in der BRD nie wirklich politisch,nach dem Willen des Volkes was getan hat.

  4. Zur Klarstellung,ich bin weder „Rechts“noch „Links“ Bin Freidenker,Querdenker,Phil.

    1. Mein Erfahrungswert ist: Wenn jemand behauptet, er sei „weder rechts noch links“, ist meistens ziemlich rechts.

    2. Ich danke Dir Peter-hab lange nicht mehr so gelacht. Du bist also „Freidenker“?
      Deine geistigen Ergüsse beweisen aber dass du nicht eine Sekunde frei gedacht hast. Schließlich sind deine Äußerungen einfach abgeschrieben. Und nein -nicht einmal von der AfD, denn die hat ihr politisches Programm auch nur aus -schon viel zu lange bestehenden- Ressentiments, rechter Ideologie und Nationalismus zusammen gekittet. Zwar populistisch verpackt und mit seriösen Gehabe, doch auch nur im braunen Sumpf watend…

      Und wer von Deutschland als Besatzungszone spricht, den kann man leider nicht ernst nehmen. Mag er sich auch kultiviert verhalten und wortgewandt argumentieren, ist die Essenz seiner Aussage inhaltlich gleich der des Dorfnazis in der sächsischen Provinz der am liebsten „Ausländer klatscht“. Krude unhaltbare Verschwörungstheorien….

  5. Völlig richtig, hinter der AfD steht nicht „das Kapital“ in seiner Gesamtheit. „Das Kapital“ als aggregierte Größe strebt nach Beweglichkeit über nationale Grenzen hinweg, nach Verwendung auf den Weltmärkten, nach Vereinheitlichung deren Funktionsweise. Nicht zuletzt deswegen stellen sich rechtsextreme „Sozialrevolutionäre“ wie Jürgen Schwab entschieden gegen das Kapital, weil sie im Gegensatz zu den dauerbesoffenen Bahnhofsglatzen begriffen haben, dass die Kapitalismus auch Internationalismus hervorbringt (und nicht etwa, weil dem Schwab die augebeuteten Arbeiter leid tun.) Aber man muss natürlich fragen, wie viel Sinn es überhaupt in diesem Fall macht, dieses Gesamtkapital zu betrachten. Im Fall der AfD sind es sicherlich nicht die großen multinationalen Konzerne, die die Partei stützen, aber was ist mit dem Mittelstand, der in ständiger Angst lebt, von eben jenen Konzernen gefressen zu werden, was mit den dynamischen Jungunternehmern, die grandios mit ihren Geschäftsideen scheitern und dieses Scheitern dem „gierigen“ Finanzamt anlasten, statt einzugestehen, dass schlicht und ergreifend die geniale Geschäftsidee bei näherem Hinsehen total bescheuert war? Ich denke die finden vor lauter Angst vor steuertreibenden Linken und gierigen Heuschrecken ihre Zuflucht in der heilen Welt der geschützten nationalen Märkte, die die AfD propagiert.

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