Als Flüchtling in Mecklenburg: „Ebola, Ebola!“

Die Übergriffe von Wachleuten auf Flüchtlinge hat in den vergangenen Wochen für Schlagzeilen gesorgt. Doch Probleme bei Unterkunft und Versorgung seien gar nicht das Schlimmste, sagen Flüchtlinge, die in Mecklenburg-Vorpommern untergebracht sind. Schlimmer sei der Rassismus, der ihnen entgegenschlägt. Ein Mann berichtet beispielsweise, er werde auf der Straße mit „Ebola, Ebola!“-Rufen beleidigt.

Am vergangenen Samstag, den 18.Oktober 2014 berichteten Flüchtlinge über ihre Lebenswirklichkeit in Mecklenburg-Vorpommern im Rahmen einer Pressetour entlang der Stationen Anklam, Güstrow und Ludwigslust. Die Flüchtlinge stellten in dem Zusammenhang einen Forderungskatalog vor.

An allen Stationen betonten die Geflüchteten, dass sie dankbar für die Unterkunft und Versorgung durch den Staat sind. Ihr Hauptproblem ist der Rassismus, der ihnen im Alltag vor Ort entgegenschlägt. Ein in Güstrow untergebrachter Schwarzer Flüchtling erzählte: „Die Menschen wollen die Münzen nicht anfassen, mit denen ich bezahle. Auf der Straße rufen sie ‚Ebola, Ebola‘ und wenn ich das Haus verlasse, beschimpfen sie mich.“

Fackelmarsch in Güstrow gegen die Unterbringung von Flüchtlingen

In Ludwigslust erzählte eine Geflüchtete, dass sie sich vor allem eine Verbesserung der Unterkunft wünscht: „Wir haben hier nur Gemeinschaftsduschen ohne Vorhänge. Zum Duschen müssen wir über den Hof, auch im Winter.“Auch Imam-Jonas Dogesch von der Initiative Migranet MV beklagt die Zustände in den Unterkünften als „unerträglich“.

„Viele Flüchtlinge sind durch Flucht und Krieg traumatisiert“, erklärte Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig anlässlich der mobilen Pressekonferenz. Umso wichtiger seien Projekte wie die der Amadeu Antonio Stiftung, die sich für eine Willkommenskultur vor Ort einsetzen. „Willkommenskultur, das fängt schon bei den kleinen Dingen an: zum Beispiel, Informationen in verschiedenen Sprachen zur Verfügung zu stellen oder einfach, die Flüchtlinge selbst zu Wort kommen zu lassen. Willkommenskultur bedeutet aber auch, entschieden gegen rassistische und menschenverachtende Hetze – zum Beispiel in der Diskussion um neue Flüchtlingsunterkünfte – vorzugehen“, so Schwesig weiter.

"Güstrow wehrt sich gegen Asylmissbrauch" - mit einem Fackelmarsch, Artikeln aus der "Jungen Freiheit" und rassistischer Hetze auf Facebook, die mit den Ängsten von Eltern spielt.
„Güstrow wehrt sich gegen Asylmissbrauch“ – mit einem Fackelmarsch, Artikeln aus der „Jungen Freiheit“ und rassistischer Hetze auf Facebook, die mit den Ängsten von Eltern spielt.

Die Stimmung gegenüber Flüchtlingen ist durch Vorurteile und Rassismus geprägt, besonders im ländlichen Raum. Darauf aufbauend versuchen Rechtsextreme, auch Personen außerhalb der rechten Szene anzusprechen. Seit 2012 treten Rechtsextreme verstärkt in Bürgerinitiativen oder auf Wahllisten als besorgte Bürger jenseits rechter Parteipolitik auf. Besonders auffällig ist die aktive Rolle von Frauen bei den flüchtlingsfeindlichen Aktivitäten. Parallel zur mobilen Pressekonferenz fand in Güstrow ein Fackelmarsch statt. Angemeldet von einer rechtsextremen Aktivistin der Initiative „Güstrow gegen Asylmissbrauch“ hatte dieser sich den Slogan „Für die Zukunft unserer Kinder“ auf die Fahnen geschrieben. „Besonders rechtsextreme Aktivistinnen machen sich die Rolle als besorgte Mutter oder schutzlose Frau zu Nutze, um rassistische Stereotype zu bedienen“, erklärt Stella Hindemith, Leiterin des Projekts Lola für Ludwigslust.

„Die Unterbringung von Flüchtlingen braucht humanitäre Mindeststandards, besonders im ländlichen Raum. Wir beobachten stattdessen ein Wegschieben von Verantwortung. Bund und Länder müssen den Kommunen die notwendigen Mittel für eine sichere und menschenwürdige Unterbringung der Asylsuchenden zur Verfügung stellen. Und auch die Willkommensinitiativen brauchen eine stärkere Unterstützung“, erklärt Hindemith weiter.

Stimmen aus Güstrow bei Facebook
Stimmen aus Güstrow bei Facebook

Der vorgestellte Forderungskatalog ist die Antwort von Flüchtlingen und Zivilgesellschaft auf die Isolation, prekären Lebensbedingungen in Flüchtlingsheimen, den Alltagsrassismus und Gewalt durch Nazis, denen Flüchtlinge insbesondere im ländlichen Raum ausgesetzt sind.

Hier der Forderungskatalog.

2 thoughts on “Als Flüchtling in Mecklenburg: „Ebola, Ebola!“

  1. „Ein in Güstrow untergebrachter Schwarzer Flüchtling erzählte: “Die Menschen wollen die Münzen nicht anfassen, mit denen ich bezahle. Auf der Straße rufen sie ‚Ebola, Ebola‘ und wenn ich das Haus verlasse, beschimpfen sie mich.”“
    Ich schäme mich für die Heimat meiner Eltern.

  2. „Man kann aus Deutschland, mit immerhin einer 1.000 jährigen Geschichte seit Otto I. nicht nachträglich einen Schmelztiegel machen. Weder aus Frankreich, noch aus England, noch aus Deutschland dürfen Sie Einwanderungsländer machen. Das ertragen die Gesellschaften nicht. Dann ENTARTET die Gesellschaft!“ (Helmut Schmidt, SPD, 1992 in der Frankfurter Rundschau)

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