Die AfD und die „Gaskammern der Alliierten“

Die AfD macht offenkundig auch Geschichtsrevisionismus wieder salonfähig: In Schleswig-Holstein hat ein Funktionär der Partei in einem Vortrag die Behauptung aufgestellt, in einem Konzentrationslager seien von den Alliierten nach der Befreiung Gaskammern eingebaut worden. In Hamburg bringen sich derweil Ex-Schill-Leute in Position, die SPD fordert ein Bündnis gegen die AfD.

Nicht nur in Brandenburg, Sachsen und Thüringen kann die AfD auf Erfolge verweisen, auch im Westen hat die Partei bei den Europawahlen stark abgeschnitten. Im Mai holte die „Alternative für Deutschland“ beispielsweise in Ostholstein 7,8 Prozent der abgegebenen Stimmen.

Für den 16. Oktober hatte die AfD dort zu einer Vortragsveranstaltung eingeladen, von der die „Lübecker Nachrichten“ berichtete. Von dem Motto „Deutsche Selbstwahrnehmung“ im Stockelsdorfer Herrenhaus ließen sich demnach 17 Besucher anlocken: 15 Männer, zwei Frauen.

Dirk Helms, Mitglied des AfD-Kreisverbandes Stormarn, referierte dem Bericht zufolge zunächst über Frankreich und Großbritannien. Dort sei die „wachsende Zahl der Muslime“ zwischen Lille und Marseille auffällig — dort denke man, man sei „in Afrika“. Helms habe vom „ Einnisten anderer Kulturen“ gesprochen. Über die Lage in Deutschland sagte er dem Bericht zufolge, das Volk sei in Bezug auf seine Identität „völlig verunsichert“ und werde täglich manipuliert. Die Medien missbräuchten ihre Macht und verbreiten Unwahrheiten. Unterdrückung sei an der Tagesordnung und am „Schicksal“ der ehemaligen Tagesschau-Sprecherin Eva Herman, die wegen ihrer positiven Äußerungen über die Mutterrolle im Dritten Reich ihren Job verlor, zu sehen. Der Beginn des Zweiten Weltkrieges sei, entgegen der Forschungsmeinung, nicht von Hitler geplant gewesen. Die Alliierten hätten eine „erbarmungslose Propaganda“ verfolgt. Dann zitierte er Carl Schmitt, den „Kronjuristen“ des „3.Reichs“.

Und es wird noch schärfer: Im Konzentrationslager Dachau seien erst im Nachhinein von den Alliierten Gaskammern eingerichtet worden – um zu täuschen. Dann berichtet der AfDler den Lübecker Nachrichten zufolge von einem angeblichen KZ-Überlebenden, der Schülern eine ausgedachte Geschichte erzählt habe, jedoch nie ein KZ von innen gesehen habe. Nach dem Vortrag habe es Applaus, aber auch ein wenig Kritik gegeben.

Ex-Schill-Leute bringen sich in Stellung

Wenige Kilometer entfernt bereitet sich die AfD derweil auf die nächste Wahl vor. In Hamburg will die AfD in die Bürgerschaft einziehen – und die Chancen stehen nicht schlecht. Zuletzt hatte 2001 die rechtspopulistische Schill-Partei in der Hansestadt einen großen Erfolg erzielt und nicht weniger als 19,4 Prozent der Stimmen abgeräumt.

„Richter Gnadenlos“ wurde Innensenator, er setzte auf Konfrontation und ging in die Geschichtsbücher ein, als er den Bürgermeister als schwul outete (was ohnehin bekannt, aber kein großes Thema war) und offenbar versuchte, den Bürgermeister zu erpressen. Auch im Bundesamt blamierte sich Schill nach allen Regeln der Kunst – und setzte sein Niveau-Limbo vor kurzer Zeit bei Big Brother fort.

AfD-Wahlplakat in Hamburg (Foto: Patrick Gensing)
AfD-Wahlplakat in Hamburg (Foto: Patrick Gensing)

Über die Peinlichkeit Schill wird in Hamburg lieber höflich geschwiegen, will es doch so gar nicht zu dem hanseatischen Selbstverständnis einer angeblichen Weltstadt passen, dass es auch hier ein beachtliches Potential für Rechtspopulisten gibt. Darauf spekulieren nun wohl auch ehemalige Weggefährten von Schill, die sich mittlerweile der AfD angeschlossen haben – so beispielsweise Dirk Nockemann oder Torsten Uhrhammer. Über diese berichtet das Hamburger Bündnis gegen Rechts – und nahm weitere Kandidaten der AfD unter die Lupe.

Der MDR hat die Facebook-Profile von AfD-Funktionären aus Sachsen-Anhalt thematisiert. Auch hier findet sich die in diesem Milieu übliche Mischung aus Verschwörungslegenden und antiisraelischer Hetze.

Breites Bündnis gefordert

Angesichts der „relativ vielen Einzelfälle“ (Bern Lucke) in der AfD fordert SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi ein breites Bündnis gegen die Partei. Neben der SPD und anderen Parteien sollten auch Gewerkschaften, Kirchen, Industrie- und Sozialverbände, Stiftungen und Nicht-Regierungsorganisationen der AfD klar entgegentreten, schreibt sie in einem Beitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Fahimi bezeichnete die AfD als „Demagogen im Schlafrock“, die eine Gefahr sei: „Ich möchte die AfD nicht dämonisieren. Genauso falsch ist es aber, sie zu verharmlosen.“

10 thoughts on “Die AfD und die „Gaskammern der Alliierten“

  1. Man denke in Frankreich, man sei in Afrika? Und die Gaskammern seien erst nachträglich eingebaut worden? Da kann ich ein Anti-AfD-Bündnis langsam verstehen.

  2. „[…]auch im Westen hat die Partei bei den Europawahlen stark abgeschnitten“ – und als Beispiel Ostholtstein? Ist der Drang, alles in Ost und West kategorisieren zu müssen so groß, dass sogar die tiefste Norddeutsche Provinz jetzt zum Westen gehört? Politische Trends und Tendenzen mögen regional unterschiedlich sein, haben aber nichts damit zu tun, wo die Sonne auf- und wo sie untergeht. Und das hat mehr mit Bildung, Infrastrukturpolitik, etc. zu zun als mit der Frage, ob man vor 20 Jahren zum Staatsgebiet der DDR oder der BRD gehört hat.

    1. Es stimmt, dass die Unterschiede zwischen Stadt und Land oder Nord und Süd teilweise größer sind als zwischen Ost und West. Dennoch wurde zuletzt viel über die AfD in den neuen Bundesländern diskutiert, weil es dort mehr „Protestwähler“ und weniger Parteibindung geben soll. In dem Artikel geht es aber genau darum, dass es ein gesamtdeutsches Phänomen ist, oder ist Hamburg auch „tiefste norddeutsche Provinz“? 😉

      Gruß,
      Patrick Gensing

  3. Es gibt seit zumindest 20 Jahren die (mir eingängige) These, dass in der Bundesrepublik eine rechtsradikale Partei keine Chance hat, solange sie keinen charismatischen Vorsitzenden aufzubieten hat. Möllemann hätte 2002 / 2003 das Potential dazu gehabt, wenn nicht…
    Irgendwie macht es den Eindruck, dass dieser Bernd Lucke in seiner Pose des ewig Beleidigten von Vielen als eine solche charismatische Persönlichkeit wahrgenommen wird. Sachen gibt´s 😉

  4. Saudummes Zeug wird auch von Mitgliedern anderer Parteien geäußert ( selbst von Politikern in führenden Positionen ) und das bei einer sich gründenden Partei, Probleme mit einzelnen Mitgliedern und deren zum Teil krusen Meinungen gibt, ist normal. Die AfD ist gut beraten aufzupassen und sich von diesen Leuten zu trennen, was sie ja auch schon tut. Ich möchte nicht wissen, wie viele Altnazis nach 1945 sich in den sich neu bildenden Partein tummelten. Die AfD in die rechte Ecke zu Stellen zeigt die Angst und Unfähigkeit aller etablierten Parteien. Einige Themen wurden von der CDU kurz vor Wahl zum Teil sogar in das eigene Parteiprogramm genommen.

  5. Für die Altparteien ist die Rechtsmasche gegenüber der AfD der einzige Schutzschirm und Begründung, um sich nicht mit den Inhalten der Europolitik auseinandersetzen zu müssen.
    In fast jeder Fernehdiskussion hat man erlebt, daß, wenn die Euroargumente von der AfD sachlich vorgetragen wurden, demjenigen sofort ins Wort gefallen wurde und dann die Rechtskeule aufgetischt wurde.

    Die Politik hat ganz furchtbare Angst vor der Erkenntnis des Wählers, das die „Eurorettung“ auf eine Abwertung des Euro hinausläuft, was für die Südländer logisch, für Deutschland ein Schaden ist. Aber irgendwann wird das rechte Thema ausgereizt sein, wenn die Importwarenpreise und die Inflation steigen, Versicherung, Renten und Ersparnisse wegen der 0-Zinspolitik massiv an Wert verlieren. Habe das Gefühl, die derzeit politisch Verantwortlichen wollen sich über die Zeit in den Toskanaruhestand retten und die Erklärung des zu erwartenden sozialen Kahlschlages ihren Nachfolgern überlassen nach dem Motto “ ja, die Merkelregierung hat diese Fehler gemacht, aber das waren ja nicht wir“.

  6. AfD und die „Gaskammern der Alliierten“ !?!
    Dieser Geschichtsrevisionismus macht deutlich, wie sehr es wichtig ist, sich gegen das Vergessen zu engagieren. Wunden können heilen, aber die Narben bleiben !
    Ein Kind der letzten Zeitzeugen.

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