Kampf gegen Rassismus: Strafen der UEFA kontraproduktiv?

Die Organisation Football Supporters Europe (FSE) hat die UEFA dringend dazu aufgerufen, ihre Disziplinarregularien zu überdenken. Anlass sind die Sanktionen gegen Steaua Bukarest und CSKA Moskau, die Spiele ohne Zuschauer austragen mussten. FSE meint, dass die neuen, strengeren Regularien, die Rassismus bekämpfen sollen, langfristig kontraproduktiv sind im Kampf gegen Diskriminierung im Fußball. Wir dokumentieren den Aufruf.
 
Sowohl Steaua Bukarest als auch CSKA Moskau wurden aufgrund von rassistischem Verhaltens ihrer Fans bei einem früheren Spiel mit einem Spiel vor leeren Rängen auszutragen. Diese Strafe betraf allerdings auch Tausende Fans von Bayern München und Aalborg, unter ihnen auch viele FSE-Mitglieder, die nichts mit den Fanszenen und irgendeinem der den Strafen zugrunde liegenden rassistischen Vorfälle, zu tun hatten.
Des Weiteren hatten Hunderte Bayern und Aalborg Fans bereits ihre Flüge und Unterkünfte gebucht und blieben nun auf diesen Kosten sitzen, ohne die Aussicht auf Entschädigung, und haben keine Chance das Spiel ihrer Mannschaft zu sehen. FSE-Mitglieder von Bayern München, Fanvertreter aus Aalborg und die dänische nationale Fanorganisation DFF haben eine konstruktive Lösung und einen Dialog mit der UEFA gesucht. Gemeinsam, so die Idee sollte bei einem Treffen diskutiert werden und idealerweise Lösungen entwickelt werden.

Dass die UEFA die Gelegenheit zu einem direkten Treffen mit den betroffenen Auswärtsfans und den Vorschlag zumindest den Fans einen Stadionbesuch zu ermöglichen, die bereits ihre Reise gebucht hatten und damit am stärksten (unschuldig) betroffen waren, ist für uns eine große Enttäuschung. Und als ob dies nicht schon schlimm genug wäre, haben UEFA Vertreter mit weiteren Strafen gedroht, nachdem Bayern Fans angekündigt hatten ihr Missfallen und ihren Protest hierüber mittels Bannern im Stadion bei einem nächsten europäischen Spiel kundzutun.
Eine der größten Fangruppen bei Bayern München, die Ultragruppe “Schickeria”, hat gerade erst als Anerkennung ihrer herausragenden Arbeit gegen Diskriminierung einen Preis des Deutschen Fußball Bundes (DFB), im Übrigen ein UEFA-Exekutiv-Komitee-Mitglied, verliehen bekommen. Doch genau diese anti-rassistischen Fans „erhielten“ nun vom UEFA Disziplinar-Ausschuss eine Strafe, die sie mit genau jenen in einen Topf wirft, deren Gesinnung sie normalerweise entgegen treten.
Um eines klarzustellen: als Fans, die in FSE organisiert sind, positionieren wir uns gegen sämtliche Formen von Diskriminierung, sowohl innerhalb, als auch außerhalb der Stadien und wir sind in keinster Weise prinzipiell gegen Strafen. Nichtsdestotrotz beobachten wir gerade im Moment, dass die verschärfte “Null-Toleranz”-Politik der UEFA in Bezug auf Diskriminierung eine sehr kontra-produktive Entwicklung zur Folge hat: sowohl Fans, als auch Klubs und Verbände reden kaum noch über die rassistischen Vorfälle oder deren Verursacher, aber um so mehr über die Sanktionen, die eine große Zahl unbeteiligter Fans treffen und die als unverhältnismäßig und ungerecht angesehen werden.  Die Konsequenz: die UEFA und/oder anti-rassistische Fußballorganisationen werden als Überbringer der Nachricht in erster Linie an den Pranger gestellt.

Des weiteren sehen wir aufgrund des derzeitigen Systems bei anti-rassistischen Fans eine schwindende Bereitschaft, solche Strafen zu unterstützen und rassistische Vorfälle zu beobachten und zu melden. Der Grund hierfür ist denkbar logisch: Fans sind eher abgeneigt diskriminierende Vorfälle zu melden und Sanktionen zu unterstützen, wenn sie daraufhin indirekt für kollektive und undifferenzierte Strafen verantwortlich wären, die sie selbst, ihre eigenen (antirassistischen) Freunde und Mitfans treffen könnten.
Aber damit nicht genug: Die letzten Entwicklungen zeigen, dass das gegenwärtige, neue System keinesfalls Anstoß für Verbesserungen innerhalb der Fanszenen der betroffenen Vereine gibt: alleine seit Beginn dieser Saison sind Fans von CSKA Moskau bereits zwei weitere Male aufgrund von teils massiv rassistischen und gewalttätigen Verhalten bei Spielen auf europäischer Ebene in die Schlagzeilen geraten.

Schwerpunkt auf Bewährungsmöglichkeiten

Wir glauben fest daran, dass statt des gegenwärtigen Systems mit seinem Fokus auf harte Strafen und Kollektivbestrafungen ein transparenteres, abgestuftes, ausgeglichenes und damit verhältnismäßiges und effizienteres Bestrafungssystem nötig ist. Ein solches sollte seinen Schwerpunkt auf Bewährungsmöglichkeiten bei gleichzeitiger Auflage, langfristigen Aktionsplänen und pädagogischen Maßnahmen für Klubs und Fans legen. Diese sollten eine starke Unterstützung der lokalen Fanszene und anderer Akteure, die sich dort schon jetzt gegen Diskriminierung engagieren, beinhalten.  Wir glauben, dass ein solches, besser abgestuftes, System eher in der Lage sein wird unser gemeinsames Ziel zu erreichen: einen glaubwürdigen Einsatz gegen Diskriminierung im Fußball von Seiten aller relevanten Parteien.
Während wir anerkennen, dass die UEFA angeboten hat, in näherer Zukunft erneut mit FSE über dieses Thema zu diskutieren, sind wir vom Grad der Gleichgültigkeit und Ignoranz entsetzt, wie er sich gerade im Umgang mit den engagierten Fans zeigt, die von diesem sehr problematischen System unschuldig betroffen sind, welches ganze Fanszenen für die Handlung eine Minderheit bestraft.  Wir fordern die UEFA daher auf, die Sichtweise von Fans, die sich ebenfalls gegen Diskriminierung im Fußball engagieren, zu dieser Problematik unbedingt schnellstens einzubeziehen.
Gemeinsam mit unseren Mitgliedern und Unterstützern, und nicht nur mit denen, die in diesem Jahr in europäischen Wettbewerben spielen, diskutieren wir im Moment unsere weitere Vorgehensweise und Aktionen, welche wir demnächst bekannt geben werden. In der Zwischenzeit rufen wir alle Fangruppen in Europa dazu auf, auch weiterhin ihre Stimme für einen Fußball ohne Diskriminierung zu erheben – aber auch gegen die UEFA-Politik der Kollektivbestrafungen, die alle Fans als Problem betrachtet.“