Das Akademische Karussell: Kanzler der Hausmannskost

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um Helmut Kohl – den Kanzler der provinziellen Hausmannskost. 

Von Samuel Salzborn*

Es ist schon einige Jahre her, da betitelte Hermann L. Gremliza eine seiner Kolumnen mit dem wundervollen Satz „Der Weltgeist, der Kohl heißt“ – der den intellektuellen Tiefflug eines langen Jahrzehnts zusammenfasste, das fraglos geprägt war von zahlreichen rechtskonservativen Wenden, aber eben gerade nicht von intellektuellem Tiefgang oder einer Emanzipation zum Denken. Nach der Lektüre des aktuellen Spiegel (Volltext nur im Print, Zusammenfassung hier) kann man das Kapitel Kohl nun wohl endgültig schließen – von Kohl bleibt historisch langsam aber sicher nur noch ein Trümmerhaufen, selbst der Weltgeist scheint inzwischen ratlos.

Kohl bei der Öffnung des Brandenburger Tores, Dezember 1989
Kohl bei der Öffnung des Brandenburger Tores, Dezember 1989

Denn entgegen der in den letzten Tagen dominierenden Lesart, bei der man sich über diesen oder jenen Satz von Kohl, den er über Parteifreunde oder politische Gegner gesagt hat, belustigt oder geärgert hat, erfährt man in der Story im Spiegel eigentlich rein gar nichts über diejenigen, über die Kohl herzieht (weswegen es auch nicht lohnt, seine Invektiven im Wortlaut zu zitieren), sondern in seinem Sprechen über andere eigentlich nur etwas über Kohl selbst. Denn aus der Collage der Zitate ergibt sich ein Panorama, das letztlich zum Psychogramm eines Mannes wird, der an sich selbst gescheitert ist.

Sicher, man erfährt in der Erzählung, die der Spiegel über die umfangreichen Tonbandaufnahmen, die Kohls ehemaliger Hausbiograf bei Gesprächen mit ihm angefertigt hat, offiziell nicht weiter verwenden durfte, sie nun aber doch zur Grundlage für ein Buch gemacht hat, hier und da einige Details, die historisch für diejenigen von Interesse sind, die sich mit der Geschichte der deutschen Einheit befassen. In erster Linie erfährt man aber, dass Kohl offensichtlich genau der Kleingeist war und ist, für den ihn seine Kritiker immer gehalten haben. Der Spiegel versucht diese Logik noch charmant zu umschiffen, wenn er andeutet, Kohl habe sich in den 1970er Jahren die gegen ihn gerichtete Kritik der kleingeistigen Spießigkeit quasi trotzig zu eigen gemacht und legt dabei die Interpretation nahe, als wäre die plumpe Inszenierung, in der man Kohl immer wahrgenommen hat, wirklich eine solche in bewusster Absicht gewesen. Liest man aber jetzt die Aussagen, die Kohl vor allem über seine Parteifreunde formuliert hat und – zumindest mehr oder weniger – ursprünglich auch in seiner Biografie verarbeitet wissen wollte, dann stellt man unweigerlich fest: die Inszenierung war keine.

Demokratische Normen vs Bimbes-Kumpanei

Mit tiefer Inbrunst wettert Kohl vor allem gegen diejenigen in seiner Partei, die sich selbst als Intellektuelle dargestellt haben, gegen diejenigen, die sich gegen Korruption und Bestechlichkeit gewehrt haben, gegen diejenigen, die es offensichtlich aufgrund ihres politischen Geschicks (und nicht ihres Geschicks im Umgang mit Besteck) nach ganz oben geschafft haben – auch wenn sie alberne Etikette und die Konventionen des kleinen Mannes nicht befolgten, der glaubt, er sei gar kein solcher, sondern ein großer, dessen Selbstvergewisserung aber nur durch die stoische Einhaltung von konventionellen Verhaltensregeln gelingt, deren Sinn er zwar nicht versteht, aber die er auf Gedeih und Verderb internalisiert hat. Kohl scheint, so lernt man aus dem Spiegel, offensichtlich Menschen nicht zu mögen, die den Intellekt schätzen, denen demokratische Normen mehr gelten als Bimbes-Kumpanei und die ihre Energie nicht in das Internalisieren von Spießbürgerkonventionen legen.

Helmut Kohl im Jahr 1978 (Foto: Bundesarchiv / Engelbert Reineke)
Helmut Kohl im Jahr 1978 (Foto: Bundesarchiv / Engelbert Reineke)

Kohl, dem so viel daran gelegen ist, als großer Staatsmann in die Annalen einzugehen und der so gern den Gang der Geschichtsschreibung über sich selbst mitbestimmen würde, scheint aufgrund seiner unzähligen Invektiven am Ende genau das zu sein, als was ihn viele immer karikiert haben: der Kanzler der provinziellen Hausmannskost. Die Bratwürste, die Rouladen und der Saumagen liegen auf keinem doppelten Boden, auf sie stolz zu sein symbolisiert nur die Peinlichkeit und Kleingeistigkeit von jemandem, der, wie der Spiegel schreibt, es „nie verwunden hat, als Tölpel aus der Pfalz dargestellt zu werden.“

Die Lücke zwischen karikiertem Schein und selbstverliebtem Sein wird mit jedem Satz, den man aus den aufgezeichneten Aussagen von Kohl über seine Gegner, Feinde und Kritiker liest, immer kleiner. Und dass Kohl die letzte Tür, die ihm noch offen stünde, um sich einen Platz jenseits der Karikatur in den Geschichtsbüchern zu sichern, offensichtlich zuschlägt und verharrt in seinem Provinzialismus, liest man im letzten Absatz des Spiegel, wenn Kohl zu Protokoll gibt, dass er sein Wissen, wer die anonymen Geldgeber an seine Partei waren, mit ins Grab nehme. Aber zumindest ist ja, wenn schon Brandt und Schmidt als Weltbürger-Kanzler in die Geschichte eingehen, wie Kohl bejammert, der Platz des Hausmannskost-Kanzlers kaum umkämpft.

*Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. Von ihm ist soeben erschienen:

Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze
Nomos/UTB: Baden-Baden 2014, 149 Seiten

Weitere Informationen finden Sie hier.

Auf Publikative.org schreibt Salzborn die Kolumne “Das Akademische Karussell

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