Von SPD- und AfD-Analysen: „Geld regiert die Welt“

Wenn ein AfD-Abgeordneter ein antisemitisches Bild bei Facebook postet, ist die mediale Aufmerksamkeit groß. Wenn eine SPD-Abgeordnete ähnlichen Unsinn verbreitet, herrscht Schweigen im Blätterwald. Warum eigentlich?

Von Alexander Nabert

Ein gewähltes Mitglied eines Landtags postet ein Bild bei Facebook, welches die Familie Rothschild als Weltkontrolleure darstellt. Unter anderem wird etwa die Kontrolle von Medien, Politik und Wirtschaft unterstellt. Diese Jahrhunderte alten antisemitischen Verschwörungstheorien bleiben nicht ungesehen: Partei und Fraktion organisieren den Rauswurf und prüfen gar rechtliche Schritte. In über 200 Artikeln wird die Affäre aufmerksam von allen relevanten Medien begleitet.

Ein Mitglied in einem anderen Landtag postet ein Video bei Facebook, welches die Familie Rothschild als Weltkontrolleure darstellt. Unter anderem wird etwa die Kontrolle von Medien, Politik und Wirtschaft unterstellt. Diese Jahrhunderte alten antisemitischen Verschwörungstheorien bleiben nicht ungesehen: Ein jüdischer Arbeitskreis der Partei beschwert sich, außerdem berichten zwei größere Blogs – ein tendenziell linker und ein tendenziell rechter. Auch eine israelische Zeitung greift den Fall auf. In der deutschen Ausgabe von „Google News“ ist daher nichts zu finden.

Im ersten Fall handelt es sich um Jan-Ulrich Weiß, einen Nachrücker der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland in Brandenburg. Er reiht sich ein in eine ganze Reihe anderer Skandale, rechter Hetze, antisemitischer und rassistischer Ausfälle von AfD-Politikern. Der zweite Fall dreht sich um die Baden-Württembergische SPD-Abgeordnete Sabine Wölfle, die dem linken Flügel ihrer Partei zuzurechnen ist. Wölfle ist 2011 in den Landtag eingezogen. Schon zwei Jahre früher hatte sie die Vorführung des Filmes „Warum Israel“ des französisch-jüdischen Regisseurs Claude Lanzmann in Waldkirch abgelehnt, war seitdem allerdings eher unauffällig. In der SPD-Fraktion kümmert sie sich um Frauen-, Behinderten- und Sportpolitik.

Am Ende brennt der Davidstern

Am 30. September 2014 teilte Wölfle den 6 Minuten langen Kurz-Film „Die Rothschild-Matrix“ von der verschwörungsideologischen Facebook-Seite „Hinter den Kulissen“ auf ihrem öffentlichen Facebook-Profil. Der Film propagiert uralte Verschwörungstheorien über die Familie Rothschild. So heißt es im Film etwa, die Familie Rothschild würde die Presseagenturen Reuters und Associated Press oder auch die Bank of England kontrollieren. Die Familie wird für den Tod von Millionen Menschen verantwortlich gemacht. Auch einen Hinweis auf die Freimaurer findet der Film: Das pyramidenförmige Dach des Frankfurter Messeturms. Es waren auch diese Mythen, mit denen die Verfolgung, Entrechtung und Vernichtung der europäischen Juden in Medien wie dem Stürmer legitimiert wurde. Im Jahr 1940 wurde im nationalsozialistischen Deutschland ein ganz ähnlicher Film uraufgeführt: „Die Rothschilds“ war neben „Der ewige Jude“ und „Jud Süß“ der wichtigste Propagandafilm des Jahres. Er endet mit einem brennenden Davidstern über der Karte Englands. „Die Rothschild-Matrix“ ist die moderne Version von „Die Rothschilds“ – aktualisiert für die Sprache und das Publikum des 21. Jahrhunderts. Wölfle teilte diese moderne Propaganda mit dem Kommentar „Geld regiert die Welt – und alle schauen zu“.

Screenschot des Kurzfilmes "Die Rothschild-Matrix"
Screenschot des Kurzfilmes “Die Rothschild-Matrix”

Als aufmerksame Facebook-Nutzer Wölfle für diesen Film kritisierten, hieß es in einem ersten Statement von ihr dazu, dass sie sich nicht entschuldigen wolle, die Empörung aber versteht. Sie selbst habe den antisemitischen Hintergrund der Seite „Hinter den Kulissen“ nicht erkannt und auch keine Anmerkung zur Religion der Rothschild-Familie gemacht (der Film hingegen spricht explizit von „jüdischer Abstammung“). Es sei ihr lediglich um die finanziellen Verstrickungen der Rothschilds gegangen. Mit diesem Statement machte sie sehr deutlich, dass sie nicht den Hauch einer Ahnung davon hat, was Antisemitismus ist. Antisemitismus ist nicht nur der bewusste, unverhohlen verbalisierte Hass auf religiöse Juden. Nicht jeder Antisemit hat Schaum vor dem Mund und malt Hakennasen-Karikaturen. Schon die Wiedergabe von Verschwörungstheorien, in denen jüdische Akteure die Welt umfassend kontrollieren, ist purer Antisemitismus – ohne Wenn und Aber.

Landtagsabgeordnete ohne die einfachsten Grundkenntnisse

Der Arbeitskreis der jüdischen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten schrieb Wölfle bezogen auf den Film einen Brief, der sie zu einer Entschuldigung aufforderte. Hierauf antwortete Wölfle, dass sie nach einer Aufklärung durch ihre Mitarbeiter den antisemitischen Hintergrund verstehe, beharrte aber darauf, dass sie keine Anmerkung zur Religion gemacht habe. Der Arbeitskreis erklärte darauf hin: „Wir sind erschrocken darüber, dass einer Landtagsabgeordnete die einfachsten Grundkenntnisse zu antisemitisch konnotierten Verschwörungstheorien fehlen, in deren Zentrum oftmals die behaupte finanzielle Allmacht der Familie Rothschild steht. Wir fordern weiterhin eine klare öffentliche Entschuldigung für das Verteilen von antisemitischer Propaganda.“

Dieser Aufforderung folgte Wölfle dann auch. In einem knappen Facebook-Statement entschuldigt sie sich für die „Irritationen“ und räumt ihren Fehler ein. Mittlerweile hat sie ihre Facebookseite gelöscht und erklärt sich erneut auf ihrer Webseite. Dort heißt es, Wölfle habe das Video auf dem Handy angeguckt, ohne den Titel zu sehen und ohne es bis zum Ende anzugucken – das Ganze auch noch während des Frühstücks. Sie habe dem Video wenig Aufmerksamkeit geschenkt und es dennoch geteilt. Sie spricht von einem „großen Fehler“, für den sie sich „vor allem bei unseren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern“ entschuldigt. Ob diese ihr ihre Ausflüchte abnehmen, steht auf einem anderen Blatt. Zumal selbst die erste Minute von antisemitischen Verschwörungstheorien trieft.

Für Wölfle scheint das Thema damit vom Tisch. Durch die ausbleibende Kritik in großen Medien liest sich ihre letzte Erklärung wie ein Abschluss des Themas für sie. Sie wird weiterhin im Landtag arbeiten und die einzige Konsequenz ist für sie, Facebook nicht mehr zu nutzen. Gut für sie, dass sie nicht in einer Partei ist, in der auch große Medien Antisemitismus erkennen. Sonst ginge es ihr nun so wie Jan-Ulrich Weiß von der rechten „Alternative für Deutschland“.

4 thoughts on “Von SPD- und AfD-Analysen: „Geld regiert die Welt“

  1. „Sie wird weiterhin im Landtag arbeiten und die einzige Konsequenz ist für sie, Facebook nicht mehr zu nutzen.“

    Facebook nicht zu nutzen kann man heutzutage als durchaus ernsthafte Konsequenz ansehen.

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