Die „Tragödie“ von Lampedusa

Warum wird beim Untergang der Costa Concordia von einer Katastrophe gesprochen, beim Tod von mehr als 300 Flüchtlingen hingegen von einer „Tragödie“? Weil der tragische Held scheitern muss?

„In Italien wird am Freitag der 366 toten Afrikaner gedacht, die vor einem Jahr bei der Flüchtlingstragödie vor Lampedusa ertrunken sind“ … „Nach der Flüchtlingstragödie vor Lampedusa am 3. Oktober 2013 hatte Italiens Regierung“ … „Das Unglück reiht sich in viele Flüchtlingstragödien der jüngsten Zeit ein“. So und ähnlich wird in deutschen Medien über die Katastrophe vor Lampedusa von vor einem Jahr berichtet, als weit mehr als 300 Menschen im Mittelmeer ertranken.

Im Gegensatz dazu war beim Unglück der Costa Concordia zumeist von einem Untergang oder einer Katastrophe die Rede. Warum ist bei Flüchtlingen aber überwiegend von einer „Tragödie“ zu lesen und zu hören?

Im Mittelpunkt der Tragödie steht ein unlösbarer Konflikt, der zum unausweichlichen Untergang des tragischen Helden führt. Des Flüchtlings also. Die Ursache für sein Scheitern liegt in der Konstellation und dem Charakter der Figur: Der Keim der Tragödie ist, dass der Mensch der Hybris verfällt und dem ihm vorbestimmten Schicksal durch sein Handeln entgehen will.

Weil die Flüchtlinge so anmaßend gewesen seien, den Weg nach Europa zu suchen, obwohl dies für sie nicht vorgesehen sei, mussten sie sterben. Der Begriff Tragödie passt aus europäischer Perspektive – zynisch gesprochen – also bemerkenswert gut.

 

PRO ASYL hat sich angesichts des Massensterbens im Mittelmeer derweil mit einem dringenden Appell an das Europaparlament und seinen Präsidenten Martin Schulz gewandt: Die EU muss das Sterben an ihren Außengrenzen beenden und legale gefahrenfreie Wege für Flüchtlinge öffnen. Eine zivile europäische Seenotrettung muss aufgebaut werden. Das EU-Parlament muss sofort die benötigten finanziellen Mittel bereitstellen. Der Appell kann hier unterzeichnet werden.

Nach Angaben von Amnesty International starben in den ersten neun Monaten des Jahres mehr als 2500 Menschen im Mittelmeer. Die Organisation geht seit 1988 von mehr als 21.000 Todesopfern aus. AI hat eine umfangreiche Dokumentation über die Zahlen und die Flüchtlinge selbst veröffentlicht.