„Corelli“ wies Verfassungsschutz auf Kürzel NSU hin

Neue Entwicklung im NSU-Komplex: Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) wusste durch einen V-Mann bereits im Jahr 2005 von der Existenz des Kürzel NSU. Das schreibt die „Bild“ unter Berufung auf Sicherheitskreise. Demnach hatte der V-Mann Thomas Richter, der den Decknamen „Corelli“ hatte, seinem Quellenführer beim Verfassungsschutz bereits 2005 eine DVD mit rechtsextremem Material und einer Datei mit dem Titel „NSDAP/NSU“ übergeben. Bei einer Erstauswertung des Datenträgers im Jahr 2005 konnte nach „Bild“-Informationen beim BfV niemand etwas mit dem Kürzel „NSU“ anfangen. Der Bericht wurde mittlerweile bestätigt.

Cover der NSU/NSDAP-DVD, an der Corelli beteiligt gewesen sein soll. (Screenshot)
Cover der NSU/NSDAP-DVD, an der Corelli beteiligt gewesen sein soll. (Screenshot)

Anfang 2014 tauchte dann beim Hamburger Landesamt für Verfassungsschutz eine weitere DVD mit dem Titel „NSU/NSDAP“ auf (sie stammte aus dem Jahr 2006), an deren Produktion „Corelli“ offenbar beteiligt war. Sie enthielt 15.000 rassistische und antisemitische Texte und Bilder. Im Begleittext wurde sie als „erste umfangreiche Bilddaten-CD des Nationalsozialistischen Untergrundes der NSDAP (NSU)“ angepriesen.

Sollten diese Informationen zutreffend sein, scheint sich zunehmend zu bewahrheiten, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz mit „Corelli“ sehr nahe am NSU dran – an seiner Propaganda sogar möglicherweise beteiligt – war. Weiterhin stellt sich noch drängender die Frage nach „Corellis“ Tod im April 2014. Der 39-Jährige war überraschend im Zeugenschutzprogramm verstorben. Offizielle Todesursache: eine unentdeckte Diabetes. Daran zweifeln sogar Abgeordnete des Bundestags, die im parlamentarischen Kontrollgremium den Fall untersuchen. Der „Bild“-Bericht, wonach „Corelli“ als V-Mann des Verfassungsschutzes dem Geheimdienst bereits 2005 einen Hinweis auf den NSU lieferte, dürfte diese Zweifel noch verstärken.

SPD fordert Sonderermittler

SPD-Innenexperte Burkhard Lischka sprach von „immer neuen Ungereimtheiten und Versäumnissen im Fall „Corelli““, die weitere Fragen aufwerfen. „Wenn nach Presseberichten das Bundesamt für Verfassungsschutz schon im Jahre 2005 die CD mit dem Hinweis auf den „NSU“ erhalten hat, dann ist mir völlig unerklärlich, warum dies nicht schon gegenüber dem NSU-Untersuchungsausschuss offenbart wurde“, sagte Lischka. Er forderte „daher eine lückenlose und eingehende Prüfung des gesamten Vorgangs, damit wir diesen auf fundierter Grundlage neu bewerten können“.

Die SPD wolle schnellstmöglich die förmliche Einsetzung eines Sachverständigen als Sonderermittler beantragen. „Hier muss jetzt jeder Stein im Bundesamt für Verfassungsschutz umgedreht werden, damit Parlament und Öffentlichkeit erfahren, was sich tatsächlich ereignet hat.“

Siehe auch: NSU: Das Verfahren neben dem Verfahren

5 thoughts on “„Corelli“ wies Verfassungsschutz auf Kürzel NSU hin

  1. Vielleicht habe ich das ja hier und in anderen Medienberichten überlesen, weiß denn jemand, welche Inhalte auf der CD gespeichert waren? Das sollte doch von Interesse sein. Daraus lässt sich doch viel besser schließen, ob die Verfassungsschützer etwas unter der Decke halten

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