Das Schweigen der NSU-Helfer

Neue Dokumente belegen die gut funktionierende Vernetzung des Angeklagten Eminger bis hin zu Straftaten. Vernehmungen des Bundeskriminalamts im sächsischen NSU-Umfeld werden offenbar lax geführt, falsche Aussagen nicht widerlegt.

Von Andrea Röpke, zuerst erschienen beim bnr

Der 68. Verhandlungstag im NSU-Verfahren endete am 11. Dezember 2013 um 15.24 Uhr in München. Keine zwei Stunden später winkten Polizisten einen der Angeklagten in seinem blauen Corsa von der Autobahn 93 auf die Rastanlage Pentling bei Regensburg. Der Zwickauer André Eminger, dem die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung sowie mehrfache Beihilfe zum Mord vorgeworfen wird, pendelt zwei Mal die Woche zwischen Sachsen und Bayern, nachdem er in der ersten Zeit in einer Münchner Neonazi-Wohngemeinschaft Unterschlupf gefunden hatte.

Schnell stellte sich heraus, dass der bullige Neonazi, dessen Körper Tattoos mit Botschaften wie „Blut und Ehre“ oder „Die Jew die“ zieren, ohne Pflichtversicherung und Zulassung seines Fahrzeugs auf dem Heimweg nach Zwickau war. Eminger hatte die Gesetze missachtet und das Kennzeichen des braunen Subaru seines Schwiegervaters an den eigenen Kleinwagen montiert. Damit muss er auch schon den über 300 Kilometer langen Hinweg zurückgelegt haben.

Die rechten Familienbande scheinen zu funktionieren. André Eminger bezieht seine „Sippe“ immer wieder in Aktivitäten mit ein. Besorgt hatte ihm das Fahrzeug Zwillingsbruder Maik, ein in Brandenburg sehr bekannter Neonazi. Das Nummernschild stammte vom Vater seiner Ehefrau, das räumte er gegenüber den Beamten ein, viel mehr brauchte er allerdings nicht zu sagen.

Wie groß ist das NSU-Netzwerk wirklich? (Screenshot aus Bekennervideo)
Wie groß ist das NSU-Netzwerk wirklich? (Screenshot aus Bekennervideo)

Denn die Staatsanwaltschaft Regensburg ermittelte nur kurzzeitig wegen Urkundenfälschung. Emingers Schwiegervater kam den polizeilichen Ladungen nicht nach und von einer Vernehmung des Bruders riet das Landeskriminalamt (LKA) Sachsen gleich ganz ab, weil auch der in den Prozess „involviert“ sei. Stattdessen schalteten sich Anwälte ein und regten an, das strafbare Fahren ohne Zulassung im Hinblick auf das laufende Verfahren in München vorläufig einzustellen. Tatsächlich verfügte die Staatsanwaltschaft Regensburg die Einstellung mit der Begründung, Eminger habe in einem anderen Verfahren eine Strafe zu erwarten, die weitaus mehr ins Gewicht fallen würde – im Gegensatz zu dieser „unwesentlichen Nebenstraftat“. Eine Wiedervorlage der Akte solle jedoch im nächsten Jahr erfolgen.

In aktuelle politische Aktivitäten zog der umtriebige NSU-Angeklagte auch seine Mutter ein. Deren Handynummer tauchte im Impressum des „Hardliner Streetwear Versandes“ in Ostthüringen auf. Diesen einschlägigen Online-Shop betreibt ein Freund Emingers, Mitglied im Schmöllner Chapter des Rockerclubs „MC Stahlpakt“. Den Thüringer Behörden ist bekannt, dass einige Anhänger des Clubs aus Gera an Neonazi-Konzerten und NPD-Veranstaltungen teilgenommen hatten. Szene-Beobachter schätzen die Vermischungen der Szenen als äußerst gefährlich ein.

In Altenburg verfügt der „MC Stahlpakt“ über ein abgelegenes, riesiges Clubhaus an einem Hang über dem Ort. Der Webmaster des Clubs nennt sich „DJ Muhkuh“ und stammt aus Dorndorf. Dessen Facebook-Auftritt wird geziert mit einem Portrait des RAF-Gründers Andreas Baader und diversen NS-Anspielungen wie einem SS-Mann und der Aufschrift „Arier“.

Auffällige Rocker-Kontakte im NSU-Komplex

„Stahlpakt“-Rocker André Leithold wurde im Juni 2014 zu den Vorgängen vernommen, die Beamten konfrontierten ihn mit der Annahme, dass auch der NSU-Angeklagte Eminger der Gang angehöre. Tatsächlich fällt der wandlungsfähige Neonazi, der in wenigen Jahren vom Hardcore-Fan mit Satanistenattitüde zum „Biker-News“-Leser mutierte, im Gerichtssaal mit seiner schwarzen Lederkutte ohne Patch auf. Doch Leithold wiegelte ab, der Freund, den er 2012 bei einer Party kennengelernt haben will, sei kein Mitglied. Eine Behauptung, die die vernehmenden Beamten scheinbar so stehen ließen, auch nicht nachhakten, ob er sich denn um eine Mitgliedschaft bewerbe.

Es sind nicht die ersten auffälligen Rocker-Kontakte, die im NSU-Komplex bekannt werden. Zahlreiche „Blood&Honour“-Aktivisten fanden nach dem Verbot 2000 Unterschlupf bei den Outlaws und entzogen sich damit der Zuständigkeit des Staatsschutzes. Mehrere Zeugen wollen Beate Zschäpe in einem Rocker-Prozess in Erfurt gesehen haben.

Doch das Bundeskriminalamt (BKA) fragte nicht nach. Wie zahlreiche professionelle Neonazi-Zeugen aus dem Umfeld der NSU-Angeklagten konnte auch der Schmöllner Rocker sich gegenüber der Polizei als unpolitisch und unwissend gerieren. Warum auf der Homepage seines neuen Online-Versandes ausgerechnet ein Foto der Verhaftung Emingers durch Spezialkräfte abgebildet gewesen sei, könne er nicht sagen. Auch sei ihm das Werbefoto mit dem Tattoo „Freiheit“, welches auch Eminger genau so auf seinen Fingern trage, nicht aufgefallen. Er habe den Zwickauer Freund für politisch „halbwegs neutral“ gehalten und natürlich nie mit ihm über Politik gesprochen. Eine Farce – Leitholds Laden bietet Shirts mit gekreuzten Äxten und dem Code „1488“ an.

Gestohlener Personalausweis im Zwickauer Brandschutt

Gemeinsam mit seiner Ehefrau hatte Eminger bis zuletzt den wohl engsten Kontakt zum untergetauchen NSU-Trio. Nach dem Tod von Böhnhardt und Mundlos wurde eine Art Schrein mit Fotos und Kerzen im Wohnzimmer der Familie errichtet. Kaum verwunderlich, wenn er jetzt sogar Familienmitglieder einspannt. Tatsächlich hatten mit Mandy Struck und Matthias Dienelt Emingers langjährigste Freunde maßgeblich bei der Abtarnung von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt geholfen – aber niemand will etwas gewusst haben.

Ebenso wie Emingers hilfsbereite Familienangehörige oder dessen Kamerad Dienelt blieb auch ein weiterer mutmaßlicher Helfer bislang unbehelligt: Ralph Hofmann. Der langjährige Chemnitzer Neonazi hatte 1999 seinen Bundespersonalausweis gestohlen gemeldet, dieses Dokument wurde dann 2011 im Brandschutt der Frühlingsstraße 26 in Zwickau sichergestellt. Obwohl Hofmann zur radikalen Szene zählt und nach wie vor – wie die meisten mutmaßlichen Helfer – noch aktiv ist, gingen die Behörden bisher sehr zurückhaltend mit ihm um. Eine einzige belanglose Vernehmung durch das BKA gab es 2012, darin stritt Hofmann wenig glaubhaft ab, das Trio zu kennen. Allerdings interessierten sich das sächsische Landesamt für Verfassungsschutz sowie das Bundesamt für ihn. Zwei Versuche, ihn anzuwerben, wie zuletzt im Jahr 2000, scheiterten.
„Ralph Jäger“ im Telefonbuch gespeichert

Immerhin verfügt Hofmann teilweise bis heute über Kontakte zu sechs Unterstützern des NSU. Unter der Bezeichnung „Ralph Jäger“ war er bis zuletzt in Emingers Telefon gespeichert. 2011 lud Hofmann ihn noch zu einem Zeitzeugenvortrag mit einem Ritterkreuzträger nach Schönbrunn ein. Vertreter der Nebenklage in München äußerten kürzlich in einem Antrag die Vermutung, dass der Chemnitzer aktiver beteiligt gewesen sei, als bisher vom BKA und Generalbundesanwaltschaft (GBA) eingeräumt und möchten ihn vor Gericht als Zeugen sehen.

Abgesehen davon, dass die GBA davon ausgeht, dass die Neonazi-Kontakte des Trios nach 2000 abgerissen sein sollen, wurden die Chemnitzer braunen Helfer und deren Umfeld allzu glimpflich behandelt. Einige wurden erst gar nicht vernommen. Andere kamen mit Gedächtnislücken und eigener Verharmlosung davon – und stehen doch heute fast alle noch in direkter Verbindung zueinander.

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