Das Akademische Karussell: Vergesst die Trolle!

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um virtuelle und reale Trolle.

Von Samuel Salzborn

Unlängst hat die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ ein herrliches Porträt eines derjenigen Forentrolle veröffentlicht, die alle kennen, die professionell mit Medien zu tun haben – und die viele von denen, die Medien zur Information und Diskussion nutzen wollen, regelmäßig die Laune und damit den Tag vermiesen. Das bemerkenswerteste an dem FAZ-Porträt des Forentrolls, dessen Name sekundär ist, weil er nicht als Individuum interessant ist, sondern als Sozialtyp, war, dass man aus ihm sehr viel lernen kann über den Umgang mit den Forentrollen, die die Kommentarspalten der Tageszeitungen und Magazine vollmüllen und die soziale Netzwerke, zumindest zahlreiche der öffentlichen Profile von Medien, Parteien und prominenten Persönlichkeiten, unlesbar und letztlich unerträglich machen.

Ebenso lange, wie über die Nervigkeit der Forentrolle diskutiert wird, werden auch Maßnahmen zu deren Eindämmung erwogen – viele davon sind überzeugend und mittlerweile etabliert, sie reichen von der generellen Unmöglichkeit des Kommentierens, der zeitlichen Einschränkung von Kommentarfunktionen, der themenbezogenen Unterdrückung der Kommentarfunktion, der systematischen Moderation oder der Notwendigkeit der Registrierung zur Nutzung von Kommentarfunktionen. Gleichwohl ist der Ärger über die Forentrolle ungebrochen.

Wenn man nun das Porträt in der FAZ liest als ein Protokoll einer Psychopathologie, dann können daraus (mindestens) zwei Erkenntnisse resultieren, die auf einen Ausweg hinweisen: Erstens die, dass in Zeiten, in denen das Internet landläufig unbekannt weil inexistent war, Heldinnen und Helden in den Redaktionsstuben mit der großen Masse an Leser(innen)briefen das vollzogen haben, was man mit den meisten der Kommentare in öffentlichen Foren im Internet auch tun sollte – sie in einen virtuellen Mülleimer befördern; seinerzeit war dieser freilich noch ganz analog.

Die zweite Erkenntnis könnte sein, dass der Berufsstand der Psychotherapeut(inn)en, Psychoanalytiker/innen und Psychiater/innen dadurch, dass ihre Klientel nicht bei ihnen auf der Couch liegt, sondern ihre Pathologien online ausagiert, ernsthafte Gefährdungen der Berufsausübung erwarten müsste – allerdings beruhigt hier, dass die Nutzung einer psychotherapeutischen Einrichtung ja generell ein Selbsteingeständnis der Therapiebedürftigkeit voraussetzt, das bei den Forentrollen bekanntlich fehlt, sie insofern also dringend auf die Couch gehören, aber den Weg dorthin mangels Einsicht verweigern.

Bleibt die Frage: Was tun? Es wäre einen Gedanken Wert, die Kommentarspalten einmal als das zu sehen, was sie sind: Eine Spielwiese für eine kleine Gruppe von Menschen, die – man sieht das im sozialen Nahraum sehr präzise, wenn man an die jüngsten „Montagsdemonstrationen“ der Verschwörungsfantasten denkt, deren Publikum sich ja zu einem erheblichen Maß aus Forentrollen speiste, die mehr oder weniger erstmals den Weg an das Licht der politischen Halböffentlichkeit gewagt haben – sozial extrem isoliert, ausgestattet mit einem hohen Maß an Sozialpathologien, die über das Normalmaß an Neurosen, die alle Menschen mit sich herumtragen, deutlich hinausweist. Letztlich traurige, armselige Gestalten, politisch desorientiert und unfähig, den substanziellen Unterschied zwischen Fakten und Meinungen zu reflektieren, die nach sozialer Anerkennung streben.

Und diese bekommen sie in einem unbotmäßigen Maß: die Moderator(inn)en der Kommentarspalten – die freilich auch dankbar für die Forentrolle sein dürften, weil sie ohne jene, wenigstens teilweise, ihre Jobs gar nicht hätten, weil es derlei Tätigkeiten noch vor weniger als einem Jahrzehnt überhaupt nicht gab und insofern die Forentrolle durch ihre Existenz auch einigen gutausgebildeten Menschen Lohn und Brot verschaffen – verbringen ihren Tag mit einem schmalen Abwägen zwischen Delegierung der Texte an die Staatsanwaltschaft, die Psychiatrie oder ihrer Freischaltung.

Insofern also ein Vorschlag, ganz einfach und gerade deshalb auch so schwer: Vergesst die Trolle! Ihre Stimmen zu ignorieren, könnte eine der wesentlichen Gaben sein, um die politische und mediale Debatte wieder stärker zu versachlichen, automatische Deaktivierung von Kommentarfunktionen einige Stunden nach Veröffentlichung und ihre dauerhafte Löschung nach einer angemessenen Zeit von zwei oder drei Tagen vorausgesetzt. Denn (aber dieser Satz ist eigentlich nur für die Forentrolle, die sich bis hierhin verirrt haben): Wer wirklich ernsthaft ein tagesaktuelles Ereignis diskutieren will, sollte kein Problem mit der Einsicht haben, dass ein kurzweiliger Diskussionsbeitrag nach zwei oder drei Tagen wirklich unbedeutend geworden ist und es somit mitnichten Zensur ist, ihn zu löschen.

Oder würde irgendjemand in einer Kneipe auch vorschlagen, die abendliche Diskussion beim Bier zu protokollieren und dort für zehn Jahre an die Wand zu nageln? Und, mal ehrlich: Wer hat schon freiwillig früher die Leser(innen)briefseite in den Lokalzeitung gelesen? Eben. Genau deshalb sollte man den Forentrollen die Aufmerksamkeit schenken, die sie verdienen: keine.

P.S.: Achtung, in dem Text steckt auch Ironie. Wer sie findet, darf sie behalten. Wer nicht, muss wohl oder übel einen Kommentar schreiben. :-)

*Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. Von ihm ist soeben erschienen:

Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze
Nomos/UTB: Baden-Baden 2014, 149 Seiten

Weitere Informationen finden Sie hier.

Auf Publikative.org schreibt Salzborn die Kolumne “Das Akademische Karussell

11 thoughts on “Das Akademische Karussell: Vergesst die Trolle!

  1. Man könnte den Trolls freilich auch ein literarisches Denkmal setzen 😉

    Die Stimme der schweigenden Mehrheit

    „Was bildest du querulantatorischer Linksfaschist dir ein!“, schrie Hans das Display seines Notebooks an, als könne sein Kontrahent ihn dort, wo immer er auch gerade sitzen mochte, hören. Soeben hatte er die Antwort seines Feindes auf einen seiner Kommentare gelesen:„Das schlimme an Menschen wie Ihnen ist, Sie haben in der Geschichte ein Vorbild. Einer der ersten Trolls, der sogar Bücher geschrieben und Reden gehalten hat, war Hitler. Nachzulesen sind die Trollereien des späteren Massenmörders und Kriegsverbrechers schon in ‚Mein Kampf‘!“

    Weiterlesen -> http://truecrimestories.blogsport.de/2014/08/18/die-stimme-der-schweigenden-mehrheit/

  2. „P.S.: Achtung, in dem Text steckt auch Ironie. Wer sie findet, darf sie behalten. Wer nicht, muss wohl oder übel einen Kommentar schreiben. :-)“

    Der Versuch den eigenen reaktionären Dreck zu legitimieren? Die Arroganz der Eliten platzt aus jeder Zeile. Erst vor ein paar Tagen schrieb der Autor arme Menschen, die nicht wählen gehen würden, wären ja dann bestimmt einverstanden mit ihrer Unterdrückung, jetzt schreibt er die da unten, die in Foren kommentieren, anstatt als Prof. ein Buch nach dem Anderen raus zu hauen, sind alle krank. Sehr emanzipatorisch. Was kommt als nächstes? Vielleicht „Gebt den Hartz-IV-Empfängern weniger Geld, dann hat sich auch das Drogenproblem bei Jugendlichen gelöst.“? Hier ist ein Troll von oben am Werk, der das kalte Bürgertum repräsentiert.

    1. Ist das jetzt sowas wie Postironie? Trollkommentare und Artikeln frei zu schalten, die sich dafür einsetzen Trollkommentare nicht frei zu schalten?

  3. Ich denke, dass der Vergleich zu den Leserbriefseiten des Analogzeitalters hinkt. In Kommentarspalten ist eine ganz andere Art der Kommunikation möglich, wenn man sie denn zulässt. Ich denke nicht, dass einmal veröffentlichte Kommentare gelöscht werden sollten, die Blogeinträge bleiben doch auch erhalten, auch wenn sie nur tagesaktuelle Bedeutung hatten.

  4. Das Problem greift tiefer, und ist nach meiner Meinung auch weitaus gefährlicher als dargestellt. Die Entwicklung der Kommunikationsfläche „internet“ hat in den letzten Jahren eine weitreichend akzeptierte Definitionsverzerrung des Begriffs „Meinungsfreiheit“ bewirkt, die die Leute glauben lässt, sie dürften ihren Fleck überall da hinpissen, wohin sie wollen, und dass man hättte ihnen dafür auch gefälligst überall eine Plattform zu bieten hätte. Darüber hinaus – und das wohl bedingt durch die nicht mehr überschaubare Omnipräsenz völlig bekloppter Äusserungen – besitzt jetzt auch jede „Meinung“ gleichermaßen an Wert, völlig egal wie dämlich und unüberlegt sie ist. Logik spielt keine Rolle mehr. Evidenz spielt keine Rolle mehr. Alles besteht nur noch aus „Meinungen“, solchen, die zwar immer schon da waren, aber deren Äusserung – wie du ja schon sagtest – vormals durch den Lärmpegel der Kneipe um den eigenen Stammtisch eingeschränkt wurde. Heute reicht der Stammtisch einmal quer um die Welt. Und jeder kann jeden hören. DAs ist ein Albtraum.

  5. «Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der ‹Gerechtigkeit›, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die ‹Freiheit› zum Privilegium wird.»[1]
    Rosa Luxemburg

    Wer sind diese Trolle? Menschen mit einer eigenen Meinung, die den Gesellschaftsverändererern nicht passen. Die ihre Erfahrungen und Sichtweisen haben und in den Diskussionsprozeß einfließen lassen möchten. Das versteht man unter Demokratie!

    Aber das intellektuelle Establishment möchte die Stammtische nicht hören. Sie wollen keine Demokratie, sie wollen herrschen. Aus tiefer Überzeugung der eigenen Klasse, der eigenen
    Unfehlbarkeit.

    Ja, habe den ironischen Hintergrund schon verstanden, Soll schmunzeln über den Gedanken, diese Psychophaten entsprechend zu ehandeln.Warum nicht einen Mikrochip
    für alle Andersdenkenden. Dann bleiben die Kommentarseiten sauber.

    1. Der Autor wandte sich nicht gegen „andere Meinungen“, wobei unklar bleibt, was damit gemeint sein soll, da auch „die Elite“ nicht immer einer Meinung ist, sondern gegen Personen, die in aggressiver Weise ihre persönlichen Ängste, Vorurteile und Hassgefühle in die Kommentarspalten fließen lassen. Es hat nichts mit Meinungsfreiheit zu tun, wenn man „den Juden“ unterstellt, und dies mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten des alten Testaments belegen will und es hat auch nichts mit Meinungsfreiheit zu tun, wenn man, um meinen persönlichen Liebling an Dummheit, Angst und Hass zu nennen, ernsthaft der Meinung ist, die aktuelle Ebolaepedemie sei ein Versuch, sie auch hier in Europa ausbrechen zu lassen, um die Mietpreise zu senken. Diese „Meinungen“ braucht niemand, da sie ausschließlich der hetze dienen.

  6. Na da hat einer Trolling kein bisschen verstanden. Der in der FAZ portraitierte war nun wahrlich kein Troll. Das war ein Kommentarschreiber. Trolle agieren in der Regel sarkastisch-ironisch, sie stellen sich meist gegen den Redestrom und schreiben vor allem keine Aufsätze, sondern meist nur kurze Kommentare und verschwinden dann wieder.

Comments are closed.